{"id":27744,"date":"2020-08-09T00:04:39","date_gmt":"2020-08-08T23:04:39","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27744"},"modified":"2020-08-09T08:23:14","modified_gmt":"2020-08-09T07:23:14","slug":"gastbeitrag-glaenzende-zukunft-oder-anfang-vom-ende-der-eu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=27744","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Gl\u00e4nzende Zukunft oder Anfang vom Ende der EU?"},"content":{"rendered":"<p><em>Das milliardenschwere Coronahilfspaket ist beschlossen. Doch man muss daran zweifeln, dass es den Regierungen gelingt, das Geld \u00fcberhaupt auszugeben. Und man muss sich sorgen, ob es dann in die richtigen H\u00e4nde gelangt.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Europ\u00e4ische Gipfel zur Bew\u00e4ltigung der Coronakrise wurde mit einem Ergebnis beendet, das sicherlich noch lange f\u00fcr Diskussionen und Verwunderung sorgen wird. Nach Meinung der Staatschefs der Europ\u00e4ischen Union (EU) wurde mit dem Kompromiss ein Durchbruch erzielt. wie \u00fcblich sieht sich jede oder jeder als Gewinner. Um das wirklich beurteilen zu k\u00f6nnen, muss man die Details kennen. Solange diese noch nicht vorliegen, muss man sich mit den groben Fakten befassen; die sind kurz gesagt atemberaubend.<\/p>\n<ul>\n<li>Die europ\u00e4ische Kommission verschuldet sich mit 750 Milliarden Euro f\u00fcr einen Wiederaufbaufonds, die bis 2058 (also in anderthalb Generationen) zur\u00fcckzuzahlen sind.<\/li>\n<li>Davon werden den Mitgliedstaaten in den kommenden drei Jahren 390 Milliarden Euro als Zuschuss und 360 Milliarden Euro als Kredit gew\u00e4hrt; die Zahlungen sind davon abh\u00e4ngig, wie stark das jeweilige Land von der Krise getroffen wurde.<\/li>\n<li>Reformen als Voraussetzung der Unterst\u00fctzung sind nicht notwendig. Es soll zwar einen Kontrollmechanismus geben; dieser scheint jedoch nicht sch\u00e4rfer zu sein als der Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakt der Eurozone. Damit ist er wirkungslos; er diente ja vermutlich auch nur dazu, dem niederl\u00e4ndischen Ministerpr\u00e4sidenten eine positive Schlagzeile zu Hause zu garantieren.<\/li>\n<li>Den Kritikern wurden gro\u00dfz\u00fcgigere Rabatte versprochen; und der EU-Haushalt f\u00e4llt geringer aus als von der Kommission gew\u00fcnscht. Damit entfallen einige struktur- und industriepolitische Programme zur Gestaltung der klimaneutralen Zukunft.<\/li>\n<li>Rechtsstaatlichkeit ist ebenfalls nicht n\u00f6tig, das Geld gibt es auf jeden Fall. Zu wichtig war es den S\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern, die Steuergelder der anderen geschenkt zu bekommen. Das ist die inzwischen \u00fcbliche Interpretation des Begriffs \u201eEurop\u00e4ische Werte\u201c \u2013 das Geld der anderen. Rechtsstaatlichkeit ist kein zwingender europ\u00e4ischer Wert mehr. Das war einmal anders.<\/li>\n<li>Die Kommission darf nun eigene Steuern erheben. Sie ist aufgefordert, Konzepte f\u00fcr eine Plastiksteuer, eine Finanztransaktionssteuer, einen CO2-Zoll und die Einbeziehung von Flug- und Schiffsreisen in die Bepreisung von CO2-Emissionen zu erstellen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Bundeskanzlerin ist zufrieden, weil die EU-Schuldenaufnahme ihrer Ansicht nach einmalig ist. Anders sieht das Emmanuel Macron. Der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident ist zufrieden, weil der Einstieg in die gemeinsame Schuldenaufnahme gelungen ist. Offenbar sieht er die Chance, einen dauerhaften Mechanismus zu erzeugen. Und in der Tat muss man sich fragen, wie hoch der Druck auf die Deutschen und andere eher skeptische Mitglieder der EU sein wird, wenn die n\u00e4chste Krise kommt. Es wird immer einen Grund zur Solidarit\u00e4t geben. Dies gilt vor allem dann, wenn die 750 Milliarden Euro ausgegeben, die Ursachen f\u00fcr die Probleme in den Mitgliedsl\u00e4ndern aber nicht bek\u00e4mpft worden sind. Dies ist angesichts des fehlenden Reformzwangs sehr wahrscheinlich; im Grunde ist jetzt schon abzusehen, dass es in wenigen Jahren den n\u00e4chsten Anlass f\u00fcr eine gemeinsame Anleihe geben wird. Damit h\u00e4tten wir die Coronabonds durch die Hintert\u00fcr.<\/p>\n<p>Die Diskussion dar\u00fcber und das damit verbundene Potential weiterer Spaltung bis hin zum Austritt einiger L\u00e4nder kann man jetzt schon herauslesen. W\u00e4hrend die Einen den Kompromiss als Beleg f\u00fcr Solidarit\u00e4t feiern und gleichzeitig die Bremser aus den Niederlanden, \u00d6sterreich und Skandinavien als geizige Nationalisten, die Europa als Projekt nicht anerkennen w\u00fcrden, kritisieren, gibt es Andere, die Reformunwilligkeit und Verschwendung sehen. Sie glauben nicht daran, dass die 750 Milliarden die Probleme tats\u00e4chlich l\u00f6sen und einen Strukturwandel zur klimafreundlichen und gleichzeitig prosperierenden Wirtschaft ausl\u00f6sen. Man muss schon daran zweifeln, dass es den Regierungen gelingt, das Geld \u00fcberhaupt auszugeben. Und man muss sich sorgen, ob es in die richtigen H\u00e4nde gelangt. Das Potential f\u00fcr Nepotismus und Korruption ist hoch.<\/p>\n<p>Das Europ\u00e4ische Parlament sieht insbesondere ein Problem in der mangelnden Verpflichtung zur Rechtsstaatlichkeit. Es ist wirklich problematisch, dass jemand wie der ungarische Regierungschef Orban einerseits mit EU-Geldern den Aufschwung seines Landes unterst\u00fctzt, andererseits lauthals auf die EU schimpft, sich als Freifahrer, etwa bei der Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen, erweist und schrittweise den Rechtsstaat aush\u00f6hlt. Dass er von europ\u00e4ischen Steuerzahlern alimentiert wird, ist absurd. Es w\u00e4re zu w\u00fcnschen, dass sich das Parlament hier durchsetzt.<\/p>\n<p>Weniger problematisch ist es aber, dass industriepolitische Programme der EU-Kommission zum Klimaschutz nicht wie gew\u00fcnscht finanziert werden, was das Parlament ebenfalls beklagt. Viel besser als teure sektorspezifische oder gar auf bestimmte Technologien abgestellte Programme w\u00e4re eine klare Besinnung auf umfassende Bepreisung von klimasch\u00e4dlichen Emissionen \u2013 aber das steht auf einem anderen Blatt.<\/p>\n<p>Dann gibt es noch eine weitere Gruppe, die in allen Mitgliedstaaten laut ihre Stimme erheben wird \u2013 die Gruppe der Euroskeptiker. In den Geberl\u00e4ndern werden sie viel zu hohe Zahlungen, in den Nehmerl\u00e4ndern viel zu niedrige Zusch\u00fcsse beklagen. Auch eine Steuerhoheit f\u00fcr die Kommission wird auf nationaler Ebene in Zukunft sicher die Euroskeptiker st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Insofern bleibt der Betrachter ratlos zur\u00fcck. Ein Urteil \u00fcber die langfristigen Folgen des Kompromisses kann noch nicht abschlie\u00dfend gef\u00e4llt werden. Wenn es nur die beiden Optionen \u201eBeginn einer gl\u00e4nzenden Zukunft\u201c oder \u201eAnfang vom Ende der Union\u201c g\u00e4be, spr\u00e4che allerdings nicht viel f\u00fcr die erste Option.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Der Beitrag erschien am <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/politik\/europa\/freytags-frage-glaenzende-zukunft-oder-anfang-vom-ende-der-eu\/26031006.html\">24. Juli 2020<\/a> in der Wirtschaftswoche-Online.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das milliardenschwere Coronahilfspaket ist beschlossen. Doch man muss daran zweifeln, dass es den Regierungen gelingt, das Geld \u00fcberhaupt auszugeben. 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