{"id":26526,"date":"2020-01-12T00:01:18","date_gmt":"2020-01-11T23:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26526"},"modified":"2020-01-12T14:47:42","modified_gmt":"2020-01-12T13:47:42","slug":"junge-autoren-joseph-a-schumpeters-verhaeltnis-zur-wirtschafts-und-theoriegeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26526","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Junge Autoren <\/font><br\/>Joseph A. Schumpeters Verh\u00e4ltnis zur Wirtschafts- und Theoriegeschichte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Bild: Pixabay<\/p>\n<p>Joseph A. Schumpeter z\u00e4hlt zu den einflussreichsten und bedeutendsten \u00d6konomen des 20. Jahrhunderts, der neben theoretischen Arbeiten \u00fcber Konjunkturzyklen und Geldwirtschaft vor allem durch seine Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber den Unternehmertypus ber\u00fchmt wurde. Mit gerade einmal 27 Jahren verfasste er sein drittes Buch mit dem Titel <em>Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte<\/em>, welches den Grundstein f\u00fcr sein sp\u00e4teres Lebenswerk der <em>History of Economic Analysis <\/em>legte und 1914 als ein Kapitel in Max Webers <em>Grundriss der Sozial\u00f6konomik<\/em> erschien. Doch auch die vorangegangenen Werke <em>Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen National\u00f6konomie <\/em>und die <em>Theorie der Wirtschaftlichen Entwicklung <\/em>zogen die Aufmerksamkeit auf den damals j\u00fcngsten ordentlichen Professors \u00d6sterreichs, der seit 1911 den Lehrstuhl f\u00fcr Politische \u00d6konomie an der Universit\u00e4t Graz innehatte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Arthur Spiethoff kommentierte: \u201eWas ist unerh\u00f6rter, ein 25- und ein 27-j\u00e4hriger, der an den Grundfesten seiner Wissenschaft r\u00fchrt, oder ein 30-j\u00e4hriger, der die Geschichte seiner Wissenschaft schreibt\u201c. Am mangelndem Selbstvertrauen fehlte es Schumpeter dabei nicht \u2013 so seien seine Vorlesungen die \u201ebeste Wirtschaftslehre, die auf der Welt zu haben sei\u201c und setzt sich zum Ziel \u201eder gr\u00f6\u00dfte \u00d6konom der Welt, der begehrteste Liebhaber Wiens und der beste Reiter \u00d6sterreichs zu werden\u201c. Nach eigenen Angaben erreichte er aufgrund eines zweitklassigen Sattels allerdings nur zwei dieser Ziele.<\/p>\n<p>Schumpeter begann ungef\u00e4hr 30 Jahre nach dem Erscheinen der <em>Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte<\/em> mit der <em>History of Economic Analysis<\/em>. Zu diesem Zeitpunkt lehrte er an der Harvard Universit\u00e4t, wo ihn au\u00dfer Wassily Leontief wissenschaftlich kaum jemand mehr anregte. Der genaue Zeitpunkt, an dem Schumpeter mit dem Schreiben begann, ist nicht bekannt, jedoch schrieb er im Jahr 1939 an das Harvard University Committee on Research in the Social Sciences: \u201eIch beabsichtige, eine revidierte Fassung meiner 1914 zun\u00e4chst auf Deutsch ver\u00f6ffentlichten Epochen der Dogmen- und Methodengeschichte zu schreiben\u201c. Schumpeter starb im Januar 1950 bevor er das Buch beenden konnte. Seine Frau Elizabeth Schumpeter ordnete mit ein paar Freunden aus Harvard das chaotische hinterlassene Manuskript und ver\u00f6ffentlichte das fertiggestellte Buch mit 1260 eng bedruckten Seiten schlie\u00dflich \u00fcber die Oxford University Press.<\/p>\n<p>Schumpeter betonte durchweg die Bedeutsamkeit der Verbindung von \u00f6konomischer Theorie und anderen Sozialwissenschaften. Er versuchte die Br\u00fccken der Disziplinen neu zu definieren und die Interdependenzen so zum Ausdruck zu bringen, dass sich der Wirtschaftsprozess als Ganzes erkl\u00e4ren lasse. So schrieb er: \u201eNoch heute ist es schwer- und in einzelnen Punkten geradezu unm\u00f6glich- von der Politischen Oekonomik zu sprechen ohne ihre Schwesterdisziplinen zu ber\u00fccksichtigen\u201c. Diese Ansicht setzte er in seinen fr\u00fchen Ausf\u00fchrungen \u00fcber \u00d6konomen in die Tat um, indem er nicht nur deren theoretische Leistungen beachtete, sondern auch deren Versuche w\u00fcrdigte, ihre Theorie in eine allgemeine Analyse der Gesellschaft einzubeziehen. Schumpeter charakterisierte dabei die Wirtschaftsgeschichte stets als Verb\u00fcndeten der Wirtschaftstheorie und glaubte, dass sich durch dieses Zusammenspiel neue Erkenntnisse gewinnen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>In der <em>History of Economic Analysis<\/em> entwickelt Schumpeter seine Ansicht dar\u00fcber, was den wissenschaftlichen \u00d6konomen von allen anderen unterscheidet, die sich im Alltag mit \u00d6konomie besch\u00e4ftigen, weiter. Er unterteilt den Oberbegriff \u201e\u00f6konomische Analyse\u201c in drei Komponenten: Wirtschaftsgeschichte, Statistik und Theorie. Gleich zu Beginn betonte Schumpeter die Notwendigkeit der Wirtschaftsgeschichte f\u00fcr das allgemeine Verst\u00e4ndnis wirtschaftlicher Zusammenh\u00e4nge und hebt diese sogar als wichtigste der drei Disziplinen hervor: \u201eNobody can hope to unterstand the economic phenomena of any, including the present epoch who has not an adequate command of histroical facts and an adequate amout of historical sense or what may be described as historical experience<em>.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Die zweite wichtige Eigenschaft der Wirtschaftsgeschichte sei die Verkn\u00fcpfung der institutionellen Rahmenbedingungen mit der \u00f6konomischen Theorie, wodurch gleichzeitig auch eine Verbindung zu anderen Sozialwissenschaften geschlagen w\u00fcrde. Bei der dritten S\u00e4ule der \u00f6konomischen Analyse, der Theorie, verweist Schumpeter auf die ber\u00fchmte Beschreibung von Joan Robinson, in der sie die Wirtschaftstheorie als eine \u201ebox of tools\u201c charakterisiert. Damit folgt Schumpeter der damals popul\u00e4r werdenden Auffassung, dass es nicht nur ein gro\u00dfes \u00f6konomisches System an Erl\u00e4uterungen gibt, sondern dass die einzelnen Modelle auf verschiedene wirtschaftspolitische Probleme unterschiedlich angewendet werden k\u00f6nnen. Trotzdem glaubte Schumpeter laut Mark Perlman an so etwas wie eine einheitliche Theorie, die alle wirtschaftlichen Zusammenh\u00e4nge erkl\u00e4ren kann. Wie Einstein habe er diese Theorie jedoch nie gefunden.<\/p>\n<p>Bei der Theorie wie auch bei der Statistik hebt Schumpeter immer wieder den Blickwinkel des Au\u00dfenstehenden hervor. Wie wir \u00f6konomische Zusammenh\u00e4nge deuten und verstehen h\u00e4ngt nicht nur von der zugrundeliegenden wissenschaftstheoretischen Methodik, sondern auch von deren soziokulturellen und historischen Kontexten ab; so k\u00f6nne man weder Theorie noch Statistik ohne den historischen Hintergrund vollst\u00e4ndig verstehen. Als Beispiel nennt er die Orientierung der \u00d6konomik an den Methoden der Physik zur Analyse statischer Gleichgewichte, die sich allerdings nicht eigne um dynamische Prozesse<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> zu beschreiben. Er schlie\u00dft sich dabei Hayek an, der das kritiklose Kopieren von Methoden aus anderen Wissenschaften als \u201eScientismus\u201c bezeichnete. Alle drei Teilbereiche waren Schumpeter wichtig, jedoch warnte er ausdr\u00fccklich davor diese miteinander zu vermischen. Er war dabei \u00e4hnlicher Auffassung wie sein Rivale Keynes: \u201e\u2026der Meister\u00f6konom eine seltene Kombination von Begabungen besitzen muss. Er muss Mathematiker, Historiker, Staatsmann, Philosoph sein \u2013 im gewissen Grade\u201c.<\/p>\n<p>Ein guter \u00d6konom sollte zwar Wirtschaftsgeschichte, Wirtschaftstheorie und Statistik beherrschen, diese allerdings auch gedanklich trennen k\u00f6nnen. Als Beispiel nannte er die politische \u00d6konomie, die er f\u00fcr problematisch hielt, da sich dort \u00f6konomische Analyse mit politischer Ideologie vermischen w\u00fcrde. Au\u00dferdem w\u00fcrden sozialpolitische Fragestellungen \u00d6konomen davon ablenken, sich mit theoretischen wissenschaftlichen Problemstellungen zu befassen. Obwohl man die Teildisziplinen nicht vermischen sollte, gehen sie nicht auf Kosten voneinander, sondern erg\u00e4nzen sich gegenseitig.<\/p>\n<p>Schumpeter pr\u00e4gte den Begriff \u201eSozial\u00f6konomik\u201c mit dem er genau dieses Konzept meinte:\u00a0 Die Wirtschaftswissenschaft sollte breiter aufgestellt sein und \u00fcber eine reine Wirtschaftstheorie hinausgehen. In der Realit\u00e4t war es schwer diese Kombination auf wissenschaftlicher Ebene zu finden. Paul Samuelson betonte sp\u00e4ter genau diesen Erkenntnisgewinn, den sich Schumpeter aufgrund der Interdisziplinarit\u00e4t erhofft hat: \u201eIch glaube, wir suchen alle nach diesem anderen Kerl wie nach einem guten Makler \u2013 dem aus der anderen Disziplin, dessen Interessen mit unseren zusammengehen<em>.<\/em>\u201c Im Unterschied zu Samuelson wollte Schumpeter durch seinen interdisziplin\u00e4ren Ansatz genau diese Suche vermeiden. Von Beginn seiner Karriere an, hoffte er, durch die Anwendung mathematischer Methoden weitreichende Erkenntnisse zu gewinne, die jedoch immer im Kontext einer allgemeinen Wirtschaftswissenschaft zu sehen sind, die weit \u00fcber die Wirtschaftstheorie an sich hinausgeht.<\/p>\n<p>Man kann jedoch auch beobachten, dass im Laufe seines Lebens die Affinit\u00e4t zur Wirtschaftstheorie immer weiter abnahm und die \u00f6konomische Geschichte den Mittelpunkt seines Interesses bildete, was wenig verwunderlich war: Schumpeters mathematische F\u00e4higkeiten blieben weit hinter der formalen Brillanz seines bedeutendsten Sch\u00fclers Paul Samuelson, der gerade damit begonnen hatte, die gesamte Wissenschaft vollst\u00e4ndig umzukrempeln. In der <em>History of Economic Analysis <\/em>leitete er das Unterkapitel <em>Wirtschaftsgeschichte <\/em>folgenderma\u00dfen ein: \u201eWenn ich meine Arbeit auf wirtschaftswissenschaftlichem Gebiet noch einmal beginnen w\u00fcrde, aber nur eines der drei Grundgebiete [\u2026] studieren d\u00fcrfte, so w\u00fcrde ich mich f\u00fcr die Wirtschaftsgeschichte entscheiden\u2026\u201c. Ferner unterscheidet er zwischen einer Geschichte des analytischen \u00f6konomischen Denkens und einer Wirtschaftsgeschichte. Schumpeter hatte ein positivistisches Verst\u00e4ndnis der Theoriegeschichte, weil es ihm explizit darum ging, theoretisch konsistente Ideen zu replizieren und dies nur gelingen w\u00fcrde, wenn man diese sauber von anderen Disziplinen trennt. F\u00fcr die Wirtschaftswissenschaft an sich sieht Schumpeter Wirtschaftsgeschichte und Theoriegeschichte als Komplemente, da sich beide f\u00fcr das ganze Bild erg\u00e4nzen und man daher beide gleicherma\u00dfen ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>In einem gewissen Sinne spiegeln die beiden Werke sein gesamtes Verst\u00e4ndnis der National\u00f6konomie und den damit verbundenen Entwicklungsprozess wider. Seine Metabetrachtung er\u00f6ffnet einen einzigartigen \u00dcberblick \u00fcber die Geschichte der \u00f6konomischen Theorien, beginnend bei Platon bis hin zur damals modernen keynesianischen Makro\u00f6konomik. Einzigartig ist sein Werk deshalb, weil der Universalgelehrte laut seinem Biografen Richard Swedberg nicht nur jeden behandelten \u00d6konomen im Original gelesen hatte, sondern es wie kaum ein anderer vermochte, die Ideen in den geschichtlichen und \u00f6konomischen Kontext einzuordnen. Seine Frau Elizabeth bemerkte im Vorwort der <em>History of Economic Analysis<\/em>, dass er im R\u00fcckblick eigentlich sein ganzes Leben an dem Werk gearbeitet habe und Hayek kommentierte: \u201e\u2026kein Werk ist besser geeignet, ihnen [den jungen \u00d6konomen] vor Augen zu f\u00fchren, was sie wissen sollten, wenn sie nicht nur \u00d6konom, sondern gebildete Menschen sein wollen\u2026\u201c. <strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Das wird bei Schumpeters Beschreibungen \u00fcber die Rolle des Unternehmers in der <em>Theorie der Wirtschaftlichen Entwicklung<\/em> deutlich. Dabei nimmt er die statische allgemeine Gleichgewichtsanalyse als Ausgangspunkt und versucht eine Antwort auf die Frage zu finden, wie sich die Dynamik der Wirtschaft integrieren l\u00e4sst. Die Antwort, die er darauf gibt, ist der Unternehmer als Symbol des Neuen, das aus der Wirtschaft selber kommt. Der Unternehmer befindet sich also innerhalb des statischen Gleichgewichts und unternimmt etwas, das die Produktionsfaktoren ver\u00e4ndert. Schumpeter beansprucht hierbei weniger eine Ursachenanalyse f\u00fcr die Dynamik der Wirtschaft vorzunehmen, sondern bietet eine Art feuilletonistische Beschreibung der Eigenschaften erfolgreicher Unternehmer. Dabei l\u00e4sst er allerdings offen, was genau, einen Unternehmer erfolgreich macht. Dass er im Ungef\u00e4hren bleibt, sollte allerdings nicht als intellektuelle Barriere verstanden werden, sondern als Anschauung der realen wirtschaftlichen Entwicklung. Somit kann die Unternehmer<em>theorie<\/em> auch als eine contradictio in adiecto angesehen werden.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bild: Pixabay Joseph A. 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