{"id":28262,"date":"2020-11-30T00:20:31","date_gmt":"2020-11-29T23:20:31","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28262"},"modified":"2020-11-30T07:05:10","modified_gmt":"2020-11-30T06:05:10","slug":"zentralbankfinanzierte-staatsausgaben-kosten-nichts-japan-zeigt-das-gegenteil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28262","title":{"rendered":"Zentralbankfinanzierte Staatsausgaben kosten nichts? <br\/><font size=3; color=grey>Japan zeigt das Gegenteil! <\/font>"},"content":{"rendered":"<p>In der Corona-Krise haben in ganz Europa die Regierungen riesige schuldenfinanzierte Ausgaben- und Kreditprogramme auf den Weg gebracht. Die Europ\u00e4ische Zentralbank \u00a0(EZB) flankiert die staatlichen Hilfen mit immensen Ank\u00e4ufen von Staats- und Unternehmensanleihen sowie subventionierten Krediten an Banken und Unternehmen. Schon wird f\u00fcr Dezember die n\u00e4chste Aufstockung des Pandemischen Notfallaufkaufprogramms erwartet. Unter Christine Largarde hat sich die EZB damit noch st\u00e4rker hin zum kooperativen Geldgeber f\u00fcr hoch verschuldete Staaten entwickelt. Ein wichtigstes Argument f\u00fcr diese Politik ist, dass die Finanzierung von Staatsausgaben \u00fcber den Ankauf von Staatsanleihen durch die Notenbank quasi kostenlos ist, weil die Konsumentenpreise nicht steigen (Ehnts 2017).<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Vieles erinnert an Japan, wo seit 2013 Ministerpr\u00e4sident Shinzo Abe unter dem \u201eMarkennamen\u201c <em>Abenomics<\/em> hohe Haushaltsdefizite vom kooperativen Zentralbankpr\u00e4sidenten Haruhiko Kuroda finanzieren lie\u00df. Abe\u2018s Nachfolger Yoshihide Suga hat bereits signalisiert, dass er diesen Kurs fortsetzen will. Dies sollte jedoch nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass die Kosten der anhaltend und zunehmend lockeren Geldpolitik bei den japanischen B\u00fcrgern in Form eines sinkenden Wohlstands l\u00e4ngest angekommen sind. Sie nehmen nur einen anderen Weg als \u00fcber steigende Konsumentenpreise.<\/p>\n<p>Das lange Leiden Japans unter dem billigen Geld geht auf das Jahr 1985 zur\u00fcck. In der ersten H\u00e4lfte der 1980er Jahre war ein gro\u00dfer Handels\u00fcberschuss mit den USA entstanden. Um den zu beseitigen, verk\u00fcndeten im September 1985 auf Druck der USA die f\u00fcnf gr\u00f6\u00dften Industrienationen im Plaza-Hotel in New York eine starke Aufwertung des Yen. Als der Yen innerhalb von zwei Jahren um 50% an Wert gewann, wurde das exportabh\u00e4ngige Japan in eine tiefe Rezession gest\u00fcrzt. Die Bank von Japan reagierte mit starken Zinssenkungen, was eine Spekulationsblase auf den japanischen Aktien- und Immobilienm\u00e4rkten befeuerte, die im Dezember 1989 platzte.<\/p>\n<p>Da Immobilien und Aktien stark an Wert verloren, waren die japanischen Banken mit vielen notleidenden Krediten konfrontiert. Zwar senkte die Bank von Japan die Zinsen nun erneut, um die Wirtschaft wiederzubeleben. Doch zur erhofften Erholung kam es nicht. Denn zun\u00e4chst transportierten Japans Banken das billige Geld nach S\u00fcdostasien, wo es ein Wirtschaftswunder befeuerte. Als dieses mit der Asienkrise (1997\/98) ein abruptes Ende fand, hatten die Banken noch mehr notleidende Kredite.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schnab1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schnab1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211;<\/small><\/p>\n<p>Zinssenkungen und noch mehr billiges Geld d\u00e4mmten zwar die japanische Finanzmarktkrise ein, l\u00f6ste aber die Strukturkrise nicht. Immer wieder gab es staatliche Rettungspakete, das Land wurde mit einem dichten Netz von Autobahnen und Zugstrecken \u00fcberzogen, an die B\u00fcrger wurden Konsumgutscheine verschickt. \u00a0Da die Steuereinnahmen stets weit hinter den Staatsausgaben zur\u00fcckblieben, stieg die Staatsverschuldung von 64% (1990) auf zuletzt \u00fcber 240% des Bruttoinlandsprodukts (Abb. 1).<\/p>\n<p>Nachdem 1999 die Nullzinsgrenze erreicht war, begann die Bank von Japan im Jahr 2001 in gro\u00dfem Umfang Staatsanleihen zu kaufen. Ab 2013 kamen Aktien und Immobilienfonds hinzu. Die Bilanz der Bank von Japan ist so von 10% des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 1990 auf zuletzt \u00fcber 140% angewachsen (Abb. 1). Inzwischen h\u00e4lt die Bank von Japan \u00fcber die H\u00e4lfte aller ausstehenden Staatsanleihen.<\/p>\n<p>Durch die Konjunkturprogramme und die anhaltend lockere Geldpolitik wurde zwar Arbeitslosigkeit verhindert. Die Arbeitslosenquote lag 2019 bei 2,3%. Daf\u00fcr mussten aber die Zinsen auf Dauer niedrig gehalten und die Kreditbedingungen f\u00fcr die Unternehmen gelockert werden. Eine wachsende Anzahl von Klein- und Mittelunternehmen wurde von einer nachsichtigen Kreditvergabe abh\u00e4ngig, d.h. zombifiziert (Peek und Rosengreen 2005). Da damit wichtige Strukturanpassungen verhindert wurden, blieb das Wachstum anhaltend schwach.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schnab2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schnab2.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die w\u00e4hrend der Blasen\u00f6konomie noch scheinbar \u00fcberm\u00e4chtigen Banken kamen in Bedr\u00e4ngnis, weil die nicht endende Niedrig-, Null- und Negativzinszinspolitik der Bank von Japan auf deren Zinsmargen dr\u00fcckte. Es entstand ein stetiger Druck Filialen zu schlie\u00dfen, Personal abzubauen und zu fusionieren (Schnabl 2020). Das gilt insbesondere f\u00fcr die kleinen und mittleren Regional- und Genossenschaftsbanken abseits der wirtschaftlichen Zentren. Ministerpr\u00e4sident Abe hat daf\u00fcr sogar das Monopolgesetz gelockert. Die Bank von Japan (2020) hat j\u00fcngst den wirtschaftlich angeschlagenen Regionalbanken Subventionen versprochen, wenn diese ihre Kosten reduzieren und den Fusionsprozess fortsetzen.<\/p>\n<p>Mit der anhaltenden Stagnation sind die realen L\u00f6hne seit 1998 im Trend gefallen, um durchschnittlich 0,5% pro Jahr (Latsos 2020) (Abbildung 3). Das betraf insbesondere geringer Qualifizierte und Frauen, die oft Teilzeit arbeiten, um den Lebensstandard der Familie aufzubessern (Israel und Latsos 2020). Auch mehr \u00e4ltere Menschen bleiben nach Eintritt des Rentenalters \u2013 meist in schlecht bezahlten Anstellungen \u2013 t\u00e4tig. Die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen hat trotz schnell alternder Bev\u00f6lkerung von 44 Millionen 1990 auf 57 Millionen im Jahr 2019 zugenommen (Abb. 2).<\/p>\n<p>Das System der lebenslangen Besch\u00e4ftigung, f\u00fcr das Japan einst bekannt war, ist pass\u00e9. Waren 1990 noch 80% der Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse f\u00fcr das ganze Leben, sind es heute nur noch gut 60%. Viele junge Menschen, die sich keine eigne Wohnung leisten k\u00f6nnen, bleiben als \u201eParasitensingles\u201c bei den Eltern wohnen. Da sie keine Familien gr\u00fcnden, ist die Geburtenrate niedrig. Das Rentensystem kommt weiter in Schieflage, was zus\u00e4tzliche (zentralbankfinanzierte) Subventionen des Staates notwendig macht.<\/p>\n<p>Auf regionaler Ebene fokussiert sich die wirtschaftliche Aktivit\u00e4t immer mehr auf den Gro\u00dfraum Tokio, weil sich dort die gro\u00dfen exportorientierten Unternehmen konzentrieren. Diese profitieren st\u00e4rker von der ultralockeren Geldpolitik, weil sie die Finanzierungskosten senkt und den Yen abwertet. Zudem kauft die Bank von Japan deren Aktien, w\u00e4hrend die kleinen und mittleren Unternehmen in der Peripherie mehr von der anhaltend schwachen Binnenwirtschaft abh\u00e4ngig sind.<\/p>\n<p>Weil die Steuereinnahmen schleichend wegbrechen, w\u00e4chst die Staatsverschuldung weiter. Denn die regierende LDP kann es sich politisch nicht leisten, die kostspieligen Subventionen f\u00fcr das Rentensystem und den regionalen Finanzausgleich zu reduzieren (Murai und Schnabl 2020). Gleichzeitig hat sich die Erh\u00f6hung der in Japan noch vergleichsweise niedrigen Konsumsteuer (auf derzeit 10%) als sch\u00e4dlich f\u00fcr die Konjunktur erwiesen. Die j\u00fcngste globale Krise hat die Lage nochmals deutlich versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Derweil folgen die europ\u00e4ischen Regierungen mit dem R\u00fcckhalt der EZB dem japanischen Modell. W\u00e4hrend es im s\u00fcdlichen Euroraum schon seit Ausbruch der europ\u00e4ischen Finanz- und Schuldenkrise Anzeichen f\u00fcr eine um sich greifende Zombifizierung von Unternehmen gibt, d\u00fcrften die sehr umfangreichen Hilfskredite nun auch f\u00fcr Deutschland in diese Richtung weisen. Restrukturierungen werden verhindert, Arbeitslosigkeit durch Kurzarbeit versteckt.<\/p>\n<p>Doch Japan zeigt, dass die Kosten einer zunehmenden monet\u00e4ren Staatsfinanzierung bei den B\u00fcrgern ankommen (Murai und Schnabl 2018). Fallende Reall\u00f6hne d\u00fcrften nun auch f\u00fcr Europa noch wahrscheinlicher geworden sein. Wenn in Europa die Inflation anders gemessen w\u00fcrde, w\u00e4re der R\u00fcckgang der realen L\u00f6hne in Deutschland und der EU schon l\u00e4nger sichtbar (Israel und Schnabl 2020). Ob die Europ\u00e4er auf Dauer den schleichenden Verlust des Wohlstands so geduldig hinnehmen werden wie die Japaner, wird sich zeigen. In Frankreich und Italien regt sich bereits breiter, farbig gekleideter Widerstand.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Bank of Japan 2020: Introduction of \u201cSpecial Deposit Facility to Enhance the Resilience of the Regional Financial System\u201d, Tokio 10.11.2020.<\/p>\n<p>Ehnts, Dirk 2017: Modern Monetary Theory and European Macroeconomics, Routledge, Abingdon.<\/p>\n<p>Israel, Karl-Friedrich \/ Latsos, Sophia 2020:\u00a0The Impact of (Un)Conventional Expansionary Monetary Policy on Income Inequality \u2013 Lessons from Japan. Applied Economics\u00a052, 40, 4403-4420.<\/p>\n<p>Israel, Karl-Friedrich \/ Schnabl, Gunther 2020: Alternative Measures of Price Inflation and the Perception of Real Income in Germany. <em>CESifo Working Paper 8583.<\/em><\/p>\n<p>Latsos, Sophia 2019: Real Wage Effects of Japan\u2019s Monetary Policy. ORDO 69, 177-215.<\/p>\n<p>Murai, Taiki \/ Schnabl, Gunther 2018: Kreative Statistik hilft nicht: Lehren aus Japans verfehlter Wirtschaftspolitik. \u201e\u00d6konomenBlog: Stimme der wirtschaftlichen Vernunft\u201c, 28.5.2019.<\/p>\n<p>Murai, Taiki \/ Schnabl, Gunther 2020: Japans gro\u00dfe Sozialkrise ist ein Menetekel f\u00fcr Deutschland. <em>Die Welt<\/em> 28.08.2020.<\/p>\n<p>Peek, Joe \/ Rosengren, Eric 2005: Unnatural Selection: Perverse Incentives and the Misallocation of Credit in Japan. <em>American Economic Review,<\/em> 95, 4, 1144-1166.<\/p>\n<p>Schnabl, Gunther 2015: Monetary Policy and Structural Decline: Lessons from Japan for the European Crisis. <em>Asian Economic Papers <\/em>14, 1, 124-150.<\/p>\n<p>Schnabl, Gunther 2020: Japans Banken in der Krise, Springer Gabler, Wiesbaden.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Corona-Krise haben in ganz Europa die Regierungen riesige schuldenfinanzierte Ausgaben- und Kreditprogramme auf den Weg gebracht. 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