{"id":27568,"date":"2020-07-26T00:06:47","date_gmt":"2020-07-25T23:06:47","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27568"},"modified":"2020-07-26T07:40:58","modified_gmt":"2020-07-26T06:40:58","slug":"gastbeitrag-covid-19-und-darueber-hinaus-unsicherheiten-mithilfe-von-was-waere-wenn-szenariotechniken-reduzieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27568","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Covid-19 und dar\u00fcber hinaus <br\/><font size=3; color=grey>Unsicherheiten mithilfe von Was-W\u00e4re-Wenn-Szenariotechniken reduzieren <\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Die Kritik im Umgang mit Covid-19 nimmt sowohl in der Bundesrepublik als auch in weiten Teilen der westlichen Welt zu. Dies betrifft versp\u00e4tete Eind\u00e4mmungsma\u00dfnahmen genauso wie Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit, Zeitpunkt und Dauer der Eingriffe in Grundrechte; vor allem aber auch die negativen wirtschaftlichen Folgen durch den vielerorts \u00fcber Wochen angeordneten Shutdown. Augenf\u00e4llig ist ein weit verbreitetes Unverst\u00e4ndnis \u00fcber Situationen und Entscheidungen bei Unsicherheit. Dabei steht die Politik aufgrund schwerwiegender Folgen ihrer Entscheidungen in der Pflicht, Unsicherheiten soweit wie m\u00f6glich zu reduzieren. Im Zeitalter der Digitalisierung stellen hierzu IT-gest\u00fctzte sogenannte Was-W\u00e4re-Wenn-Szenariotechniken ein geeignetes Hilfsmittel dar. Eine der Lehren der Corona-Krise ist, dass sich Berater wie Entscheidungstr\u00e4ger z\u00fcgig solchen Anwendungen \u00f6ffnen sollten. Grundvoraussetzung zur Umsetzung ist allerdings eine ausgepr\u00e4gte sogenannte Aktive Offenheit.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>I.<\/p>\n<p>\u201ePr\u00e4ventionsparadoxon\u201c lautet eines der Schlagw\u00f6rter zur Rechtfertigung der im Zusammenhang mit Covid-19 ergriffenen rigiden Eind\u00e4mmungsma\u00dfnahmen. Dies gilt insbesondere f\u00fcr den im M\u00e4rz 2020 in der Bundesrepublik angeordneten Shutdown. Paradoxerweise, so die Behauptung, w\u00fcrde der Shutdown aufgrund des bisher ausgebliebenen, exorbitanten Anstiegs der Todesrate durch eine zunehmende Zahl von B\u00fcrgern infrage gestellt, obwohl doch eine eindeutige Beziehung zwischen der Ma\u00dfnahme und der vergleichsweise niedrigen Sterberate best\u00fcnde (siehe u.a. <u><a href=\"https:\/\/www.wissenschaft.de\/gesundheit-medizin\/corona-massnahmen-waren-nicht-umsonst\/\">hier<\/a><\/u>, <u><a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/mediathek\/audio\/wdr5\/wdr5-morgenecho-beitraege\/audio-corona-kurz-erklaert-praeventionsparadox-100.html\">hier<\/a><\/u>, <u><a href=\"https:\/\/www.focus.de\/gesundheit\/news\/leute-behaupten-wir-haetten-ueberreagiert-praeventions-paradox-drosten-schickt-warnung-an-lockdown-kritiker_id_11933151.html\">hier<\/a><\/u> und <u><a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2020\/apr\/26\/virologist-christian-drosten-germany-coronavirus-expert-interview\">hier<\/a><\/u>). Mithin handelt es sich hierbei um den Versuch, ex post den Shutdown in Umfang und Schwere als alternativlos darzustellen. Allerdings dient der Begriff des Pr\u00e4ventionsparadoxons in der Infektions- bzw. Impfepidemiologie origin\u00e4r zur Beschreibung der langfristigen Reaktion auf evidenzbasierte medizinische Ma\u00dfnahmen, so beispielsweise im Kontext fl\u00e4chendeckender Impfungen. Dort wird mithilfe des Pr\u00e4ventionsparaxons das Ph\u00e4nomen umschrieben, dass die Bev\u00f6lkerung im Laufe der Zeit die potentiellen Nebenwirkungen von Impfungen gegen\u00fcber deren Nutzen st\u00e4rker gewichtet (siehe u.a. <u><a href=\"https:\/\/www.leitbegriffe.bzga.de\/alphabetisches-verzeichnis\/praeventionsparadox\/\">hier<\/a><\/u>). Besteht jedoch kein eindeutiger Zusammenhang zwischen einer Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahme und deren Wirkung, l\u00e4uft das Argument \u201ePr\u00e4ventionsparadoxon\u201c zwangsl\u00e4ufig ins Leere. Tats\u00e4chlich ist im Fall Covid-19 eine signifikant positive Wirkung des in vielen L\u00e4ndern angeordneten Shutdown auf den epidemiologischen Verlauf der Krankheit weiterhin umstritten bzw. l\u00e4sst erheblichen Interpretationsspielraum (siehe u.a. <u><a href=\"https:\/\/www.timesofisrael.com\/the-end-of-exponential-growth-the-decline-in-the-spread-of-coronavirus\/\">hier<\/a><\/u>, <u><a href=\"https:\/\/science.sciencemag.org\/content\/early\/2020\/05\/14\/science.abb9789\">hier<\/a><\/u>, <u><a href=\"https:\/\/imgcdn.larepublica.co\/cms\/2020\/05\/21180548\/JP-Morgan.pdf\">hier<\/a><\/u>, <u><a href=\"https:\/\/www.luzernerzeitung.ch\/schweiz\/die-schweiz-haette-die-kurve-auch-mit-weniger-einschraenkungen-gekriegt-war-der-lockdown-uebertrieben-ld.1221111\">hier<\/a><\/u> und <u><a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41586-020-2404-8_reference.pdf\">hier<\/a><\/u>). Dar\u00fcber hinaus deuten erste Beitr\u00e4ge bereits auf signifikante negative Auswirkungen der rigiden Eind\u00e4mmungsma\u00dfnahmen auch im Hinblick auf die Gesundheit weiter Bev\u00f6lkerungsschichten hin (siehe u.a. <u><a href=\"https:\/\/www.public-health-covid19.de\/images\/2020\/Ergebnisse\/Hintergrundpapier_Indirekte_Folgen_von_Manahmen_des_Infektionsschutzes_Version01_23042020.pdf\">hier<\/a><\/u>, <u><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/schweiz\/die-verheerenden-auswirkungen-des-lockdowns-auf-die-volksgesundheit-ld.1553765\">hier<\/a><\/u> und <u><a href=\"https:\/\/www.finanznachrichten.de\/nachrichten-2020-06\/49916149-oekonom-wirtschaftskrise-verringert-lebenserwartung-der-deutschen-003.htm\">hier<\/a><\/u>).<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Rechtfertigungsstrategien mithilfe von Argumenten wie denen des Pr\u00e4ventionsparadoxons lassen ungewollt auf die tats\u00e4chliche Komplexit\u00e4t und vor allem die Unsicherheit bei den im Zusammenhang mit Covid-19 getroffenen Entscheidungen schlie\u00dfen: Komplexit\u00e4t aufgrund der schwer \u00fcberschaubaren Vielzahl von Einflussfaktoren und Unsicherheit hinsichtlich der Absch\u00e4tzung der Implikationen. Mithin verdeutlicht die Corona-Krise, inwiefern in einer vernetzten und mobilen Welt multiperspektivische Betrachtungen zur Entscheidungsfindung erforderlich sind. Erst eine angemessene Ber\u00fccksichtigung der Vielzahl von Faktoren und ihrer Interaktionen k\u00f6nnen in einem systemischen Verst\u00e4ndnis m\u00fcnden. Dies erfordert, Wissen \u00fcber dynamische und emergente Entwicklungen sowie inh\u00e4rente Zusammenh\u00e4nge zu erlangen. Bei der Ausplanung komplexer milit\u00e4rischer Operationen begegnet man solchen Problematiken beispielsweise, indem man in den Planungsprozess zumindest sogenannte Red Teams mit unterschiedlichen Schwerpunkten zur Schwachstellenanalyse integriert. In Anbetracht derartiger Herausforderungen ist es erstaunlich, dass sich zu Beginn der Pandemie die Politik bei ihren Entscheidungen auf Hypothesen einer nur geringen Anzahl von Experten, vornehmlich aus den medizinischen Fachrichtungen &#8222;Virologie&#8220; und &#8222;Epidemiologie&#8220;, gest\u00fctzt hat. Unabh\u00e4ngig hiervon ist festzustellen, dass Menschen, und somit nat\u00fcrlich auch politische Entscheidungstr\u00e4ger, Ereignisse mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit in der Regel zu hoch gewichten (siehe <u><a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=4tV9qDT0CpoC\">hier<\/a><\/u>). Dieser psychologische Effekt m\u00fcndet in zu gro\u00dfem Optimismus, Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung in der Planungsphase bzw. Ausblenden eines m\u00f6glichen Scheiterns von Strategien und stellt damit ein grunds\u00e4tzliches Problem in Entscheidungsprozessen dar.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Einen Weg aus der Unterkomplexit\u00e4ts- und Planungsoptimismus-Falle bzw. eine Hilfe, Unsicherheiten zu reduzieren, bieten seit einigen Jahren IT-gest\u00fctzte Simulationen in Form sogenannter Was-W\u00e4re-Wenn-Szenarien. Hierbei werden komplexe Ursache-Wirkungszusammenh\u00e4nge mit R\u00fcckkopplungen von Analytikern im Zuge einer Hypothese gest\u00fctzten, iterativen Modellbildung und -verfeinerung entwickelt und von Computern berechnet. Entscheidender Vorteil dieser Szenarien ist es, dass sie eine Kombination naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Ans\u00e4tze erlauben. Wie vielseitig derartige Ans\u00e4tze sein k\u00f6nnen, vermittelt das Forschungsfeld der RAND Corporation (siehe <u><a href=\"https:\/\/www.rand.org\/topics\/methodology.html\">hier<\/a><\/u> und <u><a href=\"https:\/\/www.rand.org\/paf\/pubs\/modeling.html\">hier<\/a><\/u>). Dabei geht es nicht darum, ein einziges passendes Modell zu kreieren. Vielmehr werden verschiedene, multikausale Modelle erstellt, getestet und weiterentwickelt. Dazu geh\u00f6rt insbesondere auch zu \u00fcberpr\u00fcfen, wie tauglich die Modelle in der Vergangenheit f\u00fcr Prognosen gewesen w\u00e4ren. Solche Verfahren gehen substanziell \u00fcber die verbreitete Szenariotechnik hinaus, mit der als reiner Kreativit\u00e4tstechnik verschiedene Zukunftszust\u00e4nde erdacht werden. Ein Beispiel ist die Verwendung von Bayesschen Modellen oder Netzen, die sehr gut f\u00fcr stark von Unsicherheit gepr\u00e4gten Situationen geeignet sind (siehe u.a. <u><a href=\"https:\/\/www.mpg.de\/841061\/forschungsSchwerpunkt\">hier<\/a><\/u>). Solche IT-gest\u00fctzten Simulationen erlauben Auswege aus der naturgem\u00e4\u00df fehleranf\u00e4lligen Konzentration auf die unmittelbaren, sichtbaren und beabsichtigten Ursache-Wirkungszusammenh\u00e4nge bzw. aus der Vernachl\u00e4ssigung schwer erkennbarer, teils kontra-intuitiver langfristiger Folgen (siehe u.a. <u><a href=\"https:\/\/www.teachthought.com\/critical-thinking\/the-cognitive-bias-codex-a-visual-of-180-cognitive-biases\/\">hier<\/a><\/u>). Zugleich erm\u00f6glichen sie die Formulierung und Bewertung alternativer Szenarien im Umgang mit Krisen und deren Auswirkungen und bieten damit bewertbare Handlungsoptionen f\u00fcr politische Entscheidungen. So lie\u00dfen sich im konkreten Corona-Fall die Vor- und Nachteile beispielsweise folgender alternativer Vorgehensweisen ex ante gegeneinander abw\u00e4gen und fortlaufend \u00fcberpr\u00fcfen:<\/p>\n<ol>\n<li>Die aktive, gezielte Strategie der Identifikation und des Monitoring von Risikogruppen bzw. Risiko-Einzelf\u00e4llen und deren Versorgung.<\/li>\n<li>Die passive, fl\u00e4chendeckende Strategie eines Shutdown der Wirtschaft sowie allgemeiner Kontaktbeschr\u00e4nkungen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Eine der Lehren der Corona-Krise ist, dass sich Berater wie Entscheidungstr\u00e4ger z\u00fcgig solchen Verfahren und Anwendungen \u00f6ffnen sollten (Anmerkung: Ein Beispiel, das zumindest ansatzweise in eine solche Richtung geht, sind die kombinierten Szenarien-Rechnungen des ifo-Instituts und des Helmholtz-Zentrums f\u00fcr Infektionsforschung (siehe <u><a href=\"https:\/\/www.ifo.de\/DocDL\/sd-2020-digital-06-ifo-helmholtz-wirtschaft-gesundheit-corona_1.pdf\">hier<\/a><\/u>)). Grundvoraussetzung ist allerdings, dass sowohl Berater als auch politische Entscheidungstr\u00e4ger eine ausgepr\u00e4gte sogenannte Aktive Offenheit mitbringen. F\u00fcr Entscheidungstr\u00e4ger bedeutet dies, sich offen f\u00fcr unterschiedliche Beratungen zu zeigen. F\u00fcr Berater bzw. Analytiker, dass sie eigene \u00dcberzeugungen als Hypothesen verstehen. Der Grad Aktiver Offenheit h\u00e4ngt in der Entscheidungspsychologie davon ab, inwieweit Entscheidungstr\u00e4ger und Berater Fragen und Fakten ber\u00fccksichtigen, die der herrschenden \u00dcberzeugung widersprechen. Ferner sollten sie die Bereitschaft besitzen, Menschen zuzuh\u00f6ren, die andere Auffassungen vertreten. Wichtig ist zudem, dass Berater wie Entscheidungstr\u00e4ger Intuitionen zur\u00fcckstellen k\u00f6nnen und nicht an \u00dcberzeugungen festhalten, wenn diese durch neue Informationen infrage gestellt werden (siehe <u><a href=\"https:\/\/books.google.de\/books\/about\/Superforecasting_Die_Kunst_der_richtigen.html?hl=de&amp;id=dFARDAAAQBAJ&amp;redir_esc=y\">hier<\/a><\/u>).<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Die Nutzung von Schlagw\u00f6rtern in der Corona-Krise zur Attribuierung von Kritik auch in Wissenschaftskreisen, wie beispielsweise die des Pr\u00e4ventionsparadoxons, l\u00e4sst derzeit nur schwerlich die Bereitschaft zur Aktiven Offenheit erkennen. Dies ist vor dem Hintergrund der weitreichenden M\u00f6glichkeiten, die sich aus den Anwendungen neuartiger Was-W\u00e4re-Wenn-Szenariotechniken insbesondere zur Bew\u00e4ltigung von Krisensituationen er\u00f6ffnen, umso bedauerlicher.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kritik im Umgang mit Covid-19 nimmt sowohl in der Bundesrepublik als auch in weiten Teilen der westlichen Welt zu. 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