{"id":28167,"date":"2020-10-29T00:18:35","date_gmt":"2020-10-28T23:18:35","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28167"},"modified":"2020-10-29T06:40:16","modified_gmt":"2020-10-29T05:40:16","slug":"ein-reshoring-medizinischer-produkte-als-antwort-auf-die-corona-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28167","title":{"rendered":"Ein \u201eReshoring\u201c medizinischer Produkte als Antwort auf die Corona-Krise?"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>1. Die Idee<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Kris<\/em>enzeiten sind regelm\u00e4\u00dfig Bl\u00fctezeiten der Protektionismus. Die Covid-19-Krise ist keine Ausnahme. Als es nach dem Ausbruch der Pandemie im Fr\u00fchjahr 2020 in vielen L\u00e4ndern zu einem Lockdown kam, wurden zahlreiche Lieferketten unterbrochen. Gleichzeitig entstanden aufgrund eines deutlichen Nachfrageanstieg nach medizinischen G\u00fctern erhebliche Lieferengp\u00e4sse. Schnell wurde daraufhin auf den Nachteil von Importen insbesondere aus regional weiter entfernten L\u00e4ndern und auf Nachteile der Abh\u00e4ngigkeit von ausl\u00e4ndischen Produkten hingewiesen. Kurzfristig wurde in einigen L\u00e4ndern auf Lieferengp\u00e4sse mit provisorischen L\u00f6sungen reagiert. So kam es dazu, dass heimische Textilunternehmen ihre Produktion teilweise auf Schutzmasken u.\u00e4. umstellten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In Zuge dieser Entwicklungen wurde rasch der Ruf nach einem Ersatz von Importen durch heimisch produzierte G\u00fcter zur Erzielung geringerer Abh\u00e4ngigkeit vom Ausland laut. Besonders laut wurde dieser Ruf bei medizinischen und pharmazeutischen Produkten, angefangen bei Masken \u00fcber Arzneien und Schutzausr\u00fcstungen bis hin zu medizinischen Ger\u00e4ten. Bald schon wurde auch das Anlegen von staatlich administrierten Best\u00e4nden entsprechender Produkte \u2013 manchmal auch \u201estrategische Bevorratung\u201c oder \u201eNotvorr\u00e4te\u201c genannt \u2013 zur Vermeidung von Versorgungsengp\u00e4ssen ins Gespr\u00e4ch gebracht. Nicht selten war der Hinweis zu h\u00f6ren, dass bei einem Zur\u00fcckholen der Produktion der entsprechenden G\u00fcter ins Inland das jeweilige Knowhow nicht verloren gehe. Darin liege ein zus\u00e4tzlicher Vorteil f\u00fcr das Inland, um f\u00fcr eine n\u00e4chste Krise vorbereitet zu sein. In Europa war zudem das Argument zu h\u00f6ren, dass mit der R\u00fcckverlagerung der Produktion sichergestellt werden k\u00f6nnte, dass hohe Qualit\u00e4ts- und Sicherheitsstandards eingehalten w\u00fcrden und man auch entsprechende Anforderungen an die verwendeten Materialen durchsetzen k\u00f6nnte. So w\u00e4re z.B. darauf zu achten, dass die Produkte \u2013 wenn es sich etwa um Einwegprodukte handele \u2013 recycelt werden k\u00f6nnten, damit die Umwelt geschont und die Mentalit\u00e4t des Wegwerfens nicht unterst\u00fctzt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ein weiteres Argument f\u00fcr den Ersatz ausl\u00e4ndischer durch heimische Produktion wird vielfach in der \u201eAnkurbelung der Wirtschaft\u201c \u2013 insbesondere in Krisenzeiten \u2013 gesehen. Hiermit werden gleichzeitig Argumente der Widerstandsf\u00e4higkeit von Volkswirtschaften (sog. \u201eResilienz\u201c) und Autarkievorteile verbunden. Margarete Schramb\u00f6ck, die \u00f6sterreichische Ministerin f\u00fcr Digitalisierung und Wirtschaftsstandort, argumentierte sogar, die EU brauche \u201eeine Renaissance der europ\u00e4ischen Produktion, um neue Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten zu schaffen\u201c (Das Wirtschaftsstudium, WISU, Vol. 2\/2020, S. 454). Auch die EU<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick klingen die vorgetragenen Argumente plausibel. Wenn etwa keine Masken verf\u00fcgbar sind, kann auch keine Maskenpflicht verordnet und damit der beabsichtigte Schutz der Bev\u00f6lkerung gew\u00e4hrleistet werden. Unterzieht man die Argumente allerdings einer n\u00e4heren Pr\u00fcfung, so wird deutlich, verlieren sie schnell an \u00dcberzeugungskraft. Aus \u00f6konomischer Sicht sind jeweils die direkten und die indirekten Wirkungen zu pr\u00fcfen und es ist ein Blick auf die k\u00fcrzere und die l\u00e4ngere Frist zu werfen. Solche Pr\u00fcfungen sind wichtig, weil sich bei den aufgef\u00fchrten Forderungen nicht selten unter dem Deckmantel des unbedingten Erforderlichen rein protektionistische Anliegen verstecken.<\/p>\n<p><strong>2. Die Probleme<\/strong><\/p>\n<p>Worin k\u00f6nnten die Probleme des Vorschlags eines \u201eReshoring\u201c bestehen? Die wesentlichen seien hier aufgef\u00fchrt:<\/p>\n<p><strong>1.<\/strong> Es w\u00e4re zun\u00e4chst festzulegen, mit welchem Argument Ma\u00dfnahmen f\u00fcr ein \u201eReshoring\u201c begr\u00fcndet werden. Bei Pr\u00fcfung der Argumente, die hierf\u00fcr angebracht werden, erscheinen die Argumente aus ordnungspolitischen \u00dcberlegungen sehr problematisch. So kann es nicht Aufgabe des Staates sein, Arbeitspl\u00e4tze in bestimmten Bereichen zu schaffen oder ein ganz spezifisches Knowhow von Industrien aufzubauen. Auch die Abwendung der Unterbrechung bestimmter Lieferketten ist nicht notwendigerweise \u00fcberzeugend. Immerhin m\u00fcsste man administrative festlegen, f\u00fcr welche Lieferketten eine Unterbrechung eher zu erwarten ist und f\u00fcr welche dies nicht nur kurzfristig und erstmalig, sondern kontinuierlich und mittel- bis l\u00e4ngerfristig gilt. Sollen hier etwa bestimmte L\u00e4nder auf eine Art schwarze Liste gesetzt werden, bei denen diese Gefahr als besonders gro\u00df eingesch\u00e4tzt wird? Tats\u00e4chlich ist in diesem Zusammenhang h\u00e4ufig die Vermutung zu h\u00f6ren, dass Lieferketten innerhalb der EU unproblematischer sind als jene von geographisch entfernteren L\u00e4ndern. Die Entwicklung der Covid-10-Pandemie zeigt aber, dass Lieferketten auch innerhalb der EU unterbrochen werden k\u00f6nnen, wenn einzelne L\u00e4nder besonders hart getroffen werden. Das gleiche gilt selbst f\u00fcr inl\u00e4ndische Lieferketten.<\/p>\n<p>Hinzukommt, dass ein Lieferengpass, den es im Fr\u00fchjahr 2020 bei medizinischen Produkten gab, nicht prim\u00e4r Folge von unterbrochenen Lieferketten war. Eine neue Untersuchung des Kieler Instituts f\u00fcr Weltwirtschaft zeigt, dass bei medizinischen Produkten nicht die Unterbrechung der Lieferketten das Problem war, sondern die erheblich gestiegene Nachfrage der Industriel\u00e4nder nach solchen Produkten. Chinesische Exporte von Desinfektionsmitteln und Masken sind nicht etwa zur\u00fcckgegangen oder gar zusammengebrochen, sondern sie stiegen sogar (durch gestiegene Preise und Mengen) im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 1.000%. F\u00fcr Thermometer, Schutzkittel und Beatmungsger\u00e4te war der Anstieg der chinesischen Exporte nicht ganz so gro\u00df, aber immer noch im deutlich dreistelligen Prozentbereich. Mehr noch: Deutschland gelang es, entsprechende G\u00fcter aus China trotz der Lieferengp\u00e4sse in erheblichem Umfang zu beziehen, weil zu China bereits gute Handelsbeziehungen vor der Covid-19-Pandemie bestanden. Die untenstehende Tabelle zeigt, wie sich die Importe kritischer Medizinprodukte aus China 2020 im Vergleich zu 2019 entwickelt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/frenk.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/frenk.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p><strong>2.<\/strong> Eng verbunden mit dem voranstehenden Problem ist die Definition von sogenannten Schl\u00fcsselindustrien, die es unbedingt im Inland zu halten gilt. Es ist kaum vorstellbar, dass hierzu klare und auf das unbedingt Erforderliche zu begrenzende Kriterien definiert werden k\u00f6nnen. Ohne eine solche Definition besteht aber die Gefahr, dass allzu leicht mehr und mehr Produkte und Industrien in diese Gruppe einbezogen werden.<\/p>\n<p>Ferner w\u00e4re hierbei zu kl\u00e4ren, ob sich die Definition der hierbei als wichtig erachteten G\u00fcter nur auf die Endprodukte oder auch auf alle darin enthaltenen Vor- und Zwischenprodukte bezieht und wo ggfs. die Trennungslinie zu ziehen ist. Wird man hier konkret, zeigt sich, wie problematisch jede Abgrenzung sein kann. Sind z.B. Unternehmen, die f\u00fcr Schutzmasken die elastischen B\u00e4nder herstellen, ebenfalls Schl\u00fcsselindustrien?<\/p>\n<p><strong>3.<\/strong> Sofern es das Ziel ist, f\u00fcr bestimmte Produkte ein Zur\u00fcckholen der Produktion ins Inland zu erreichen, w\u00e4ren die Ma\u00dfnahmen festzulegen, mit denen dies erfolgen soll. Ist hier an ein Einfuhrverbot bestimmter Produkte gedacht, an eine Abnahmegarantier der Regierung f\u00fcr inl\u00e4ndische Produzenten oder an Subventionen, die zu einer Verbesserung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit der inl\u00e4ndischen Produktion f\u00fchrt. Wenn letzteres gilt, dann m\u00fcsste zus\u00e4tzlich festgelegt werden, wie auf eine sp\u00e4ter entstehende Ver\u00e4nderung der inl\u00e4ndischen Wettbewerbsf\u00e4higkeit \u2013 etwa aufgrund von ver\u00e4nderten Produktionskosten in Inland relativ zum Ausland\u2013 zu reagieren w\u00e4re. Aus anderen Bereichen der staatlichen Aufsicht ist bekannt, dass die Beurteilung von Produktionskosten durchaus komplex sein kann.<\/p>\n<p><strong>4.<\/strong> Ma\u00dfnahmen, die in die beschriebene Richtung gehen, w\u00e4ren in jedem Falle zeitlich zu befristen, damit zum einen auf eine Ver\u00e4nderung der Entwicklungen hinsichtlich der Lieferketten und der Produktarten reagiert werden kann und zum anderen kein Gew\u00f6hnungseffekt entsteht, der zu einer Verfestigung unangemessener Strukturen f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>5.<\/strong> Wenn an Abnahmegarantien oder auch eine Vorratshaltung bestimmter Produkte gedacht ist, dann entst\u00fcnden entsprechende zus\u00e4tzlich Kosten. Die EU-Landwirtschaftspolitik bietet f\u00fcr die damit verbundenen Probleme vielf\u00e4ltige Anschauungsbeispiele.<\/p>\n<p><strong>6.<\/strong> Bei den Vorschl\u00e4gen eines auf gr\u00f6\u00dfere Autarkie abzielenden Vorschlags d\u00fcrfen die negativen gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtseffekte, die von den wirtschaftspolitischen Ma\u00dfnahmen ausgehen, nicht \u00fcbersehen werden. Die entsprechenden Produkte werden unter Einbezug der staatlichen F\u00f6rderungen teurer und es ist zu kl\u00e4ren, wer die entstehenden Kosten tr\u00e4gt. Wenn dabei argumentiert wird, dass dies eben eine Art Versicherungspr\u00e4mie gegen entsprechende Lieferengp\u00e4sse sei, dann w\u00e4re zumindest zu zeigen, dass die mit letzterem verbundenen negativen Effekte gr\u00f6\u00dfer sind als die auf den jeweiligen M\u00e4rkten entstehenden negativen Wohlfahrtseffekte durch den staatlichen Eingriff. Bei den Wohlfahrtseffekten darf auch nicht \u00fcbersehen werden, dass der Preis eines herbeigef\u00fchrten \u201eReshoring\u201c f\u00fcr ein in die Weltwirtschaft stark integriertes Land wie Deutschland auch in einem induzierten R\u00fcckgang der Exporte zeigen w\u00fcrde. Es w\u00e4re eine M\u00e4r anzunehmen, dass sich Importe unabh\u00e4ngig von den Exporten eines Landes ver\u00e4ndern lassen.<\/p>\n<p><strong>3. Schlussfolgerungen<\/strong><\/p>\n<p>Es zeigt sich mithin, dass ein \u201eReshoring\u201c von medizinischen Produkten aufgrund der Covid-19-Pandemie h\u00f6chst problematisch ist. Die aufgelisteten Probleme zeigen, dass Autarkiebestrebungen immer einen hohen Preis haben. Sie schlagen sich l in h\u00f6heren Kosten und geringerer gesamtwirtschaftlicher Produktivit\u00e4t nieder. Wenn folglich f\u00fcr Produkte ein Zur\u00fcckbringen der Produktion und\/oder ein Lageraufbau bestimmter Produkte angestrebt wird, so ist zu pr\u00fcfen, wie mit den aufgezeigten Problemen zu verfahren ist. Bisher erscheint keine Abgrenzung von Produkten, Umfang der L\u00e4nder f\u00fcr gef\u00e4hrdete Lieferketten sowie Art und Umfang der Ma\u00dfnahmen \u00fcberzeugend. Au\u00dferdem darf nicht \u00fcbersehen werden, dass auch eine Verlagerung der Produktion ins Inland Zeit in Anspruch nimmt. In gleicher Zeit k\u00f6nnte u.U. der Markt f\u00fcr entsprechende Anpassungen sorgen, wie sich nach der ersten Covid-10-Welle zeigt.<\/p>\n<p>Wenn es Lehren aus der ersten Welle der Pandemie hinsichtlich der Lieferketten gibt, so sind sie nicht in einem \u201eReshoring\u201c von medizinischen Produkten zu sehen, sondern in den erkannten Vorteilen diversifizierter Lieferketten. Vieles spricht daf\u00fcr, dass Unternehmen dies selbst und schneller erkennen und die Konsequenzen daraus ziehen k\u00f6nnen als staatlich verordnete Ma\u00dfnahmen. So zeigt der Markt f\u00fcr Masken derzeit, dass der Markt durchaus in der Lage ist, auf die aufgetretenen Engp\u00e4sse zu reagieren. Sonst w\u00e4re nicht zu erkl\u00e4ren, dass es in der im Vergleich zur ersten Welle st\u00e4rkeren zweiten Welle offenbar keine Engp\u00e4sse gibt.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Schramb\u00f6ck, Margareta, Produktion nach Europa zur\u00fcckholen, in: Das Wirtschaftsstudium (wisu), 5\/20, S.454-5.<\/p>\n<p>Fuchs, Andreas, Kaplan, Lennart, Kis-Katos, Krisztina, Schmidt, Sebastian, Turbanisch, Felix, und Wang, Feicheng, Chinas Maskendiplomatie Die Rolle politischer und wirtschaftlicher Bezieheungen bei der Beschaffung medizinischer G\u00fcter in der Corona-Krise, Kis Policy Brief, Nr. 145 (Oktober 2020).<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Die Idee Krisenzeiten sind regelm\u00e4\u00dfig Bl\u00fctezeiten der Protektionismus. 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