{"id":26787,"date":"2020-03-12T00:01:36","date_gmt":"2020-03-11T23:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26787"},"modified":"2020-03-12T16:53:51","modified_gmt":"2020-03-12T15:53:51","slug":"novartis-2-zolgensma-sovaldi-und-die-priorisierung-von-gesundheitsleistungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26787","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Novartis (2) <\/font><br\/>Zolgensma, Sovaldi und die Priorisierung von Gesundheitsleistungen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Bild: Pixabay<\/p>\n<p>Novartis hat ein neues Pr\u00e4parat (Zolgensma) entwickelt, das offenbar erfolgreich zur Therapie der Spinalen Muskelatrophie eingesetzt werden kann. In Deutschland ist das Pr\u00e4parat bislang noch nicht zugelassen. Eine Behandlung, dabei handelt es sich um eine einmalige Injektion, die Kleinkindern verabreicht wird, soll mehr als zwei Millionen Dollar kosten. Einen \u00e4hnlichen Fall stellte das 2014 eingef\u00fchrte Medikament Sovaldi der Firma Gilead zur Therapie von Hepatitis C dar, dessen Behandlungskosten sich pro Fall auf etwa 60.000 Euro beliefen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie im System der Gesetzlichen Krankenkassen mit derartigen F\u00e4llen umgegangen werden soll.<\/p>\n<p>Das GKV-System selbst weist die folgenden konstituierenden Merkmale auf:<\/p>\n<ul>\n<li>Solidarit\u00e4tsprinzip<\/li>\n<li>Sachleistungsprinzip<\/li>\n<li>Abdeckung eines umfassenden Gesundheitsschutzes<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das Solidarit\u00e4tsprinzip \u00e4u\u00dfert sich in beitragsunabh\u00e4ngige Leistungen und der Familienmitversicherung (nicht arbeitende Familienmitglieder sind beim Versicherungspflichtigen unter bestimmten Voraussetzungen kostenlos mitversichert). Zur Finanzierung werden von den Mitgliedern einkommensabh\u00e4ngige, aber risikounabh\u00e4ngige Beitr\u00e4ge bis zur H\u00f6he der Beitragsbemessungsgrenze erhoben. Jedoch k\u00f6nnen sich Personen, deren Einkommen \u00fcber der Versicherungspflichtgrenze liegt, dem GKV-System entziehen, und privat versichern.<\/p>\n<p>Das Sachleistungsprinzip sieht vor, dass die Versicherten der GKV medizinische Leistungen erhalten, ohne dass sie daf\u00fcr direkt bezahlen m\u00fcssen. Vielmehr wird die Honorierung der Leistungserbringer direkt (im station\u00e4ren Bereich) oder indirekt (im ambulanten Bereich \u2013 unter Zwischenschaltung der Kassen\u00e4rztlichen Vereinigung) durch die Krankenkassen vorgenommen. Allerdings gibt es im deutschen GKV-System Durchbrechungen dieses Prinzips etwa durch Zuzahlungen bei Medikamenten, Hilfsmittel etc. Freilich bleibt das Ausma\u00df dieser Steuerung meist recht gering.<\/p>\n<p>Das GKV-System bietet einen umfassenden Gesundheitsschutz. So werden nahezu s\u00e4mtliche Leistungen zur Behandlung von Krankheiten, die unter medizinischen Gesichtspunkten als angemessen erscheinen, durch das System bereitgestellt. Daneben bietet es Leistungen zur Verh\u00fctung und Fr\u00fcherkennung von Krankheiten an. Weiterhin geh\u00f6ren zum Leistungsportfolio die Zahlung von Krankengeld, Mutterschaftshilfe und -geld etc.<\/p>\n<p>Das System mit konkurrierenden Krankenkassen finanziert sich gegenw\u00e4rtig vor allem \u2013 wie gerade erw\u00e4hnt \u2013 aus einkommensabh\u00e4ngigen Beitr\u00e4gen, die von den Mitgliedern als prozentualer Anteil am Arbeitseinkommen erhoben werden. Gegenw\u00e4rtig (2020) betr\u00e4gt der Allgemeine Beitragssatz 14,6%. Dazu kommt der Zusatzbeitrag, der sich zwischen den Kassen unterscheidet und zwischen 0% (AOK Sachsen-Anhalt) und 2,2% (BKK Herkules) betr\u00e4gt. Die S\u00e4tze werden h\u00e4lftig durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer getragen.<\/p>\n<p>Dieses System der solidarischen Mitversicherung weist zahlreiche strukturelle Gestaltungsdefizite (z. B. in Form des desintegrierten Aufbaus station\u00e4rer Kapazit\u00e4ten) und eine verhaltensinduzierte Aufbl\u00e4hung des Leistungsvolumens (etwa durch eine angebotsinduzierte Nachfrage) auf. Zudem stellen der demographische Wandel und der technische Fortschritt erhebliche Herausforderungen f\u00fcr dieses System dar:<\/p>\n<p>So wird gesch\u00e4tzt, dass der Alterslastquotient, also das Verh\u00e4ltnis der 65j\u00e4hrigen und \u00e4lteren Personen zu den f\u00fcnfzehn- bis 64j\u00e4hrigen von 32% (2015) auf 59% (2050) ansteigt und sich der Anteil an Einpersonenhaushalten weiterhin erh\u00f6ht (2016: 41,1% der Haushalte). Beides f\u00fchrt zu zunehmenden Leistungsausgaben in der GKV.<\/p>\n<p>Der technische Fortschritt in der Medizin m\u00fcndet in einer massiven Ausweitung des Leistungsspektrums. Hier seien die Fortschritte in der Narkosetechnik, der minimalinvasiven Chirurgie und \u2013 wie bereits eingangs erw\u00e4hnt \u2013 der Pharmakologie genannt. Dabei dominiert beim technischen Fortschritt der Kostenausweitungseffekt offenbar bei weitem den Kostenspareffekt (Barati &amp; Fariditavana 2019; Exemplarisch sei zudem auf eine \u00e4ltere Studie von Peden &amp; Freeland hingewiesen, die den technischen Fortschritt in der Medizin f\u00fcr 70% des Ausgabenzuwachses f\u00fcr die medizinische Versorgung zwischen 1960 und 1993 in den USA verantwortlich machen.).<\/p>\n<p>Es gibt neben den Ineffizienzen des Systems gewaltige Kostentreiber, die bei Beibehaltung der jetzigen Ausgestaltung des GKV-Systems zu einem erheblichen Anstieg des Beitragssatzes f\u00fchren d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Sicherlich w\u00e4re es notwendig, Wirtschaftlichkeitsreserven des Systems durch verst\u00e4rkte wettbewerbliche Elemente zu heben (Stichwort: Ausweitung Kassenwettbewerbs, selektives Kontrahieren). Dennoch werden nicht alle Patienten die evidenz-basiert besten Behandlungsm\u00f6glichkeiten aufgrund der Ressourcenknappheit bekommen k\u00f6nnen. Eine Rationierung kann jedoch nicht die L\u00f6sung sein. Diese L\u00f6sung w\u00fcrde insbesondere bei lebensbedrohlichen Erkrankungen das Gleichheitsprinzip verletzen und zudem die Leistungserbringer in die Situation bringen, bestimmte Betroffene in vergleichbaren Situationen zu pr\u00e4ferieren und damit ihr Berufsethos zu verletzen. Darum besteht die einzige M\u00f6glichkeit in einer Priorisierung. Priorisierung bedeutet, dass bestimmte Behandlungsregimes nach bewusst gew\u00e4hlten Kriterien hierarchisiert, also in eine bestimmte Reihenfolge gebracht werden, d. h., bestimmte Behandlungsregimes werden anderen Behandlungsregimes vorgezogen. Hier wird also nicht ein Behandlungsregime rationiert, also nur manchen zugeteilt, obwohl auch andere den gleichen Anspruch h\u00e4tten, sondern die Priorisierung behandelt alle vergleichbaren Betroffenen gleich, d. h., die Behandlungsma\u00dfnahmen sind f\u00fcr alle gleichen F\u00e4lle gleich. Doch nach welchen Kriterien sollte dies geschehen?<\/p>\n<p>Bereits 1995 legte die Swedish Parliamentary Priorities Commission (vgl. Knoepffler &amp; Daumann 2018, 102) eine Liste von Kriterien vor. Ausgehend von der Menschenw\u00fcrde als zentralem Prinzip betonte die Kommission dar\u00fcber hinaus die Kriterien von Bedarf (need) und Solidarit\u00e4t: Diejenigen Patienten, die den gr\u00f6\u00dften Bedarf haben, sind vorrangig zu behandeln. Dabei sind vulnerable Personen besonders zu ber\u00fccksichtigen. Erst an dritter Stelle wird auch das Kriterium der Kosteneffizienz benannt. Es geht um ein vern\u00fcnftiges Verh\u00e4ltnis zwischen den aufgewendeten Kosten und den damit verbundenen Wirkungen, d. h. eine Verbesserung des Gesundheitszustands bzw. eine Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t. Dabei sollte dieses Prinzip nur im Rahmen der vertikalen Priorisierung zur Anwendung kommen, da die Wirkungen bei unterschiedlichen Krankheiten nicht sinnvoll miteinander verglichen werden k\u00f6nnten. Allerdings wird klargemacht, dass lebensbedrohliche Krankheiten priorit\u00e4r gegen\u00fcber allen \u00fcbrigen Erkrankungen sind.<\/p>\n<p>Auch die Zentrale Ethikkommission bei der Bundes\u00e4rztekammer (ZEKO) hat in ihrer Stellungnahme 2007 \u201eKriterien der Priorit\u00e4tensetzung\u201c Empfehlungen ausgesprochen (vgl. Knoepffler &amp; Daumann 2018, 102f). Dabei werden die drei \u201eschwedischen\u201c Prinzipien von Menschenw\u00fcrde, Bedarf und Solidarit\u00e4t praktisch wortgleich als inhaltliche Kriterien f\u00fcr eine gerechte Priorisierung zugrunde gelegt. Ihnen werden formale Kriterien an die Seite gestellt: Transparenz, nachvollziehbare Begr\u00fcndung, Evidenzbasierung, Konsistenz, also Ernstnehmen des Gleichheitsgebots, Festlegung von Priorisierungsentscheidungen und deren Regulierungen durch legitimierte Institutionen, Offenlegung und Ausgleich von Interessenkonflikten, wirksamer Rechtsschutz f\u00fcr Patienten, denen Leistungen verwehrt werden. Vor diesem Hintergrund entwickelt die ZEKO ein Stufenmodell einer zul\u00e4ssigen Priorisierung: An erster Stelle st\u00fcnden der Lebensschutz, der Schutz vor schwerem Leid und schweren Schmerzen. Hier sei eine Priorisierung nicht mehr sinnvoll. Auf der zweiten Stufe gehe es um den Schutz vor dem Ausfall bzw. der Beeintr\u00e4chtigung wesentlicher Organe und K\u00f6rperfunktionen. Auch hier fordert die ZEKO die vorrangige Verwendung von Mitteln selbst bei Ressourcenknappheit. In beiden F\u00e4llen gelte strikt das Gleichheits- und damit verbunden das Nicht-Diskriminierungsgebot. Eine Rationierung ist auf diesen beiden Stufen ausgeschlossen. Es sind also diese Erkrankungen, f\u00fcr die das Solidarprinzip ausnahmslos gelten sollte.<\/p>\n<p>Eine derartige Priorisierung sollte explizit vorgenommen werden, d.h. anhand dieser Kriterien m\u00fcsste aufgewiesen werden, welche Behandlungsregimes von der Leistungsinanspruchnahme ausgeschlossen werden. Auf diese Weise bleiben die Versicherten gleichgestellt.<\/p>\n<p><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n<p>Barati, M. &amp; Fariditavana, H. (2019), Technology progress and rising healthcare expenditure in the U.S., Applied Economics Letters, Published online: 24 Jun 2019: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/13504851.2019.1631434\">https:\/\/doi.org\/10.1080\/13504851.2019.1631434<\/a>.<\/p>\n<p>Knoepffler, N. &amp; Daumann, F., Gerechtigkeit im Gesundheitswesen, 2. Aufl., Freiburg\/M\u00fcnchen 2018.<\/p>\n<p>Peden, E. A. &amp; Freeland, M. S. (1998), Insurance effects on US medical spending (1960-1993), in: Health Economics, Vol. 7, pp. 671-687.<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge der Serie \u201cNovartis&#8220;<\/strong><\/p>\n<p class=\"entry-title\">Hartmut Kliemt: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26738\">Novartis\u2018 Lotterie des Lebens. <span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Im Spiegel und im Bild der ver\u00f6ffentlichten Meinung<\/span><\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bild: Pixabay Novartis hat ein neues Pr\u00e4parat (Zolgensma) entwickelt, das offenbar erfolgreich zur Therapie der Spinalen Muskelatrophie eingesetzt werden kann. 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