{"id":26684,"date":"2020-02-04T00:01:17","date_gmt":"2020-02-03T23:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26684"},"modified":"2020-02-04T14:49:02","modified_gmt":"2020-02-04T13:49:02","slug":"mindestpreise-fuer-lebensmittel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26684","title":{"rendered":"Mindestpreise f\u00fcr Lebensmittel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Bild: Pixabay<\/p>\n<p>Wenige Themen werden so emotional gef\u00fchrt wie die Preissetzung f\u00fcr Lebensmittel. Bauern, die \u00fcber geringe Einkommen klagen, Konsumenten, die einfach keine h\u00f6heren Preise f\u00fcr Lebensmittel zahlen wollen und Tiere, deren Wohl nach aller Wahrscheinlichkeit nicht immer an erster Stelle steht. Schnell werden in der \u00f6ffentlichen Diskussion die Rollen klar verteilt (gute Landwirte, m\u00e4chtiger Handel)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, und es kommen politische Forderungen zur Regulierung, wie z.B. Mindestpreise im Handel auf, die eigentlich nicht mit dem typischen Ordnungsrahmen kompatibel sind.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Diese Polarisierung verstellt oftmals eine problem- und l\u00f6sungsorientierte Sicht auf Probleme im Landwirtschaftssektor und der Wertsch\u00f6pfungskette. Anders gesagt, eine zu starke Polarisierung verhindert oftmals eine k\u00fchle und n\u00fcchterne Analyse, bei der es darum geht, Probleme klar zu identifizieren und dann diese Probleme effizient zu l\u00f6sen. Dies gilt umso mehr, da es im Bereich der Produktion und Bereitstellung von Lebensmitteln typische Problembereiche gibt, f\u00fcr die die \u00f6konomische Theorie einen Markteingriff rechtfertigen kann. Es geht dabei allerdings nicht darum, den Markt au\u00dfer Kraft zu setzen, sondern vielmehr ein Marktversagen abzustellen und somit ein effizientes Funktionieren des Marktes sicherzustellen.<\/p>\n<p>Ein wesentliches Problem im Bereich von Lebensmittelm\u00e4rkten ist, dass Lebensmittel zu einem gro\u00dfen Teil Erfahrungs- oder Vertrauensg\u00fcter sind. D.h., die Qualit\u00e4t bestimmter Lebensmittel kann weder vor dem Konsum, noch nach dem Konsum beurteilt werden. So k\u00f6nnen Tomaten zwar ein attraktives Erscheinungsbild haben, sich aber nach dem Konsum als geschmacklos herausstellen. Anders kann der Einsatz von chemischen Stoffen zu Belastungen von Lebensmitteln f\u00fchren, die vom Konsumenten selbst nicht beobachtet, aber dennoch vermieden werden wollen. Beide Problembereiche f\u00fchren zu Informationsasymmetrien. Der Kunde wei\u00df nicht, welche Eigenschaften das von ihm gekaufte Produkt hat. Ist es stark oder weniger stark mit Chemikalien behandelt worden? Ist das Tierwohl beachtet worden oder eben nicht? Im Extremfall kann der Konsument gar nicht darauf vertrauen, dass ihm eine hohe Qualit\u00e4t verkauft wird, so dass er unter Ungewissheit auch keine n\u00f6tige Zahlung erbringt, die eine h\u00f6here Qualit\u00e4t ben\u00f6tigte, um hergestellt zu werden. Der Markt f\u00fcr h\u00f6here Qualit\u00e4ten bricht dann zusammen. Dieses Problem der asymmetrischen Informationslage ist in der \u00f6konomischen Theorie durch das Akerlofsche Lemons Beispiel<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> bekannt geworden und begr\u00fcndet zu einem gro\u00dfen Teil den Bereich des Verbraucherschutzes. Tats\u00e4chlich wird durch Marken, Siegel und Zertifizierungen gegen die Informationsasymmetrie angegangen, allerdings ist es durchaus wahrscheinlich, dass es hier trotzdem zu Informationslagen kommt, die nicht hinreichend sind und einen Spielraum f\u00fcr Markteingriffe im Sinne des Abbaus dieser Asymmetrien lassen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus hat die Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Fl\u00e4che mit einer Vielzahl positiver und negativer Externalit\u00e4ten zu tun.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> D.h., vereinfacht gesagt, die Produktion der Landwirte wirkt sich sowohl positiv, als auch negativ auf den Nutzen von Dritten aus. Die bewirtschaftete Fl\u00e4che kann so positiv, wie negativ auf das Landschaftsbild wirken, sich positiv oder negativ auf gew\u00fcnschte oder unerw\u00fcnschte Insekten- oder Wildtierpopulation auswirken und sicherlich kann eine mehr oder weniger intensive Nutzung einen Einfluss auf Grundwasserqualit\u00e4ten haben. Dies alles kann nach der klassischen Marktversagenstheorie Eingriffe begr\u00fcnden. Es ist jedoch wichtig, dass hier die jeweiligen Probleme effizient und zielgerichtet angegangen werden. D.h., es muss zuerst einmal eindeutig bestimmt werden, wie welche Externalit\u00e4ten auftreten und wie man eine effiziente L\u00f6sung dieser Probleme gew\u00e4hrleisten kann. Diese Theorien begr\u00fcnden kurzgesagt nicht irgendeinen Eingriff, weil der Markt nicht funktioniert und man besser staatliche faire Preise setzt, sondern einen zielgerichteten Eingriff, der Fehlanreize zielgerichtet korrigiert.<\/p>\n<p>So ist der Markt f\u00fcr Lebensmittel mitnichten frei von Markteingriffen. Ein gro\u00dfer Teil des EU Haushaltes wird f\u00fcr Subventionen des Landwirtschaftssektors verwand.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Dies bedeutet, dass durch diese Subventionen Strukturen gefestigt werden, die nicht zwingend kompatibel mit einem effizienten Markt sind. D.h., dass jede Ver\u00e4nderung, die im politischen Raum geschieht, zur Folge hat, dass gesch\u00fctzte Strukturen ge\u00e4ndert werden. Die Produktion wird auf andere \u2013 politisch gewollte \u2013 Bereiche ausgerichtet. Marktwirtschaftliche Mechanismen werden eben ausgeschaltet. Es setzt sich nicht das effizienteste Unternehmen, das Kundenbed\u00fcrfnisse effizient und korrekt bedient, durch, sondern die Unternehmen, die politische Entscheidungen am ehesten antizipieren. Ein gutes Beispiel ist der Milchmarkt. Hier wurden zuerst Quotierungen der Mengen durchgef\u00fchrt und schlussendlich diese Quotierungen aufgehoben.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Es ist kein Wunder, dass diese Ver\u00e4nderungen zuerst Strukturen schaffen, die ineffizient sind und dann bei Aufhebung zu starken Verwerfungen f\u00fcr alle Beteiligten f\u00fchren. Dieses Beispiel ist dabei sinnbildlich f\u00fcr eine Vielzahl von Eingriffen, die immer wieder zu Ver\u00e4nderungen der Rahmenbedingungen f\u00fchren und dann nat\u00fcrlich zu Unmut bei betroffenen Landwirten f\u00fchren. Das bedeutet aber eben nicht, dass der Markt nicht reguliert werden sollte. Tats\u00e4chlich werden viele regulatorische Eingriffe auch sinnvoll sein. Es ist allerdings wichtig, dass diese gut begr\u00fcndet und zielgerichtet Problembereiche der M\u00e4rkte angehen und die \u00f6konomisch begr\u00fcndeten Marktversagensbereiche korrigieren.<\/p>\n<p>Als Verbindung der Produktion durch Landwirte steht der oftmals kritisierte Handel. Hier wird insbesondere das Ma\u00df an Verhandlungsmacht, das hier als Nachfragemacht deklariert wird, kritisiert. Kunden w\u00fcrden die Produkte zu billig erhalten, Landwirte bek\u00e4men keine Luft zum Atmen und m\u00fcssten alles konsequent als billig und ggf. minderwertig anbieten. Dieser hier schemenhaft skizzierten Argumentationskette muss man verschiedene Punkte entgegenstellen. Tats\u00e4chlich gibt es verschiedene wettbewerbliche Schadenstheorien im Bereich der Nachfragemacht, die jedoch bisher nur schwerlich empirisch verifiziert worden sind. <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> D.h., es k\u00f6nnte sein, dass diese Nachfragemacht Konzentration im Handel reduziert oder auch Produktvielfallt reduziert. Die Annahme aber, Landwirte w\u00fcrden bei weniger Nachfragemacht h\u00f6here Renditen gerne in gl\u00fccklichere Tiere, weniger Chemie und somit schlussendlich weniger Ertrag investieren, scheint jedoch sehr optimistisch, insb. f\u00fcr solche Unternehmen, die an der Schwelle zwischen \u00dcberleben und Schlie\u00dfung stehen. Dies bedeutet auch nicht, dass es kein wettbewerbsrechtliches Eingriffspotential gibt, sondern nur, dass es hinreichend durch tats\u00e4chliche Schadenstheorien, f\u00fcr die es hinreichende Belege geben muss, begr\u00fcndet sein muss.<\/p>\n<p>In der Gesamtschau ergeben sich im Agrarsektor eine Vielzahl gro\u00dfer Problembereiche. Kunden k\u00f6nnen sich nicht immer darauf verlassen, dass sie die Qualit\u00e4ten, die sie wollen, auch erhalten und es kann zu Marktzusammenbr\u00fcchen kommen. Hier m\u00fcssen ggf. neben private Zertifizierungen auch staatliche Qualit\u00e4tssicherungsma\u00dfnahmen eingreifen. D.h. z.B. eine klare Kennzeichnung der jeweiligen Produkte. Bereiche der Externalit\u00e4ten m\u00fcssen klar definiert werden und konsequent und zielgerichtet angegangen werden. Wo Landwirte durch Handel einen Beitrag f\u00fcrs Gemeinwohl erbringen, kann man Kompensation zahlen. Da, wo sie allgemeine Ressourcen verbrauchen (wie z. B. das Grundwasser belasten), m\u00fcssen sie Kompensationen zahlen, oder durch Regulierung dabei eingeschr\u00e4nkt werden. Wichtig ist es, dass man die richtigen Anreize schafft, sodass M\u00e4rkte effizient funktionieren. Dort, wo man bestimmtes Verhalten als Gesellschaft aus moralischen Gr\u00fcnden nicht akzeptieren m\u00f6chte, wie z.B. beim Tierwohl, sollte man diese Praktiken mindestens transparent machen und im Sinne der Verringerung von Informationsasymmetrien agieren, oder eben wirksame Standards setzen. Man sollte nicht darauf hoffen, dass Landwirte, die h\u00f6here Gewinne erzielen, auf diese verzichten und selbstlos in das Wohl der Tiere investieren.<\/p>\n<p>Wenn man Marktversagenstatbest\u00e4nde jedoch korrigiert hat, wird man sich damit auseinandersetzen m\u00fcssen, dass es nicht Ziel von Politik sein sollte, ineffiziente Strukturen zu erhalten oder bestimmte Strukturen als erw\u00fcnscht zu deklarieren. Eine effiziente Regulierung und eine Beschr\u00e4nkung auf tats\u00e4chliche Problembereiche wird dazu f\u00fchren, dass sich neue Strukturen bilden. Es wird zu Verlierern und Gewinnern kommen. Viele Landwirte werden ihre Betriebe so nicht weiterf\u00fchren k\u00f6nnen. Das wird f\u00fcr die einzelnen Betroffenen kein Leichtes sein. Ebenso wenig, wie es f\u00fcr Arbeiter leicht ist, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, wenn sich Strukturen wandeln. Diese Sorgen sollten auch ernst genommen werden. Ob es jedoch fairer ist, dass sich die Betroffenen im Rahmen funktionierender M\u00e4rkte, bei denen eingegriffen wird um Marktversagen m\u00f6glichst zielgenau anzugehen, selbst behaupten k\u00f6nnen, oder, dass ihr Schicksal von politischen Gro\u00dfwetterlagen, St\u00e4rke aktueller Proteste, oder den letzten Wahlergebnissen abh\u00e4ngt, mag schlussendlich jeder selbst entscheiden.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Siehe hierzu auch <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/aldi-lidl-merkel-1.4772017\">https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/aldi-lidl-merkel-1.4772017<\/a> [letzter download 31.01.2020]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Siehe hierzu z. B. <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/ordnungspolitik-der-handel-reagiert-empoert-auf-forderungen-nach-mindestpreisen-fuer-lebensmittel\/25491534.html?ticket=ST-500302-2hfjtdcQsV7GrxJcSy6Y-ap3\">https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/ordnungspolitik-der-handel-reagiert-empoert-auf-forderungen-nach-mindestpreisen-fuer-lebensmittel\/25491534.html?ticket=ST-500302-2hfjtdcQsV7GrxJcSy6Y-ap3<\/a> \u00a0[letzter download 31.01.2020]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Akerlof George A., The Market for Lemons: Quality Uncertantiy and the Market Mechanism, in: Quarterly Journal of Economics Band 84, Nr.3, 1970, S. 488-500<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. f\u00fcr eine Lehrbuchbeschreibung von Externalit\u00e4ten Grundz\u00fcge der Volkswirtschaftslehre, Mankiw N. Gregory, Kapitel 11, Sch\u00e4ffer-Poeschel, Auflage 6, 2016)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Siehe hierzu z.B. im Finanzbericht der Europ\u00e4ischen Kommission <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/budget\/library\/biblio\/publications\/2018\/financial-report_en.pdf\">https:\/\/ec.europa.eu\/budget\/library\/biblio\/publications\/2018\/financial-report_en.pdf<\/a> [letzter download 31.01.2020]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Siehe hierzu z.B. Bundesministerium f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft <a href=\"https:\/\/www.bmel.de\/DE\/Landwirtschaft\/Agrarpolitik\/1_EU-Marktregelungen\/_Texte\/Entwicklungen_am_deutschen_Milchmarkt.html\">https:\/\/www.bmel.de\/DE\/Landwirtschaft\/Agrarpolitik\/1_EU-Marktregelungen\/_Texte\/Entwicklungen_am_deutschen_Milchmarkt.html<\/a> [letzter download 31.01.2020]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Siehe hierzu Monopolkomission, Hauptgutachten XIX (2010\/2011), Nomos-Verlag, 2012, Kapitel 5, <a href=\"https:\/\/www.monopolkommission.de\/images\/PDF\/HG\/HG19\/5_Kapitel_HG_19.pdf\">https:\/\/www.monopolkommission.de\/images\/PDF\/HG\/HG19\/5_Kapitel_HG_19.pdf<\/a> [letzter download 31.01.2020]<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bild: Pixabay Wenige Themen werden so emotional gef\u00fchrt wie die Preissetzung f\u00fcr Lebensmittel. 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