{"id":26320,"date":"2019-11-30T17:00:58","date_gmt":"2019-11-30T16:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26320"},"modified":"2019-11-30T17:00:58","modified_gmt":"2019-11-30T16:00:58","slug":"staffelzinsen-auf-zentralbankreserven-rettung-fuer-die-bankenprofitabilitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26320","title":{"rendered":"Staffelzinsen auf Zentralbankreserven <br\/><font size=3; color=grey>Rettung f\u00fcr die Bankenprofitabilit\u00e4t?<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Auf seiner Sitzung vom 17. September 2019 hat der EZB-Rat zahlreiche geldpolitische Beschl\u00fcsse gefasst und weitere Anpassungen an seinem geldpolitischen Handlungsrahmen angek\u00fcndigt. Besondere Beachtung fand die Wiederaufnahme des Wertpapierankaufprogramms in Umfang von 20 Mrd. Euro pro Monat. Dar\u00fcber hinaus hat der EZB-Rat aber auch beschlossen, den Strafzinssatz f\u00fcr Guthaben in der Einlagefazilit\u00e4t von minus 0,40 auf minus 0,50% abzusenken und ab dem 30. Oktober 2019 eine zweistufige Zinsstaffelung auf \u00dcberschussreserven der Gesch\u00e4ftsbanken einzuf\u00fchren. Absicht ist, die Banken im Euroraum kostenm\u00e4\u00dfig zu entlasten, ohne die geldpolitische Transmission negativer Zinss\u00e4tze zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Inhalt des Staffelmodells<\/strong><\/p>\n<p>Gesch\u00e4ftsbanken halten Zentralbankguthaben vor allem als Einlagen auf Reservekonten und als Guthaben in der Einlagefazilit\u00e4t (Abb. 1). Die Einlagen auf Reservekonten umfassen das Mindestreservesoll und die \u00dcberschussreserven. Alle Einlagen werden grunds\u00e4tzlich verzinst, wobei auf das Mindestreservesoll der Hauptrefinanzierungssatz (von dertzeit 0,0%) angewendet wird. Bislang wurden die \u00dcberschussreserve und die Guthaben in der Einlagefazilit\u00e4t zum selben Satz von (formals minus 0,4%) verzinst. Ab Oktober 2019 gelten nun zwei Zinss\u00e4tze f\u00fcr die \u00dcberschussreserve: Es gibt einen Freibetrag in H\u00f6he des Sechsfachen des Mindestreservesolls, f\u00fcr den der Hauptrefinanzierungssatz (von null Prozent) gilt; der Rest der \u00dcberschussreserve wird weiterhin zum Einlagesatz verzinst, der auf minus 0,5% abgesenkt wurde. Der EZB-Rat hat jederzeit die M\u00f6glichkeit, den f\u00fcr den Freibetrag geltenden Zinssatz und\/oder den Multiplikator (von derzeit 6) zu ver\u00e4ndern (Deutsche Bundesbank, 2019a).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/226.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/226.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Existierende Zinsstaffelmodelle \u2013 ein Vergleich<\/strong><\/p>\n<p>Ds Eurosystem ist nicht die erste Notenbank, die solch ein Zinsstaffelung auf \u00dcerschussreserven eingef\u00fchrt hat (Deutscher Sparkassen- und Giroverband, 2019). Bereits Mitte 2012 hatte die D\u00e4nische Zentralbank (DNB) einen vergleichbaren Schritt vollzogen und begonnen, die Einlagen der Gesch\u00e4ftsbanken auf zwei Konten zu verteilen, und zwar auf ein (besser verzinstes) Liquidit\u00e4tskonto und auf (schlechter verzinste) kurzfristige Schuldverschreibungen (CDs), die von der DNB mit einer Laufzeit von sieben Tagen ausgegeben werden. Auf das Liquidit\u00e4tskonto kann jede Gesch\u00e4ftsbank bis in H\u00f6he einer bankspezifischen Obergrenze einzahlen, die 1,7% ihrer Einlagensumme betr\u00e4gt Die Zinsen betragen derzeit 0,0 % auf dem Liquidit\u00e4tskonto und minus 0,75% f\u00fcr CDs.<\/p>\n<p>Einen anderen Weg geht die Bank of Japan (BoJ), die 2016 eine dreifache Zinsstaffelung eingef\u00fchrt hatte, bei der die Kreditinstitute auf alle im Jahr 2015 gehaltenen Reserven (Basisbilanz) weiterhin einen positiven Zins von +0,10% erhalten. F\u00fcr die dar\u00fcber hinaus gehaltenen ( also seit 2016 aufgebauten) Betr\u00e4ge betr\u00e4gt der Strafzinssatz minus 0,10%, wobei allerdings eine gro\u00dfz\u00fcgige Freibetragsregelung greift, und Einlagen betrifft, f\u00fcr die der Zinssatz null Prozent betr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Auch die Schweizer Notenbank (SNB) verwendet seit Ende 2014 eine Staffelverzinsung, bei der ebenfalls ein gro\u00dfz\u00fcgiger Freibetrag vorgesehen ist, der bis vor kurzem das Zwanzigfache des Mindestreservesolls umfasste. Nur diesen Wert \u00fcberschreitende Zentralbankguthaben der Gesch\u00e4ftsbanken wurden mit einem Strafzinssatz belegt. Unmittelbar nach der September-Entscheidung des EZB-Rats hat die SNB den Freibetrag auf das 25-fache des Mindestreservesolls erh\u00f6ht. Zudem wurde dier Berechnung des Mindestreservesolls ver\u00e4ndert: W\u00e4hrend bislang der Stichtag Ende 2014 relevant war, gilt seither der Durchschnitt der Einlagen der letzten drei Jahre.<\/p>\n<p>Mit ihrem Staffelzins folgt die EZB weitgehend dem schweizer Modell, das allerdings eine weitaus gro\u00dfz\u00fcgigere Freibetragsregelung vorsieht, mit einer Freigrenze, der nicht lediglich das sechsfache, sondern des 25-fache des Mindestreservesolls umfasst. Nach Angaben des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (2019) umfassen die Reserven der schweizer Gesch\u00e4ftsbanken etwa das 30-fache des Mindestreservesolls, sodass inzwischen 5\/6-tel der Reserven vom Strafzins ausgenommen sind. Im Vergleich dazu betragen die Reserven der Gesch\u00e4ftsbanken in der Eurozone etwa das 15-fache\u00a0 des Mindestreservesolls, sodass der EZB-Rat den Freibetrag auf das 12,5-fache des Mindestreservesolls h\u00e4tte anheben m\u00fcssen, wollte er das \u201cschweizer\u201d Modell kongruent auf die Eurozone \u00fcbertragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Effekte einer Zinsstaffelung<\/strong><\/p>\n<p>Bislang tat sich die EZB mit der Einf\u00fchrung einer Zinsstaffelung vor allem mit dem Argument schwer, dass damit ungew\u00fcnschte Signale an die Marktteilnehmer ausgesendet w\u00fcrden. Bef\u00fcrchtet wurde, dass die Staffelung die Normalisierungserwartungen verschiebt und signalisiert, dass das Regime negativer Zinss\u00e4tze von l\u00e4ngerer Lebensdauer sein wird. Die Bedenken bestehen fort, haben abert inzwischen an Gewicht verloren, denn es mehren sich die Anzeichen, dass die Marktteilnehmer ohnehin f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit mit Negativzinsen rechnen.<\/p>\n<p>Mithilfe der Zinsstaffelung beabsichtigt das Eurosystem, die Gesch\u00e4ftsbanken im Euroraum kostenm\u00e4\u00dfig zu entlasten und zugleich sicherzustellen, dass \u201edie negativen Zinss\u00e4tze auch weiterhin einen positiven Beitrag zum akkommodierenden geldpolitischen Kurs leisten\u201c (Deutsche Bundesbank, 2019b). Tats\u00e4chlich senkt der Freibetrag f\u00fcr viele Gesch\u00e4ftsbanken die durchschnittlichen Reservehaltungskosten und mindert die Gefahren von Finanzmarktinstabilit\u00e4ten. Diese Kostenersparnis l\u00e4sst sich mit einer einfachen Rechnung grob \u00fcberschlagen: Ende 2018 betrug das Mindestreservesoll der Gesch\u00e4ftsbanken in der Eurozone 128 Mrd. Euro, die \u00dcberschussreserven betrugen 1205 Mrd. Euro. Unterstellt man, dass diese Zahlen auch im Jahresdurchschnitt 2019 gegolten h\u00e4tten und wendet man auf das Mindestreservesoll den aktuellen Multiplikator von 6 an, erg\u00e4be sich bei einem Einlagesatz von aktuell minus 0,50% f\u00fcr alle Banken der Eurozone zusammen eine Kostenersparnis von 128 Mrd. mal 6 mal 0,005 = 3,8 Milliarden Euro.<\/p>\n<p>Diese Ersparnis ist f\u00fcr die Banken sp\u00fcrbar, aber auch \u00fcberschaubar, beispielsweise wenn man sie mit dem\u00a0 Zinss\u00fcberschuss nur der deutschen Gesch\u00e4ftsbanken vergleicht, der 2018 ca. 87 Mrd. Euro betrug (Deutsche Bundesbank, 2019c). Hinzu kommt, dass die Entlastung in Zukunft wieder sinken wird, weil die EZB ihr Wertpapierankaufprogramm wieder aufgenommen hat, sodass die \u00dcberschussrerveguthaben der Gesch\u00e4ftsbanken wieder anwachsen werden, die mit dem h\u00f6heren Strafzins belegt sind.<\/p>\n<p>Offen ist bislang, welche Auswirkungen das Staffelsystem auf die geldpolitische Transmission durch Zinss\u00e4tze hat. Seit Beginn der Finanzmarktkrise versucht das Eurosystem, den Interbankenzins durch Schaffen von \u00dcberschussliquidit\u00e4t auf das Niveau des negativen Einlagesatzes zu dr\u00fccken. Diese \u00dcberschussliquidit\u00e4t nimmt durch die Freibetragsregelung zwar betr\u00e4chtlich ab, jedoch lehrt die Erfahrung, dass der EONIA erst \u00fcber den Einlagezins anzusteigen beginnt, wenn die \u00dcberschussliquidit\u00e4t unter einen Schwellenwert von 200 bis 300 Mrd. Euro sinkt (Von Gerich, Storup Nielsen, 2019).<\/p>\n<p>Dies ist noch lange nicht der Fall. Ende 2018 betrugen die \u00dcberschussreserven der Gesch\u00e4ftsbanken 1.205 Mrd. Euro, wozu noch die Guthaben in der Einlagefazilit\u00e4t in H\u00f6he von 620 Mrd. Euro kommen. Bei einem Muliplikator von 6 bel\u00e4uft sich der Freibetrag des Bankensektors auf ca. 770 Mrd. Euro, was bedeutet, dass die EZB mehr als 1000 Mrd. EUR an Reserven befreien k\u00f6nnte, ohne dass wesentliche \u00c4nderungen der Tagesgelds\u00e4tze vorgenommen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Damit sollte von der Einf\u00fchrung der Zinsstaffel nicht zu viel erwartet und die Hoffnung verbunden werden, dass sie alleine die unerw\u00fcnschten Nebeneffekte der Negativzinsen beseitigt und zu einem Wiederanstieg der Zinss\u00e4tz in der Eurozone f\u00fchrt. Auch nach Einsch\u00e4tzung der Deutschen Bundesbank (2019c) wird die\u00a0 Einf\u00fchrung des Staffelsystems an den durch das Negativzinsumfeld gestellten Herausforderungen f\u00fcr die Banken \u201enichts grunds\u00e4tzlich \u00e4ndern\u201c. Der von der EZB bislang vorgesehene Freibetrag ist viel zu gering, um eine sp\u00fcrbare Auswirkung auf den Interbankenzins zu haben und um die Ertragslage der europ\u00e4ischen Gesch\u00e4ftsbanken zu verbessern. M\u00f6glicherweise fungiert die jetzt vorliegende Einr\u00e4umung des Freibetrags eher als Druckmittel, um den Banken die Weitergabe negativer Zinsen an ihre Einleger politisch zu erschweren.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Deutsche Bundesbank (2019a), Zweistufiges System f\u00fcr die Verzinsung von \u00dcberschussreserven, <a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/de\/aufgaben\/geldpolitik\/%20ueberschuss-reserven\">https:\/\/www.bundesbank.de\/de\/aufgaben\/geldpolitik\/ ueberschuss-reserven<\/a><\/p>\n<p>Deutsche Bundesbank (2019b), Fragen und Antworten zum zweistufigen System f\u00fcr die Verzinsungvon \u00dcberschussreserven, <a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/resource\/blob\/813130\/\">https:\/\/www.bundesbank.de\/resource\/blob\/813130\/<\/a> 0d8f915bcd5d6d0395d59993ad24ccb8\/mL\/ueberschussreserven-faq-zweistufiges-system-data.pdf<\/p>\n<p>Deutsche Bundesbank (2019c), Die Ertragslage der deutschen Kreditinstitute im Jahr 2018, in: Monatsbericht, September, S. 79-117.<\/p>\n<p>Deutscher Sparkassen- und Giroverband (2019), Staffelzinsen vorbereiten!, Standpunkt der Chefvolkswirte vom 14. Juni 2019, https:\/\/www.dsgv.de<\/p>\n<p>Von Gerich, J., Storup Nielsen, J, (2019), ECB Watch: Could Tiering Save Bank Profitability?, https:\/\/e-markets.nordea.com\/#!\/article\/48155\/ecb-watch-could-tiering-save-bank-profitability.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf seiner Sitzung vom 17. September 2019 hat der EZB-Rat zahlreiche geldpolitische Beschl\u00fcsse gefasst und weitere Anpassungen an seinem geldpolitischen Handlungsrahmen angek\u00fcndigt. 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