{"id":28774,"date":"2021-03-03T00:16:10","date_gmt":"2021-03-02T23:16:10","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28774"},"modified":"2021-03-06T11:39:01","modified_gmt":"2021-03-06T10:39:01","slug":"oeffnungspopulismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28774","title":{"rendered":"\u00d6ffnungspopulismus"},"content":{"rendered":"<p>In ihrem Aufsatz \u201eThe Macroeconomics of Populism\u201d haben die beiden Star\u00f6konomen R\u00fcdiger Dornbusch und Sebastian Edwards Anfang der 1990er Jahre beschrieben, wie man in Lateinamerika mit Hilfe unseri\u00f6ser Geld- und Fiskalpolitik wieder und wieder kurzfristige konjunkturelle Strohfeuer mit langfristig \u00fcblen Folgen entfachte. Mit \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Verschuldung heizte man die gesamtwirtschaftliche Nachfrage jenseits jeder makro\u00f6konomischen Vernunft an, was funktionierte, solange sich die Erwartungen der Wirtschaftsteilnehmer noch nicht auf die langfristig sch\u00e4dlichen Folgen solcher Politik eingestellt hatten. In der Zwischenzeit konnte man \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse leben und kr\u00e4ftig Einkommen verteilen, die vermeintlich wie Manna vom Himmel fielen und f\u00fcr die auch langfristig scheinbar niemand bezahlen musste. Das war nat\u00fcrlich falsch, und am Ende kam die Rechnung immer. So taumelten diese L\u00e4nder von einer Schuldenkrise in die n\u00e4chste. Der tiefere Grund war stets der einfache Umstand, dass wir nicht im Schlaraffenland leben. Anders ausgedr\u00fcckt: Wir Menschen k\u00f6nnen unseren Wohlstand immer nur unter der Beachtung einer Ressourcenbeschr\u00e4nkung mehren. Wir k\u00f6nnen nur konsumieren, was wir zuvor produziert hatten. Dass es heute makro\u00f6konomisch erneut so aussieht, als g\u00e4be es keine Ressourcenrestriktion, ist eine andere und ziemlich komplexe Geschichte, die uns hier aber nicht weiter interessieren muss.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wichtiger ist, dass man sich und anderen mit dem damaligen makro\u00f6konomischen Populismus vormachte, man k\u00f6nne die Grundregeln der Mathematik au\u00dfer Kraft setzen. Es ist angesichts der Belastungen des Lockdowns nur allzu verst\u00e4ndlich, dass sich diese Hoffnung auch im Umgang mit dem Coronavirus gerade wieder breitmacht. Vern\u00fcnftig ist es trotzdem nicht. Grundlage dieser verst\u00e4ndlichen Unvernunft ist die verlockend logisch klingende Annahme, man k\u00f6nne die Kontaktbeschr\u00e4nkungen etwas lockern, wenn man nur bereit w\u00e4re, daf\u00fcr etwas h\u00f6here Inzidenzwerte in Kauf zu nehmen. In diesem Sinne \u00e4u\u00dferten sich viele Politiker, Verbandsvertreter und Journalisten, prominent unter ihnen beispielsweise Armin Laschet und Malu Dreyer. Man k\u00f6nne nicht immer allein auf Inzidenzwerte schauen, argumentierten sie, sondern man m\u00fcsse auch andere Faktoren im Blick haben. Das klingt tats\u00e4chlich plausibel und sogar gerade von \u00f6konomischem Vernunftdenken geleitet. Und doch verst\u00f6\u00dft es gegen zwingende mathematische Logik. Anders ausgedr\u00fcckt: Es ist unm\u00f6glich, denn eine solche Abw\u00e4gung gibt es nicht. Man m\u00f6ge diese Aussage nicht mit einer Wertung dar\u00fcber verwechseln, ob man eine solche Abw\u00e4gung vornehmen solle oder nicht. Diese Wertung w\u00e4re nachvollziehbar, wenn es sie g\u00e4be. Aber es gibt sie nicht.<\/p>\n<p>Warum nicht? Im Prinzip ist das ganz einfach. Kontaktbeschr\u00e4nkungen oder -lockerungen wirken zun\u00e4chst einmal nicht auf die Inzidenz, sondern auf die Zahl derjenigen, die ein Infizierter seinerseits wieder infiziert. Das gibt der Reproduktionsfaktor oder R-Faktor wieder. Bei R=1 gibt jeder Infizierte im Durchschnitt einmal das Virus weiter. Erst jetzt kommt die Inzidenz ins Spiel: Bei R=1 bleibt sie im Zeitablauf n\u00e4mlich gerade konstant. Das hei\u00dft: Wenn sie am Anfang 10 ist, dann bleibt sie konstant bei 10, solange R=1 ist. Ist sie am Anfang 60, dann bleibt sie bei 60, und ist sie am Anfang 500, dann bleibt sie bei 500. Wenn, ausgehend von R=1, die Kontaktbeschr\u00e4nkungen einmalig gelockert werden, dann steigt der R-Faktor einmalig auf einen Wert oberhalb von eins. Wer nun aber glaubt, dass auch die Inzidenz einmalig auf einen etwas h\u00f6heren Wert steigt, der irrt sich. Vielmehr setzt der Anstieg von R auf einen Wert oberhalb von eins einen Prozess in Gang, innerhalb dessen die Inzidenz unaufh\u00f6rlich und mit immer schnelleren Raten ansteigt, solange die Lockerung nicht zur\u00fcckgenommen wird und R wieder gleich eins ist. Das ist der Grund, warum es kein Men\u00fc gibt, in dem man bestimmte Kontaktbeschr\u00e4nkungen zum Preis bestimmter Inzidenzwerte w\u00e4hlen kann.<\/p>\n<p>Die nachfolgende Tabelle verdeutlicht dies unter der Annahme, dass jeder Infizierte das Virus im Durchschnitt sieben Tage nach seiner eigenen Infektion weitergibt, was ungef\u00e4hr der Realit\u00e4t entspricht. In der linken Spalte finden wir die Wochen, die vergehen, nachdem der R-Faktor einen gewissen Wert angenommen hat. In der oberen Zeile sind ein paar solcher R-Faktoren abgetragen, und zwar von 0,8 bis 1,2. Darunter findet sich jeweils die Entwicklung der Inzidenz, ausgehend von der Woche 0, mit einer angenommenen Inzidenz von 60. Auch das trifft ungef\u00e4hr die derzeitige Realit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/apol1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/apol1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Schauen wir erst einmal auf die dritte Spalte von rechts unterhalb von R=1, so sehen wir, dass die Inzidenz konstant bei 60 bleibt. Was geschieht, wenn wir von da aus Lockerungen zulassen, sehen wir in den beiden rechten Spalten bei R=1,1 und bei R=1,2. F\u00fcr R=1,1 hei\u00dft das: Die Inzidenz steigt nicht einmalig, sondern sie steigt fortlaufend, nach 13 Wochen \u00fcberschreitet sie die Grenze von 200. Von dort aus wird sie nat\u00fcrlich weiter steigen, und zwar immer schneller. Sollte der Reproduktionsfaktor auf R=1,2 steigen, was noch gar nicht so hoch ist, dann wird die Inzidenz bereits nach sieben Wochen \u00fcber 200 liegen und nach 13 Wochen knapp 650 betragen. Das geht immer so weiter, solange die Politik die Lockerungen nicht zur\u00fccknimmt. Nimmt sie sie zur\u00fcck, geht die Inzidenz aber nicht wieder auf ihren Ursprungswert von 60 zur\u00fcck, sondern sie bleibt auf dem jeweils h\u00f6heren Niveau. Beispiel: Wenn die Politik nach sieben Wochen Lockerungen mit R=1,2 wieder zu den urspr\u00fcnglichen Kontaktbeschr\u00e4nkungen \u2013 also zum derzeitigen Lockdown \u2013 mit R=1 zur\u00fcckkehrt, dann bleibt die Inzidenz anschlie\u00dfend bei 215.<\/p>\n<p>Man beachte zwei Dinge. Erstens: Diese Zahlen beinhalten keinerlei Wertung. Zweitens: Die Zahlen sind nicht das Ergebnis eines irgendwie gearteten pessimistischen Szenarios. Sie sind v\u00f6llig wertfrei und zeigen nicht mehr und nicht weniger als zwangsl\u00e4ufige Arithmetik. Damit zeigen sie aber auch dies: Sofern es gelingt, den R-Faktor konstant unter eins zu halten, dann sinkt die Inzidenz zwangsl\u00e4ufig und strebt gegen null. Das k\u00f6nnen wir an den beiden linken Spalten ablesen: Bei R=0,9 l\u00e4gen wir nach 13 Wochen bei einer Inzidenz von gut 15, und bei R=0,8 bei 3,3.<\/p>\n<p>Angesichts dieses so einfach nachvollziehbaren und \u00f6ffentlich immer wieder erl\u00e4uterten Zusammenhangs ist es erstaunlich, mit welcher Inbrunst wieder und wieder das Unm\u00f6gliche diskutiert wird, n\u00e4mlich die Abw\u00e4gung zwischen Kontaktbeschr\u00e4nkungen und Inzidenz. Die Argumentation ist immer gleich, und sie findet immer auf der Werteebene statt: Wer f\u00fcr mehr Kontaktbeschr\u00e4nkungen ist, wertet offenbar die Gesundheit h\u00f6her als die Freiheit, und wer f\u00fcr weniger Kontaktbeschr\u00e4nkungen ist, wertet offenbar die Freiheit h\u00f6her als die Gesundheit. Aber jenseits einer Extremposition, gem\u00e4\u00df derer man sogar die katastrophalen Folgen einer vollst\u00e4ndigen Durchseuchung der Bev\u00f6lkerung hinzunehmen bereit ist, sind solche Diskussionen gegenstandslos, weil sie auf der Annahme beruhen, man k\u00f6nnte die Gesetze der Arithmetik au\u00dfer Kraft setzen.<\/p>\n<p>Dies zeigt die nachfolgende Grafik. Auf der horizontalen Achse finden wir wiederum die Zeit und auf der vertikalen Achse die Inzidenz. Wieder starten wir mit einem Inzidenzwert von 60. Was geschieht, wenn der Reproduktionsfaktor konstant bei R=1 bleibt, zeigt die blaue Linie: er bleibt bei seinem Ausgangswert 60. Was bei R&lt;1 geschieht, zeigt die rote Linie: Die Inzidenz sinkt mit der Zeit und n\u00e4hert sich immer weiter der Null an.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/apol2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/apol2.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Den populistischen Weg sehen wir anhand der schwarzen Linie. Am Ausgangspunkt mit einer angenommenen Inzidenz von 60 kann man im Prinzip den blauen, den roten oder den schwarzen Weg gehen. Nehmen wir an, es geschieht, was sich gerade in Deutschland abzeichnet: Die Kontaktbeschr\u00e4nkungen werden gelockert, ohne den treibenden Effekt der Lockerung auf R mit kompensatorischen Ma\u00dfnahmen auszugleichen. Die Folge ist: R steigt zwangsl\u00e4ufig \u00fcber eins, und ebenso zwangsl\u00e4ufig steigt die Inzidenz fortlaufend und immer schneller an, ohne dass dazu der R-Faktor weiter steigen m\u00fcsste. Wir befinden uns auf dem aufsteigenden Ast der schwarzen Linie.<\/p>\n<p>Das muss au\u00dfer Kontrolle geraten. Irgendwann werden die Verh\u00e4ltnisse unertr\u00e4glich, die Beispiele daf\u00fcr kennen wir. Wenn man keine vollst\u00e4ndige Durchseuchung mit all ihren Folgen hinnehmen will, dann wird man fr\u00fcher oder sp\u00e4ter beschlie\u00dfen m\u00fcssen, die Lockerung wieder zur\u00fcckzunehmen. Mehr noch: Weil eine R\u00fcckkehr zu R=1 lediglich die hohe Inzidenz stabilisiert und nicht wieder auf kleinere Werte zur\u00fcckf\u00fchrt, m\u00fcssen die Kontaktbeschr\u00e4nkungen so hart sein, dass der Reproduktionsfaktor auf R&lt;1 und damit unter sein Ausgangsniveau sinkt. Denn nur dann sinkt die Inzidenz wieder ab, im Beispiel der schwarzen Linie am Ende wieder zur\u00fcck auf 60.<\/p>\n<p>Im Ergebnis hat die Politik schlie\u00dflich entlang der schwarzen Linie einen vollst\u00e4ndigen Infektionszyklus erzeugt, bei dem die Kontaktbeschr\u00e4nkungen im Durchschnitt wie im Falle der blauen Linie bei R=1 lagen. Weil man n\u00e4mlich zeitweise bei R&gt;1 und zeitweise bei R&lt;1 lag, konnte man mit Blick auf die Strenge der Kontaktbeschr\u00e4nkungen nichts gewinnen, jedenfalls nicht im Durchschnitt. Daraus folgt: Jeder Versuch, die mathematische Logik des Infektionsgeschehens zu \u00fcberlisten, f\u00fchrt entweder in die vollst\u00e4ndige Durchseuchung der Bev\u00f6lkerung oder in einen Infektionszyklus. Eine andere Option lassen die Grundregeln der Arithmetik nicht zu. Deshalb gibt es keine andere.<\/p>\n<p>Das populistische am Verlauf der schwarzen Linie ist, dass man mit dem weniger strengen R&gt;1 anf\u00e4ngt. Man f\u00e4ngt gewisserma\u00dfen damit an, \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse zu leben, und verschiebt die Folgen auf sp\u00e4ter. Am Ende ist man wieder bei demselben Inzidenzwert, mit dem man begonnen hatte. Im Durchschnitt hat man mit R=1 dieselbe Inzidenz gehabt, wie bei der blauen Linie. So gesehen scheint es, als h\u00e4tte man nichts gewonnen und nichts verloren. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Hier ist die andere H\u00e4lfte: Zu den urspr\u00fcnglich 60 infizierten Personen pro sieben Tage und pro 100 Tsd. Einwohnern hat es zus\u00e4tzliche Infektionen gegeben. Die Summe der zus\u00e4tzlich Infizierten entspricht der Fl\u00e4che unterhalb der schwarzen Kurve und oberhalb der blauen Linie. Sie repr\u00e4sentiert die zus\u00e4tzliche Belastung unseres Gesundheitssystems, zus\u00e4tzliche Quarant\u00e4ne, zus\u00e4tzliche Krankschreibungen, zus\u00e4tzliche Long-Covid-Erkrankte und zus\u00e4tzliche Sterbef\u00e4lle. Je l\u00e4nger man sich R&gt;1 geleistet hat, desto gr\u00f6\u00dfer diese Fl\u00e4che und desto schlimmer sind die Folgen.<\/p>\n<p>Der \u00d6ffnungspopulismus ist also nicht nur sinnlos, er kommt uns vielmehr teuer zu stehen. Er hat eigentlich nur Kosten: wirtschaftliche Kosten, gesellschaftliche Kosten und gesundheitliche Kosten. Er bietet uns auf der Habenseite keine zus\u00e4tzlichen Freiheiten und keine wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Erleichterungen, weil wir uns alles das nur in einer kurzen Periode vormachen, um es anschlie\u00dfend mit umso h\u00e4rteren Einschr\u00e4nkungen unserer Freiheiten sowie mit umso h\u00e4rteren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einschr\u00e4nkungen bezahlen m\u00fcssen. Populistische Infektionszyklen folgen einer ganz \u00e4hnlichen Logik wie makro\u00f6konomischer Populismus, mit allerdings einem Unterschied: W\u00e4hrend die Analyse des makro\u00f6konomischen Populismus auf dem sehr umstrittenen Konzept der Phillips-Kurve beruht, steht die Arithmetik des \u00d6ffnungspopulismus auf sehr sicheren F\u00fc\u00dfen und kann \u00fcberhaupt nicht ernsthaft bestritten werden. Tats\u00e4chlich wird sie in der Fachwelt auch von Niemandem in Zweifel gezogen, auch wenn man die Dinge dort nicht in einen politischen Entscheidungszusammenhang einbindet.<\/p>\n<p>In einem Interview bei Sandra Maischberger sagte der \u00f6sterreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz: \u201eBekanntlich verl\u00e4uft die Covid-Pandemie in Zyklen.\u201c Im Prinzip hat er damit recht, weil sich die bisherige Entwicklung damit zutreffend beschreiben l\u00e4sst. Was er aber nicht gesagt hat und was ihm vermutlich auch nicht klar gewesen ist, das ist die Ursache der Zyklen: Die hat n\u00e4mlich nichts mit den naturwissenschaftlichen Eigenarten der Pandemie zu tun, sondern mit der Art und Weise, wie die Politik mit der Pandemie umgeht. Geht sie populistisch damit um, dann verl\u00e4uft sie zyklisch. Das Schlimme ist: Wir stehen in Deutschland gerade zum zweiten Mal am Anfang eines \u00f6ffnungspopulistischen Infektionszyklus. Bei hohen und steigenden Infektionswerten und trotz eines R-Faktors von etwa 1,1 werden allenthalten \u00d6ffnungen verk\u00fcndet, und fast immer mit dem Argument, dass man nicht allein auf Inzidenzwerte blicken d\u00fcrfe. Es steht zu bef\u00fcrchten, dass der Schaden dieser zweiten populistisch verursachten Welle gro\u00df sein wird; vielleicht wird es der gr\u00f6\u00dfte, den wir bisher hatten. Hoffen wir, dass es nicht so kommt. Besser w\u00e4re freilich, wir w\u00fcrden mehr tun als zu hoffen.<\/p>\n<p>Zur Ehrenrettung der verantwortlichen Politiker muss gewiss festgehalten werden, dass man nicht bewusst falsch handeln muss, um \u00d6ffnungspopulismus zu betreiben. Es reicht, wenn man sich selbst etwas vormacht. Daher gibt es keinen Grund, an der Ehrenwertigkeit ihrer Absichten zu zweifeln. Das ist bei jenen vieldiskutierten Populisten anders, die derzeit unsere Demokratien b\u00f6swillig angreifen. Umso dringender ist den \u00d6ffnungspopulisten anzuraten, sich die Zeit dazu zu nehmen, sich die Zwangsl\u00e4ufigkeit der Infektionsdynamik noch einmal konsequent vor Augen zu f\u00fchren. Denn darin liegt der Schl\u00fcssel zu einer nachhaltigen Strategie, die von vielen gefordert wird, allerdings meist, ohne auch nur einen Hinweis darauf zu geben, wie eine solche nachhaltige Strategie aussehen k\u00f6nnte. Hier ein paar Elemente:<\/p>\n<ol>\n<li>Was immer die Politik unternimmt, es muss immer im Rahmen eines R-Faktors sein, der gleich oder kleiner ist als eins. Es ist richtig, wenn Politiker und Beobachter fordern, dass man mit Phantasie und Tatkraft unterschiedliche Instrumente entwickeln, einsetzen und ausprobieren sollte. Falsch ist, dass der R-Faktor zu diesen Instrumenten geh\u00f6ren darf. Stattdessen sollte die Regel lauten: Du darfst alles, nur nicht den R-Faktor \u00fcber eins wachsen lassen. Nennen wir sie die R&lt;1-Regel. Sie ist ganz analog zu der Regel, dass man auf Dauer nicht \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse leben darf. Wenn wir grobe Kontaktverbote aufheben und zugleich eine geeignete Teststrategie einsetzen, so dass wir in der Kombination der Ma\u00dfnahmen die R&lt;1-Regel beachten, dann ist das ein Erfolg. Aber wenn wir ein Ma\u00dfnahmenpaket durchsetzen, das die Regel verletzt, dann ist das ein Misserfolg, denn dann leben wir \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse und werden sp\u00e4ter daf\u00fcr bezahlen m\u00fcssen.<\/li>\n<li>Weil jede Lockerung der Kontaktbeschr\u00e4nkungen den R-Faktor erh\u00f6ht, muss sie also durch Ma\u00dfnahmen kompensiert werden, die den R-Faktor senken. Wir m\u00fcssen uns bei Beachtung der R&lt;1-Regel die Aufhebung der Kontaktbeschr\u00e4nkungen Schritt f\u00fcr Schritt erarbeiten, durch Nachverfolgung, durch Testen, durch Impfen und wer wei\u00df, durch welche innovativen anderen Methoden noch. Alles das senkt den R-Faktor. Aber immer gilt: Zuerst muss die Voraussetzung f\u00fcr eine Lockerung geschaffen werden, und erst dann kann die Lockerung selbst erfolgen. Sonst wird die R&lt;1-Regel verletzt. F\u00fcr die Schulen haben uns das die \u00d6sterreicher vorgemacht: Zuerst wurde eine geeignete Teststrategie entwickelt (kurz: Wer das Schulgeb\u00e4ude betritt, muss vorher negativ getestet worden sein); dann wurden die Schulen ge\u00f6ffnet. Man vergleiche die deutsche Strategie damit: Erst wurden die Schulen (teilweise) ge\u00f6ffnet, dann begann man eine Diskussion, ob eine Teststrategie f\u00fcr Schulen vielleicht sinnvoll sein k\u00f6nnte. Das verletzt die R&lt;1-Regel, und es wird sich r\u00e4chen.<\/li>\n<li>Die Politik muss Anreize zur dezentralen und m\u00f6glichst individuellen Entwicklung solcher Verhaltensweisen setzen, die den R-Faktor senken. Auch hierzu sind die Beispiele l\u00e4ngst bekannt: Wer in Israel ins Kino will, muss entweder genesen, geimpft oder getestet sein. Das treibt die Leute dazu, sich impfen zu lassen und damit ganz nebenbei zur Herdenimmunit\u00e4t beizutragen. Wer das nicht will oder kann, erschlie\u00dft sich Freiheit durch Testen. In jedem Falle arbeitet jeder aus eigenem Interesse daran, dass man sich gemeinsam die alten Freiheiten zur\u00fcckholt \u2013 nicht vom Staat, sondern von dem Virus!<\/li>\n<\/ol>\n<p>Alle diese Instrumente gibt es schon, oder sie sind in greifbarer N\u00e4he. Wir m\u00fcssen nur endlich beherzt zugreifen. Wir tun es aber nicht zuletzt deshalb nicht, weil wir dem \u00d6ffnungspopulismus auf den Leim gehen. Seine T\u00fccke ist: Mit ihm kaufen wir uns Zeit und verschwenden sie sogleich f\u00fcr Dinge, die uns von der Entwicklung wirklich tragf\u00e4higer Perspektiven abhalten. So tun wir das jetzt seit einem dreiviertel Jahr! \u00dcberwinden wir den \u00d6ffnungspopulismus also, und folgen wir der R&lt;1-Regel. Sie treibt uns dazu an, Voraussetzungen zu schaffen, die es uns anschlie\u00dfend erlauben, die Kontaktbeschr\u00e4nkungen zu lockern. Nur damit erschlie\u00dfen wir uns die so oft und zurecht geforderte Perspektive.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrem Aufsatz \u201eThe Macroeconomics of Populism\u201d haben die beiden Star\u00f6konomen R\u00fcdiger Dornbusch und Sebastian Edwards Anfang der 1990er Jahre beschrieben, wie man in Lateinamerika &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28774\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e\u00d6ffnungspopulismus\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":28778,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3791,3411],"tags":[1717,3420,3792,3750],"class_list":["post-28774","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arithmetisches","category-infektioeses","tag-apolte","tag-covid-19","tag-inzidenzwert","tag-r-faktor"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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