{"id":27660,"date":"2020-07-07T00:51:27","date_gmt":"2020-07-06T23:51:27","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27660"},"modified":"2020-07-07T06:28:38","modified_gmt":"2020-07-07T05:28:38","slug":"wirecard-ikb-und-der-ruf-nach-noch-strengerer-kontrolle-im-finanzsektor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27660","title":{"rendered":"Wirecard, IKB und der Ruf nach (noch) strengerer Kontrolle im Finanzsektor"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wirecard<\/strong><\/p>\n<p>Ende Januar 2019: Eine Reportage der Financial Times erhebt schwere Vorw\u00fcrfe gegen den damaligen B\u00f6rsenliebling Wirecard AG, die \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 umgehend vom Unternehmen dementiert werden. In der Folge kommt es zu einem Ping-Pong gegenseitiger Vorw\u00fcrfe, das in aller \u00d6ffentlichkeit und teilweise unter Einbezug amtlicher Stellen wie der Staatsanwaltschaft und der Bundesanstalt f\u00fcr Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin ausgetragen wird. Nach wechselhaftem Verlauf dieses Schlagabtausches (vgl. zur Chronologie <a href=\"https:\/\/boerse.ard.de\/boersenwissen\/boersengeschichte-n\/wirecard-vs-ft-chronologie-der-ereignisse100.html\">https:\/\/boerse.ard.de\/boersenwissen\/boersengeschichte-n\/wirecard-vs-ft-chronologie-der-ereignisse100.html<\/a>) kommt es im Juni 2020 zum vorl\u00e4ufigen Ende: Nochmalige Verschiebung der Bilanzvorlage, Verweigerung des Wirtschaftspr\u00fcfertestats, Mitteilung des Unternehmens, dass Guthaben \u00fcber insgesamt 1,9 Mrd. \u20ac (rund ein Viertel der Bilanzsumme) &#8222;mit \u00fcberwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen&#8220;, exzessiver Kurseinbruch, Entzug der Ratings, Abberufung von Vorst\u00e4nden, \u2026 bis hin zum Insolvenzantrag und erneuten staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen \u2013 diesmal allerdings insbesondere gegen Vorst\u00e4nde der Gesellschaft, von denen einer zwischenzeitlich festgenommen sowie danach gegen Kaution wieder auf freien Fu\u00df gesetzt und ein anderer in S\u00fcdostasien gesucht wird.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In der Folge hielten sich Wehklagen und Anklagen bislang zumindest quantitativ die Waage. Weitgehend Konsens besteht in der allgemeinen Diagnose eines Kontrollversagens, das in der Retrospektive nicht zuletzt juristisch aufgearbeitet werden d\u00fcrfte und f\u00fcr die Zukunft die Frage nach Ver\u00e4nderungen aufwirft. Da die Konzernmutter Wirecard AG eine Tochter Wirecard Bank AG mit Banklizenz hat, war und ist auch die Finanzaufsicht am Zug. BaFin-Chef Felix Hufeld zeigte sich nach der Mitteilung des Unternehmens \u00fcber die wahrscheinlich fehlenden Milliarden durchaus selbstkritisch und sprach von \u201eSchande\u201c sowie einem \u201ekompletten Desaster\u201c. Je nach politischer Couleur oder anderweitig motivierter Interessenlage wurde seine Institution \u2013 nicht nur, aber auch nicht zuletzt \u2013 von Vertretern aller Parteien kritisiert, die zumeist gleichzeitig Reformen f\u00fcr die Finanzaufsicht, das allgemeine Pr\u00fcfungswesen sowie das Unternehmensstrafrecht forderten.<\/p>\n<p>Mittlerweile konkretisieren sich erste Ank\u00fcndigungen von Regierungsseite. Am 29.6.2020 verk\u00fcndete das Justizministerium, dass als erster Schritt f\u00fcr entsprechende Reformen die K\u00fcndigung des Vertrags mit der Deutschen Pr\u00fcfstelle f\u00fcr Rechnungslegung (DPR) vorbereitet werde, die als privatrechtlich organisierter Verein im Staatsauftrag Bilanzen kontrolliert \u2013 im Fall der Bilanzpr\u00fcfung von Wirecard soll die DPR mit sage und schreibe einem Mitarbeiter engagiert gewesen sein. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 5.7.2020 konkretisierte Bundesfinanzminister Olaf Scholz zuletzt die Sto\u00dfrichtung f\u00fcr die Reform der Finanzaufsicht, was von anderen Medien sofort aufgegriffen wurde. Insbesondere soll die BaFin bei Zahlungsdienstleistern wie Wirecard unabh\u00e4ngig von der Frage einer vorhandenen Banklizenz Durchgriffsrechte und die M\u00f6glichkeit einer Sonderpr\u00fcfung bekommen. Am Geld f\u00fcr zus\u00e4tzlich n\u00f6tige Ressourcen solle es auch nicht fehlen, was angesichts der aktuellen Ausgabenfreude der Regierung dann auch fast schon selbstverst\u00e4ndlich klingt.<\/p>\n<p><strong>IKB<\/strong><\/p>\n<p>Wer den Fall Wirecard f\u00fcr etwas einzigartig Neues h\u00e4lt, sollte sich einmal den Fall der Deutschen Industriebank AG (IKB) aus dem Jahr 2007 ansehen. Die Parallelen sind erstaunlich (vgl. zum Folgenden https:\/\/www.manager-magazin.de\/unternehmen\/artikel\/a-542712.html). Der Bund war zu dieser Zeit \u00fcber die Kreditanstalt f\u00fcr Wiederaufbau (KfW) mit einem Paket von 38% als gr\u00f6\u00dfter Aktion\u00e4r an der b\u00f6rsennotierten IKB beteiligt und auch mit einem Staatssekret\u00e4r im Aufsichtsrat vertreten. Von Mitte Mai bis Anfang August 2007 wurde nun aus dieser Bank, deren eigentliche Aufgabe die Finanzierung mittelst\u00e4ndischer Unternehmen war, ein verheerender Sanierungsfall, weil eine Tochtergesellschaft wegen Versiegens sonstiger Quellen zur Finanzierung von US-Immobilien ihre Kreditlinien bei der Mutter ziehen musste, die ein Vielfaches von deren Eigenkapital ausmachten. \u201eSubprime\u201c hatte die deutsche Bankenlandschaft erreicht!<\/p>\n<p>Auch damals wurde eine Reformdiskussion losgetreten, um die zuvor angeblich zu geringe Transparenz in den Bilanzen zu \u00fcberwinden und Wirtschaftspr\u00fcfern sowie Finanzaufsicht eine wirkungsvolle Kontrolle zu erm\u00f6glichen. Die BaFin wie auch andere externe oder interne Kontrolleure waren damit nicht Objekte der Kritik, sondern Opfer unzureichender Rahmenbedingungen, die sie am Aus\u00fcben ihrer Funktion hinderten. Im Gegensatz zu Hufeld dachte sein damals amtierender Vorvorg\u00e4nger Jochen Sanio aber gar nicht an Selbstkritik, sondern beklagte die fehlende Sichtbarkeit von Risiken bei der IKB f\u00fcr Bundesbank und BaFin \u2013 mit Erfolg!<\/p>\n<p>Indessen war die Angelegenheit bei genauerer Betrachtung ein Panoptikum betriebswirtschaftlicher Ignoranz. Die letztlich verheerenden Kreditzusagen waren ordnungsgem\u00e4\u00df unter dem Bilanzstrich ausgewiesen. Zu behaupten, dass entsprechende Risiken nicht sichtbar waren und f\u00fcr die Zukunft eine entsprechende Behebung dieses Zustands zu fordern, war im Gegensatz zur heutigen Verteidigungsstrategie der Wirecard-Pr\u00fcfer bei Ernst &amp; Young sowie DPR, die sich wohl immerhin auf einen manifesten Betrug st\u00fctzen wird, geradezu absurd.<\/p>\n<p><strong>Und nun?<\/strong><\/p>\n<p>Gleichwohl bleibt die Frage, was jetzt aus den angek\u00fcndigten Kontrollreformen wird. Dass sich Aktiva in H\u00f6he eines Viertels der Bilanzsumme in Luft aufl\u00f6sen, hat wenig mit Reformbedarf zu tun, sondern mit dem Verst\u00e4ndnis von Abschlusspr\u00fcfung an sich und sich daraus ergebendem Handeln. Welche Konsequenzen dieser Fauxpas zivil- und strafrechtlich haben wird, d\u00fcrfte schon bald in entsprechenden Prozessen gekl\u00e4rt werden und der Gesetzgeber mag abwarten, ob diese Kl\u00e4rung de lege lata einen entsprechenden Bedarf de lege ferenda indiziert.<\/p>\n<p>Sicher falsch w\u00e4re eine weitere Versch\u00e4rfung der allgemeinen Bankenaufsicht, denn deutsche Kreditinstitute unterliegen bereits bislang einer exzessiven Kontrollmaschinerie: Innenrevision, Aufsichtsrat, Abschlusspr\u00fcfer, Einlagen- oder Institutssicherung und \u00fcber allem je nach Gr\u00f6\u00dfe bzw. Bedeutung der Bank EZB oder Bundesbank &amp; BaFin. Inwieweit eine der angesprochenen Institutionen aus den Quellen der jeweils anderen sch\u00f6pfen darf oder soll, ist dabei teils klar definiert, teils allgemein gebr\u00e4uchliche \u00dcbung und teils durch die Umst\u00e4nde des jeweiligen Einzelfalls bedingt. Entsprechend ist keine Erweiterung von Pr\u00fcfung bis hin zum aufsichtsrechtlichen Overkill angezeigt, sondern eine klare Zuordnung, insbesondere f\u00fcr kleinere Banken, die durch die vorzuhaltenden Ressourcen \u00fcberproportional belastet werden. Immerhin wurde in der politischen Reformdiskussion auch vom finanzpolitischen Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Florian Toncar, propagiert, dass das lange versprochene Gesetz zu regulatorischen Erleichterungen f\u00fcr kleinere und mittlere Banken jetzt endlich kommen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Richtig erscheint es aber, dar\u00fcber nachzudenken, ob Zahlungsdienstleister und andere FinTechs ab einer vern\u00fcnftigen Gr\u00f6\u00dfenordnung auch ohne Banklizenz unmittelbare Kontrollen der Finanzaufsicht akzeptieren m\u00fcssen. Ob zu diesem Zweck die Legaldefinition des Kreditinstituts ausgeweitet oder eine andere Zuordnungsgrundlage geschaffen wird, bleibt sekund\u00e4r. Es ist schwerlich zu vermitteln, dass sich kleine Kapitalanlagegesellschaften und Verm\u00f6gensverwalter st\u00e4ndig einer \u00fcberwuchernden Regulatorik ausgesetzt sehen, deren Einhaltung scharf \u00fcberwacht wird, w\u00e4hrend die gro\u00dfen Dominatoren des Zahlungsverkehrs als mehr oder weniger normale Unternehmen ohne besonderen Pr\u00fcfungsbedarf gelten.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wirecard Ende Januar 2019: Eine Reportage der Financial Times erhebt schwere Vorw\u00fcrfe gegen den damaligen B\u00f6rsenliebling Wirecard AG, die \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 umgehend vom Unternehmen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27660\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWirecard, IKB und der Ruf nach (noch) strengerer Kontrolle im Finanzsektor\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":125,"featured_media":27663,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2737,3550,2900],"tags":[910,3565,3563,3566,3564,1750,3551],"class_list":["post-27660","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-betriebswirtschaftliches","category-bilanzielles","category-finanzwirtschaftliches","tag-bankenaufsicht","tag-ey","tag-finanzaufsicht","tag-fintech","tag-ikb","tag-knoll","tag-wirecard"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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