{"id":28234,"date":"2020-11-18T00:10:14","date_gmt":"2020-11-17T23:10:14","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28234"},"modified":"2020-11-18T08:29:19","modified_gmt":"2020-11-18T07:29:19","slug":"buechermarkt-wie-sich-die-sichtweisen-von-hans-werner-sinn-und-clemens-fuest-unterscheiden-die-corona-buecher-der-beiden-top-oekonomen-in-der-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28234","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>B\u00fccherMarkt <\/font><br\/>Wie sich die Sichtweisen von Hans-Werner Sinn und Clemens Fuest unterscheiden  <br\/><font size=3; color=grey>Die Corona-B\u00fccher der beiden Top-\u00d6konomen in der Rezension <\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Es kommt nicht oft vor, dass das langj\u00e4hrige Gesicht eines der gro\u00dfen deutschen Forschungsinstitute und sein Nachfolger fast parallel ein Buch zum gleichen Thema ver\u00f6ffentlichen. Doch die Corona-Pandemie ist ja auch alles, nur nicht gew\u00f6hnlich. So haben sich also <em>Hans-Werner Sinn<\/em> und <em>Clemens Fuest<\/em> in ihren neuesten Werken haupts\u00e4chlich mit den \u00f6konomischen, aber ansatzweise auch gesellschaftlichen und gesundheitlichen Folgen der Krise auseinandergesetzt. \u201eWie wir unsere Wirtschaft retten \u2013 Der Weg aus der Corona-Krise\u201c (<em>Fuest<\/em>) und \u201eDer Corona-Schock \u2013 Wie die Wirtschaft \u00fcberlebt\u201c (<em>Sinn<\/em>) offenbaren bei allen \u00f6konomischen Gemeinsamkeiten auch unterschiedliche Ans\u00e4tze und Sichtweisen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das beginnt bereits beim Grundkonzept der B\u00fccher. <em>Sinn<\/em>, ehemaliger Leiter des M\u00fcnchner <em>Ifo Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung<\/em>, folgt den 34 Fragen seines Lektors, auf die er in aller Tiefe eingeht. Der 72-J\u00e4hrige schreibt h\u00e4ufig in der Wir- und Ich-Perspektive, verr\u00e4t dabei auch Pers\u00f6nliches, bringt die Zusammenh\u00e4nge gewohnt pointiert auf den Punkt und \u00fcbt immer wieder scharfe Kritik an der europ\u00e4ischen Klima- und Verschuldungspolitik. Der rund 20 Jahre j\u00fcngere <em>Fuest<\/em>, genau wie sein Vorg\u00e4nger \u00fcbrigens ein geb\u00fcrtiger Westfale, w\u00e4hlt hingegen einen klassischen Kapitel-Aufbau im Sinne einer \u00f6konomischen Diagnose und Therapie der Corona-Krise. Er argumentiert dabei in einem sachlichen Analysestil anhand von vielen Grafiken, Fakten und gibt anschlie\u00dfend vergleichsweise diplomatische Handlungsempfehlungen.<\/p>\n<h6>Schwerpunkt auf Gesundheits-, Schulden- und Umweltpolitik<\/h6>\n<p>Beide Top-\u00d6konomen machen einen breiten (volkswirtschaftlichen) Rundumschlag zur Corona-Pandemie, legen ihren Schwerpunkt dabei neben der Krise als solches auf die europ\u00e4ische sowie speziell die deutsche Gesundheits-, Schulden- und Umweltpolitik. Und sie lassen daran \u2013 bis auf das Adhoc-Krisenmanagement einiger L\u00e4nder wie Deutschland und Italien \u2013 kein gutes Haar. Genau wie <em>Sinn<\/em> bem\u00e4ngelt auch <em>Fuest<\/em> die hohen Schuldenquoten und den zunehmenden Automatismus der Geldtransfers von Nord- in Richtung S\u00fcdeuropa. Beides d\u00fcrfte in \u00f6konomischer Hinsicht eine der sichtbarsten Folgen der Seuche bleiben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend <em>Fuest<\/em> in dem neuen, rund 750 Milliarden umfassenden Rettungsfonds der Europ\u00e4ischen Union einen dezidierten Unterschied zu einer gemeinschaftlichen Verschuldung sieht, ist f\u00fcr den emeritierten Professor der Weg dorthin l\u00e4ngst vorgezeichnet. <em>Sinn<\/em> selbst h\u00e4tte in dieser Covid-19-Krise von Anfang an einen v\u00f6llig anderen gew\u00e4hlt, n\u00e4mlich den der unilateralen Hilfe. \u201eWir brauchen doch nicht die EU, um unseren Nachbarn zu helfen. Man muss sich auch nicht koordinieren, wenn man hilft. Wenn ich jemand anderem helfe, dann tue ich das aus eigenem Antrieb, und ich tue das unabh\u00e4ngig davon, ob andere es auch tun.\u201c (S.\u00a023)<\/p>\n<p><em>Sinn<\/em> macht nicht nur diese Ex-post-Vorschl\u00e4ge, er hat mitten in der Krise nach eigenem Bekunden auch selbst entsprechend gehandelt. So h\u00e4tten er und seine Frau \u2013 ebenfalls eine \u00d6konomin \u2013 \u201eprivat nach unseren M\u00f6glichkeiten sehr viel an das italienische Rote Kreuz gespendet. Wir haben auch einen Aufruf get\u00e4tigt, der vom Wirtschaftsbeirat Bayern [\u2026] aufgenommen wurde.\u201c (S.\u00a023) Viele Unternehmen h\u00e4tten im vier- und f\u00fcnfstelligen Bereich gespendet. Nat\u00fcrlich ist auch <em>Sinn<\/em> bewusst, dass dies nur ein Tropfen auf dem hei\u00dfen Stein gewesen ist. Doch die deutsche Regierung h\u00e4tte es verpasst, auf diese Weise \u201eeinen wirklich substanziellen Beitrag\u201c zu leisten. \u201eDas w\u00e4re ein Zeichen der Solidarit\u00e4t gewesen. Und es h\u00e4tte vor allem nicht irgendeinen Automatismus begr\u00fcndet, der die deutsche Regierung zu Leistungsversprechen in Zukunft veranlasst.\u201c (S. 25)<\/p>\n<p><strong>Warum die Zinsen auf lange Sicht niedrig bleiben<\/strong><\/p>\n<p>Auf bilaterale Hilfen geht <em>Fuest<\/em> kaum ein. Er betont vielmehr, dass sich gesundheitliche und wirtschaftliche Erholung nach der Corona-Krise nicht ausschlie\u00dfen m\u00fcssten. Gem\u00e4\u00df der <em>Tinbergen<\/em>-Regel sei es allerdings schwierig, mit einem Instrument zwei Ziele zu erreichen (S.\u00a0151). Als Beispiel nennt der heutige Ifo-Pr\u00e4sident, dass Klimapolitik nicht gut funktioniert, wenn man damit Klimaschutz und Konjunkturbelebung gleichzeitig erreichen will. <em>Fuest<\/em> geht in seinem Buch vielen Ph\u00e4nomenen auf den Grund \u2013 etwa, warum die Zinsen in Europa schon l\u00e4nger derma\u00dfen niedrig sind (und es vermutlich auch bleiben) oder wie man aus der Nummer der hohen Staatsverschuldung wieder herauskommen kann.<\/p>\n<p>In puncto EU-Schuldenbonds hat der Volkswirt \u2013 noch \u2013 mehr Hoffnung als sein Vorg\u00e4nger, was dann beispielsweise so klingt: \u201eDer deutsch-franz\u00f6sische Vorschlag betont, dass der Fonds im EU-Eigenmittelbeschluss verankert und an einen \u201averbindlichen R\u00fcckzahlungsplan\u2018 gebunden wird. Das ist durchaus eine starke Verpflichtung auf den einmaligen Charakter der Schuldenaufnahme. Sp\u00e4testens in der n\u00e4chsten Krise ist allerdings mit politischem Druck zu rechnen, dieses Instrument erneut zu nutzen. Es kann aber kein Mitgliedstaat gezwungen werden, sich daran zu beteiligen. Insofern handelt es sich hier nicht um die Einf\u00fchrung eines europ\u00e4ischen Verschuldungsrechts, das die Kontrolle der Mitgliedstaaten \u00fcber ihre Schulden in Frage stellt.\u201c (S.\u00a0222)<\/p>\n<p>F\u00fcr <em>Sinn<\/em> ist dagegen das Kind schon in den Brunnen gefallen: \u201eEs handelt sich um eine chronische Wirtschaftskrankheit eines Patienten (Anm. der Red.: gemeint sind vor allem die s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4nder), der nun auch noch von der Pandemie erwischt wird.\u201c (S.\u00a069\/70) [\u2026] oder: \u201eWir haben uns mit dem Euro in eine unglaubliche Zwickm\u00fchle hineinman\u00f6vriert.\u201c (S.\u00a090) Die (neuen) Schulden seien Staatsschulden der europ\u00e4ischen L\u00e4nder, aber sie w\u00fcrden nirgends verbucht, und sie w\u00fcrden auch auf die nationalen Schuldenquoten nicht angerechnet. (S.\u00a0179)<\/p>\n<p>Darauf angesprochen legte der Bestseller-Autor in einem WELT-Interview vom 22. August 2020 nach: \u201eWir haben jetzt quasi ein Transfersystem eingerichtet, das sich verselbst\u00e4ndigen wird und das auf Dauer dazu f\u00fchrt, dass sich ein einzelnes Land gar nicht mehr wehren kann.\u201c Und: \u201eEs ist ja kein Zufall, dass das EZB-Kaufprogramm PEPP dasselbe Volumen hat wie der Wiederaufbaufonds, n\u00e4mlich 750 Milliarden Euro. Wir retten also, indem wir Geld drucken.\u201c Die <em>EZB<\/em> habe, erkl\u00e4rte <em>Sinn<\/em> in dem Interview weiter, \u00fcber die vergangenen zehn Jahre [\u2026] einen Geld\u00fcberhang von vier Billionen Euro geschaffen. Dieses Geld werde gehortet, [\u2026] weil die Wirtschaft sich in einer sogenannten Liquidit\u00e4tsfalle befinde. \u201eDeshalb ist es auch bisher zu keiner Inflation gekommen. Das k\u00f6nnte sich allerdings irgendwann einmal sehr pl\u00f6tzlich \u00e4ndern.\u201c So wird es auch ausf\u00fchrlich im Buch erl\u00e4utert (S.\u00a079\u201385). Dort wird auch deutlich: Wenn die Inflation erstmal da ist, wird sie die Geldpolitik aus verschiedenen Gr\u00fcnden wahrscheinlich nicht mehr einfangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Ausstieg vom Ausstieg aus der Atomkraft?<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Klimapolitik liegen die Grundpositionen beider Volkswirte ebenfalls nicht allzu weit auseinander. Doch auch hier ist <em>Sinn<\/em> tendenziell skeptischer als <em>Fuest<\/em>, der den weiteren Ausbau des CO<sub>2<\/sub>-Emissionshandels als goldenen Weg ansieht. Ersterer gibt zu bedenken, dass fossile Energiestoffe wie Erd\u00f6l und Gas, die wir in Europa nicht verbrauchen, zu weltweiten Preiseffekten f\u00fchren, die wiederum aufstrebende L\u00e4nder zu einem st\u00e4rkeren Verbrauch animieren. Die Gesamtnachfrage k\u00f6nnte insgesamt sogar steigen, wenn die \u00d6l-Scheichs \u2013 so sinngem\u00e4\u00df <em>Sinns<\/em> Argumentation \u2013 noch m\u00f6glichst viel ihres Erd\u00f6ls verkaufen m\u00f6chten, bevor weltweit immer mehr gr\u00fcne Politik um sich greift.<\/p>\n<p><em>Sinn<\/em> bezieht in diesem Zusammenhang teilweise strittige Positionen, die einem breiten (politischen) Konsens entgegenstehen. So spricht er sich f\u00fcr einen Ausstieg vom Ausstieg aus der Atomkraft aus, wobei ihm auch bewusst ist, dass es hierf\u00fcr wohl zu sp\u00e4t ist. Zumindest aber w\u00fcrde er die Kraftkraftwerksinfrastruktur aufrechterhalten, damit die nachfolgenden Generationen die Chance haben, wieder in die Atomkraft einzusteigen, die nach <em>Sinns <\/em>Einsch\u00e4tzung weltweit keinesfalls auf dem R\u00fcckzug und davon abgesehen klimafreundlich ist, auch weil ein immer gr\u00f6\u00dferer Teil der Brennst\u00e4be wiederverwertet werden kann. Den Kohleausstieg findet der renommierte \u00d6konom hingegen im Kern f\u00fcr richtig, weil diese nat\u00fcrliche Ressource dadurch im Boden verbleiben und nicht woanders auf der Welt verbraucht werde.<\/p>\n<p>Die Umweltbilanz von Elektroautos ist <em>Sinn<\/em> zufolge \u2013 aufgrund der durch die Herstellung entstehenden Schadstoffe der Batterien und des Stroms \u2013 bis zu Laufleistungen von an die 220.000 Kilometern gegen\u00fcber dem Dieselmotor negativ, weshalb er es in keiner Weise nachvollziehen kann, dass der hiesigen Automobilindustrie so starke CO<sub>2<\/sub>-Einsparungen aufoktroyiert worden sind. \u201eEs macht keinen Sinn, die deutsche Automobilindustrie zu dezimieren und zu hoffen, damit der Umwelt zu dienen, das Gegenteil k\u00f6nnte der Fall sein. Ich betone hier noch einmal, dass ich die Wirtschaftspolitik, die die Bundesregierung im Verein mit der EU gegen die deutsche Automobilindustrie betreibt, f\u00fcr verheerend, falsch und gef\u00e4hrlich halte \u2013 und f\u00fcr klimapolitisch v\u00f6llig nutzlos.\u201c (S.\u00a0123) <em>Sinn<\/em> verwendet immer wieder solch drastische Adjektive, um auszudr\u00fccken, dass es aus seiner Sicht eher zehn nach als f\u00fcnf vor zw\u00f6lf ist. Er schreibt ein St\u00fcck weit so, wie er auch sonst bei \u00f6ffentlichen Auftritten spricht und argumentiert, so dass man durchaus den Eindruck haben kann, dass er wahrhaftig vor einem sitzt.<\/p>\n<p><strong>Unterschied im Schreibstil, Einigkeit beim CO<sub>2<\/sub>-Handel<\/strong><\/p>\n<p><em>Fuests<\/em> Schreibstil ist anders, distanzierter \u2013 so als ob er mit einer Lupe \u00fcber der Corona-Welt schwebt und die Zusammenh\u00e4nge bis zum letzten Sandkorn gr\u00fcndlich analysiert. Das klingt dann im Kapitel zur Klimapolitik beispielsweise so: \u201eEs spricht alles daf\u00fcr, st\u00e4rker als bisher zu klimapolitischen Instrumenten zu greifen, die es erlauben, Klimaziele zu m\u00f6glichst geringen Kosten zu erreichen. Von zentraler Bedeutung ist dabei das Konzept des einheitlichen CO<sub>2<\/sub>-Preises. Statt einzelnen Sektoren direkt vorzuschreiben, welche Mengen an Emissionen zul\u00e4ssig sind, sollten m\u00f6glichst alle Sektoren durch einen einheitlichen CO<sub>2<\/sub>-Preis gekoppelt werden \u2013 und das, solange ein global koordinierter CO<sub>2<\/sub>-Preis au\u00dfer Reichweite bleibt, zumindest europaweit.\u201c (S.\u00a0149) Hierbei scheinen beide Volkswirte eine Sprache zu sprechen. Denn <em>Sinn<\/em> dr\u00fcckt es fast deckungsgleich so aus: \u201eDie Anregungen zur Reduktion der Verschmutzung muss man \u00fcber einheitliche Preise f\u00fcr die jeweiligen Schadstoffe steuern, und der Preis sollte sich \u00fcber einen erweiterten Emissionshandel bilden, der f\u00fcr alle Sektoren der Wirtschaft gilt [\u2026].\u201c (S.\u00a0132)<\/p>\n<p>Was sowohl <em>Fuest<\/em> als auch <em>Sinn<\/em> in ihren Corona-B\u00fcchern gerne machen, sind Einsch\u00fcbe \u2013 beispielsweise bei ersterem ein \u00f6konomischer Vergleich zwischen Belgien und Italien \u2013 und historische Bez\u00fcge. Auch diese unterscheiden sich. <em>Sinn<\/em> brandmarkt gleich zu Beginn eine Aussage von Finanzminister <em>Olaf Scholz<\/em> \u2013 mittlerweile auch SPD-Kanzlerkandidat \u2013, in der er sich f\u00fcr die europ\u00e4ische Rettungspolitik die eigenst\u00e4ndige Verschuldungsf\u00e4higkeit des amerikanischen Zentralstaats im Jahr 1790 zum Vorbild genommen habe. Sie geht auf den ersten US-Finanzminister <em>Alexander Hamilton<\/em> zur\u00fcck. <em>Sinn<\/em> kritisiert dabei scharf: \u201eDie unkontrollierte Kreditaufnahme, die aus <em>Hamiltons<\/em> Schuldenunion und auch aus der Vergemeinschaftung der Schulden im zweiten Krieg gegen die Briten in den Jahren 1812 bis 1814 folgte, f\u00fchrte zu einer Blase, die in der zweiten H\u00e4lfte der 1830er Jahre platzte.\u201c (S.\u00a012) und: \u201eNichts als Hass und Streit war durch die Schuldenunion entstanden.\u201c (S.\u00a013). Die Amerikaner seien aus ihrem Schaden klug geworden, so <em>Sinn<\/em> weiter, denn sie reagierten darauf, indem sie strikte Schuldengrenzen f\u00fcr die Einzelstaaten verabredeten und der Schuldensozialisierung ein Ende bereiteten. Gegen Ende wiederholt der langj\u00e4hrige Ifo-Pr\u00e4sident noch einmal die Probleme der <em>Hamilton\u2019schen<\/em> Schuldenarchitektur, was seine gro\u00dfe Sorge im Hinblick auf die heutige Situation in Europa deutlich erkennen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>\u00dcber die sogenannte <em>Holl\u00e4ndische Krankheit<\/em> schreibt Sinn an mehreren Stellen \u2013 so auf Seite\u00a066: \u201eL\u00e4nder, die \u00fcber hohe Einnahmen aus dem Verkauf von nat\u00fcrlichen Ressourcen verf\u00fcgen wie zum Beispiel Norwegen oder Venezuela, haben, gemessen an der lokalen Standortqualit\u00e4t und der Produktivit\u00e4t der Arbeitskr\u00e4fte, zu hohe L\u00f6hne als dass eine wettbewerbliche Industrie sich etablieren und halten kann.\u201c <em>Sinn<\/em> sieht die Geldtransfers aus dem Norden als nat\u00fcrliche Ressourcen, durch den die mediterranen Industrien stark in Mitleidenschaft gezogen werden, weil sie in den L\u00e4ndern zu \u00fcberh\u00f6hten Lohn- und Preisniveaus f\u00fchren. Erstmals beobachtet worden ist das Ph\u00e4nomen in den 1960er Jahren in den Niederlanden, daher auch der Name <em>Holl\u00e4ndische Krankheit<\/em>. Dort ist seinerzeit Gas in gro\u00dfen Mengen gefunden worden, worauf man sich nach <em>Sinns<\/em> Ansicht zu lange ausgeruht hat.<\/p>\n<p><strong>Historische Vergleiche zur Spanischen Grippe<\/strong><\/p>\n<p>Auch <em>Fuest<\/em> zieht historische Vergleiche, wie die zur Dotcom-Blase 2001 und Finanzkrise 2008\/09, aber auch den zur Weltwirtschaftskrise 1929. Er analysiert tiefgr\u00fcndig und anhand von Zahlenwerken die Parallelen und Unterschiede zur Corona-Krise. In seiner Buch-Einleitung f\u00fchrt der 52-J\u00e4hrige auch die <em>Spanische Grippe<\/em> ins Feld, die 1918 in Europa gew\u00fctet hat. \u201eDie zeitliche N\u00e4he der Pandemie zum Ende des Ersten Weltkriegs erschwert die Messung der Auswirkungen auf die Wirtschaft. Aber es wird deutlich, dass die Verluste erheblich sind. Aktuelle Sch\u00e4tzungen zu Folgen der Corona-Pandemie bewegen sich interessanterweise in \u00e4hnlichen Gr\u00f6\u00dfenordnungen, obwohl die \u00f6konomischen und politischen Bedingungen und die Krankheit selbst ganz anders sind.\u201c (S.\u00a028) <em>Sinn<\/em> wiederum betont den gesundheitlichen Unterschied zwischen beiden Seuchen. Damals sei es so gewesen, dass die J\u00fcngeren besonders gef\u00e4hrdet waren. \u201eTats\u00e4chlich ist damals auch ein Teil der Arbeitsbev\u00f6lkerung weggestorben. Das ist diesmal anders. Und deswegen kann man wohl guten Gewissens die fr\u00fchzeitige Wiederaufnahme von Arbeitsverh\u00e4ltnissen begr\u00fc\u00dfen. [\u2026]\u201c (S.\u00a0155)<\/p>\n<p>W\u00e4hrend <em>Fuest<\/em> die Pest im 14. Jahrhundert kurz erw\u00e4hnt, \u00fcbertr\u00e4gt <em>Sinn<\/em> das seinerzeit verbreitete Pestklappern auf die Corona-Pandemie (S.\u00a045\u201350). Damals wurde kr\u00e4ftig geklappert, wenn ein Pest-Kranker das Haus verlassen hat, damit ihm die Menschen aus dem Weg gehen konnten. <em>Sinn<\/em> ist nat\u00fcrlich klar, dass dies heute allein schon aus Gr\u00fcnden der Pers\u00f6nlichkeitsrechte nicht m\u00f6glich ist. Er h\u00e4tte die Corona-App allerdings l\u00e4ngst so umgebaut und eingesetzt, dass die Covid-19-Infizierten mit Bewegungskreisen anonym kenntlich gemacht werden, damit man als Nicht-Infizierter leicht einen Bogen um die Risiken machen kann. \u201eUnser Navi zeigt doch auch an, wo sich Staus ergeben\u201c, schreibt <em>Sinn<\/em> auf Seite 49: \u201eWarum zeigt es nicht die Ballung von Gef\u00e4hrdern im Raum? Den Stau darf ich meiden, die Gef\u00e4hrder nicht. Ist denn die Zeit des Autofahrens wichtiger als das menschliche Leben? Welche verqueren Wertvorstellungen haben sich denn hier blo\u00df in die Politik eingeschlichen!\u201c<em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Fuest<\/em> widmet sich weniger etwaigen Apps als vielmehr der Digitalisierung als solches \u2013 und deren nicht immer positiven Folgen. Gemeint ist allen voran die Marktmacht der amerikanischen Internetriesen. \u201eEs ist essentiell, dass die Wettbewerbspolitik auf den Digitalisierungsschub infolge der Corona-Krise mit einer beschleunigten Weiterentwicklung wettbewerbspolitischer Vorkehrungen gegen den Verfall des Wettbewerbs in der Internetwirtschaft reagiert.\u201c (S.\u00a0142) <em>Sinn<\/em> r\u00e4umt aber auch ein, dass \u201edie Welt die Krise \u00f6konomisch und medizinisch nicht so leicht h\u00e4tte bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen, wenn ihr nicht die Segnungen des amerikanischen Unternehmertums zur Verf\u00fcgung gestanden h\u00e4tte. Damit meine ich zum einen den elektronischen Versandhandel und zum anderen die elektronischen Kommunikationsmittel.\u201c (S.\u00a0154). Etwas \u00fcberraschend sieht <em>Sinn<\/em> im Homeoffice eher einen Fluch als einen Segen. \u201eHomeoffice ist in den meisten T\u00e4tigkeiten nicht dasselbe wie eine Arbeit im B\u00fcro. Und wenn Homeoffice zu leicht m\u00f6glich wird, dann ist es schwer, die Leute ins Unternehmen zur\u00fcckzuholen.\u201c Das bedeute eine dauerhafte Beeintr\u00e4chtigung der Arbeitsproduktivit\u00e4t. \u201eF\u00fcr meine Begriffe h\u00e4tte man die 80-Prozent-Regel (gemeint ist das durch die Politik fr\u00fchzeitig beschlossene erh\u00f6hte Kurzarbeitergeld von bis 80 Prozent des ausgefallenen Nettoentgelts) statt f\u00fcr die Kurzarbeit f\u00fcr Homeoffice-T\u00e4tigkeiten ansetzen k\u00f6nnen.\u201c (S.\u00a0160)<\/p>\n<p><strong>Zehn-Punkte-Plan als Weg aus der Corona-Krise<\/strong><\/p>\n<p><em>Fuest<\/em> schlie\u00dft sein Buch mit einem Zehn-Punkte-Plan, um einen Weg aus der Corona-Krise aufzuzeigen. Warum aber nicht sp\u00e4testens an dieser Stelle die erfolgsversprechenden SARS-Cov-2-Strategien asiatisch-demokratischer L\u00e4nder wie Japan, S\u00fcdkorea oder Taiwan als Blaupause angef\u00fchrt werden, ist zumindest bemerkenswert. Stattdessen geht es unter anderem um die Digitalisierung in der Bildung. \u201eDie Digitalisierungspolitik sollte sich auf das Ziel konzentrieren, dass die Erwerbst\u00e4tigen die Chancen der Digitalisierung nutzen k\u00f6nnen. Investitionen in Aus- und Weiterbildung sind dazu der Schl\u00fcssel.\u201c (S.\u00a0252) <em>Fuest<\/em> kommt au\u00dferdem zum interessanten Schluss, dass Corona am Ende des Tages unter Umst\u00e4nden sogar zu mehr Globalisierung f\u00fchrt, weil Unternehmen wom\u00f6glich internationale Produktionsnetzwerke ausdehnen, um bei St\u00f6rungen besser gewappnet zu sein. (S.\u00a0233)<\/p>\n<p><em>Sinn<\/em> widmet sich \u2013 selbstverst\u00e4ndlich \u2013 auch \u201eseinem\u201c Thema, den sogenannten Target-Forderungen, auf die er schon vor einigen Jahren gesto\u00dfen ist und f\u00fcr jedermann ans Licht gebracht hat. Nach dem Ausbruch der Corona-Krise haben die Target-Forderungen der <em>Deutschen Bundesbank<\/em> gegen\u00fcber dem Euro-Bankensystem die Billionen-Euro-Grenze \u00fcberschritten. Dahinter stecken allen voran italienische und spanische Verbindlichkeiten. <em>Sinn<\/em> argumentiert schl\u00fcssig, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass das Geld zumindest in Teilen f\u00fcr den deutschen Staat verloren ist, wenn nicht sogar komplett. Denn es gebe hierf\u00fcr keinerlei Sicherheiten. Derzeit w\u00fcrden auf die Forderungen sogar negative Zinsen f\u00e4llig, was bedeutet, dass Deutschland indirekt sogar drauflegen muss, obwohl es Kredite gibt. Dass es bislang dennoch zu keinem lauten Aufschrei in der \u00d6ffentlichkeit gekommen ist, liegt <em>Sinn<\/em> zufolge daran, dass die Zusammenh\u00e4nge sehr komplex sind und die Politik die Target-Forderungen lieber unter den Teppich kehrt.<\/p>\n<p>Das macht der 72-J\u00e4hrige zum Gl\u00fcck nicht, er schenkt seinen Lesern reinen Wein ein. So gibt er am Anfang und Ende des Buches auch zu bedenken, dass die deutsche Regierung besser auf die Pandemie h\u00e4tte vorbereitet sein m\u00fcssen. \u201eDie SARS-Epidemie war ein Warnschuss. [\u2026] Man wusste, dass eine weitere Corona-Pandemie droht; dar\u00fcber ist sogar dem deutschen Bundestag in Form eines sehr detaillierten wissenschaftlichen Dossiers berichtet worden.\u201c (S.\u00a0200) Was w\u00fcrden wir in Deutschland nur ohne solche Experten tun, die die kritischen Themen noch auf den Tisch bringen? Allein: Das breite Publikum und die Politiker scheinen daran kein Interesse zu zeigen \u2013 oder wie es <em>Sinn<\/em> ausdr\u00fcckt: \u201eDie \u00d6ffentlichkeit ist nur so klug wie die Medien, die sie tagt\u00e4glich beschallen. Sie braucht erst eine Ebene der \u00f6ffentlichen Bewusstwerdung, am besten vermittelt durch bewegte Fernsehbilder unmittelbarer Bedrohung, wie zum Beispiel Fl\u00fcchtlinge vor Stacheldrahtz\u00e4unen oder Corona-Tote, die von einer Kolonne von Armeelastern abtransportiert werden. Erst wenn solche Bilder zu sehen sind, regiert die gro\u00dfe Politik.\u201c Diese Ebene k\u00f6nne er aber heute nicht liefern. Sie komme erst in zehn, 15 Jahren, \u201ewenn wir \u00fcber die Verarmung unserer Rentnergeneration reden und \u00fcber die vielen Menschen, die dann nicht mehr ordnungsgem\u00e4\u00df in Pflegeheimen und anderswo versorgt werden k\u00f6nnen.\u201c (S.\u00a0112\/113).<\/p>\n<p>\u201eWie wir unsere Wirtschaft retten \u2013 Der Weg aus der Corona-Krise\u201c (277 Seiten, 18 Euro) von <em>Clemens Fuest<\/em> ist Mitte Juli beim Aufbau Verlag in Berlin erschienen. \u201eDer Corona-Schock \u2013 Wie die Wirtschaft \u00fcberlebt\u201c (218 Seiten in kleinerer Schrift, 18 Euro) von <em>Hans-Werner Sinn<\/em> ver\u00f6ffentlichte der Verlag Herder in Freiburg Ende Juli. Beide Werke sind also fast zeitgleich auf den Markt gekommen. Aufgrund der Dynamik der Corona-Pandemie sei der Hinweis erlaubt, dass in beiden B\u00fcchern nur die Ereignisse bis Juni 2020 ber\u00fccksichtigt werden konnten.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Dieser Beitrag ist in der <a href=\"https:\/\/www.beck-elibrary.de\/10.15358\/0340-1650-2020-10\/wist-wirtschaftswissenschaftliches-studium-jahrgang-49-2020-heft-10\">Oktober-Ausgabe<\/a> der Fachzeitschrift WiSt erschienen.<\/p>\n<p>Dipl.-Volksw. <em>J\u00f6rg Rieger<\/em> ist freiberuflicher Autor und <a href=\"http:\/\/www.reden-rieger.de\/\">Redenschreiber<\/a>.<\/p>\n<p><img alt=\"\" width=\"\" height=\"\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es kommt nicht oft vor, dass das langj\u00e4hrige Gesicht eines der gro\u00dfen deutschen Forschungsinstitute und sein Nachfolger fast parallel ein Buch zum gleichen Thema ver\u00f6ffentlichen. &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28234\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>B\u00fccherMarkt <\/font><br \/>Wie sich die Sichtweisen von Hans-Werner Sinn und Clemens Fuest unterscheiden  <br \/><font size=3; color=grey>Die Corona-B\u00fccher der beiden Top-\u00d6konomen in der Rezension <\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":55,"featured_media":28235,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3411,2433],"tags":[602,3466,3695,1351,626,948,3697,3696,652],"class_list":["post-28234","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-infektioeses","category-krisenhaftes","tag-atomkraft","tag-corona-krise","tag-fuest","tag-gesundheitspolitik","tag-klimapolitik","tag-sinn","tag-spanische-krippe","tag-verschuldungspolitik","tag-zinsen"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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