{"id":27234,"date":"2020-05-15T08:18:45","date_gmt":"2020-05-15T07:18:45","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27234"},"modified":"2020-05-15T08:18:45","modified_gmt":"2020-05-15T07:18:45","slug":"deutschland-im-homeoffice-sind-wir-fit-fuer-so-viel-digitalisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27234","title":{"rendered":"Deutschland im \u201eHomeoffice\u201c <br\/><font size=3; color=grey>Sind wir fit f\u00fcr so viel Digitalisierung? <\/font>"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Bild: Pixabay<\/p>\n<p>Covid-19 ist derzeit weltweit allgegenw\u00e4rtig. Es stellt auch Deutschlands Besch\u00e4ftigte auf die Probe. Neben gesellschaftlichen Einschr\u00e4nkungen mussten auch am Arbeitsplatz Kraftanstrengungen im Hinblick auf die notwendigen Schutzvorkehrungen getroffen werden. Laut einer YouGov-Umfrage im M\u00e4rz 2020 steht neben Hygienema\u00dfnahmen und der Einhaltung von Abst\u00e4nden das sogenannte \u201eHomeoffice\u201c als Schutzma\u00dfnahme mit an oberster Stelle. Digitale Zuarbeit von daheim ist jetzt angesagt. In Zeiten von Corona sind digitale L\u00f6sungen der Zusammenarbeit in noch st\u00e4rkerem Ma\u00dfe gefordert als zuvor. Aber sind Deutschlands Infrastruktur und seine Besch\u00e4ftigten \u00fcberhaupt fit f\u00fcr so viel digitalisiertes Arbeiten?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Beantwortung dieser Frage hat mehrere Dimensionen. Digitales Arbeiten erfordert das Zusammenspiel von Technik und Mensch. Damit ben\u00f6tigt es erstens eine gute Internetanbindung und damit entsprechende \u00f6ffentliche Infrastruktur, es ben\u00f6tigt zweitens geeignete Hardware und Software auch in den heimischen vier W\u00e4nden, es ben\u00f6tigt drittens technisches Knowhow; es ben\u00f6tigt viertens aber letztlich auch allgemeine Qualifikationsmerkmale. Dies sind namentlich vor allem eine hohe soziale Kompetenz, weil vermehrt im Team Probleme besprochen und bearbeitet werden, eine gute Disziplin, sich daheim nicht von privaten Belangen ablenken zu lassen, und die F\u00e4higkeit, sich kontinuierlich im Hinblick auf die Erfordernisse weiterzuentwickeln.<\/p>\n<p>Schauen wir zun\u00e4chst auf die Meinung der Besch\u00e4ftigten zu ihrem Knowhow: Haben sie das Gef\u00fchl, dass sich die digitale Technik so schnell entwickelt habe, dass sie nicht mehr mithalten k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Aus einer Civey-FES-Umfrage von 2019 geht hervor:<\/p>\n<ul>\n<li>In der j\u00fcngeren Generation haben die Menschen hierzulande generell seltener das Gef\u00fchl, nicht mithalten zu k\u00f6nnen. Aber immerhin 22 Prozent der 18- bis 39j\u00e4hrigen k\u00f6nnen nach eigener Aussage mit der digitalen Technik nicht mithalten.<\/li>\n<li>Betrachtet man hingegen die 50-65-J\u00e4hrigen, so sind hier schon 42 Prozent der Auffassung, dass sie mit der digitalen Technik nicht gut zurechtkommen.<\/li>\n<li>Diese Aussagen werden weitestgehend unabh\u00e4ngig vom Bildungsniveau getroffen. Sowohl diejenigen mit Berufsausbildung (mit 46 Prozent) als auch diejenigen mit mindestens einem Studienabschluss (mit 33 Prozent) haben teilweise Schwierigkeiten mit den Anforderungen der Digitalisierung.<\/li>\n<li>Besch\u00e4ftigte ohne Berufsausbildung zeigen nur mit 38 Prozent Schwierigkeiten im Umgang mit den digitalen Techniken. Ein Studienabschluss hilft also hier nicht wesentlich weiter. Nat\u00fcrlich liegt dies in erster Linie daran, dass Studierte in anderen beruflichen Positionen zu finden sind und sich dementsprechend auch ganz anderen digitalen Anforderungen gegen\u00fcbersehen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es sind vor allem die Studierten, die nun im \u201eHomeoffice\u201c zuarbeiten d\u00fcrfen. Und immerhin ein Drittel von ihnen f\u00fchlt sich mit dem eigenen Knowhow zum Stand der Technik nicht wohl \u2013 selbst bei den J\u00fcngeren ist es noch fast jeder Vierte, der klagt. Woran liegt dies?<\/p>\n<p>Vielleicht ist der hohe Anteil von 33 Prozent der Studierten, die sich den Anforderungen digitaler Technik nicht gewachsen sehen, nicht nur in den unterschiedlichen Anforderungen begr\u00fcndet, sondern liegt auch am allgemeinen Qualifikationsniveau, das sie aus dem Studium mitgebringen. In Deutschlands Managementetagen wird dies zumindest oft so gesehen. Seit l\u00e4ngerem bereits ist unter Deutschlands Personalchefs davon die Rede, dass erstens in Schule und Hochschule digitale Technik eher zu selten genutzt werde, und dass zweitens Studierende viel einfacher einen Abschluss erhielten als fr\u00fcher und damit weniger gut qualifiziert seien.<\/p>\n<p>Ich habe dieses Problem hier im Blog bereits letztes Jahr einmal thematisiert (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=24558\">Bildungsinflation in Deutschland &#8211; Sind wir schon zu akademisiert?<\/a>). Die Statistik zur Inflation von Abschlusszertifikaten Studierender ist \u00fcberraschend eindeutig: Zu sehen ist ein starker Anstieg der Absolventinnen und Absolventen von Fachhochschulen und Universit\u00e4ten zwischen 1995 und 2016. In diesen 21 Jahren hat sich die Zahl der Abschl\u00fcsse mehr als verdoppelt!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/342.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/342.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Das liegt sicherlich nicht an besser vorgebildeten jungen Menschen, welche unsere Schulen verlassen. Der Grund daf\u00fcr ist vielmehr, dass an den Hochschulen die Anforderungen an die Leistung der Studierenden heruntergeschraubt wurden, damit h\u00f6here Bev\u00f6lkerungsanteile eines jeden Jahrgangs ihr Studium erfolgreich absolvieren k\u00f6nnen. M\u00f6glichst viele Absolventinnen und Absolventen vermitteln auf den ersten Blick ja ein positives Gesamtbild von den Fachhochschulen und Universit\u00e4ten, aber auch in der Statistik vom generellen Bildungsniveau Deutschlands. Hiervon profitieren auf den ersten Anschein alle:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Studierenden erhalten die erw\u00fcnschten Abschl\u00fcsse,<\/li>\n<li>die Hochschulen bessere staatliche Finanzierung aufgrund ihrer st\u00e4rkeren Leistung und<\/li>\n<li>die Bundesl\u00e4nder Lob f\u00fcr ihr h\u00f6heres Bildungsniveau.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Verlierer gibt es aber eben auch: Die Unternehmen haben bei der Einstellung der Studierenden mittlerweile Schwierigkeiten, deren Potenzial richtig einzusch\u00e4tzen, weil die Noten im Studium oder der erfolgreiche Abschluss allein nicht mehr aussagekr\u00e4ftig genug sind. Wo fr\u00fcher der Blick auf eine Diplomurkunde gen\u00fcgte, muss heute mit intensiven Bewerbungsverfahren und Assessmentcentern nachgepr\u00fcft werden.<\/p>\n<p>Gerade analytische F\u00e4higkeiten, aber auch Sozialkompetenzen und vor allem die Aneignung zum Selbststudium fehlen vielen Absolventinnen und Absolventen sp\u00e4ter in der Arbeitswelt. Genau sie werden an digitalen Arbeitspl\u00e4tzen aber verst\u00e4rkt ben\u00f6tigt. Die Hochschulabsolventinnen und -absolventen k\u00f6nnen den Anforderungen und den Anpassungen des lebenslangen Lernens daher nicht oder nur unzureichend gerecht werden. Weitgehend verschulte Hochschullehre, in denen Studierende gleich ein halbes Dutzend Pr\u00fcfungen am Ende eines jeden Semesters absolvieren m\u00fcssen, f\u00fchren dazu, dass auswendig gelernte, nur im Kurzzeitged\u00e4chtnis verankerte Elemente des Lehrstoffs in den Klausuren einfach wiedergegeben werden. Gelernt wird nur das, was f\u00fcr die jeweilige Pr\u00fcfung vom Pr\u00fcfer als pr\u00fcfungsrelevant definiert wurde. F\u00fcr einen Studienabschluss reicht dies meist. Der Blick \u00fcber den Tellerrand des Pr\u00fcfungsstoffs unterbleibt aber, die analytischen F\u00e4higkeiten verk\u00fcmmern, und eine Aneignung der F\u00e4higkeit zum Selbststudium und Selbstmanagement wird ebenfalls weit weniger gef\u00f6rdert als zu Zeiten der fr\u00fcheren Diplomstudieng\u00e4nge mit Blockpr\u00fcfungen zum Studienende. F\u00fcr digitalisierte Arbeitswelten ist das ein Riesenproblem.<\/p>\n<p>Absolventinnen und Absolventen steigen daher trotz h\u00f6herem formalen Qualifikationsniveau nicht mehr so fit in den Arbeitsalltag ein, was ihre Produktivit\u00e4t betrifft. Dies kann ein Grund daf\u00fcr sein, dass es in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren zu einem abnehmenden Wachstum der Stundenproduktivit\u00e4t trotz formal h\u00f6herem Qualifikationsniveau der Besch\u00e4ftigten gekommen ist (siehe zur Diskussion dieses Fakts den DIW Wochenbericht 33 \/ 2019, S. 575-585).<\/p>\n<p>Daraus ergibt sich eine zentrale Forderung an die Bildungslandschaft: Hochschulen d\u00fcrfen erstens nur jene Studierende mit einem Abschluss versehen, die ihn wirklich verdient haben. Zweitens m\u00fcssen sie im Hinblick auf die digitale Revolution darauf achten, dass Studierende Sozialkompetenzen, analytische F\u00e4higkeiten und die Aneignung zum Selberlernen erhalten. Dazu w\u00e4ren jedoch gr\u00f6\u00dfere Reformen der Hochschullandschaft erforderlich, und diese w\u00fcrden mit deutlich geringeren Studierendenzahlen einhergehen.<\/p>\n<p>Doch das allein wird nicht reichen, um in Zukunft in den Unternehmen den Einsatz von mehr Digitalisierung am Arbeitsplatz nutzen zu k\u00f6nnen. Denn oftmals beeintr\u00e4chtigt auch die mangelnde digitale Infrastruktur in den Unternehmen und im Homeoffice die Besch\u00e4ftigten. YouGov f\u00fchrte im Auftrag vom eco-Verband der Internetwirtschaft e.V. im M\u00e4rz 2017 eine Umfrage durch, die Unternehmensentscheider nach ihrer Zufriedenheit mit der digitalen Infrastruktur an ihrem Firmenstandort befragte. Aus dieser Befragung geht hervor, dass jeder Vierte der deutschen Unternehmensentscheider unzufrieden mit ihrer digitalen Infrastruktur ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/343.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/343.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Es stellt sich die Frage, wie Besch\u00e4ftigte fit f\u00fcr einen digitalisierten Arbeitsplatz sein sollen, wenn die Unternehmen eine mangelnde Infrastruktur und dementsprechend auch mangelnde technische M\u00f6glichkeiten zur Realisierung eines Homeoffice-Arbeitsplatzes haben. Die technischen Voraussetzungen m\u00fcssen ja ebenso gegeben sein wie die angemessene Qualifikation der Berufst\u00e4tigten im Umgang mit der Technik und allgemein im Umgang mit den ver\u00e4nderten Arbeitsbedingungen.<\/p>\n<p>Bei genauerer Betrachtung besteht also sowohl auf Arbeitnehmer- als auch auf Arbeitgeberseite Qualifikations- und Umsetzungsbedarf, um Besch\u00e4ftigte k\u00fcnftig fit f\u00fcr einen digitalen Arbeitsplatz zu machen. Dieser Bedarf richtet sich vor allem an das Staatswesen \u2013 nur mit einer entsprechenden Bildungsinfrastruktur, die nicht nur auf die Zahl der Absolventinnen und Absolventen schaut, sondern vor allem die Qualifikationsstandards im Blick hat, und mit einer digitalen Infrastruktur, die es den Unternehmen erm\u00f6glicht, die Qualifikationen der Absolventinnen und Absolventen auch entsprechend einzusetzen, kann Deutschland fit werden f\u00fcr die digitale Zukunft.<\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>Bildungsbericht (2018): Bildung in Deutschland 2018, https:\/\/www.bildungsbericht.de\/de\/bildungsberichte-seit-2006\/bildungsbericht-2018\/pdf-bildungsbericht-2018\/bildungsbericht-2018.pdf, letzter Zugriff: 30.04.2020.<\/p>\n<p>DIW (2019): Produktivit\u00e4tswachstum sinkt trotz steigendem Qualifikationsniveau der Erwerbst\u00e4tigen, Wochenbericht 33 \/ 2019, S. 575-585, https:\/\/www.diw.de\/de\/diw_01.c.672546.de\/publikationen\/wochenberichte\/2019_33_3\/produktivitproduktivita_sinkt_trotz_steigendem_qualifikationsniveau_der_erwerbstaetigen.html, letzter Zugriff: 30.04.2020.<\/p>\n<p>Eco Digitalpolitik Berlin (2017): Netzpolitisches Forum \u2013 \u201eDigitale Agenda 2017-2021\u201c Netzpolitische Visionen und Notwendigkeiten, http:\/\/eco-digitalpolitik.berlin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Netzpolitisches-Forum_Web.pdf, letzter Zugriff: 30.04.2020.<\/p>\n<p>Friedrich-Ebert-Stiftung (2019): Umfrage: Digitalisierung in Deutschland \u2013 Vorbereitung auf digitale Technologien nach Alter und Berufsbildung, https:\/\/www.fes.de\/umfrage-digitalisierung-in-deutschland, letzter Zugriff: 30.04.2020.<\/p>\n<p>YouGov (2020): Homeoffice wegen Corona: Nicht alle k\u00f6nnen, nicht alle wollen, viele m\u00fcssen, https:\/\/yougov.de\/news\/2020\/03\/27\/homeoffice-wegen-corona-nicht-alle-konnen-nicht-al\/, letzter Zugriff: 30.04.2020.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bild: Pixabay Covid-19 ist derzeit weltweit allgegenw\u00e4rtig. 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