{"id":2802,"date":"2010-04-25T06:48:26","date_gmt":"2010-04-25T05:48:26","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=2802"},"modified":"2010-04-25T06:52:33","modified_gmt":"2010-04-25T05:52:33","slug":"die-vernunft-von-regeln-nach-der-finanzkrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=2802","title":{"rendered":"Die \u201eVernunft von Regeln\u201c nach der Finanzkrise"},"content":{"rendered":"<p>Die Finanzkrise scheint vor\u00fcber zu sein. Die Staatsschulden, die sie uns hinterlassen hat, sind betr\u00e4chtlich. Die bedeutendste Langzeitfolge wir allerdings m\u00f6glicherweise nicht finanzieller, sondern institutioneller Natur sein. Die \u00dcberzeugung einer gr\u00f6\u00dferen Allgemeinheit, dass die unsichtbare Hand des Eigeninteresses, die auf M\u00e4rkten wirksam wird, sich der sichtbaren Hand des Regierungshandelns als \u00fcberlegen erweisen kann, ist stark ersch\u00fcttert. Deregulierung als Politikempfehlung ist unpopul\u00e4r und Regulierung wieder popul\u00e4r geworden. Obwohl klarerweise Reformen notwendig sind, w\u00e4re es \u00e4u\u00dferst bedenklich, wenn sie die Form von politischen Einzelfallinterventionen annehmen w\u00fcrden. Sollten wir der allgemeinen Neigung der Politik zu Einzelfallinterventionen mit Bezug auf Finanzm\u00e4rkte nachgeben, so k\u00f6nnte das auf lange Sicht gravierendere Folgen als die Steigerung der Staatsschulden mit sich bringen. Angesichts dieser Gefahr scheint es angemessen, an die Vorteile regelbasierter Politik und Ethik zu erinnern.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In ihrem grundlegenden Buch gleichen Titels haben Geoffrey Brennan und James Buchanan \u201cdie Vernunft von Regeln\u201c eindr\u00fccklich betont. Die Unterscheidung einer Wahl von Regeln und einer Wahl unter Regeln entspricht im rechtlichen Bereich der zwischen den Perspektiven des Rechtserlasses (de lege ferenda) und der Rechtsanwendung (de lege lata). Mit allen klassischen Liberalen (vor allem auch mit Friedrich August v. Hayek) ist zu betonen, dass die sichtbare Hand der Politik vor allem auf der Ebene des Regelerlasses wirksam werden sollte. Dem f\u00fcgen Brennan und Buchanan die klassische \u00dcberzeugung vor allem der schottischen Aufkl\u00e4rung des 18. Jahrhunderts hinzu, dass gute Institutionen zur Wahrung des Gemeinwohls unabh\u00e4ngig von den Handlungsmotiven der Regelunterworfenen beitragen sollen. Ganz im Sinne der ordoliberalen Freiburger Schule Ordnungspolitik, so wie sie heute insbesondere von Viktor Vanberg vertreten wird, l\u00e4sst sich feststellen, dass die sichtbare Hand der Politik und die unsichtbare des Eigeninteresses unter vern\u00fcnftigen Regeln tats\u00e4chlich Hand in Hand arbeiten werden. Dazu d\u00fcrfen wir die unsichtbare Hand des einzelfallorientierten Eigeninteresses allerdings nicht zu sehr durch Politik In ihrem Wirken behindern.<\/p>\n<p>Die Auffassung, dass f\u00fcr das ordnungsgem\u00e4\u00dfe Wirken wohlkonstruierter Institutionen individuelle Tugend so weit wie m\u00f6glich unn\u00f6tig sein sollte, ist f\u00fcr viele moralisch engagierte Individuen schwer akzeptabel. Sie neigen dazu, bei der Beurteilung dessen, was moralisch gut oder weniger gut ist, vor allem auf die moralischen Motive abzustellen. Es \u00fcberrascht insofern auch nicht, dass f\u00fcr sie vor allem individuelle Laster wie die \u201cGier\u201c und nicht schlechte Regeln zur Finanzkrise gef\u00fchrt haben. Dementsprechend geht es nach der vorherrschenden Denkweise vor allem darum, die individuelle Moral beziehungsweise Tugend der auf den Finanzm\u00e4rkten t\u00e4tigen Akteure zu verbessern. Wenn man jedoch im Ernst einen solchen R\u00fcckfall in das Stammesdenken im Falle komplexer Finanzm\u00e4rkte zulie\u00dfe, w\u00fcrde das gewiss katastrophale Folgen haben.<\/p>\n<p>Die Wahl von vern\u00fcnftigen Regeln ist auf Finanzm\u00e4rkten der allein angemessene Ort f\u00fcr moralische Erw\u00e4gungen. Es gibt gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr, eine Verbesserung der impliziten Risiko-Ausgleichsfunktionen von Finanzm\u00e4rkten nicht von der besseren Moral der Finanzakteure zu erwarten, sondern von einer Verbesserung der Regeln, unter denen sie operieren. Alle jene, die auf Finanzm\u00e4rkten arbeiten, sollten in diesem Falle darauf verzichten, sich bei der \u00d6ffentlichkeit lieb Kind zu machen. Sie sollten deren Fehlurteile nicht dadurch best\u00e4rken, dass sie ihre eigene individuelle moralische Integrit\u00e4t zur Schau stellen. Insoweit sollten sie als Finanzexperten ein gewisses uneigenn\u00fctziges Engagement in der Mitwirkung bei der Suche nach Regeln f\u00fcr freie und zugleich \u00fcbertreibungsresistentere Finanzm\u00e4rkte zeigen. Hier sollten sie ihre B\u00fcrgerverantwortung wahrnehmen und sich zur Wahl von Regeln \u00e4u\u00dfern, ohne allein von den partikularen Interessen ihrer Mutterh\u00e4user geleitet zu werden. Das gemeinsame Interesse der direkt am Finanzsektor Beteiligten an stabilen Finanzm\u00e4rkten deckt sich weit gehend mit dem der Allgemeinheit. Es muss nur kompetente und glaubw\u00fcrdige F\u00fcrsprecher finden. Dazu m\u00fcssen die Finanzunternehmen koordiniert ihre Mitarbeiter ermuntern, in ihren \u00f6ffentlichen Aussagen von den partikularen Unternehmensinteressen abzusehen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man argumentieren, dass in dem vorangehenden Appell sichtbar wird, dass eine ausschlie\u00dfliche Orientierung am partikularen Interesse nicht ausreicht, um zu Institutionen gelangen zu k\u00f6nnen, die dem allgemeinen Interesse im Gro\u00dfen und Ganzen dienlich sind. Das ist auch tats\u00e4chlich zutreffend. Doch es bildet insoweit keine Inkoh\u00e4renz, als es um den Erlass von Regeln geht. Es geht um die Erzeugung von und nicht um das Verhalten unter bestehenden Regeln. Ein Gemeinwesen kann nicht existieren ohne ein gewisses Ma\u00df an Gemeinsinn und in der Diskussion der Regeln sollte sich dieser zum Ausdruck bringen. W\u00e4hlt man jedoch f\u00fcr die Aus\u00fcbung des Gemeinsinns den falschen Ort und \u00fcberfordert ihn, dann wird das nur Scheinheiligkeit oder aber schlechte Ergebnisse zeitigen.<\/p>\n<p>Das Verhalten unter bestehenden Regeln auf Finanzm\u00e4rkten sollte keinesfalls moralisch auf die Verfolgung des Gemeinwohls verpflichtet werden. Auf Finanzm\u00e4rkten wollen wir gerade, dass die Akteure ihr je eigenes Wissen im Sinne ihrer je eigenen Interessen verwenden. Wir wollen, dass sie verschiedenste Perspektiven vermittelt vom Freien Preismechanismus Ber\u00fccksichtigung finden lassen. Das ist die beste uns m\u00f6gliche Weise Informationen \u00f6ffentlich auszuwerten. Nat\u00fcrlich gibt es keine Garantie, dass diese Form der Informationsauswertung jeweils die Wahrheit ans Licht br\u00e4chte. Das kann schon deswegen nicht zutreffen, weil es in den Fragen, auf die sich die Wetten der Finanzm\u00e4rkte beziehen, \u201edie\u201c von den M\u00e4rkten unabh\u00e4ngige Wahrheit nicht gibt. Was wahr ist, h\u00e4ngt zum gro\u00dfen Teil davon ab, was die Akteure selber f\u00fcr wahr halten. Viele Wetten sind auch Wetten auf die Wetten der anderen. Trotzdem handelt es sich bei unter den Regeln freien Finanzm\u00e4rkten nicht um Spielh\u00f6llen, sondern imperfekte, aber nach allem, was wir wissen, immer noch relativ beste institutionelle Verfahren mit den Unsicherheiten einer komplexen, sich dynamisch entwickelnden Welt umzugehen.<\/p>\n<p>Der Glaube, Finanzm\u00e4rkte seien in dem extremen Sinne effizient, dass jede Kritik an ihnen irrational w\u00e4re, erscheint als nahezu ebenso naiv wie der Glaube, dass man sie in ihren Ergebnissen durch eine Verbesserung der Moral der Akteure im Sinne des Gemeinwohls lenken k\u00f6nne. Jeder von uns kann rational versuchen, sich sein eigenes Urteil zu bilden. Bei einer von den M\u00e4rkten abweichenden Meinung muss er keinen rationalen Grund f\u00fcr die Revision der eigenen Auffassung haben. Dabei muss sich jedoch jeder bewusst sein, dass es viele voneinander abweichende Meinungen und Varianten rationaler Auffassungen geben kann. Da man nicht definitiv wissen kann, welche dieser Auffassungen die richtige ist, wird die Aggregation aller dieser Auffassung durch M\u00e4rkte besonderes Gewicht f\u00fcr praktische Zwecke behalten. Das Urteil der M\u00e4rkte kann man rational f\u00fcr falsch halten, nicht rational ignorieren. Auf der anderen Seite wissen wir auch, dass es Herdenverhalten und andere dynamische Prozesse auf M\u00e4rkten geben kann, die insbesondere auf hochsensiblen Finanzm\u00e4rkten zu katastrophalen Ergebnissen f\u00fchren k\u00f6nnen. Gehen wir kritisch rational an diese M\u00f6glichkeiten heran, so haben wir guten Grund, uns durch Verbesserung der Regeln um Katastrophenschutz zu bem\u00fchen und dabei zugleich anzuerkennen, dass es niemals einen perfekten Schutz geben wird. Da wird davon auszugehen haben, dass immer etwas schief gehen wird, immer wieder Krisen auftreten m\u00fcssen, muss es uns darum gehen, die Regeln so festzulegen, dass Schadensbegrenzung m\u00f6glich und die Erholung nach der Krise jeweils erleichtert wird. Wir k\u00f6nnen Abst\u00fcrze nicht vermeiden, aber daf\u00fcr sorgen, dass der Sturz nichts zerbricht, sondern die Dinge elastisch reagieren (resilience).<\/p>\n<p>Auch die Vermeidung von Krisen hat ihren Preis. Von einem umfassenderen Standpunkt aus kann es vern\u00fcnftigerweise weder darum gehen, Krisen g\u00e4nzlich zu vermeiden noch deren Ausma\u00df zu minimieren. Es gilt nicht nur \u201eno risk no fun\u201c, sondern auch, dass wir nur dann Innovation und Fortschritt haben k\u00f6nnen, wenn wir neben Versuchen positiver Art auch den Irrtum negativer Art zulassen. Kurz: Angesichts der Fehlbarkeit der menschlichen Vernunft geht es bei der Festlegung von vern\u00fcnftigen Regeln f\u00fcr Finanzm\u00e4rkte darum, Anzahl und Ausma\u00df von Krisen zu optimieren, nicht darum Krisen unm\u00f6glich zu machen. Daf\u00fcr w\u00e4re der Preis zu hoch.<\/p>\n<p><strong>Literatur: <\/strong><br \/>\nBrennan, H. Geoffrey und Buchanan, James M. (1993): Die Begr\u00fcndung von Regeln. T\u00fcbingen: Mohr.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Finanzkrise scheint vor\u00fcber zu sein. 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