{"id":28835,"date":"2021-03-23T00:23:49","date_gmt":"2021-03-22T23:23:49","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28835"},"modified":"2026-04-26T10:01:00","modified_gmt":"2026-04-26T09:01:00","slug":"ordoliberalismus-kritik-ein-kochbuchrezept","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28835","title":{"rendered":"Ordoliberalismus-Kritik: Ein Kochbuchrezept"},"content":{"rendered":"<p>Sie brauchen noch eine wissenschaftliche Publikation, um Ihren Lebenslauf zu schm\u00fccken? Es gibt ein Thema, das gerade schwer angesagt ist und noch zahlreiche Publikationen verspricht, wenn man es richtig angeht: die Fundamentalkritik an Ordoliberalismus und Ordnungspolitik. Auch wer sich mit dem Thema noch nie besch\u00e4ftigt hat (oder die Ordnungs\u00f6konomik eigentlich f\u00fcr etwas Sinnvolles h\u00e4lt), kann mit dem nachfolgenden, g\u00e4nzlich narrensicheren \u201eKochbuchrezept\u201c zur Ordoliberalismus-Kritik noch auf den Zug aufspringen. Eine Garantie, dass einem das Ergebnis nicht schwer im Magen liegt, gibt es allerdings nicht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Ordoliberalismus-Bashing ist en vogue!<\/em><\/p>\n<p>Was fr\u00fcher einigen deutschen Sozialwissenschaftlern vorbehalten war, die meinten, die Idee einer liberalen Wirtschaftsordnung bek\u00e4mpfen zu m\u00fcssen, ist seit der Eurokrise international ein Renner. Wie sollte man die ungeliebte Haltung der Bundesregierung zur Eurokrise erkl\u00e4ren? <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s11127-021-00875-0\">Deutscher Pragmatismus, Egoismus oder gar Neoliberalismus<\/a> wollten als Erkl\u00e4rungen oder Kritik nicht so recht passen. Da war es wie ein Sechser im Lotto, als man den Ordoliberalismus als die vermeintlich ultimative Erkl\u00e4rung fand.<\/p>\n<p>Ist der Ordoliberalismus nicht irgendwie sehr deutsch und gleichzeitig sehr regelversessen? Waren ihre Freiburger Begr\u00fcnder nicht sehr protestantisch und neigt der Protestant (gerne in Form der pietistischen schw\u00e4bischen Hausfrau) nicht generell zum \u00fcbertriebenen Sparen? Liegen nicht die Urspr\u00fcnge des Ordoliberalismus im Deutschland der 1930er Jahren, woraus sich noch immer wirkungsvolle Vorw\u00fcrfe haben konstruieren lassen? Wer hieraus keine Ordoliberalismus-Kritik machen kann, hat im <em><a href=\"https:\/\/press.princeton.edu\/books\/hardcover\/9780691172927\/the-euro-and-the-battle-of-ideas\">Kampf der Ideen<\/a><\/em> nicht gen\u00fcgend Fantasie walten lassen.<\/p>\n<p>Daher frisch ans Werk! Welche Zutaten verlangt das Kochrezept? Nicht viel: nur Titel, Thesen und Temperamente. Oder etwas genauer: ein passendes Thema, ein knackiger Titel und eine ausreichende Menge Furor gegen liberale Grundwerte, Deutschland, die Ordnungs\u00f6konomik und dergleichen mehr. Nun aber Schritt f\u00fcr Schritt\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Das Thema<\/em><\/p>\n<p>Internationale Sichtbarkeit ist ein Muss in der heutigen Forschungslandschaft, weshalb das Thema des Beitrags idealerweise zumindest eine europ\u00e4ische Dimension haben sollte. Jenseits dieser Tatsache ist man bei der Themenwahl frei, auch wenn eine gewisse Aktualit\u00e4t publikationsstrategische Vorteile mit sich bringt. Andererseits: die Eurokrise ist ein Dauerbrennerthema, das noch viele Jahre beackert werden kann.<\/p>\n<p>Letztlich l\u00e4sst sich alles, was in Europa oder einem EU-Mitgliedsstaat nicht richtig funktioniert, zum Thema machen. Entscheidend ist nur, dass etwas <em>nicht<\/em> funktioniert \u2013 und davon gibt es eine Menge in Europa. Wie man daraus eine Schuld des Ordoliberalismus konstruieren kann, sei im Folgenden noch n\u00e4her erl\u00e4utert. Weil aber ein Kochbuchrezept am besten funktioniert, wenn es etwas Greifbares zum Nachkochen gibt, sei an dieser Stelle ein konkretes Beispiel genannt: die <em>Corona-Pandemie<\/em>. Dass hier \u2013 europaweit \u2013 die Dinge nicht gut funktioniert haben, ist f\u00fcr jedermann offensichtlich. Damit ist der Boden f\u00fcr erfolgreiches Ordoliberalismus-Bashing bereitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Der Titel<\/em><\/p>\n<p>Titel sind wichtig, wichtig, wichtig. Titel verkaufen Fachartikel und generieren Zitationen. Wer sich an dieser Stelle keine M\u00fche gibt, f\u00e4llt im Kampf um die Ideen weit zur\u00fcck. Der Titel ist vermutlich die einzige Stelle in dieser Kochanleitung, an der Koch oder K\u00f6chin etwas Zeit investieren muss. Der Titel muss funkeln und er muss einen hohen Wiederkennungswert \u2013 zumindest f\u00fcr Gleichgesinnte \u2013 haben: <a href=\"https:\/\/www.ceeol.com\/search\/gray-literature-detail?id=558145\">Der lange Schatten des Ordoliberalismus<\/a>. <a href=\"http:\/\/tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/13501763.2014.995119?casa_token=UQahecs7ca8AAAAA%3AnK7N8OmH1Z4tbsD9mUB3OCntsQLgXoAh6N-1r3Y5tmXlgvzyPPxZSVbU7f3ZZDAw5H9DK6xD9scm\">Der ordoliberale Eisenk\u00e4fig<\/a>. <a href=\"https:\/\/krugman.blogs.nytimes.com\/2014\/10\/01\/ordoarithmetic\/\">Ordoarithmetik<\/a>. <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/e257ed96-6b2c-11e4-be68-00144feabdc0\">Schrullige deutsche \u00d6konomen im Paralleluniversium<\/a>. Allesamt l\u00e4ngst Klassiker der Ordo-Bashing-Literatur.<\/p>\n<p>Wem das zu plakativ ist, der kann auch eine sich unschuldig anschleichende, dann aber umso heftiger zusto\u00dfende Variante eines Titels w\u00e4hlen: \u201e<a href=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/abs\/10.1002\/polq.12322\">The German rescue of the Eurozone: How Germany is getting the Europe it always wanted<\/a>\u201d. Oder etwas Geheimnisvolles und zugleich Anspielungsreiches wie \u201e<a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/10.1177\/2336825X1602400104\">When one religious extremism unmasks another: Reflections on Europe\u2019s states of emergency as a legacy of ordo-liberal de-hermeneuticisation<\/a>\u201c. Titel wie diese kr\u00f6nen jeden Artikel und \u00fcberdecken damit jede inhaltliche Unzul\u00e4nglichkeit.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte nun ein Titel zur Corona-Pandemie aussehen? Vieles ist vorstellbar, etwa \u201eHow the Coronavirus turned ordoliberal\u201c, \u201eSpreading and harming like a virus: Ordoliberalism in Europe\u201d oder einfach nur \u201eThe ordoliberal pandemic\u201c. So einfach, so genial! Man stutzt kurz angesichts der wirtschaftspolitischen Orientierung des Virus, um dann Heerscharen von gestrengen Ordnungs\u00f6konomen, die penibel Impfdosen abz\u00e4hlen, vor seinem geistigen Auge aufmarschieren zu sehen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt \u2013 Hauptsache, es knallt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Die Ingredienzien<\/em><\/p>\n<p>Erfahrene Blattmacher wissen: Tiere, Kinder und Prominente laufen immer und man muss ran an den Menschen. Hier kann sich auch der Ordoliberalismus-Kritiker einiges abschauen. Die Kritik wird viel greifbarer, wenn sie mit realen Personen verbunden werden kann. Insofern k\u00f6nnte das Gl\u00fcck nicht gr\u00f6\u00dfer sein, dass Ursula von der Leyen derzeit EU-Kommissionspr\u00e4sidentin ist. Nicht so sehr, weil die Kommission eine mehr als ungl\u00fcckliche Figur bei der Impfstoffbeschaffung macht (das ist f\u00fcr den Artikel sowieso eingepreist), sondern weil sie Ursula von der Leyen ist: deutsch(!), (teutonisch) blond, Protestantin (wie Walter Eucken und die Freiburger Ordoliberalen), in Br\u00fcssel geboren (das spielt bestimmt irgendeine Rolle), Mitglied der Partei Ludwig Erhards (im weitesten Sinne ordoliberal), Duz-Freundin der Kanzlerin (Beschw\u00f6rerin der schw\u00e4bischen Hausfrau)\u00a0 und\u00a0 Mutter von sieben Kindern, was Sparsamkeit lehrt und marketingm\u00e4\u00dfig einfach super ist.<\/p>\n<p>Damit hat man alle relevanten Bestandteile beisammen \u2026 Wie? Es fehlt noch die eigentliche Story des Artikels? Ach so. Die ist schnell erz\u00e4hlt, denn sie folgt einfach dem Standardaufbau eines ordokritischen Artikels. Dieser besteht aus einer Extrapolation einzelner Beobachtung \u00fcber 80-90 Jahre in die Zukunft. Die Ausgangsbeobachtung liegt ungef\u00e4hr in den 1930er und in den ersten Jahren der Nachkriegszeit und dient als direkte Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Euro- oder Coronakrise. Der Zeitraum dazwischen kann ausgeblendet werden, weil das in den erfolgreichen Publikationen zur Ordoliberalismus-Kritik auch gemacht worden ist. Da Zeit kostbar ist, sollte man sich mit den Spitzfindigkeiten der Zwischenzeit nicht aufhalten.<\/p>\n<p>Konkret sollten die \u2013 protestantischen \u2013 Freiburger Ordoliberalen, die sich in den 1930er Jahren selbst zun\u00e4chst noch als Neoliberale (wichtiges Catchword!) bezeichnet hatten, stets der Ausgangspunkt der Argumentationslinie sein. Weil sie Protestanten waren, folgten sie der Idee eines sparsamen Lebens und Wirtschaftens (protestantische Ethik!). Und weil sie auch irgendetwas mit der Sozialen Marktwirtschaft zu tun hatten und diese bis heute in Deutschland existiert, ist Deutschland zwangsl\u00e4ufig einem Sparwahn verfallen (siehe auch: hohe Sparquote in Deutschland). Damit ist eine hinreichend simple argumentative Grundlage f\u00fcr die Analyse der gegenw\u00e4rtigen Entwicklungen gelegt. (Kenner der Materie k\u00f6nnen diesen Teil noch mit einigen Schmankerln der Ordokritik ausschm\u00fccken: Skepsis gegen\u00fcber der \u201eMassendemokratie\u201c und Expertokratie \u2013 antidemokratisch! <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/13563467.2012.656082?casa_token=d4tafxbCXBgAAAAA%3An3C2u051mllEBs4Tzyjo0JTaFckI_tNgDyS4un27fL20z9WnymUisI_3DAYky88BC6jj_5YZr72N\">Der \u201estarke Staat\u201c \u2013 Carl Schmitt!<\/a>).<\/p>\n<p>Der Rest der Argumentation ist denkbar einfach: Weil ordoliberales Denken zur DNA des politischen Establishments in Deutschland geh\u00f6rt, wird Sparen zur h\u00f6chsten Tugend erkoren bzw. \u201ekein Kaufen, nur Sparen\u201d als Motto ausgerufen (<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Austerity:_The_History_of_a_Dangerous_Idea\">Zitat von Mark Blyth, das auf keinen Fall fehlen darf<\/a>). Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr den Impfstoff, der \u2013 unter der harten Knute Deutschlands \u2013 f\u00fcr die ganze EU organisiert worden ist, damit die EU-Kommission dank gr\u00f6\u00dferer Verhandlungsmacht den Preis dr\u00fccken kann. Und \u2013 jauchzet, frohlocket! (Bach, Protestant) \u2013 tats\u00e4chlich bekommen die EU-Mitgliedsstaaten die Impfdosen etwas g\u00fcnstiger als Briten, Amerikaner und Israelis. Daf\u00fcr nimmt das ordoliberalisierte Europa die l\u00e4ngere Wartezeit bis zu den ersten Impfstofflieferungen gerne als Ausdruck innerweltlicher Askese in Kauf. Nat\u00fcrlich gilt auch hier, dass jegliche zweckdienliche Ausschm\u00fcckung erlaubt ist. Wie w\u00e4re es mit der Tatsache, dass Freiburg, die Wiege des Ordoliberalismus, traditionell eher impfmuffelig eingestellt ist? Oder damit, dass die kaputt gesparten Gesundheitssysteme Europas schlichtweg keine Kapazit\u00e4ten zum Impfen haben? Die Sto\u00dfrichtung der Argumentationslinie sollte klargeworden sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Die Publikationsstrategie<\/em><\/p>\n<p>Bleibt abschlie\u00dfend zu kl\u00e4ren, wie man mit seinem Aufschrieb in eine passende Fachzeitschrift gelangt. Hier sind nur wenige Dinge zu beachten. Zum einen sollte man durch eine geschickte Literaturauswahl \u201eEinschl\u00e4gigkeit\u201c dokumentieren und zugleich die Auswahl der \u201erichtigen\u201c Gutachter (es soll ja eine Ver\u00f6ffentlichung mit \u201epeer review\u201c sein) steuern. Wichtig ist dabei, konsequent und ausschlie\u00dflich die ordokritische Literatur zu zitieren. Praktisch ist dabei, dass in dieser Literatur regelm\u00e4\u00dfig Autorinnen und Autoren zitiert werden, die \u00fcber keine gr\u00f6\u00dfere Detailkenntnis ordnungs\u00f6konomischer Grundlagen verf\u00fcgen. Damit ist man stets auf der sicheren Seite.<\/p>\n<p>Gleichzeitig sollte man keinesfalls \u00f6konomische Literatur heranziehen oder auch wirtschaftswissenschaftliche Fachzeitschriften f\u00fcr die Einreichung w\u00e4hlen, denn hier k\u00f6nnten versehentlich Gutachter mit einem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Ordnungs\u00f6konomik ausgew\u00e4hlt werden. Dies k\u00f6nnte zu kritischen R\u00fcckfragen, Extraarbeit und Verz\u00f6gerungen bei der Ver\u00f6ffentlichung f\u00fchren \u2013 daran kann niemand Interesse haben. Stattdessen sollten gediegene sozialwissenschaftliche Journals mit europapolitischer Ausrichtung und einer Historie von ordokritischen Ver\u00f6ffentlichungen die erste Wahl sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Viel Erfolg!<\/em><\/p>\n<p>Die Fachwelt wartet auf weitere Ordoliberalismus-Kritik. Wer sich dies klar macht und jetzt z\u00fcgig an den Schreibtisch geht, wird reichlich belohnt werden. Die Themen liegen auf der Hand und das \u201eordoliberale Corona-Virus\u201c ist nur eines von ihnen, ein besonders offensichtliches. Mit Hilfe des hier vorgestellten Kochbuchrezepts sollte auch wissenschaftsfernen, aber ehrgeizigen Menschen der Einstieg in den Elfenbeinturm gelingen. Und wer wei\u00df, ob nicht sogar noch ein Doktortitel bei einem der beteiligten ordokritischen Wissenschaftler dabei herausspringt &#8230; so ein \u201eDr.\u201c auf der Visitenkarte sieht einfach verdammt gut aus.<\/p>\n<p><strong>Feigenblatt-, \u00e4h weiterf\u00fchrende Literatur zum Zitieren:<\/strong><\/p>\n<p>Dold, M.; Krieger, T. (Hrsg.)(2019). <a href=\"https:\/\/www.routledge.com\/Ordoliberalism-and-European-Economic-Policy-Between-Realpolitik-and-Economic\/Dold-Krieger\/p\/book\/9780367193812\">Ordoliberalism and European Economic Policy: Between Realpolitik and Economic Utopia<\/a>. Routledge, Abingdon und New York.<\/p>\n<p>Dold, M.; Krieger, T. (im Druck). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/s11127-021-00875-0\">The Ideological Use and Abuse of Freiburg\u2019s Ordoliberalism<\/a>. <em>Public Choice<\/em> (open access).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/122830794d7944f9b75b0818f9eb1257\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie brauchen noch eine wissenschaftliche Publikation, um Ihren Lebenslauf zu schm\u00fccken? 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