{"id":26416,"date":"2019-12-13T00:15:16","date_gmt":"2019-12-12T23:15:16","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26416"},"modified":"2020-11-30T15:39:48","modified_gmt":"2020-11-30T14:39:48","slug":"gastbeitrag-feldexperimente-fuer-die-armutsbekaempfung-zum-nobelpreis-fuer-abhijit-banerjee-esther-duflo-und-michael-kremer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26416","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Nobelpreis <\/font><br\/>Feldexperimente f\u00fcr die Armutsbek\u00e4mpfung <br\/><font size=3; color=grey>Zum Nobelpreis f\u00fcr Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Am 14. Oktober dieses Jahres gab die k\u00f6nigliche schwedische Akademie der Wissenschaften bekannt, dass der diesj\u00e4hrige Wirtschaftsnobelpreis zu gleichen Teilen an die Entwicklungsl\u00e4nderforscher Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer verliehen wird.<\/p>\n<p>Damit wurden zum ersten Mal in seiner 50-j\u00e4hrigen Geschichte \u00d6konomen, die sich vorrangig mit Armut und deren Bek\u00e4mpfung besch\u00e4ftigen, ausgezeichnet. Im Jahr 1998 wurde der Preis an den indischen \u00d6konomen Amartya Sen f\u00fcr seine Leistungen auf dem Gebiet der theoretischen Wohlfahrts\u00f6konomik verliehen, wobei das Preis-Komitee auch seine Arbeiten \u00fcber Armutsmessung und Hungersn\u00f6te erw\u00e4hnte. Beim Preistr\u00e4ger des Jahres 2014, Angus Deaton, erw\u00e4hnte das Preiskommittee ebenfalls seine Analysen zur Armut, neben seinen einflu\u00dfreichen Arbeiten zu Konsum und Wohlfahrtsmessung.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die diesj\u00e4hrigen Preistr\u00e4ger werden \u201ef\u00fcr ihren experimentellen Forschungsansatz zur globalen Armutsreduzierung\u201c ausgezeichnet. In einer Pressemitteilung f\u00fchrt das Preiskomitee aus, dass die Wissenschaftler einen neuen Ansatz entwickelt haben, um belastbare empirische Evidenz zu den geeignetsten M\u00f6glichkeiten, die globale Armut zu reduzieren, zu generieren. Ihr Forschungsprozess beinhaltet, dass die gro\u00dfe Frage der Armutsreduzierung zun\u00e4chst in kleinere, \u00fcberschaubare Fragen unterteilt wird und daraus wirksame Interventionen und Politikma\u00dfnahmen entwickelt werden, um beispielsweise Gesundheit und Schulbildung von Kindern zu verbessern. Die drei \u00d6konomen haben gezeigt, wie diese spezifischen Forschungsfragen mit sogenannten Experimenten unter Menschen, die selbst von Armut betroffen sind, glaubhaft beantwortet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Der experimentelle Forschungsansatz in den empirischen Sozialwissenschaften<\/strong><\/p>\n<p>Eine grundlegende Frage in jeglicher empirischer Forschung, gleicherma\u00dfen in Naturwissenschaften, Medizin und Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, betrifft die Wirkung einer bestimmten Ma\u00dfnahme oder eines Eingriffs, w\u00e4hrend gleichzeitig alle anderen Faktoren, die die Ergebnisvariable von Interesse beeinflussen k\u00f6nnten, unver\u00e4ndert bleiben. Eines solche Wirkung bezeichnet man als den <em>kausalen Effekt<\/em> einer Ma\u00dfnahme. Im Bereich der Medizin kann kann dies die Verabreichung einer geeigneten Tablette gegen Kopfweh sein, im Bereich der Armutsreduzierung eine Grundrente und ihre Auswirkung auf Ern\u00e4hrungsstatus und Bildung von Kindern aus benachteiligten Verh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<p>Kausale Effekte in den Naturwissenschaften werden \u00fcblicherweise mittels sogenannter <em>kontrollierter Experimente <\/em>nachgewiesen. Ein wesentlicher Bestandteil solcher Experimente ist der Vergleich einer behandelten Gruppe mit einer Kontrollgruppe. In einem Tierversuch beispielsweise werden von 50 genetisch identischen Jungm\u00e4usen zuf\u00e4llig 25 ausgew\u00e4hlt und mit einem Wachstumshormon behandelt. Nach einer Woche vergleicht der Forscher die durchschnittliche K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe der behandelten Tiere mit derjenigen der nicht behandelten Tiere. Die Differenz gibt dann den kausalen durchschnittlichen Effekt des Wachstumshormons auf die K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe wieder. Hierbei sind drei Aspekte des Forschungsdesigns bedeutend. Erstens werden die zu behandelnden Tiere zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlt. Zweitens sind alle vom Forscher kontrollierbaren Faktoren mit Ausnahme der Hormongabe identisch f\u00fcr die behandelten und unbehandelten Tiere. Diese beiden Verfahrensschritte stellen sicher, dass Gr\u00f6\u00dfendifferenzen zwischen behandelten und unbehandelten Tieren am Ende des Experiments nicht von anderen systematischen Unterschieden zwischen den beiden Gruppen verursacht sind. Drittens umfassen beide Gruppen eine hinreichend gro\u00dfe Zahl von Tieren. Dieser Aspekt erlaubt es, davon auszugehen, dass vom Forscher nicht kontrollierbare, zuf\u00e4llige Faktoren in der behandelten und der unbehandelten Gruppe gleich verteilt sind.<\/p>\n<p>Das eben konstruierte Beispiel ist eine <em>randomisierte Kontrollstudie<\/em>. Allgemeiner gesprochen werden hierbei die zu behandelnden Subjekte zuf\u00e4llig aus einer Gesamtheit von Probanden ausgew\u00e4hlt, wobei der Behandlungsstatus den einzelnen Subjekten im Idealfall verborgen bleibt, zum Beispiel durch den Einsatz eines Placebo-Pr\u00e4parats in der Kontrollgruppe. In der Medizin hat sich seit den 1940er Jahren diese Form des \u201eExperiments\u201c als Goldstandard f\u00fcr die Etablierung der Wirkung von Medikamenten und Therapiemethoden etabliert. Der Wirksamkeitsnachweis per randomisierter Kontrollstudie ist nunmehr seit \u00fcber 30 Jahren Voraussetzung f\u00fcr die Zulassung von Medikamenten in Deutschland wie andernorts. Das Unverm\u00f6gen, einen solchen Nachweis zu liefern, hat beispielsweise dazu gef\u00fchrt, dass in Frankreich hom\u00f6opathischen Arzneimitteln dieses Jahr die Kassenerstattung gestrichen wurde.<\/p>\n<p>Die empirische Sozialforschung ignorierte die Methodik der randomisierten Kontrollstudie lange Zeit. \u00dcblich waren hier sogenannte Beobachtungsstudien, in der Medizin als epidemiologische Studien bekannt. Methodisch gesehen unterscheiden diese sich von den randomisierten Kontrollstudien dadurch, dass der Behandlungsstatus den an der Studie beteiligten Subjekten nicht zuf\u00e4llig zugewiesen wird. Als ein prominentes Beispiel dieser empirischen Methodik in der \u00f6konomischen Entwicklungsl\u00e4nderforschung mag ein viel zitierter Aufsatz von Christopher Udry \u00fcber landwirtschaftliche Produktivit\u00e4t in Burkina Faso aus dem Jahr 1996, ver\u00f6ffentlicht im <em>Journal of Political Economy<\/em>, dienen. Hier wird die Hypothese untersucht, dass landwirtschaftliche Haushalte ihre produktiven Ressourcen nicht optimal einsetzen im Hinblick darauf, dass innerhalb eines Haushalts Ackerst\u00fccke, die im Eigentum der Frau sind, weniger intensiv bewirtschaftet werden als solche, die im Eigentum des Mannes sind. Udry vergleicht hierzu den Einsatz von Saatgut, Arbeit und D\u00fcngemitteln auf Ackerst\u00fccken von M\u00e4nnern und Frauen, die dem gleichen Haushalt angeh\u00f6ren. Die Einfl\u00fcsse von beobachtbaren Unterschieden, beispielsweise der chemischen Bodenzusammensetzung verschiedener Flurs\u00fccke, werden hierbei mit statistischen Methoden einbezogen (oder \u201ekontrolliert\u201c). Im Gegensatz zu einer randomisierten Kontrollstudie ist hier die Zuweisung von Ackerst\u00fccken auf Frauen und M\u00e4nner jedoch alles andere als zuf\u00e4llig. Vielmehr ist sie das Resultat komplexer Erbg\u00e4nge und vielf\u00e4ltiger bewu\u00dfter Entscheidungen verschiedener Akteure, beispielsweise der Eltern der Eheleute. Insofern l\u00e4sst sich mit den verf\u00fcgbaren Beobachtungsdaten nicht ausschlie\u00dfen, dass es von Udry unbeobachtete Unterschiede in der Produktivit\u00e4t von Feldst\u00fccken im Eigentum von Frauen und M\u00e4nnern gibt, gem\u00e4\u00df derer es effizient ist, die \u201eweiblichen\u201c \u00c4cker weniger intensiv zu bewirtschaften als die \u201em\u00e4nnlichen\u201c. Dies w\u00e4re zum Beispiel der Fall, wenn \u201eweibliche\u201c Ackerst\u00fccke\u00a0 bei gleichem Saatgut-, D\u00fcngemittel-und Arbeitseinsatz trotz identischer chemischer Bodenzusammensetzung durchschnittlich weniger ertragreich w\u00e4ren als die \u201em\u00e4nnlichen\u201c.<\/p>\n<p>Im Bereich der empirischen \u00d6konomik entwickelte sich sp\u00e4testens seit den 1980er Jahren eine Debatte \u00fcber die Glaubhaftigkeit empirischer Forschungsergebnisse, die auf Beobachtungsstudien basieren. So klagte der renommierte \u00d6konometriker und Handels\u00f6konom Edward Leamer im Jahr 1983 in dem Aufsatz <em>Let\u2019s Take the Con Out of Econometrics <\/em>(deutsch etwa \u201eLasst uns die \u00d6konometrie vom Schwindel befreien\u201c), dass kaum ein \u00d6konom die Datenanalysen seiner Kollegen ernst nehme, da die meisten Ergebnisse verschw\u00e4nden oder sich sogar umkehrten, wenn man auch nur kleine Details der jeweiligen statistischen Analysemethodik \u00e4ndere.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Leamer ein verst\u00e4rktes Augenmerk auf sogenannte Sensitivit\u00e4tsanalysen forderte, ging eine damals junge Generation von amerikanischen Arbeitsmarkt\u00f6konomen das Kausalit\u00e4tsproblem mit innovativen empirischen Forschungsdesigns an, die Kausalit\u00e4t dadurch etablieren, dass institutionelle Zusammenh\u00e4nge ausgenutzt werden, die in einer zuf\u00e4lligen Zuweisung des \u201eBehandlungsstatus\u201c resultieren. Ein bekanntes Beispiel ist die Arbeit des Chicago-\u00d6konoms Robert LaLonde aus dem Jahr 1986, der ein Lotterieverfahren zur Zuweisung von Pl\u00e4tzen in einem vom Staat finanzierten beruflichen Weiterbildungsprogramm ausn\u00fctzt, um dessen kausalen Effekt auf sp\u00e4tere Besch\u00e4ftigung und Verdienst zu bestimmen. Die Lotterie kam zum Einsatz, da die \u00f6ffentlichen Mittel f\u00fcr das Weiterbildungsprogramm nicht ausreichten, um allen Bewerbern, die die Zugangsvoraussetzungen erf\u00fcllten, einen Platz bereitzustellen. In \u00e4hnlicher Weise sch\u00e4tzte der MIT-\u00d6konomen Joshua Angrist 1990 den kausalen Effekt von Milit\u00e4rdienst auf den sp\u00e4teren beruflichen Werdegang junger amerikanischer \u00a0M\u00e4nnern mit Hilfe des Lotteriemechanismus, mit dem US-Soldaten f\u00fcr den Vietnamkrieg bestimmt wurden.<\/p>\n<p>Es ist offensichtlich, dass die Anzahl interessanter Forschungsfragen, die sich mit der Methodik solcher <em>nat\u00fcrlichen Zufallsexperimente<\/em> angehen lassen, \u00e4u\u00dferst begrenzt ist, insbesondere im Bereich der Entwicklungsl\u00e4nderforschung. Ein erw\u00e4hnenswertes Beispiel in diesem Zusammenhang ist jedoch der Aufsatz der Preistr\u00e4gerin Esther Duflo (gemeinsam mit Raghabendra Chattopadhyay) aus dem Jahr 2004, in dem die Autoren zeigen, dass weibliche Dorfvorsteherinnen in Indien h\u00e4ufiger in lokale Infrastruktur investieren, auf die Frauen gr\u00f6\u00dferen Wert legen als M\u00e4nner, zum Beispiel Toiletten. Hierbei nutzen Sie die gesetzliche Quotenregelung aus, gem\u00e4\u00df derer in einem Drittel der D\u00f6rfer des Bundesstaats West Bengal nur weibliche Kandidaten zur Wahl zugelassen sind. Die Regierung implementiert diese Quotenregelung so, dass in einem gegebenen Wahljahr jedes dritte Dorf von einer alphabetisch geordneten Liste ausgew\u00e4hlt wird &#8211;\u00a0 ein Verfahren, das die Autoren glaubhaft als \u201eso gut wie zuf\u00e4llig\u201c bezeichnen. Die methodische Innovation dieser Arbeit liegt beim Forschungsdesign, das eine eigens konzipierte Datenerhebung von geschlechtsspezifischen Pr\u00e4ferenzen f\u00fcr sowie die Bereitstellung von verschiedenen lokalen \u00f6ffentlichen G\u00fctern in zahlreichen D\u00f6rfern beinhaltet und diese Prim\u00e4rdaten mit der Regierungsliste der f\u00fcr Frauen reservierten D\u00f6rfer kombiniert. Die vorhergehenden, in den USA angesiedelten Arbeitsmarktstudien basieren hingegen ausschliesslich auf Sekund\u00e4rdaten, an deren Erhebung die Wissenschaftler nicht selbst beteiligt waren.<\/p>\n<p>Der methodische Unterschied zwischen solchen <em>nat\u00fcrlichen Zufallsexperimenten<\/em> und einer <em>randomisierten Kontrollstudie<\/em>, die man ebenso kontrolliertes Zufallsexperiment nennen k\u00f6nnte, ist, dass bei der Kontrollstudie der auswertende Forscher nicht nur die Datenerhebung gestaltet, sondern auch auf die Intervention und insbesondere den Zufallsprozess, gem\u00e4\u00df dem der Behandlungsstatus zugewiesen wird, die \u201eRandomisierung\u201c, Einflu\u00df nimmt, w\u00e4hrend er beim nat\u00fcrlichen Zufallsexperiment r\u00fcckwirkend Zufallselemente ausn\u00fctzt, die ein bestimmter institutioneller Zusammenhang generiert. Es ist offensichtlich, dass sich mit randomisierten Kontrollstudien prinzipiell eine Vielzahl interessanter Forschungsfragen angehen lassen \u2013 vorausgesetzt dem Forscher gelingt es, an der Implementierung relevanter Ma\u00dfnahmen hinreichend beteiligt zu werden.<\/p>\n<p>Zusammenfassend lassen sich die g\u00e4ngigsten Forschungsdesigns in den empirischen Wirtschaftswissenschaften hierarchisch wie folgt typologisieren: bei der randomisierten Kontrollstudie steuert der Wissenschaftler die Randomisierung, beim nat\u00fcrlichen Zufallsexperiment erfolgt sie hingegen von anderer Stelle. Bei der Beobachtungsstudie liegt die Zuweisung des Behandlungsstatus ebenfalls nicht in der Hand des Forschers und ist dar\u00fcber hinaus nicht zuf\u00e4llig. Eine Position zwischen den beiden letztgenannten Designs nimmt das <em>nat\u00fcrliche Experiment<\/em> ein, wo die Zuweisung des Behandlungsstatus nicht zuf\u00e4llig ist aber sich im Zuweisungsprozess Elemente finden lassen, die den Behandlungsstatus als \u201eso gut wie zuf\u00e4llig\u201c erscheinen lassen. Eine beliebte Anwendung sind hier beispielsweise die \u00f6konomischen Konsequenzen von Regenfallschwankungen, die auf die landwirtschaftliche Produktion in Entwicklungsl\u00e4ndern einen gro\u00dfen Einflu\u00df haben. Der aufmerksame Leser wird an dieser Stelle beanstanden, dass die eben diskutierte Studie von Duflo nach dieser Klassifierung streng genommen \u201enur\u201c ein nat\u00fcrliches Experiment und kein nat\u00fcrliches Zufallsexperiment ist \u2013 allerdings wird man zustimmen, dass bei Chattopadhyay und Duflo die Vergleichbarkeit von \u201ebehandelten\u201c und Kontroll-D\u00f6rfern eher gegeben ist als z. B. von D\u00f6rfern, die im selben Jahr guten und mangelhaften Niederschlag erfahren haben. Oder vielleicht doch nicht? Die eben aufgestellte Behauptung soll verdeutlichen, dass grunds\u00e4tzlich jedes empirische Forschungsdesign, der keine strenge Randomisierung beinhaltet, hinsichtlich der Vergleichbarkeit von behandelter und Kontrollgruppe und somit auch im Hinblick auf die Bestimmung eines kausalen Effektes einer Intervention grunds\u00e4tzlich angreifbar ist.<\/p>\n<p>Im Rahmen der oben erw\u00e4hnten Debatte \u00fcber die Glaubhaftigkeit empirischer Forschungsergebnisse sind im Hinblick auf den Ansatz der Nobelpreistr\u00e4ger zwei Beitr\u00e4ge von 1994 und 1995 in der Zeitschrift <em>World Bank Research Observer <\/em>\u00a0bemerkenswert: Hier brechen der Berkeley \u00d6konom Paul Gertler (mit John Newman und Laura Rawlings) und Michael Kremer eine Lanze f\u00fcr randomisierten Kontrollstudien, wobei Gertler auf Regierungsprogramme zur Schulbildung und Familienplanung der 70er, 80er und fr\u00fchen 90er Jahre hinweist, die bereits randomisierte Evaluationen beinhalten, w\u00e4hrend Kremer argumentiert, dass \u00d6konomen selbst auf die Gestaltung von Pilot-Programmen Einflu\u00df nehmen und sie durch randomisierte Zuteilung evaluieren sollten. Hierbei zeigt er, dass dies im Bereich der Bildungsforschung in Entwicklungsl\u00e4ndern schon vereinzelt durchgef\u00fchrt wurde \u2013 allerdings nicht von \u00d6konomen.<\/p>\n<p>Kurz darauf waren es diese beiden Wissenschaftler, die als erste \u00d6konomen randomisierte Kontrollstudien in Entwicklungsl\u00e4ndern durchf\u00fchrten. Gertler (Berkeley) gemeinsam mit Jere Behrman und Petra Todd von der University of Pennsylvania und dem Yale \u00d6konomen T. Paul Schultz konzipierten 1997 eine randomisierte Einf\u00fchrung und Evaluierung des Transferzahlungs- und Kinderf\u00f6rderungsprogramms <em>Progresa<\/em> der mexikanischen Regierung. Michael Kremer hingegen darf als Vater des <em>randomisierten Feldexperiments<\/em> in der Entwicklungs\u00f6konomie gelten. So werden randomisierte Kontrollstudien genannt, die im wirtschaftlichen Alltag der beteiligten Subjekte angesiedelt sind und wo der Wissenschaftler auch an der Gestaltung der Intervention selbst beteiligt ist. Was die Implementierung betrifft sind sie \u00fcblicherweise von kleinerem Umfang als landesweite Regierungsprogramme wie Progresa. Typologisch sind sie abzugrenzen von \u00f6konomischen <em>Laborexperimenten<\/em>, wo das Verhalten menschlicher Subjekte unter synthetischen Laborbedingungen untersucht wird. Diese wurden bereits in den 1960er Jahren, unter anderem vom bisher einzigen deutschen Wirtschafts-Nobelpreistr\u00e4ger Reinhard Selten, entwickelt.<\/p>\n<p>Kremer und seine damaligen Doktoranden forcierten den experimentellen Forschungsansatz auf breiter Front. Die Erfolgsaussichten waren durchaus ungewiss. Aus heutiger Sicht ist es unbegreiflich, dass nicht wenigen seiner ersten experimentellen Studien, die er ab 1995 schwerpunktm\u00e4\u00dfig im l\u00e4ndlichen Kenya durchf\u00fchrte, die Ver\u00f6ffentlichung in einschl\u00e4gigen Fachzeitschriften versagt blieb. Darunter befindet sich auch ein Feldexperiment mit Abhijit Banerjee, das den Effekt eines zus\u00e4tzlichen Lehrers in indischen Dorfschulen auf Unterrichtsbesuch und Lernerfolg bestimmt, oder ein Aufsatz von Kremer (mit seiner Sch\u00fclerin Christel Vermeersch), in dem bedeutende Effekte einer Schulspeisung auf Vorschulbesuch in Kenia nachgewiesen werden. Drei weitere Studien aus dieser Zeit erschienen erst mit sieben bzw. zehn Jahren Verz\u00f6gerung. Ein Konferenzbeitrag Kremers \u00fcber Feldexperimente im Schulbildungsbereich von Entwicklungsl\u00e4ndern aus dem Jahr 2003 liest sich stellenweise wie ein Verteidigungspl\u00e4doyer der experimentellen Methodik gegen\u00fcber den damals noch dominierenden Beobachtungsstudien und nat\u00fcrlichen Experimenten. Dies verdeutlicht eindrucksvoll, wie schwer es wissenschaftlichen Fachcommunities \u2013 auch in den Wirtschaftswissenschaften \u2013 mitunter f\u00e4llt, neue Paradigmen zuzulassen und zu honorieren, und in welchem Ausma\u00df auch der Wissenschaftsbetrieb von Moden und einer Tendenz zum Festhalten am <em>status quo<\/em> gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p><strong>Die experimentelle Revolution in der Entwicklungs\u00f6konomie<\/strong><\/p>\n<p>Die ersten in der \u00f6konomischen Fachgemeinschaft Aufsehen erregenden Publikationen, die auf randomisierten Evaluierungen in Entwicklungsl\u00e4ndern basieren, erschienen im Jahr 2004, ein methodisch gepr\u00e4gter Aufsatz von Kremer (mit seinem Sch\u00fcler Edward Miguel) \u00fcber ein Entwurmungs-Programm in Kenia in der Zeitschrift <em>Econometrica<\/em>, sowie Gertlers Arbeit \u00fcber Progresas Wohlfahrtseffekte im <em>American Economic Review<\/em>. Unter anderem aufgrund der darin wiedergegebenen empirischen Evidenz fand Progresa in der Folge Nachahmung in mehr als 30 L\u00e4ndern weltweit.<\/p>\n<p>Es folgte ein regelrechter Boom von randomisierten Feldexperimenten in der \u00f6konomischen Entwicklungsl\u00e4nderforschung. Grob kategorisieren l\u00e4\u00dft sich die mittlerweile in die Tausende gehende Vielzahl von Arbeiten mit randomisierten Forschungsdesigns hinsichtlich des Ausma\u00dfes der Intervention und des Theoriebezugs der empirischen Forschung.<\/p>\n<ul>\n<li>Wie schon ausgef\u00fchrt waren bereits bei den allerersten randomisierten Evaluationen von Entwicklungs\u00f6konomen einerseits im Ma\u00dfstab \u00fcberschaubare Feldexperimente und andererseits ein landesweites Regierungs-Sozialprogramm vertreten. In den Feldexperimenten wird h\u00e4ufig vergleichend getestet, welche Ma\u00dfnahme in einem spezifischen Kontext am besten geeignet ist, um ein bestimmtes Entwicklungsziel zu erreichen. Bei Kremers ersten Studien in Kenya waren die Ziele Schulbesuch und Lernerfolg, die Ma\u00dfnahmen, die nacheinander erprobt wurden, Schulb\u00fccher, Flipcharts, Leistungsanreize f\u00fcr Lehrer und schlie\u00dflich eine Entwurmungstherapie f\u00fcr Sch\u00fcler. Nur die letzte dieser Ma\u00dfnahmen war kosteneffizient und verbesserte nicht nur die Gesundheit der Kinder sp\u00fcrbar sondern auch deren Schulbesuch und Lernerfolg. Es war die Zusammenarbeit mit einer finanziell gut ausgestatteten holl\u00e4ndischen Nichtregierungsorganisation, die es Kremer erm\u00f6glichte, all diese Ma\u00dfnahmen durchzutesten. Esther Duflo bezeichnete dieses Aufsp\u00fcren und Nachweisen von wirksamen Ma\u00dfnahmen, das eher einen beharrlichen Charakter und Gesp\u00fcr f\u00fcr den jeweiligen Kontext als Brillianz auf dem Gebiet der mathematischen Modellbildung erfordert, als \u201eKlempnerei\u201c in der \u00f6konomischen Armutsforschung. Bei Regierungsprogrammen ist der Forscher an der Art der Ma\u00dfnahme \u00fcblicherweise kaum beteiligt und die Evaluierung steht im Vordergrund. Typischerweise werden hierbei nicht alternative Ma\u00dfnahmen im Vergleich getestet, sondern im Mittelpunkt steht die Wirksamkeit und Kosteneffizienz eines spezifischen gro\u00dfangelegten Programms. Ein aktiver junger Forscher auf diesem Gebiet ist Kremer-Sch\u00fcler Karthik Muralidharan (San Diego), der beispielsweise gro\u00dfe Verbesserungen sowohl f\u00fcr die Staatkasse also auch f\u00fcr Leistungsempf\u00e4nger durch die Einf\u00fchrung von e-governance Ma\u00dfnahmen in Indien nachgewiesen hat. Teilweise gelingt es Forschern, auch innerhalb von landesweiten Regierungsprogrammen experimentelle Variation einzuf\u00fchren. So liegen eine Reihe von Studien unter Beteiligung Abhijit Banerjees \u00fcber Indonesien vor, wo mehrere zentrale Elemente eines staatlichen Lebensmittel-Grundsicherungsprogramms unter Einbeziehung von Harvard- und MIT-Wissenschaftlern variiert wurden, sei es das Verfahren zur Bestimmung von Leistungsempf\u00e4ngern oder die Einbeziehung privater Dienstleister bei der Auslieferung der Nahrungsmittel vor Ort.<\/li>\n<li>Eine weitere Differenzierung experimenteller Arbeiten l\u00e4\u00dft sich hinsichtlich des Theoriebezugs vornehmen. W\u00e4hrend bei der \u201eKlempnerei\u201c die \u00dcberpr\u00fcfung theoretischer Hypothesen der Wirtschaftstheorie zugunsten praktischer Aspekte der Armutsreduzierung in den Hintergrund tritt, wurden in den letzten 15 Jahren zahlreiche raffinierte Forschungsdesigns implementiert, die die Bestimmung ansonsten schwierig zu messender Effekte erm\u00f6glichen, die in der \u00f6konomischen Theoriebildung eine bedeutende Rolle spielen. Ein prominentes Beispiel, ver\u00f6ffentlicht 2009, ist das Feldexperiment von Duflo und Banerjees Sch\u00fcler Dean Karlan (mit Jonathan Zinman) \u00fcber adverse Selektion und moralisches Risiko (<em>moral hazard<\/em>) in Kreditm\u00e4rkten, wo zun\u00e4chst angebotene und letztlich im Vertrag abgeschlossene Kreditzinss\u00e4zte unabh\u00e4ngig voneinander unter Kunden eines s\u00fcdafrikanischen Finanzdienstleisters randomisiert werden. In der Folge erhoben die Wissenschaftler R\u00fcckzahlungsdaten. Dieses Forschungsdesign erlaubte es erstmals, in \u00fcberzeugender Weise zentrale Elemente der \u00e4usserst einflussreichen theoretischen Hypothesen zu asymmetrisch verteilter Information in Kreditm\u00e4rkten zu testen, die 1981 von Nobelpreistr\u00e4ger Joseph Stiglitz ver\u00f6ffentlicht worden waren. Allerdings bringen solche Arbeiten eher akademischen Ruhm als einen Nutzen f\u00fcr die Armutsbek\u00e4mpfung. Eine Stellung zwischen diesen Extremen nehmen Feldexperimente ein, die durch eine f\u00fcr das Leben der Betroffenen relevante Intervention Verhaltensparameter bestimmen, die der Theoriebildung entspringen und f\u00fcr den wirtschaftlichen Erfolg des Einzelnen eine wichtige Rolle spielen. H\u00e4ufig werden hier Hypothesen aus der Verhaltens\u00f6konomik (<em>behavioral economics<\/em>) \u00fcberpr\u00fcft, die Abweichungen vom Lehrbuchmodell des rationalen <em>homo oeconomicus<\/em> zum Gegenstand haben. Diese verhaltens\u00f6konomischen Elemente sind ein wichtiger Teil der Forschungsagenda von Banerjee und Duflo, die in ihrem bekannten Buch <em>Poor Economics<\/em> argumentieren, dass Mangel an Information, kognitive \u00dcberlastung und pessimistische Erwartungen wichtige Ursachen von chronischer Armut sind. So argumentieren Duflo und Kremer (mit Jonathan Robinson) in einem Ausatz von 2011, dass das Entscheidungskalk\u00fcl kenianischer Kleinbauern eine Verzerrung zugunsten der Gegenwart (<em>present bias<\/em>) aufweist, da ihre im Normalfall viel zu niedrige Nachfrage nach produktivit\u00e4tssteigernden D\u00fcngemitteln insbesondere durch zeitlich begrenzte Rabatte w\u00e4hrend der Nach-Erntezeit, nicht aber w\u00e4hrend der Anbauperiode, erheblich gesteigert werden kann.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Grunds\u00e4tzlich neu an Feldexperimenten ist die Arbeitsweise des Entwicklungsforschers. Bei Beobachtungsstudien wurde haupts\u00e4chlich mit nicht selbst erhobenen Daten (sog. Sekund\u00e4rdaten) gearbeitet. In einer Minderzahl von F\u00e4llen war der Forscher an der Erhebung selbst beteiligt, was \u00fcblicherweise ein gewisses Mass an Arbeit im Feld beinhaltet. Andererseits gab es \u2013 eher vereinzelt \u2013 Politikberatung, wo Wissenschaftler meist eher indirekt Einflu\u00df auf die Gestaltung einzelner Entwicklungsprojekte nehmen konnten. Beim Feldexperiment hingegen ist der Forscher sowohl bei der Gestaltung der Intervention als auch ihrer Implementierung und im Nachgang unmittelbar beteiligt. Ausserdem f\u00fchrt er statistische Erhebungen in ihrem Umfeld durch. Dies f\u00fchrt zu mehr Teamarbeit, Kollaborationen mit Entwicklungsorganisationen und insgesamt einer gr\u00f6\u00dferen Verwurzelung in entwicklungspraktischer Arbeit im Feld als der von Schreibtischarbeit gepr\u00e4gte fr\u00fchere Forschungsstil; und oft zu direkten Verbesserungen im Leben der von Armut Betroffenen. Um diese Arbeitsweise zu professionalisieren und Skaleneffekte auszunutzen, gr\u00fcndeten Banerjee und Dulfo gemeinsam mit einem weitern Kollegen 2003 am MIT das <em>Poverty Action Lab<\/em>, ein weltweit aktives Forschungszentrum mit mittlerweile 400 Angeh\u00f6rigen, das die Planung und Durchf\u00fchrung von RCTs und wissenschaftlichen Befragungen unterst\u00fctzt. Die gemeinn\u00fctzige Organisation wird heute durch namhafte Geber gef\u00f6rdert wie die Stiftungen von Google, der Familien Gates, Hewlett und MacArthur, sowie durch die US-amerikanische und die britische Regierung.<\/p>\n<p>Das Ausma\u00df von RCTs in der entwicklungs\u00f6konomischen Forschungslandschaft, das zumindest teilweise als Me\u00dfgr\u00f6\u00dfe f\u00fcr den Einflu\u00df der von den Nobelpreistr\u00e4gern vorw\u00e4rtsgetriebenen Methodik auf die Forschungsdisziplin gelten kann, l\u00e4\u00dft sich auch bibliographisch belegen. W\u00e4hrend im Jahr 2000 in den f\u00fcnf renommiertesten volkswirtschaftlichen Fachzeitschriften 10 Prozent der ver\u00f6ffentlichten Artikel aus der Entwicklungs\u00f6konomie kamen und keiner davon eine randomisierte Kontrollstudie beinhaltete, waren es 2015 zw\u00f6lf Prozent, wovon jeder dritte einen RCT beinhaltet. Andererseits weist der Weltbank\u00f6konom David McKenzie darauf hin, dass in den drei f\u00fchrenden entwicklungs\u00f6konomischen Fachzeitschriften nur jeder achte Aufsatz einen RCT beinhaltet. Dies zeigt, dass die Methodik der Nobelpreistr\u00e4ger ein hohes Gewicht insbesondere in der entwicklungs\u00f6konomischen Forschungsspitze erlangt hat, w\u00e4hrend sie im Forschungsoutput, den die Disziplin insgesamt produziert, deutlich weniger vertreten ist. Unstrittig ist hingegen, dass der experimentelle Ansatz die Denkkategorie des \u201eidealen\u201c \u2013 will sagen randomisierten \u2013 Experiments in der empirischen Entwicklungsforschung als Goldstandard etabliert hat und die Mehrzahl nicht-experimenteller empirischer Arbeiten darauf Bezug nimmt.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Den ganzen, wesentlich l\u00e4ngeren Beitrag k\u00f6nnen Sie im <a href=\"https:\/\/elibrary.vahlen.de\/10.15358\/0340-1650-2019-12\/wist-wirtschaftswissenschaftliches-studium-jahrgang-48-2019-heft-12\">Heft 12 (2019)<\/a> der Fachzeitschrift WiSt nachlesen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 14. 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