{"id":26759,"date":"2020-03-02T00:01:56","date_gmt":"2020-03-01T23:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26759"},"modified":"2025-10-03T16:58:52","modified_gmt":"2025-10-03T15:58:52","slug":"gastbeitrag-die-wucht-der-deutschen-teilung-wird-voellig-unterschaetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26759","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Die Wucht der deutschen Teilung wird v\u00f6llig untersch\u00e4tzt"},"content":{"rendered":"<p><em>Die \u00f6konomische Wucht der Teilung Deutschlands in Bundesrepublik und DDR vor etwa 70 Jahren wird bis heute v\u00f6llig untersch\u00e4tzt. Aufgrund mehrerer Wellen von Massenabwanderung aus Ostdeutschland driften die Einwohnerzahlen beider Landesteile bis heute massiv und ungebremst auseinander. Auf dem Gebiet von Westdeutschland leben heute so viele Einwohner wie niemals zuvor in der Geschichte, Ostdeutschland ist auf die Einwohnerzahl des Jahres 1905 zur\u00fcckgefallen.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Rund 30 Jahre nach dem Mauerfall sind die optischen Flursch\u00e4den des Sozialismus in Ostdeutschland weitgehend verschwunden. Viele D\u00f6rfer haben sich herausgeputzt, Rath\u00e4user funkeln, Gr\u00fcnderzeit-Altbauten sind kernsaniert. Ihren alten historischen Glanz haben die meisten ostdeutschen St\u00e4dte und Gemeinden zur\u00fcck. Das einzige was ihnen fehlt, sind ihre Einwohner.<\/p>\n<p>Die Einwohnerzahl ist ein wichtiger Indikator f\u00fcr die langfristige Attraktivit\u00e4t und wirtschaftliche St\u00e4rke einer Region. Boomende, attraktive Regionen ziehen verst\u00e4rkt neue Einwohner an und die Geburtenraten steigen. Aus schw\u00e4chelnden Regionen mit weniger guten Perspektiven wandern Menschen dagegen ab, die Einwohnerzahlen sinken. In diesem Beitrag diskutiere ich die Bev\u00f6lkerungsentwicklung von Ost- und Westdeutschland seit dem Jahr 1871 vor. Die zugrundeliegenden Einwohnerzahlen habe ich aus verschiedenen Quellen zusammengetragen.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[1]<\/a> Schon ein erster Blick auf das gesammelte Datenmaterial zeigt: Kaum ein Ereignis hat die j\u00fcngere deutsche Wirtschaftsgeschichte so gepr\u00e4gt wie die Teilung des Landes in Bundesrepublik und DDR im Jahr 1949. W\u00e4re die Einwohnerzahl in Ostdeutschland nach Kriegsende genauso gewachsen wie in Westdeutschland, w\u00fcrden in Ostdeutschland heute rund doppelt so viele Einwohner leben. Dresden und Leipzig (heute ca. 550\u00a0000 Einwohner) w\u00e4ren jeweils Millionenst\u00e4dte! Diese einfachen Rechnungen zeigen, dass das Ausma\u00df und die Persistenz des Auseinanderdriftens zwischen Ost und West in der \u00d6ffentlichkeit immer noch drastisch untersch\u00e4tzt werden: Die Teilung hat die beiden Teile Deutschlands dauerhaft auf v\u00f6llig unterschiedliche Entwicklungspfade geschickt.<\/p>\n<p>In den folgenden Abschnitten stelle ich die Bev\u00f6lkerungsentwicklung von Ost- und Westdeutschland seit dem Jahr 1871 genauer vor. Im Zentrum steht dabei die seit 1949 aufklaffende \u201eTeilungsl\u00fccke\u201c zwischen Ost und West. Anschlie\u00dfend diskutiere ich Implikationen, die sich aus dieser Entwicklung f\u00fcr die aktuelle wirtschafts- und gesellschaftspolitische Debatte zur F\u00f6rderung strukturschwacher Regionen in Ostdeutschland ergeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/266.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/266.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p><strong>Ost- und westdeutsche Geschichte im Zeitraffer<\/strong><\/p>\n<p><strong>1871 bis 1949: Ost und West entwickeln sich v\u00f6llig gleich<\/strong><\/p>\n<p>Bis kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges entwickelten sich die Bev\u00f6lkerungszahlen in Ost- und Westdeutschland nahezu v\u00f6llig identisch (Abb.\u00a01). F\u00fcr eine bessere Vergleichbarkeit habe ich die Einwohnerzahl des Jahres 1936 auf 100 normiert. In diesem Jahr lebten auf dem Gebiet Ostdeutschlands etwa 16 Millionen Einwohner, in Westdeutschland 42 Millionen Einwohner. Zwischen 1871 und 1936 verdoppelte sich die Einwohnerzahl sowohl in Ost- wie auch in Westdeutschland, der Osten war dem Westen manchmal sogar um einige Jahre voraus. Kurz nach Kriegsende verzeichnete Ostdeutschland nochmals einen deutlich st\u00e4rkeren Einwohnerzuwachs als Westdeutschland, da eine \u00fcberproportional hohe Zahl von Vertriebenen aus den Ostgebieten zun\u00e4chst in der damaligen sowjetischen Besatzungszone aufgenommen wurde. Ende der 1940er-Jahre hatten sowohl Ost- wie auch Westdeutschland einen Bev\u00f6lkerungszuwachs von etwa 15 bis 20\u00a0% gegen\u00fcber dem Jahr 1936 zu verzeichnen.<\/p>\n<p><strong>1949 bis 1989: Ost und West driften weit auseinander<\/strong><\/p>\n<p>Die Staatsgr\u00fcndung von Bundesrepublik und DDR im Mai bzw. Oktober 1949 markiert eine fundamentale Wende in der deutsch-deutschen Entwicklung.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[2]<\/a> Etwa seit diesem Jahr driften Ost und West massiv und nahezu ungebremst auseinander. Gut qualifizierte Menschen verlie\u00dfen in den sp\u00e4ten 1940er- und 1950er-Jahren in Scharen die DDR und siedelten in die Bundesrepublik \u00fcber. Bis zum Jahr des Mauerbaus, 1961, hatte Ostdeutschland nahezu den kompletten Bev\u00f6lkerungszuwachs der Jahre 1945 und 1946 von rund 2 Millionen Neub\u00fcrgern wieder verloren. Die Bev\u00f6lkerungszahl in der DDR stagnierte anschlie\u00dfend weitgehend auf dem Vorkriegsniveau bei rund 17 Millionen Einwohnern. In Westdeutschland f\u00fchrten die Massenflucht aus der DDR, der Geburtenboom der 1960er-Jahre sowie der Zuwanderung aus S\u00fcdeuropa dagegen zu einem enormen Anstieg der Bev\u00f6lkerungszahl. Erst Mitte der 1970er-Jahre kam mit Abflauen des Babybooms der Bev\u00f6lkerungswachstum zum Stehen. Westdeutschland war von rund 40 Millionen Einwohner vor dem Krieg auf \u00fcber 60 Millionen Einwohner und damit um fast 50% gewachsen (Ostdeutschland: nahe 0%).<\/p>\n<p><strong>1989 bis 2017: \u201eTeilungsl\u00fccke\u201c verdoppelt sich nochmals<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung im Jahr 1990 setzte sich in Ostdeutschland fort, was durch den Mauerbau im Jahr 1961 scheinbar nur unterbrochen wurde. Wie bereits in der direkten Nachkriegszeit verlie\u00dfen noch einmal Millionen Ostdeutsche ihre Heimat, diesmal getrieben von Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Westdeutschland profitierte ein zweites Mal vom Zuzug junger und gut qualifizierter Menschen aus dem Osten \u2013 die nach 1949 gerissene \u201eTeilungsl\u00fccke\u201c verdoppelte sich seit 1990 nochmals. Westdeutschland hat eine um 60% h\u00f6here Einwohnerzahl als vor dem Zweiten Weltkrieg, Ostdeutschland eine um 15% geringere Einwohnerzahl.<\/p>\n<p><strong>Schlussfolgerungen<\/strong><\/p>\n<p>Die gew\u00e4hlte Langfristperspektive wirft ein neues Licht auf die aktuellen Diskussionen um die vor allem im Osten zu beobachtende Ver\u00e4nderung der politischen Landschaft sowie die k\u00fcnftige Ausrichtung der ostdeutschen F\u00f6rderpolitik. Vor dem Hintergrund der im Osten stark gesunkenen Arbeitslosenquoten, der modernen Infrastruktur und der h\u00fcbsch sanierten St\u00e4dte und D\u00f6rfer besteht in weiten Teilen Westdeutschland ein gro\u00dfes Unverst\u00e4ndnis \u00fcber die zunehmende Unzufriedenheit vieler Ostdeutscher. Abb.\u00a01 offenbart mit der nach 1949 gerissenen \u201eTeilungsl\u00fccke\u201c eine bisher kaum diskutierte m\u00f6gliche Wurzel dieser steigenden Unzufriedenheit. Der seit 1949 anhaltende Bev\u00f6lkerungsschwund pr\u00e4gt die ostdeutsche Bev\u00f6lkerung m\u00f6glicherweise mehr als bisher angenommen. Erschwerend kommen au\u00dferdem neue Entt\u00e4uschungen hinzu, dass die ersehnte Transformation zu Demokratie und Marktwirtschaft nach 1990 am Auseinanderdriften von Ost und West nichts \u00e4nderte, ganz im Gegenteil. Aufgrund der Massivit\u00e4t der langfristigen Entwicklung \u00fcberlagert diese m\u00f6glicherweise alle kurzfristigen Erfolgsmomente wie die gegenw\u00e4rtige Entspannung am Arbeitsmarkt oder den Anstieg der Einkommen seit 1990. Wie stark das Auseinanderfallen von vorkriegsbedingt gepr\u00e4gten hohen Ambitionen und der Ern\u00fcchterung \u00fcber die tats\u00e4chliche Entwicklung die politische Stimmung in Ostdeutschland beeinflusst, bedarf jedoch dringend weiterer Untersuchungen.<\/p>\n<p>Abb.\u00a01 erlaubt auch Schlussfolgerungen bez\u00fcglich der Gestaltung der F\u00f6rderkulisse in Ostdeutschland. Aufgrund von demografischer Ver\u00e4nderung sowie Massenabwanderung ist die Einwohnerzahl im Osten inzwischen auf die des Jahres 1905 zur\u00fcckgegangen. In einigen l\u00e4ndlichen Regionen haben die Bev\u00f6lkerungszahlen gar den Stand von Mitte des 19. Jahrhunderts erreicht, mit weiter r\u00fcckl\u00e4ufiger Tendenz. Gegen\u00fcber den 1850er-Jahren sind die Anspr\u00fcche an \u00f6ffentliche Infrastruktur und Daseinsvorsorge nat\u00fcrlich heute ungleich h\u00f6her. Die Finanz- und F\u00f6rderpolitik in Ostdeutschland muss auf diese Situation geeignete Antworten geben und sich dabei auch dem l\u00e4ndlichen Raum zuwenden. Keine noch so stark auf die gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dte ausgerichtete \u201eLeuchtturmpolitik\u201c wird die seit 1949 aufklappende \u201eTeilungsl\u00fccke\u201c zwischen Ost und West auch nur ansatzweise wieder schlie\u00dfen k\u00f6nnen. Stattdessen drohen bei einer solchen Politik genau solche Regionen abgeh\u00e4ngt und vergessen zu werden, die nach 1949 in einen nicht selbst verschuldeten Sog der Geschichte gerieten.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Arbeitskreis \u201eVolkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der L\u00e4nder\u201c (2018), Bruttoinlandsprodukt, Bruttowertsch\u00f6pfung in den L\u00e4ndern der Bundesrepublik Deutschland 1991 bis 2017, Reihe 1, L\u00e4nderergebnisse Band 1, Erschienen im M\u00e4rz 2018; Tabellen 3.3, 8.3 und 13: Jahr 2017 erg\u00e4nzt im Juni 2018.<\/p>\n<p>Besser, C. (2008): Grunddaten der Bev\u00f6lkerungsstatistik Deutschlands von 1871 bis 1939, GESIS Datenarchiv, K\u00f6ln. ZA8295 Datenfile Version 1.0.0.<\/p>\n<p>Bolt, J., Inklaar, R., de Jong, H. und J. L. van Zanden (2018): Rebasing \u201eMaddison\u201c: new income comparisons and the shape of long-run economic development. \u00a0Maddison Project Working Paper, Nr. 10, (Maddison Project Database, Version 2018).<\/p>\n<p>Eder, C. und M. Halla (2018): On the Origin and Composition of the German East-West Population Gap, IZA Discussion Paper Nr. 12031.<\/p>\n<p>Statistisches Amt der DDR (Hrsg.) (1990): Statistisches Jahrbuch &#8217;90, 35. Jg., Berlin.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[1]<\/a> Siehe die Hinweise zu Abbildung\u00a01. Alle Zahlen beziehen sich auf das Gebiet der fr\u00fcheren Bundesrepublik (Westdeutschland) beziehungsweise der damaligen DDR (Ostdeutschland). Alle \u00fcbrigen ehemaligen deutschen Gebiete, zum Beispiel die nach 1945 abgetrennten Teile Preu\u00dfens \u00f6stlich von Oder und Nei\u00dfe oder Elsa\u00df-Lothringen, sind in den Zahlen <em>nicht<\/em> enthalten. In Westdeutschland ist Westberlin, in Ostdeutschland Ostberlin enthalten. Die Gesamteinwohnerzahl Berlins wurde \u00fcberschl\u00e4gig auf West- und Ostberlin f\u00fcr die Jahre aufgeteilt, in denen keine Zahlen nach Stadtteilen vorliegen. Teilweise beruhen die Zahlenangaben au\u00dferdem auf Sch\u00e4tzungen und Interpolationen, die jedoch die generelle Aussagekraft der Ergebnisse nicht beeintr\u00e4chtigen d\u00fcrften.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[2]<\/a> Eder und Halla (2018) zeigen zudem, dass insbesondere auch die Angst vor einer Besetzung durch die Rote Armee zu einer massiven Abwanderung aus den zun\u00e4chst von der US-Armee befreiten Teilen Ostdeutschlands (z.\u00a0B. Th\u00fcringen) f\u00fchrte und einen erheblichen Teil der \u201eTeilungsl\u00fccke\u201c erkl\u00e4rt.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00f6konomische Wucht der Teilung Deutschlands in Bundesrepublik und DDR vor etwa 70 Jahren wird bis heute v\u00f6llig untersch\u00e4tzt. Aufgrund mehrerer Wellen von Massenabwanderung aus Ostdeutschland driften die Einwohnerzahlen beider Landesteile bis heute massiv und ungebremst auseinander. 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