{"id":26867,"date":"2020-03-30T00:00:25","date_gmt":"2020-03-29T23:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26867"},"modified":"2020-03-30T06:41:38","modified_gmt":"2020-03-30T05:41:38","slug":"die-zentralbanken-die-immobilienpreise-und-der-unmut-der-buerger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26867","title":{"rendered":"Die Zentralbanken, die Immobilienpreise und der Unmut der B\u00fcrger"},"content":{"rendered":"<p>Der starke Anstieg der Immobilienpreise in Deutschland um \u00fcber 50% seit dem Jahr 2010 hat eine kontroverse Diskussion \u00fcber die Rolle der Europ\u00e4ische Zentralbank f\u00fcr steil steigende Immobilienpreise und Mieten ausgel\u00f6st. \u00c4hnliche Debatten gibt es in vielen L\u00e4ndern. Haben die Zentralbanken ma\u00dfgeblich zu den Verwerfungen auf den Immobilienm\u00e4rkten beigetragen?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Historie zeigt, dass Zinssenkungen der Zentralbanken immer wieder \u00dcbertreibungen auf den Immobilienm\u00e4rkten nach sich gezogen haben, die oft von \u00dcbertreibungen in anderen Verm\u00f6gensm\u00e4rkten begleitet waren. Beispielsweise l\u00f6sten die Zinssenkungen der Bank von Japan in Reaktion auf eine starke Aufwertung des Yen ab 1986 eine Aktien- und Immobilienblase aus, die 1989 (Aktienmarkt) bzw. 1991 (Immobilienmarkt) platzte. Die Zinssenkungen der US-amerikanischen Fed nach dem Platzen der Dotcom-Blase von 6.5% (2000) auf 1.0% (2003) befeuerten \u2013 zusammen mit anderen Faktoren wie Deregulierung und Finanzinnovation \u2013 den US-Hypothekenmarkt-Boom, der ab 2007 in eine tiefe Finanzkrise f\u00fchrte.<\/p>\n<p>In Spanien, Portugal, Griechenland und Irland bewirkten die Euroeinf\u00fchrung und die Zinssenkungen der Europ\u00e4ischen Zentralbank in Reaktion auf das Platzen der Dotcom-Blase (von 4,75% im Mai 2000 auf 2,00% im Juni 2003) \u00dcbertreibungen auf den Immobilienm\u00e4rkten, die ab 2007 in die europ\u00e4ische Finanz- und Schuldenkrise m\u00fcndeten. Die Krisenpolitik der EZB dr\u00fcckte die kurz- und langfristigen Zinsen, was seit dem Jahr 2010 einen starken Anstieg der Immobilienpreise in Deutschland treibt (siehe Abb. 1).<\/p>\n<p>Steil steigende Immobilienpreise sind ein Risiko f\u00fcr die Finanzmarktstabilit\u00e4t, weil es beim Platzen von Blasen zu Kreditausf\u00e4llen kommt. In der Vergangenheit sind die Blasen meist dann geplatzt, nachdem die Zentralbanken die Zinsen angehoben haben, so auch in Japan, USA und Spanien. Wenn die Immobilienpreise fallen, dann sind viele Kreditnehmer \u00fcberschuldet. Bei den Banken h\u00e4ufen sich faule Kredite, so dass einige in Schieflage geraten. Ansteckungseffekte im Finanzsektor k\u00f6nnen zu einer \u201eKernschmelze\u201c f\u00fchren. Diese Erfahrung d\u00fcrfte ein Grund daf\u00fcr sein, dass die Zentralbanken zuletzt \u2013 trotz neuer \u00dcbertreibungen \u2013 gez\u00f6gert haben, die Zinsen \u00fcberhaupt noch zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/275.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/275.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Es gibt wenig Gr\u00fcnde, einem Immobilienboom durch Regulierung entgegenzuwirken, wie dies oft gefordert wird. Denn Boomphasen auf den Immobilienm\u00e4rkten gehen mit einer guten Konjunktur einher. Preisanstiegserwartungen regen die Baut\u00e4tigkeit an. Da Hausbesitzer sich reicher f\u00fchlen, wird mehr konsumiert. Im US-Hypothekenmarkt-Boom gew\u00e4hrten die Banken f\u00fcr steigende Werte der Immobilien sogar zus\u00e4tzliche Konsumentenkredite. Im Boom sinkt die Arbeitslosigkeit und die L\u00f6hne steigen. Es sprudeln die Steuereinnahmen, was die Regierungen zu h\u00f6heren Ausgaben verf\u00fchrt. Warum bremsen, wenn es allen besser geht?<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist es zudem schwer im Aufschwung \u00dcberbewertungen von Immobilien klar zu identifizieren, auch wenn die Preise steil steigen. Der ehemalige US-Zentralbankpr\u00e4sident Alan Greenspan formulierte in den 1990er Jahren den \u201eJackson Hole Consensus\u201c. Danach k\u00f6nnen Zentralbanken Blasen nicht erkennen und damit auch nicht gegensteuern. Sie k\u00f6nnten lediglich die Sch\u00e4den nach dem Platzen der Blase geringhalten (Mop-up-These). Also werden nach dem Platzen von Immobilien- und anderen Verm\u00f6genspreisblasen die Zinsen rasch gesenkt und damit zur Spekulation auf den Immobilienm\u00e4rkten eingeladen (Greenspan-Put). Das hat dazu gef\u00fchrt, dass durch die Krisentherapien der Zentralbanken neue Blasen entstanden sind, manchmal auch in anderen L\u00e4ndern (wandernde Blasen, Hoffmann und Schnabl 2011). Im Ergebnis sind in den meisten Industriel\u00e4ndern (au\u00dfer Japan) die Immobilienpreise in Zyklen immer weiter angestiegen (siehe Abb. 1).<\/p>\n<p>Das hat Verteilungswirkungen. Niedrige Zinsen helfen nur denen beim \u00fcberteuerten Immobilienkauf, die ausreichend Sicherheiten haben. Es wachsen die Verm\u00f6gen von Immobilienbesitzern, w\u00e4hrend allen anderen der Einstieg ins Eigentum immer mehr erschwert wird. Konzentriert sich der Immobilienbesitz auf reiche Menschen, w\u00e4chst die Verm\u00f6gensungleichheit. Die Ungleichheit zwischen jungen und \u00e4lteren Menschen nimmt zu, weil junge Menschen meist noch keine Immobilien besitzen. Sie m\u00fcssen einen sehr viel h\u00f6heren Anteil ihrer Lohneinkommen f\u00fcr den Kauf einer Immobilie aufwenden als die vorangegangene Generation.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/276.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/276.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Hinzu k\u00f6nnen regionale Verteilungseffekte kommen. Die Europ\u00e4ische Zentralbank hat beispielsweise gro\u00dfe Unternehmen beg\u00fcnstigt, indem sie durch die Anleihek\u00e4ufe im Rahmen des Programms zum Ankauf von Wertpapieren des Unternehmenssektors deren Finanzierungskosten ma\u00dfgeblich gedr\u00fcckt hat. Zudem hat die ultra-lockere Geldpolitik der EZB den Euro stark abgewertet und so den sehr export-orientierten Mittel- und Gro\u00dfunternehmen viel Geld in die Kassen gesp\u00fclt. Weil diese Unternehmen h\u00f6here L\u00f6hne bezahlen und zus\u00e4tzliche Arbeitspl\u00e4tze schaffen k\u00f6nnen, wird dort mehr Wohnraum nachgefragt, wo diese angesiedelt sind.<\/p>\n<p>Auch der Staat profitiert, weil die Zinslasten sinken und die Steuereinnahmen sprudeln. Wenn der zus\u00e4tzliche Ausgabenspielraum \u00fcberproportional in den Verwaltungszentren \u2013 wie z.B. Berlin \u2013 ausgegeben wird, dann steigt dort die Nachfrage nach Wohnraum. Es ziehen Menschen aus der Peripherie zu, wo der Leerstand w\u00e4chst. In den Ballungszentren steigen zusammen mit den Immobilienpreisen die Mieten, weil das Angebot nicht mit der schnell wachsenden Nachfrage schritth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Im Ergebnis ist in vielen L\u00e4ndern der Unmut unter den B\u00fcrgern gro\u00df. In den Zentren wird es eng und teuer. In den Peripherien wird es einsam. Wer pendelt, ist mit Stau konfrontiert. Der Economist hat j\u00fcngst argumentiert, dass die Unerreichbarkeit des Wohneigentums der Grund f\u00fcr die Sehnsucht der Jungen nach einem \u201eMillenniumsozialismus\u201c ist. Der US-Pr\u00e4sidentschaftskandidat Bernie Sanders nimmt derzeit sehr erfolgreich diese Frustration auf.<\/p>\n<p>Selbst die EZB hat den Unmut und das sinkende Vertrauen der B\u00fcrger erkannt (siehe Mersch 2020) und eine Revision ihrer Inflationsberechnung angek\u00fcndigt. Bisher geht Wohnen in den Konsumentenpreisindex nur mit einem Gewicht von 6,5% ein, und nur in Bezug auf die meist staatlich stark kontrollierten Mieten! Eine zuk\u00fcnftige Ber\u00fccksichtigung von selbstgenutztem Wohneigentum k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, dass die Inflation h\u00f6her gemessen wird. Eine daraus resultierende straffere Geldpolitik k\u00f6nnte den negativen Einfluss anhaltend lockerer Geldpolitiken auf die Immobilienm\u00e4rkte etwas eind\u00e4mmen. Ob es dazu kommen wird, bleibt allerdings unsicher.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Mersch, Ives 2020: <a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/press\/key\/date\/2020\/html\/ecb.sp200127~f80408b6da.en.html\">Asset Price Inflation and Monetary Policy.<\/a> Keynote Speech at the Celebration of INVESTAS\u2019 60th Anniversary.<\/p>\n<p>Hoffmann, Andreas \/ Schnabl, Gunther 2011: A Vicious Cycle of Manias, Bursting Bubbles and Asymmetric Policy Responses \u2013 An Overinvestment View. <em>The World Economy <\/em>34, 3, 382-403.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der starke Anstieg der Immobilienpreise in Deutschland um \u00fcber 50% seit dem Jahr 2010 hat eine kontroverse Diskussion \u00fcber die Rolle der Europ\u00e4ische Zentralbank f\u00fcr &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26867\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie Zentralbanken, die Immobilienpreise und der Unmut der B\u00fcrger\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":47,"featured_media":26872,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1897,2282,12],"tags":[196,263,3371,2624,1085],"class_list":["post-26867","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geldpolitisches","category-immobiliaeres","category-monetares","tag-geldpolitik","tag-immobilienblase","tag-immobilienmarkt","tag-schnabl","tag-zentralbanken"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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