{"id":28156,"date":"2020-11-02T00:01:46","date_gmt":"2020-11-01T23:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28156"},"modified":"2020-11-02T07:21:59","modified_gmt":"2020-11-02T06:21:59","slug":"tutti-dei-fratelli-marx","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28156","title":{"rendered":"Tutti dei fratelli Marx"},"content":{"rendered":"<p>Papst Franziskus propagiert in seiner Enzyklika \u201cfratelli tutti\u201d das Ideal der Geschwisterlichkeit als Leitideal menschlichen Zusammenlebens. Er appelliert damit an evolution\u00e4r verwurzelte menschliche Gef\u00fchle in einer Weise, die quer steht zur kulturellen Evolution der WEIRDs &#8212; \u201cwestern, educated, industrialized, rich and democratic\u201d societies and individuals. WEIRD l\u00e4\u00dft sich dabei nicht nur w\u00f6rtlich in das deutsche Pr\u00e4dikat \u201cseltsam\u201d (abwegig, merkw\u00fcrdig) \u00fcbersetzen, sodern auch als Akronym sinngem\u00e4\u00df \u00fcbertragen in die Worte \u201cWohlstand, Erziehung, Individualfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie\u201d.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der offenkundig gutwillige, liebensw\u00fcrdige und durchaus gebildete Papst Franziskus sieht die Spannung zwischen dem Ideal der Geschwisterlichkeit und den Prinzipien, die WEIRD beg\u00fcnstigen, nicht. Als einer der \u201ctutti dei fratelli Marx\u201d verkennt er die geschichtliche Rolle der katholischen Kirche. Er erkennt nicht an, dass der freiheitliche Rechts- und Sozialstaat bis heute die einzige Lebensform ist, in der das christlich-marxistische Prinzip des \u201cjeder nach seinen F\u00e4higkeiten, jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen\u201d (vgl. ideengeschichtlich Bovens 2019) zumindest f\u00fcr grundlegende Bed\u00fcrfnisse n\u00e4herungsweise in Freiheit realisiert werden konnte.<\/p>\n<p>Die Rechtsstaatlichkeit ist jedoch nicht zu haben, ohne die \u201cgeschwisterliche Parteinahme\u201d f\u00fcr den buchst\u00e4blich N\u00e4chsten durch allgemeine und gleiche Regeln zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Rechtsregeln ohne Ansehung der Person durchzusetzen, setzt voraus, dass hinreichend viele hinreichend einflussreiche Menschen in hinreichend vielen Bereichen bereit sind, Bereichs-Regeln \u201cohne Ansehung der Person\u201d und nicht nach pers\u00f6nlichen Loyalit\u00e4ten anzuwenden.<\/p>\n<p>B\u00fcrger freiheitlicher Rechtsstaaten, denen daran gelegen ist, \u00fcber die priot\u00e4re Sicherung des Rechts- und Sozialstaates das m\u00f6gliche Mass internationaler Rechtlichkeit zu realisieren, d\u00fcrfen dem naiven Internationalismus, der in der UN Charta und den Ansichten des Papstes angelegt ist (R[andziffer Enzyklika], 257) nicht folgen. Dies zu tun, leistet nur denen Vorschub, deren Ansichten und Handlungen \u201eRecht und Freiheit\u201c international unterminieren. Worum es geht, zeigt sich, wenn man Ordnungspolitik gleichsam \u201cvon Anfang an\u201d betrachtet.<\/p>\n<p><strong>1. Von der J\u00e4ger-Sammler- zur allgemeinen Regel-Gemeinschaft\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>In der urspr\u00fcnglichen menschlichen J\u00e4ger-Sammler-Adaptation, die ganz vereinzelt bis auf den heutigen Tag \u00fcberlebt hat, arbeiten Menschen nicht nur mit denen arbeitsteilig zusammen, mit denen sie zumindest weitl\u00e4ufig verwandt und\/oder verschw\u00e4gert sind. Die Ko-Evolution von \u201cGenen, Geist und Gruppenkultur\u201c erm\u00f6glichte es Menschen &#8212; wie auch j\u00fcngere genetische Untersuchungen zu belegen scheinen &#8212; in Gruppen, mit einer maximalen Kopfzahl von ca. 300 &#8212; typischer Weise jedoch um 150 &#8212; Individuen wie Geschwister zu leben, ohne Geschwister zu sein. Dabei spielt ein Ger\u00fcst von Verwandtschaftsbeziehungen eine tragende Rolle, doch k\u00f6nnen genetisch fremde Individuen nicht nur durch \u201cEinheirat\u201d, sondern auch durch \u201cBefreundung\u201d zu so vertrauten Gliedern der Gemeinschaft werden, dass man von \u201cquasi-geschwisterlichen\u201d zwischenmenschlichen Beziehungen sprechen darf.<\/p>\n<p>In einer Welt der Gro\u00df-Organisationen und -Interaktionen, die sich insbesondere seit der neolithischen Revolution und der Domestikation von Pflanzen und Tieren herausgebildet hat, gilt das \u201csmall is beautiful\u201d jedoch nur noch f\u00fcr Sub-Interaktionen. Kleine k\u00f6nnen dem Konkurrenzdruck entsprechend organisierter Gro\u00dfgruppen nicht standhalten und werden verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Nachdem die ersten Staaten entstanden, braucht es einen Staat, um Menschen nach au\u00dfen gegen andere Staaten und einen nach allgemeinen Regeln operierenden Rechtsstaat, um sie nach innen gegen den eigenen Staat zu sch\u00fctzen. Sollen die zentralen zivilisatorischen Errungenschaften westlicher Rechtsstaatlichkeit bewahrt werden, muss jeder B\u00fcrger die Kosten von Anonymisierung und Generalisierung tragen, die mit Gro\u00dforganisationen unweigerlich einhergehen. Der Gewinn an individueller Lebensqualit\u00e4t und Sicherheit gegen von Natur und Menschen gemachte Gefahren ist dabei &#8212; zumal in modernen Rechtsstaaten &#8212; unvergleichlich h\u00f6her zu sch\u00e4tzen als die (im)materiellen Kosten.<\/p>\n<p>Die Enzyklika fratelli tutti teilt diese Einsicht nicht. Sie versteht nicht, dass die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der Rolle von \u201cgeschwisterlichen\u201d Beziehungen in Organisationen und auf M\u00e4rkten Voraussetzung der \u00dcberwindung von \u201cVetternwirtschaft\u201d ist. Bei allen hartn\u00e4ckigen \u00dcbeln beruht der \u201cmerkw\u00fcrdige\u201d (weird) Fortschritt der letzten dreihundert Jahre hin zum WEIRD darauf, dass immer gr\u00f6\u00dfere Teile der Menschheit gelernt haben, sich nicht nur auf die zu verlassen, mit denen sie dauerhaft in kleinen Gruppen verbunden sind.<\/p>\n<p>Durch <em>Aufl\u00f6sung<\/em> tradierter Klan-Organisation wurden die Menschen zur Assoziation mit frei gew\u00e4hlten Partnern und zu Transaktionen mit Fremden zunehmend in die Lage versetzt (Seabright 2010). Die zum wechselseitigen Vorteil der Beteiligten wirkende Ausweitung des Netzes kooperativer, unpers\u00f6nlicher Beziehungen wird von denen, die dem Ideal der fratelli tutti huldigen, als \u201cEntfremdung\u201d wahrgenommen. Sie sehnen sich danach, aus der gro\u00dfen Welt anonymer Zusammenarbeit zur kleinen Welt personaler Beziehungen zur\u00fcckzukehren. Der Papst appelliert durchaus populistisch an diese Sehnsucht.<\/p>\n<p><strong>2. O-Ton Franziskus (alle Zitationen mit Randziffern aus der Enzyklika fratelli tutti)<\/strong><\/p>\n<p>\u201cAngesichts gewisser gegenw\u00e4rtiger Praktiken, andere zu beseitigen oder zu \u00fcbergehen, sind wir in der Lage, darauf mit einem neuen Traum der Geschwisterlichkeit und der sozialen Freundschaft zu antworten, der sich nicht auf Worte beschr\u00e4nkt.\u201d ([6])<\/p>\n<p>Immerhin findet der Papst erfreulich klare Worte daf\u00fcr, die Todesstrafe abzuschaffen (vgl. [258]). Ansonsten macht er wenig konkrete Vorschl\u00e4ge, sondern ergeht sich in Anspielungen, wonach \u201cheute\u201d die Verh\u00e4ltnisse besonders problematisch sind. Nat\u00fcrlich ist \u201cheute\u201d nicht alles zum besten gestellt, aber wenn man den globalen Trend zur Verbesserung unterst\u00fctzen will, sollte man sich h\u00fcten, die Kr\u00e4fte, die zum Besseren wirken, zu delegitimieren. Genau das vollzieht fratelli tutti, indem das Wort \u201cheute\u201d im Text durchg\u00e4ngig mit negativen Erscheinungen assoziiert wird.<\/p>\n<p>\u201cEs gibt heute in der Welt weiterhin zahlreiche Formen der Ungerechtigkeit, gen\u00e4hrt von verk\u00fcrzten anthropologischen Sichtweisen sowie von einem Wirtschaftsmodell, das auf dem Profit gr\u00fcndet und nicht davor zur\u00fcckscheut, den Menschen auszubeuten, wegzuwerfen und sogar zu t\u00f6ten.\u201d ([22]) Zwar wird das Wort \u201cweiterhin\u201d benutzt, aber es wird kein weiteres Wort \u00fcber die endemische Rechtlosigkeit fr\u00fcherer Zeiten und die damit verkn\u00fcpfte Ausbeutung in offiziell nicht auf \u201cProfit gr\u00fcndeten\u201d Wirtschaftsmodellen hinzugef\u00fcgt (vgl. f\u00fcr Anschauungsmaterial dazu, wie furchtbar diese Vergangenheit war, Pinker 2012).<\/p>\n<p>\u201cWas bedeuten heute einige dieser Begriffe wie Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit, Einheit? Sie sind manipuliert und verzerrt worden, um sie als Herrschaftsinstrumente zu benutzen, als sinnentleerte Aufschriften, die zur Rechtfertigung jedweden Tuns dienen k\u00f6nnen.\u201d ([14])<\/p>\n<p>Wo das Wort \u201cheute\u201d vermieden und auf einen aus Sicht des Papstes positiven Trend verwiesen wird, wird der Text real-politisch wirklich bedenklich:<\/p>\n<p>\u00bbDie st\u00e4ndig steigende Zahl der Verbindungen und Kontakte, die unseren Planeten \u00fcberziehen, macht das Bewusstsein der Einheit und des Teilens eines gemeinsamen Geschicks unter den Nationen greifbarer. So sehen wir, dass in die Geschichtsabl\u00e4ufe trotz der Verschiedenheit der Ethnien, der Gesellschaften und der Kulturen die Berufung hineingelegt ist, eine Gemeinschaft zu bilden, die aus Geschwistern zusammengesetzt ist, die einander annehmen und f\u00fcreinander sorgen\u00ab. ([96])<\/p>\n<p>Der Papst macht keine Unterschiede zwischen Rechtsstaaten und solchen, die keine Rechtsstaaten sind, wenn es um internationale Beziehungen geht; \u201c(d)enn \u00bbdie internationale Gemeinschaft ist eine Rechtsgemeinschaft, die auf der Souver\u00e4nit\u00e4t jedes Mitgliedsstaates beruht, dessen Unabh\u00e4ngigkeit nicht durch Bande der Unterordnung negiert oder eingeschr\u00e4nkt wird\u00ab. ([173]) \u00dcberdies stellt er fest: \u201cEs ist keine pure Utopie, jeden Menschen als Bruder oder Schwester anerkennen zu wollen und eine soziale Freundschaft zu suchen, die alle integriert. Dazu braucht es Entschiedenheit und die F\u00e4higkeit, wirksame Wege zu finden, die sie real m\u00f6glich machen.\u201d ([180]) &#8212; Ein Schelm, der hier an universelle \u00d6ffnung der Grenzen und der Zuwanderung von denen, die nicht weird sind, denkt? Das sogenannte Erbe Europas, das wesentlich auf das Wirken der katholischen Kirche zur\u00fcckzugehen scheint, steht auf dem Spiel und damit auch das Erbe des Katholizismus selbst.<\/p>\n<p><strong>3. Die geschichtliche Leistung der Katholischen Kirche<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem die katholische Kirche sich \u00fcber viele Jahrzehnte als konservatives Bollwerk gegen den Marxismus verstand &#8212; wobei sie sich leider auch mit abscheulichen Autokraten verschiedenster Couleur einlie\u00df &#8212; haben wir es nun mit progressivem Marxismurx zu tun (vgl. <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?s=kliemt+seehofer\">http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?s=kliemt+seehofer<\/a>). Darin liegt insofern eine tragische Ironie als &#8212; jedenfalls nach neueren empirischen Forschungsergebnissen &#8212; die katholische Kirche den geschichtlichen Aufstieg von WEIRD wesentlich mit-verursacht hat.<\/p>\n<p>J\u00fcngere, empirisch recht gut unterf\u00fctterte, im weiteren Sinne kulturanthropologische Studien legen nahe, dass das Wirken der katholische Kirche eine bedeutende Rolle gespielt hat im Prozess der Individualisierung, dem Trend zur Kleinfamilie und dem Abbau des Einflusses der Klanstrukturen (Schulz et. al 2019). Nach diesen Studien scheint der Einfluss der katholischen Kirche hauptverantwortlich f\u00fcr die Ausbreitung der Neigung zur unparteiischen Regelbefolgung im Umgang mit Personen au\u00dferhalb von Verwandtschaftsnetzwerken gewesen zu sein. Durch Durchsetzung der Monogamie, die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der Vettern- und Basenehe, die Schaffung von innerkirchlichen Organisationsstrukturen, die unabh\u00e4ngig von Familien- und Freundschaftsbanden verl\u00e4sslich wirken, und durch Zerschlagung der Klan- und Familienstrukturen, die ansonsten die Seuche der Vetternwirtschaft beg\u00fcnstigten, hat die katholische Kirche den Fortschritt zu WEIRD erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Schwierigkeiten mit der Durchsetzung der Rechtsstaatlichkeit etwa in Sizilien oder im Bereich jener europ\u00e4ischen Staaten, deren Entwicklung sich \u00fcberwiegend unter dem Dach der griechisch-orthodoxen Kirchen vollzog, scheinen eng mit der L\u00e4nge und Intensit\u00e4t des Einflusses der katholischen Kirche korreliert. Die entwickelten Ma\u00dfzahlen und Details der Studien n\u00e4hren eine starke Anfangsvermutung, dass das Wirken der katholischen Kirche kausal f\u00fcr das Auftreten von \u201cWEIRD-Ph\u00e4nomenen\u201d gewesen ist und nicht nur damit korreliert (vgl. dazu ebenso grundlegend wie popul\u00e4r Henrich 2020).<\/p>\n<p>Es entbehrt nicht der Ironie, dass ausgerechnet das Oberhaupt der katholischen Kirche in fratelli tutti den mit dem Aufstieg der modernen regelbasierten Rechtsstaatlichkeit und Moral verbundenen zunehmenden Niedergang der Br\u00fcderlichkeit beklagt und eine R\u00fcckkehr zu vormodernen Organisationsformen im Namen der N\u00e4chstenliebe propagiert. Das ist gut gemeint, aber der Versuch einer Umsetzung w\u00e4re kein Akt der N\u00e4chstenliebe, sondern w\u00fcrde die Fehler des realverblichenen Sozialismus wiederholen.<\/p>\n<p><strong>Referenzen<\/strong><\/p>\n<p>Bovens, Luc, and Adrien Lutz. forthcoming. \u201c\u2018From Each According to Ability; To Each According to Needs\u2019:\u00a0 Origin, Meaning, and Development of Socialist Slogans.\u201d <em>History of Political Economy<\/em>.<\/p>\n<p>Pinker, Steven. 2012. <em>The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined<\/em>. Reprint. New York Toronto London: Penguin Books.<\/p>\n<p>Schulz, Jonathan F., Duman Bahrami-Rad, Jonathan P. Beauchamp, and Joseph Henrich. 2019. \u201cThe Church, Intensive Kinship, and Global Psychological Variation.\u201d <em>Science<\/em> 366 (6466).<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1126\/science.aau5141\"> https:\/\/doi.org\/10.1126\/science.aau5141<\/a>.<\/p>\n<p>Seabright, Paul. 2010. <em>The Company of Strangers: A Natural History of Economic Life<\/em>. Princeton: Princeton University Press.<\/p>\n<p>Zum Marxismurx zus\u00e4tzlich <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?s=kliemt+seehofer\">http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?s=kliemt+seehofer<\/a>.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Papst Franziskus propagiert in seiner Enzyklika \u201cfratelli tutti\u201d das Ideal der Geschwisterlichkeit als Leitideal menschlichen Zusammenlebens. 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