{"id":27385,"date":"2020-05-27T09:27:04","date_gmt":"2020-05-27T08:27:04","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27385"},"modified":"2020-10-10T12:52:35","modified_gmt":"2020-10-10T11:52:35","slug":"verhaeltnismaessigkeit-ist-die-neue-freiheit-liberalismus-in-der-coronakrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27385","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit ist die neue Freiheit <br\/><font size=3; color=grey>Liberalismus in der Coronakrise <\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Liberale haben es immer schwer, aber derzeit besonders. Liberale \u2013 und ich verwende diesen Begriff im weiten Sinn des Wortes \u2013 sind in den meisten Gesellschaften schon immer nur eine kleine Minderheit. Aber in der Coronakrise zeigt sich dies in einer Drastik, die erschreckend ist.<\/p>\n<p>In vermutlich allen Gesellschaften sind latent viele \u00c4ngste und \u2013 sagen wir es vorsichtig \u2013 sehr problematische Haltungen vorhanden, die im Allgemeinen, jedenfalls in Demokratien, unter der Decke bleiben. Aber in Krisen wie dieser kommen sie zum Vorschein: wir sehen sie bei jenen, die blindlings die sch\u00e4rfstm\u00f6glichen Restriktionen fordern, \u00fcber die, die jede Diskussion \u00fcber Lockerungen oder alternative Wege verbieten und verhindern wollen, bis zu jenen, die sich im Alltag als Aufpasser und Blockwarte gerieren.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Aus Angst lassen sich viele Menschen bereitwillig einschr\u00e4nken \u2013 aber manche nicht. Manche hinterfragen das Ganze oder Teilma\u00dfnahmen. Warum?<\/p>\n<p>Liberale argumentieren mit Freiheit(en): das Problem ist meist, dass dies vielen anderen als Argument nicht reicht. Freiheit, so wird entgegnet, stehe schon immer unter vielen Bedingungen und Einschr\u00e4nkungen. Ohne die philosophische Debatte von Jahrhunderten hier aufarbeiten zu wollen, so kann man sicherlich sagen, dass der klassische Liberalismus mit seinem Freiheitsbegriff im emphatischen Sinn \u2013 so sympathisch ich ihn finde \u2013 schwierig zu verteidigen ist. Aber es gibt ja Alternativen: Freiheiten verstanden als Grundrechte, die nicht durch Mehrheitsentscheidungen ausgehebelt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft es, in einer Krise wie dieser auf Freiheiten als Grundrechten zu bestehen? Selbst wenn man zugesteht, dass Lockdown-Ma\u00dfnahmen grunds\u00e4tzlich gerechtfertigt sein m\u00f6gen (was durchaus hinterfragt werden kann, dazu komme ich noch), dann m\u00fcssen solche Ma\u00dfnahmen immer auch <em>verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig<\/em> sein. Und das gilt umso mehr f\u00fcr Ma\u00dfnahmen, die \u00fcber l\u00e4ngere Zeit freiheitseinschr\u00e4nkend bestehen bleiben.<\/p>\n<p>Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit ist ein grundlegendes Prinzip der Demokratie. Es besagt, dass s\u00e4mtliche Vor- und Nachteile einer Ma\u00dfnahme\u00a0abgewogen werden m\u00fcssen. Es besagt au\u00dferdem, dass untersucht werden muss, ob es ein anderes Mittel gibt, das in gleicher (oder sogar besserer) Weise geeignet ist, den Zweck zu erreichen, aber den Betroffenen und die Allgemeinheit weniger belastet.\u00a0Zum Beispiel: einen Ladendieb zu erschie\u00dfen, um ihn an der Flucht zu hindern, ist unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig. Eine umfassende milit\u00e4rische Intervention zu starten, um einen Cyberangriff abzuwehren, wird in der Regel unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sein.<\/p>\n<p>Die Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit in der Coronakrise werde ich im Folgenden an f\u00fcnf verschiedenen Aspekten diskutieren:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Fehlende Diskussionsoffenheit<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Bereits zum Anfang der Coronakrise ist mir sehr fr\u00fch die mangelnde Diskussionsoffenheit aufgefallen. Der Tenor lautete vielerorts: Alles muss in eine Richtung laufen. Das ist einer demokratischen Gesellschaft und dem Stil der Debattenf\u00fchrung nicht angemessen. Julian Nida-R\u00fcmelin etwa hat wiederholt darauf hingewiesen (etwa: <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/politik\/philosoph-nida-rumelin-nicht-ausgrenzen-sondern-einbeziehen-JX3EQZJL6FHL3CEGZCK2HYHT2I.html\">https:\/\/www.rnd.de\/politik\/philosoph-nida-rumelin-nicht-ausgrenzen-sondern-einbeziehen-JX3EQZJL6FHL3CEGZCK2HYHT2I.html<\/a>).<\/p>\n<p>Diskussionsoffenheit hei\u00dft grunds\u00e4tzlich: alternative Auffassungen zu h\u00f6ren. Verhindern, dass eine Monokultur entsteht \u2013 denn genau das ist in der Coronakrise lange der Fall gewesen, zum Teil bis heute.<\/p>\n<p>Insbesondere wurde im Verlauf der Krise dieser Fehler weiter verst\u00e4rkt: Nachdem die Politik in den Augen vieler eine Weile zun\u00e4chst den Eindruck eines eher rationalen Umgangs mit dem Virus vermittelte, geriet der Begriff \u201e\u00d6ffnungsdiskussionsorgien\u201c in die Debatte. Damit entstand der Eindruck, dass nicht nur die Ma\u00dfnahmen nicht hinterfragt werden d\u00fcrfen, sondern dass man dar\u00fcber nicht einmal diskutieren d\u00fcrfe. Das ist nicht nur unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig, es ist schlicht unvereinbar mit demokratischen Werten.<\/p>\n<p>Noch ein dritter Punkt in diesem Zusammenhang: Egal wie man zu dem schwedischen Ansatz in der Coronakrise steht, es ist schon erstaunlich, dass die Berichterstattung dar\u00fcber oft so massiv verzerrt wurde und wird. Gerade in den deutschen Medien wurde regelm\u00e4\u00dfig versucht, den Weg als gescheitert (<a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/ausland\/id_87785966\/schweden-und-das-coronavirus-das-schwedische-modell-geraet-ins-wanken.html\">https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/ausland\/id_87785966\/schweden-und-das-coronavirus-das-schwedische-modell-geraet-ins-wanken.html<\/a> ; <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/schweden-coronavirus-1.4904015\">https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/schweden-coronavirus-1.4904015<\/a> ) oder als schlimm darzustellen (<a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.strategie-gegen-corona-schweden-taugt-nicht-als-vorbild.0af6a9c3-e274-435e-90e4-f013efb7edf0.html\">https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.strategie-gegen-corona-schweden-taugt-nicht-als-vorbild.0af6a9c3-e274-435e-90e4-f013efb7edf0.html<\/a>). Immer wieder wurde f\u00e4lschlicherweise berichtet, dort w\u00fcrde man Alte sterben lassen, was auf einem einzigen nichtoffiziellen Paper basierte, das die schwedische Seite mehrfach dementierte (<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/faktenfinder\/corona-schweden-intensivmedizin-101.html\">https:\/\/www.tagesschau.de\/faktenfinder\/corona-schweden-intensivmedizin-101.html<\/a> ). Ich komme auf das Modell Schweden zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Insgesamt f\u00fchrte die fehlende Diskussionsoffenheit \u2013 au\u00dfer zu massiven Anfeindungen \u2013 dazu, dass bestimmte, neben dem virologischen ebenso relevante, Gesichtspunkte in der Krise kaum noch angesprochen werden konnten. Bei allem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr politisches Handeln: hier ist die Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit gleich zu Anfang abhandengekommen. Mittlerweile wird die Diskussion immer schwieriger, wenn man sieht, was in den Demonstrationen und auf den Stra\u00dfen passiert. Es wird vor einer weiteren Eskalation wie mit den Pegida-Demonstrationen gewarnt. Die Schwierigkeiten der Debatte h\u00e4ngen dabei mit dem zweiten Punkt zusammen:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Einseitigkeit und fehlende Abw\u00e4gung unterschiedlicher Aspekte <\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Seit Beginn der Coronakrise dominierte \u2013 zumindest f\u00fcr lange Zeit \u2013 ein einziger Gesichtspunkt alles: Die medizinische, und noch spezieller: die virologische Sichtweise einiger Experten. Ich will diese Expertise gar nicht in Frage stellen, obwohl auch hier immer deutlicher wird, dass die medizinische Seite von Corona und COVID-19 alles andere als eindeutig ist.<\/p>\n<p>Jedenfalls bin ich nicht der Auffassung, dass die virologische Seite alle anderen \u00fcberwiegen sollte. Ich glaube, dass auch andere Wissenschaften, Ethik, Rechtswissenschaft, \u00d6konomie, Psychologie und andere wichtige Rollen zu spielen haben, weil es auch in der Coronakrise \u2013 und in der jetzt folgenden Wirtschaftskrise \u2013 wesentlich darauf ankommt, Abw\u00e4gungen zu treffen und dabei den Gesichtspunkt der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit im Auge zu behalten. Ethik und Rechtswissenschaft sind daf\u00fcr pr\u00e4destiniert, in der Diskussion unterschiedliche Aspekte zusammenzubringen, eine Einseitigkeit der Diskussion zu vermeiden und Gesamtabw\u00e4gungen aller Aspekte zu empfehlen. Das ist bereits in der Stellungnahme des deutschen Ethikrates vom 7.4. gut zum Ausdruck gekommen (<a href=\"https:\/\/www.ethikrat.org\/pressekonferenzen\/der-deutsche-ethikrat-zur-corona-krise\/\">https:\/\/www.ethikrat.org\/pressekonferenzen\/der-deutsche-ethikrat-zur-corona-krise\/<\/a>): Auch der Ethikrat ruft darin nach einer Gesamtabw\u00e4gung aller Aspekte und weist darauf hin, dass solche Abw\u00e4gungen unter dem Stichwort \u201eTriage\u201c bereits seit langem in Medizin und Medizinethik diskutiert und praktiziert werden. Ein allgemeines\u00a0Lebensrisiko\u00a0ist demnach \u201evon jedem zu akzeptieren\u201c, und eine Sichtweise, die den Wert des Lebens \u00fcber alles stellt und andere Gesichtspunkte ausschlie\u00dft, ist abzulehnen. Was f\u00fcr manche hart klingen mag, ist eine letztlich unvermeidliche Abw\u00e4gung: wenn man jedes Leben um jeden Preis retten will, riskiert man an anderer Stelle schwere Nachteile und Sch\u00e4digungen.<\/p>\n<p>Denn es ist nicht erst jetzt klar, sondern war bereits fr\u00fchzeitig abzusehen, dass es \u00fcber die Coronakrise als medizinischer Krise im engeren Sinne hinaus auch eine Wirtschaftskrise geben wird \u2013 sie ist bereits da. Das wiederum hei\u00dft, es werden andere Sch\u00e4den aus der Coronapolitik entstehen als die, dass Menschen unmittelbar an der Krankheit (oder mit dem Virus) sterben (und ich \u00fcbergehe hier bewusst die Diskussion, ob tats\u00e4chlich im Wesentlichen \u00e4ltere Menschen und solche mit schweren Vorerkrankungen an COVID-19 sterben, wof\u00fcr es viele Indizien gibt). Getroffen sind Unternehmen und Wirtschaftszweige in vielen Bereichen, die von heute auf morgen schlie\u00dfen mussten. Die Zahlen und Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute belegen diesen drastischen Einbruch. Wie immer man die Notwendigkeit dieser Ma\u00dfnahmen sieht, eins ist klar: Man kann eine Wirtschaft sehr schnell ausschalten, aber man kann sie nicht so schnell wieder einschalten. Die Produktion kann man sicherlich schneller hochfahren als andere Bereiche, doch auch da gibt es Probleme mit Lieferketten. Vor allem aber geht es um den Konsum, denn die Konsumlaune ist extrem gesunken (<a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.handel-in-der-corona-krise-historisch-schlechte-konsumlaune-sinkt-weiter.6985bd7c-02c4-4e15-8f02-ac4cd52ab066.html\">https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.handel-in-der-corona-krise-historisch-schlechte-konsumlaune-sinkt-weiter.6985bd7c-02c4-4e15-8f02-ac4cd52ab066.html<\/a> ; <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/sachsen\/staedtetagspraesident-jung-warnt-vor-leeren-innenstaedten-100.html\">https:\/\/www.mdr.de\/sachsen\/staedtetagspraesident-jung-warnt-vor-leeren-innenstaedten-100.html<\/a> ). Allgemeiner gesagt: Menschen m\u00fcssen erst deutlich mehr Vertrauen in die Zukunft gewinnen, um st\u00e4rker kurz- und langfristige Investitions- und Konsumentscheidungen zu treffen. Die Politik tr\u00e4gt mit ihren Ma\u00dfnahmen derzeit wenig dazu bei, dieses Vertrauen zu st\u00e4rken. Und die Steuereinnahmen brechen drastisch ein: Man rechnet bereits jetzt mit Steuermindereinnahmen von mehreren hundert Milliarden Euro \u2013 es ist zu bef\u00fcrchten, dass dies erst der Anfang ist.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon gibt es weitere Effekte des Lockdowns, die sich l\u00e4ngerfristig auswirken werden. Menschen trauen sich nicht, zum Arzt zu gehen, selbst zu notwendigen Operationen (<a href=\"https:\/\/www.focus.de\/gesundheit\/news\/drastischer-rueckgang-erste-studie-zeigt-wie-viele-patienten-sich-wegen-corona-nicht-behandeln-liessen_id_11988988.html\">https:\/\/www.focus.de\/gesundheit\/news\/drastischer-rueckgang-erste-studie-zeigt-wie-viele-patienten-sich-wegen-corona-nicht-behandeln-liessen_id_11988988.html<\/a>). Wartezimmer sind leer, Krebs wird zu sp\u00e4t erkannt und Krebs-Operationen verschoben (<a href=\"https:\/\/www.bild.de\/bild-plus\/politik\/inland\/politik-inland\/folgen-der-corona-massnahmen-52-000-krebs-ops-verschoben-70820748\">https:\/\/www.bild.de\/bild-plus\/politik\/inland\/politik-inland\/folgen-der-corona-massnahmen-52-000-krebs-ops-verschoben-70820748<\/a> ), wie \u00c4rzte im ganzen Land berichten. Und das hat massive Folgen, wie die Vergangenheit lehrt: es wird gesch\u00e4tzt, dass die Finanzkrise 2008 zu einer halben Million zus\u00e4tzlicher Krebstoter weltweit gef\u00fchrt hat (<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/gesundheit\/diagnose\/krebstote-durch-finanzkrise-zusaetzlich-starben-500-000-menschen-a-1094316.html\">https:\/\/www.spiegel.de\/gesundheit\/diagnose\/krebstote-durch-finanzkrise-zusaetzlich-starben-500-000-menschen-a-1094316.html<\/a> ). Krankenh\u00e4user im ganzen Land stehen leer, weil Intensivkapazit\u00e4ten vorgehalten wurden f\u00fcr Coronapatienten, die nicht kamen. Daf\u00fcr sind andere Betten nicht belegt, und Gesundheitseinrichtungen schreiben paradoxerweise sogar hohe Verluste (<a href=\"https:\/\/www.bz-berlin.de\/berlin\/corona-effekt-bisher-ausgeblieben-viele-betten-leer-berlins-kliniken-streben-behutsame-oeffnung-an\">https:\/\/www.bz-berlin.de\/berlin\/corona-effekt-bisher-ausgeblieben-viele-betten-leer-berlins-kliniken-streben-behutsame-oeffnung-an<\/a> ).<\/p>\n<p>Hier sind Abw\u00e4gungen offensichtlich nicht richtig getroffen worden: An dieser Erkenntnis kommen wir nicht vorbei. Auch die WHO warnt davor, dass die negativen Auswirkungen des Lockdowns \u00fcberwiegen (<a href=\"https:\/\/www.telegraph.co.uk\/global-health\/science-and-disease\/unicef-warns-lockdown-could-kill-covid-19-model-predicts-12\/\">https:\/\/www.telegraph.co.uk\/global-health\/science-and-disease\/unicef-warns-lockdown-could-kill-covid-19-model-predicts-12\/<\/a>). Und auf den Impfstoff k\u00f6nnen wir nicht warten, es ist v\u00f6llig ungewiss, wann es ihn geben wird.<\/p>\n<p>Hier Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit einzufordern, hei\u00dft: die Notwendigkeit verantwortungsvoller Gesamt-Abw\u00e4gungen zu betonen. Eine Politik, die die Krise nur von einem Standpunkt betrachtet, handelt nicht verantwortungsvoll.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit von Regeln<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Mittlerweile sind ja einige Lockerungen in der Coronakrise zu verzeichnen. Ein wesentliches Problem stellen jetzt jedoch die Regeln da, mit denen viele \u00d6ffnungen verbunden wurden. Vieles ist nicht verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig. Der Chef eines gro\u00dfen M\u00fcnchner Modehauses \u00e4u\u00dferte sich k\u00fcrzlich wie folgt: \u201eMein selbstverst\u00e4ndliches Vertrauen in unsere freiheitliche Grundordnung und in den gesunden Menschenverstand ist schon ein wenig ins Wanken geraten&#8230; es gab und gibt schon recht viele f\u00fcr mich nicht mehr nachvollziehbare Verf\u00fcgungen\u201c. (<a href=\"https:\/\/etailment.de\/news\/stories\/Reden-wir-ueber-Corona-Hirmer-Chef-Troch-Mein-gesunder-Menschenverstand-ist-ein-wenig-ins-Wanken-geraten-23021\">https:\/\/etailment.de\/news\/stories\/Reden-wir-ueber-Corona-Hirmer-Chef-Troch-Mein-gesunder-Menschenverstand-ist-ein-wenig-ins-Wanken-geraten-23021<\/a> )<\/p>\n<p>Ein zentrales Thema, das auch zu den derzeitigen Protesten beitragen d\u00fcrfte, ist die Maskenpflicht. Die Politik legte sich an einem bestimmten Punkt in dieser Krise auf die Maskenpflicht fest, obwohl Mediziner lange Zeit davor gewarnt hatten. Man kann durchaus \u00fcber die Maskenpflicht im \u00f6ffentlichen Nahverkehr reden \u2013 das sind in der Regel kurze Strecken. Das ist machbar. Aber die Maskenpflicht in Gesch\u00e4ften ist eine unn\u00f6tige Belastung und ein schwerer Fehler der Politik: Sie ist schlicht ein Konsumkiller. Man sieht es in Deutschland (<a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/wirtschaft\/coronavirus-innenstaedte-100.html\">https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/wirtschaft\/coronavirus-innenstaedte-100.html<\/a>), und man sieht es bereits seit Monaten in China (<a href=\"https:\/\/de.yahoo.com\/news\/china-erst-mal-lie-nichts-171412031.html\">https:\/\/de.yahoo.com\/news\/china-erst-mal-lie-nichts-171412031.html<\/a> ): Menschen lassen sich nicht in die Gesch\u00e4fte zwingen. Und das Online-Gesch\u00e4ft (das im \u00dcbrigen in erster Linie den Gro\u00dfen wie Amazon zugute kommt) kann das nicht kompensieren. Bei den derzeitigen Einschr\u00e4nkungen konsumieren die Menschen einfach deutlich weniger.<\/p>\n<p>Und ein Blick in andere europ\u00e4ische L\u00e4nder zeigt, dass es diese Maskenpflicht in vielen ausdr\u00fccklich nicht gibt. Dazu z\u00e4hlen nicht nur Schweden, sondern etwa auch D\u00e4nemark, Norwegen, die Niederlande, Island, Finnland, die Schweiz, Gro\u00dfbritannien und Irland. Sogar Frankreich mit seinen hohen Zahlen an Infizierten und Toten hat am 11.5. wieder Gesch\u00e4fte ge\u00f6ffnet \u2013 ohne allgemeine Maskenpflicht (sie gilt dort nur im \u00d6PNV). Die Politik w\u00e4re gut beraten, diese Maskenpflicht sofort abzuschaffen \u2013 sie ist \u00fcberfl\u00fcssig und tr\u00e4gt auch wesentlich zu den aktuellen \u00f6ffentlichen Eskalationen bei.<\/p>\n<p>Masken im Alltag sind nicht etwas, das man einfach mal so einf\u00fchren kann. Ich bin selber viel in Japan beruflich unterwegs. In Deutschland herrscht oft der Eindruck vor, Japaner w\u00fcrden \u00fcberall und st\u00e4ndig Masken aufsetzen. Tats\u00e4chlich tun das mehr Leute als hier \u2013 allerdings freiwillig. Und vor allem war das nicht immer so, sondern ist Ergebnis eines l\u00e4ngeren kulturellen Prozesses. Wenn man versucht, von heute auf morgen so etwas einzuf\u00fchren, wird das zu Verwerfungen f\u00fchren, das war vorhersehbar. Aber es ist auch absolut unn\u00f6tig, man sieht es in anderen L\u00e4ndern, die Masken nicht eingef\u00fchrt haben: die Infektionszahlen steigen nicht. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nun ausgerechnet der einzige Ministerpr\u00e4sident der Linken, Bodo Ramelow, als erster angek\u00fcndigt hat, die Corona-Ma\u00dfnahmen einschlie\u00dflich der Maskenpflicht zu beenden: die Linke erweist sich als Vork\u00e4mpfer von Freiheit und Grundrechten.<\/p>\n<p>Warum f\u00fchrte man \u00fcberhaupt solche Ma\u00dfnahmen ein \u2013 nachdem die B\u00fcrger schon einen langen Lockdown hinter sich gebracht hatten und eigentlich h\u00e4tten aufatmen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Zum einen wurde und wird immer noch mit einer m\u00f6glichen zweiten Welle argumentiert. Diese Angst vor einer zweiten Welle ist aber, wenn man sich die Gesamtsituation ansieht, vollkommen unbegr\u00fcndet. Es gibt in keinem der L\u00e4nder, in denen das Infektionsgeschehen schon viel fr\u00fcher angefangen hat als in Europa, eine zweite Welle. Es gibt sie nicht in S\u00fcdkorea oder anderen asiatischen L\u00e4ndern. Es gibt sie insbesondere auch nicht in Singapur, wie gelegentlich behauptet wurde, in den Zahlen ist lediglich eine einzige Welle (auf sehr niedrigem Niveau) erkennbar, die zwischendurch wieder etwas anstieg, um anschlie\u00dfend wieder zu fallen. Vor allem aber hat es auch bei fr\u00fcheren Pandemien (etwa der Asiatischen Grippe 1957\/58 oder der Hongkong-Grippe 1968\/69) nie eine zweite Welle gegeben, au\u00dfer bei der Spanischen Grippe. Das ist das einzige Beispiel daf\u00fcr, auf das auch immer wieder Bezug genommen wird. Und die Spanische Grippe hatte ihre Besonderheiten, \u00a0sie ist in vieler Hinsicht und von ihren Auswirkungen her auf gar keinen Fall vergleichbar mit dem aktuellen Geschehen (<a href=\"https:\/\/www.focus.de\/wissen\/mensch\/medizinhistoriker-salfellner-im-gespraech-viele-vergleichen-spanische-grippe-mit-corona-doch-die-unterschiede-sind-massiv_id_11990944.html\">https:\/\/www.focus.de\/wissen\/mensch\/medizinhistoriker-salfellner-im-gespraech-viele-vergleichen-spanische-grippe-mit-corona-doch-die-unterschiede-sind-massiv_id_11990944.html<\/a> ).<\/p>\n<p>Und das zweite ist der schwedische Weg. Ich habe schon erw\u00e4hnt, dass die Vorgehensweise Schwedens in \u00f6ffentlichen Diskussionen in Deutschland in einer Weise verteufelt wurde, die schon fast nicht mehr verst\u00e4ndlich ist \u2013 au\u00dfer dass mancherorts Angst vor einer Kontrollgruppe herrscht. Denn wenn diese Kontrollgruppe ergibt, dass der ganze Lockdown m\u00f6glicherweise nicht n\u00f6tig war, dann d\u00fcrfte das Auswirkungen auf die allgemeine Stimmung und die politische Landschaft haben. Nochmal: Ich will hier gar nicht \u00fcber die Sinnhaftigkeit des Lockdowns entscheiden. Aber die Zahlen in Schweden sind doch sehr interessant. Sie sind sicherlich nicht perfekt, Schweden hat nicht die niedrigsten Todeszahlen pro Kopf. Sie sind aber auch nicht so schlecht, dass man den schwedischen Weg f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4ren kann. Experimente mit ihrer Bev\u00f6lkerung haben, in der einen oder anderen Hinsicht, letztlich alle L\u00e4nder angestellt. Bei den Todeszahlen zeigt sich (lt. ourworldindata.org): die schwedischen Zahlen (etwa die der Toten im Verh\u00e4ltnis zur Bev\u00f6lkerung) liegen (z.T. deutlich) unter denen vieler anderer europ\u00e4ischer L\u00e4nder. Sie liegen etwas h\u00f6her als jene von D\u00e4nemark und Norwegen, das ist richtig, aber auch nicht um Gr\u00f6\u00dfenordnungen. Sie liegen etwa in \u00e4hnlicher H\u00f6he wie jene der Niederlande und deutlich niedriger als jene von etwa Gro\u00dfbritannien, Spanien, Frankreich, Italien oder Belgien. Und: die schwedischen Zahlen gehen in gleicher Weise zur\u00fcck wie die der anderen L\u00e4nder. Der immer mal wieder beschrieene Anstieg ist ausgeblieben. Aber das Wichtige ist, dass die Schweden eine Abw\u00e4gung getroffen haben und zwar eine Abw\u00e4gung, bei der die gesellschaftlichen Kosten in ihrer Gesamtheit ber\u00fccksichtigt wurden. Mit Kosten meine ich nicht nur monet\u00e4re Kosten, sondern auch die Kosten f\u00fcr das Leben der Menschen: f\u00fcr Eltern, f\u00fcr Kinder, f\u00fcr K\u00fcnstler, Unternehmer und Arbeitnehmer, f\u00fcr Selbstst\u00e4ndige, f\u00fcr Gastronomen und f\u00fcr viele andere. Auch in Schweden gab es durchaus Einschr\u00e4nkungen, etwa bei Versammlungen oder Universit\u00e4ten. Aber es ist vermieden worden, in eine (wie hierzulande) \u00fcbersimplifizierte Diskussion zu geraten: Lockdown ja oder nein. In dieser Hinsicht sind in Deutschland massive Fehler begangen worde, und wir werden viel von dem Beispiel Schwedens lernen m\u00fcssen \u2013 insbesondere auch, was Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit von Ma\u00dfnahmen bedeutet.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Fairness von Ma\u00dfnahmen <\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Aus ethischer Sicht stellt sich nat\u00fcrlich immer auch die Frage der Fairness: Treffen die Corona-Beschr\u00e4nkungen alle im gleichen Ma\u00dfe? Sind die Lasten fair verteilt? Oft wurde behauptet: Das sei eine Krise, die uns alle betreffe. Das ist zum Teil richtig, zum Teil aber auch falsch. Man kommt nicht ganz um die Erkenntnis herum, dass Corona manche Menschen st\u00e4rker betrifft als andere und dass viele, die etwa einen sicheren Arbeitsplatz haben, und viele, die ihre Arbeit leicht ins Digitale verlegen k\u00f6nnen, es leichter haben als andere (<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/finanzen\/plus207876629\/Lockdown-Folgen-2-1-Millionen-Deutsche-stehen-vor-dem-Ruin.html\">https:\/\/www.welt.de\/finanzen\/plus207876629\/Lockdown-Folgen-2-1-Millionen-Deutsche-stehen-vor-dem-Ruin.html<\/a> ). Wir m\u00fcssen an viele Selbstst\u00e4ndige und Unternehmerinnen denken, an die Gastronomen (<a href=\"https:\/\/www.focus.de\/perspektiven\/gesellschaft-gestalten\/coronacare-kurz-davor-dicht-zu-machen-jetzt-beginnt-fuer-gastro-kampf-ums-ueberleben_id_12004990.html\">https:\/\/www.focus.de\/perspektiven\/gesellschaft-gestalten\/coronacare-kurz-davor-dicht-zu-machen-jetzt-beginnt-fuer-gastro-kampf-ums-ueberleben_id_12004990.html<\/a> ), an die K\u00fcnstler. Viele k\u00fcnstlerische Zweige, die kaum eine M\u00f6glichkeit haben, digital im gleichen Ma\u00dfe t\u00e4tig zu werden, sind von den Ma\u00dfnahmen sehr stark betroffen.<\/p>\n<p>Dagegen haben sich andere in der Krise \u2013 und ich meine das gar nicht als Kritik \u2013 ganz gut eingerichtet. Manche sehen den Lockdown als eine Art Erholung vom beruflichen \u201eHamsterrad\u201c. Aber f\u00fcr andere geht es um die Existenz, um die wirtschaftliche wie auch die pers\u00f6nliche. Und hier muss man das Schicksal einer weiteren Gruppe aufbringen: Eltern und Kinder.<\/p>\n<p>Es ist besorgniserregend, dass man in den vergangenen Wochen und Monaten erleben musste, dass Eltern und Kinder kaum eine Lobby in Deutschland haben. Man sieht das exemplarisch an manchen Statements von Politikern wie jenem des brandenburgischen Wirtschaftsministers Steinbach, der schlicht erkl\u00e4rte, das alles sei doch noch kein \u201eWahnsinns-Ausnahmezustand\u201c, sondern \u201egerade mal 14 Tage l\u00e4nger als die Sommerferien\u201c (<a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/politik\/thema\/2020\/coronavirus\/beitraege_neu\/2020\/05\/brandenburg-wirtschaftsminister-steinbach-kritik-twitter.html\">https:\/\/www.rbb24.de\/politik\/thema\/2020\/coronavirus\/beitraege_neu\/2020\/05\/brandenburg-wirtschaftsminister-steinbach-kritik-twitter.html<\/a> ).<\/p>\n<p>Von Seiten der Politik wurden Entscheidungen etwa bez\u00fcglich Schulen, Kitas und Kontaktsperren von heute auf morgen getroffen, die man erst ganz langsam in kleinen Schritten begann r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen. Eltern und Kinder leiden dauerhaft unter dieser Situation. Viele sind seit Monaten im Home-Office mit kleinen Kindern, die zum Teil immer noch nicht wissen, wann sie wieder in Kitas und Schulen gehen k\u00f6nnen. Und das, obwohl inzwischen in mehreren L\u00e4ndern wie D\u00e4nemark und Norwegen die Schulen seit Wochen wieder offen sind \u2013 und die Infektionszahlen dort nicht steigen. Ganz zu schweigen von L\u00e4ndern wie Island und Schweden, die Schule und Kitas gar nicht erst geschlossen haben. Die empirische Evidenz best\u00e4tigt damit, was auch fr\u00fchzeitig auch von vielen Medizinern gesagt wurde, n\u00e4mlich dass Kinder und Jugendliche kaum zum Infektionsgeschehen beitragen. Geh\u00f6rt wurde dies jedoch nicht (<a href=\"https:\/\/www.noz.de\/deutschland-welt\/gut-zu-wissen\/artikel\/2051898\/corona-kitas-schulen-experten-bezweifeln-sinn-von-schliessungen\">https:\/\/www.noz.de\/deutschland-welt\/gut-zu-wissen\/artikel\/2051898\/corona-kitas-schulen-experten-bezweifeln-sinn-von-schliessungen<\/a>\u00a0 ). Mittlerweile fordern f\u00fcnf medizinische Fachgesellschaften eine schnelle \u00d6ffnung von Schulen und Kitas in der Breite und begr\u00fcnden dies mit gravierenden sozialen und gesundheitlichen Folgen der Schlie\u00dfungen<\/p>\n<p>(<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/gesundheit\/plus208109573\/Schulen-und-Kitas-Darum-fordern-Experten-eine-schnelle-Oeffnung.html\">https:\/\/www.welt.de\/gesundheit\/plus208109573\/Schulen-und-Kitas-Darum-fordern-Experten-eine-schnelle-Oeffnung.html<\/a>; <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/bildung\/corona-krise-mediziner-fordern-komplette-schul-und-kita-oeffnung-a-4d1a0336-680d-4259-818e-7a263732f811\">https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/bildung\/corona-krise-mediziner-fordern-komplette-schul-und-kita-oeffnung-a-4d1a0336-680d-4259-818e-7a263732f811<\/a> ).<\/p>\n<p>Wir sollten hier aufh\u00f6ren, falsche Priorit\u00e4ten zu setzen. Peter Dabrock, der bisherige Vorsitzende des deutschen Ethikrates, \u00e4u\u00dferte mehrfach, dass es eigentlich nicht vertretbar sei, die Bundesliga vor den Kitas oder Schulen wieder beginnen zu lassen. So weit w\u00fcrde ich nicht gehen, Fu\u00dfball ist mit Sicherheit auch ein wichtiger Teilbereich, aber ich halte ebenfalls f\u00fcr sehr problematisch, eine wesentliche Hauptlast der Krise auf Kindern und Eltern abzuladen. In mehreren Bundesl\u00e4ndern wie Sachsen f\u00fcr Grundschulen (<a href=\"https:\/\/www.news4teachers.de\/2020\/05\/kretschmar-kuendigt-vollstaendige-oeffnung-aller-schulen-nach-den-sommerferien-an\/\">https:\/\/www.news4teachers.de\/2020\/05\/kretschmar-kuendigt-vollstaendige-oeffnung-aller-schulen-nach-den-sommerferien-an\/<\/a> ) oder f\u00fcr Kitas in NRW (<a href=\"https:\/\/rp-online.de\/panorama\/coronavirus\/kitas-nrw-eingeschraenkter-kita-regelbetrieb-fuer-alle-kinder-ab-8-juni_aid-51241969\">https:\/\/rp-online.de\/panorama\/coronavirus\/kitas-nrw-eingeschraenkter-kita-regelbetrieb-fuer-alle-kinder-ab-8-juni_aid-51241969<\/a> ) ist jetzt immerhin eine klare Perspektive erkennbar, in anderen Bundesl\u00e4ndern immer noch nicht: manche treten durchweg auf die Bremse. Das ist ein Fehler.<\/p>\n<p>Der Schwarze Peter liegt dabei nicht immer allein bei den Politikern: Das am 13. April ver\u00f6ffentlichte Papier eines Gremiums der Leopoldina sandte von der wissenschaftlichen Seite her ein sehr einseitiges Signal: Danach sollten etwa Kitas bis Sommer geschlossen bleiben. Aus diesem Papier spricht Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr die Lage von Eltern und Kindern. Bei aller Kompetenz, die in der Leopoldina zweifellos vorhanden ist, muss man doch auch zweifeln an der Zusammensetzung dieser speziellen Gruppe: Ist es heute wirklich noch akzeptabel, dass in einem solchen Gremium Frauen kaum vertreten sind? Nach meiner Erfahrung w\u00e4re das international (etwa in den USA, Gro\u00dfbritannien und anderen L\u00e4ndern) keinesfalls mehr denkbar. Das muss sich auch hierzulande \u00e4ndern, und dann wird man auch sehen, dass andere gesellschaftliche Akteure st\u00e4rker als bisher ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n<p>Insgesamt fehlt bei der Frage der Fairness von Ma\u00dfnahmen der internationale Blick. Die Politik neigt dazu, ganz unterschiedliche Ans\u00e4tze in den einzelnen L\u00e4ndern, von denen man lernen k\u00f6nnte, zu wenig zu ber\u00fccksichtigen. So \u00f6ffnet beispielsweise das schwer getroffene Italien Schwimmb\u00e4der und Fitnessstudios ab 25. Mai sowie Theater und Kinos ab 15. Juni (<a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/italiens-regierungschef-conte-stellt-corona-lockerungsplan-vor\/a-53467608\">https:\/\/www.dw.com\/de\/italiens-regierungschef-conte-stellt-corona-lockerungsplan-vor\/a-53467608<\/a> ). Hierzulande sind in vielen Bundesl\u00e4ndern zu diesen Punkten noch \u00fcberhaupt keine Perspektiven erkennbar. Es fehlt auch hier an Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Und beim n\u00e4chsten Mal? <\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein letzter, aber wesentlicher Punkt: was w\u00e4re denn die Reaktion bei der n\u00e4chsten Krise, sollte wieder ein \u00e4hnliches Virus auftauchen (und wer will das ausschlie\u00dfen)? Wollen wir wirklich die jetzigen Ma\u00dfnahmen noch einmal durchziehen? Das h\u00e4tte v\u00f6llig unabsehbare langfristige psychologische, soziale und \u00f6konomische R\u00fcckwirkungen, die schon diese Krise nach sich ziehen wird. Wenn z.B. Menschen, die ins Arbeitsleben einsteigen, damit rechnen m\u00fcssen, dass alle paar Jahre ein solcher Lockdown mit unabsehbaren Folgen kommt, w\u00fcrden sie das Risiko schlicht nicht eingehen \u2013 und nicht investieren. Das hei\u00dft etwa auch, keine neuen Arbeitspl\u00e4tze zu schaffen, weil man st\u00e4ndig auf eine weitere solche Krise gefasst sein m\u00fcsste. Menschen w\u00fcrden keine Restaurants, Bars, Theater, Kinos oder andere kulturelle Einrichtungen er\u00f6ffnen: Sie m\u00fcssten immer wieder bef\u00fcrchten, unter bestimmten Umst\u00e4nden vom Staat einfach geschlossen zu werden.<\/p>\n<p>Man wird sich letztlich bei m\u00f6glichen zuk\u00fcnftigen Krisen irgendwo auf eine Strategie wie den schwedischen Weg verst\u00e4ndigen m\u00fcssen, dazu sehe ich keine Alternative. Im Moment geht es erst mal um den Weg aus der jetzigen Krise. Das wird nur mit verantwortungsvollen Abw\u00e4gungen geschehen k\u00f6nnen, mit interdisziplin\u00e4ren Abw\u00e4gungen, mit einem Weg von der Einseitigkeit der bisher sehr stark virologisch gef\u00fchrten Diskussion. Und auch in der Politik muss wieder ein st\u00e4rkerer Pluralismus der Ans\u00e4tze und Strategien sichtbar sein, sonst werden unsere freiheitliche Demokratie und Gesellschaft erheblichen Schaden nehmen.<\/p>\n<p><strong>Liberale Aufgaben in und nach der Krise<\/strong><\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen und sollten Liberale in solchen Krisenzeiten beitragen? Wenn man sich die Diskussionen on- und offline so ansieht, gewinnt man den Eindruck: Menschen k\u00f6nnen Grundrechte verlernen. Menschen k\u00f6nnen Freiheit verlernen. Nur ein Beispiel: Auf Twitter behaupteten Leute: \u201eIkea ist kein Grundrecht\u201c \u2013 gl\u00fccklicherweise wurde dem von Juristen sofort widersprochen. Selbstverst\u00e4ndlich ist es ein Grundrecht, sein Gesch\u00e4ft zu \u00f6ffnen, und ein Grundrecht, als Kunde in ein Gesch\u00e4ft der Wahl zu gehen. (Und zu den Grundrechten geh\u00f6rt \u00fcbrigens selbstverst\u00e4ndlich auch das Recht zu demonstrieren.) Aber so weit ist es bereits gekommen, dass solche Kernelemente der Demokratie von nicht Wenigen in Frage gestellt werden.<\/p>\n<p>Die Aufgabe der Liberalen (wie wenige sie auch immer sein m\u00f6gen) ist und wird es immer sein, dem Verlust von Grundrechten entgegen zu wirken und schon bei kleinsten Anzeichen von diesbez\u00fcglicher Gefahr wachsam sein. Das ist nicht einmal begr\u00fcndungspflichtig, nein, die Begr\u00fcndungslast liegt grunds\u00e4tzlich bei jenen, die Einschr\u00e4nkungen fordern oder vornehmen. Der Grundrechts-Muskel muss trainiert bleiben. Und das hei\u00dft in Krisenzeiten, Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit von Ma\u00dfnahmen aktiv einzufordern \u2013 und nicht so nonchalant \u00fcber fundamentale Grundrechtseinschr\u00e4nkungen hinwegzugehen wie der soeben ausgeschiedene Verfassungsgerichtspr\u00e4sident Vo\u00dfkuhle, der (im Gegensatz zu seinem Vorg\u00e4nger Papier) alle Corona-Ma\u00dfnahmen kurzerhand f\u00fcr alternativlos erkl\u00e4rte (<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/verfassungsrichter-zur-coronavirus-krise-vosskuhle-haelt-deutsche-strategie-fuer-alternativlos\/25833224.html\">https:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/verfassungsrichter-zur-coronavirus-krise-vosskuhle-haelt-deutsche-strategie-fuer-alternativlos\/25833224.html<\/a> ).<\/p>\n<p>Diese Aufgabe der Liberalen liegt \u00fcbrigens im Interesse vieler, auch der Nicht-Liberalen \u2013 das sollten gerade Politiker anderer Richtungen erkennen: liberale Rufe nach Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit in Krisenzeiten bedeuten auch, davor zu warnen, dass man \u00fcberziehen k\u00f6nnte. Denn irgendwann muss man die beschlossenen Ma\u00dfnahmen auch wieder beenden. Gesellschaft und Wirtschaft m\u00fcssen aus dem Lockdown und seinen Folgen heraus, und zwar nicht in Trippelschritten. Wie aber schafft man es, aus Ma\u00dfnahmen wieder auszusteigen \u2013 wenn viele das gar nicht wollen? Wenn sie Garantien f\u00fcr risikolose Sicherheit verlangen, die nicht gegeben werden k\u00f6nnen, und Lockerungen als menschenverachtend bezeichnen? Wie schafft es die Politik, die Geister, die man rief, wieder in die Flasche zur\u00fcckzubekommen?<\/p>\n<p>Mehr noch: Vor dem \u00dcberziehen von Ma\u00dfnahmen zu warnen, hei\u00dft auch vor einer tiefgehenden Spaltung der Gesellschaft zu warnen. Ich habe es bereits oben erw\u00e4hnt: die Menschen sind nicht gleicherma\u00dfen und gleich fair von den Krisenma\u00dfnahmen betroffen. Das muss man im Blick haben, wenn man \u00fcber das Ende von Corona-Ma\u00dfnahmen diskutiert. Jens Spahn sagte bereits im April: \u201ewir werden einander verzeihen m\u00fcssen\u201c \u2013 in der Tat, das gilt in alle Richtungen. Ob uns das gelingt, ist offen. Die Fl\u00fcchtlingskrise hat uns gelehrt, dass Spaltungen sehr tief gehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Liberalismus muss auch immer die internationale Perspektive einfordern: neben dem Blick darauf, was f\u00fcr Ma\u00dfnahmen andere beschlie\u00dfen, brauchen wir Vertrauen in ein funktionierendes Europa. Es l\u00e4sst sich nicht wegdiskutieren: Hier hat die Politik massiv versagt. Insbesondere h\u00e4tte man die Grenzen in Europa nicht schlie\u00dfen d\u00fcrfen. Das war ein fatales, Vertrauen in die EU massiv zerst\u00f6rendes und unn\u00f6tiges Leid verursachendes Signal der Coronapolitik, das noch weitere Kollateralsch\u00e4den nach sich ziehen wird.<\/p>\n<p>Generell gilt zum Punkt Vertrauen: Liberale sollten immer betonen, dass man Menschen nicht wie Kleinkinder behandeln muss, sondern dass man ihnen erst einmal zutrauen kann, sich auch mit Augenma\u00df an Regeln zu halten. In Deutschland scheint dagegen ein paternalistisches Bild in der Politik vorzuherrschen, das erst einmal vom Gegenteil ausgeht. Renate K\u00f6cher, Chefin von Allensbach, wies Ende April darauf hin, dass ihre Erhebungen zeigten: \u201eDas Misstrauen der Politik gegen\u00fcber der Bev\u00f6lkerung ist bemerkenswert\u201c (<a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/demoskopie-allensbach-chefin-das-misstrauen-der-politik-gegenueber-der-bevoelkerung-ist-bemerkenswert\">https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/demoskopie-allensbach-chefin-das-misstrauen-der-politik-gegenueber-der-bevoelkerung-ist-bemerkenswert<\/a> ). Ein solcher Paternalismus ist gef\u00e4hrlich f\u00fcr eine Gesellschaft.<\/p>\n<p>Um hier mit einem positiven Akzent zu enden: Liberale sollte immer auch f\u00fcr Innovationen stehen, f\u00fcr Digitalisierung etwa. Die Coronakrise l\u00f6st derzeit bereits einen Digitalisierungsschub aus. Unternehmen ver\u00e4ndern sich, Infrastrukturen m\u00fcssen verbessert, Schulsysteme grundlegend neu aufgestellt werden. Hier besteht Hoffnung, dass sich nach dem Schock etwas \u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong>Perspektiven<\/strong><\/p>\n<p>Wie wird es nach der Krise weitergehen? Ich sehe in liberaler Perspektive zwei Szenarien f\u00fcr die neuen Zwanziger Jahre:<\/p>\n<ul>\n<li>Das erste Szenario ist das eines verlorenen Jahrzehnts. Die Wirtschaftskrise wird noch viel sch\u00e4rfer und langwieriger als gedacht. Es kommt zu einem Rollback der Globalisierung, wof\u00fcr Umfragen bereits Indizien zeigen: so sehen in Deutschland nur noch Anh\u00e4nger der FDP die Globalisierung mehrheitlich positiv (<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/corona-umfrage-deutschland-wendet-sich-von-der-globalisierung-ab-a-7926d9ce-d749-4563-90dd-b40a468dd019\">https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/corona-umfrage-deutschland-wendet-sich-von-der-globalisierung-ab-a-7926d9ce-d749-4563-90dd-b40a468dd019<\/a> ).<\/li>\n<li>Das zweite Szenario ist das optimistische: Die Krise wird \u2013 auf die eine oder andere Art \u2013 zu Ende gehen, und das k\u00f6nnte sich als gro\u00dfe Chance f\u00fcr den Liberalismus erweisen. Ich halte einen backlash\u00a0zugunsten der Freiheit f\u00fcr denkbar. Menschen werden Dinge, die sie f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich hingenommen haben, wieder mehr zu sch\u00e4tzen wissen. Sie werden aus der Krise gelernt haben, sie werden wachsamer sein und sie werden Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit in zuk\u00fcnftigen Situationen aktiv einfordern.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Hoffen wir das Beste.<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zur &#8222;Corona-Kontroverse&#8220;:<\/strong><\/p>\n<p>Stefan Homburg: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27286\">Zwei Entgegnungen<\/a><\/p>\n<p>Jan Schnellenbach: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27277\">Covid-19 und die Grenzen bivariater Korrelationsanalysen<\/a><\/p>\n<p>Stefan Homburg: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27264\">Lockdowns im internationalen Vergleich<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liberale haben es immer schwer, aber derzeit besonders. 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