{"id":29607,"date":"2021-08-07T00:43:35","date_gmt":"2021-08-06T23:43:35","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29607"},"modified":"2021-09-07T14:10:42","modified_gmt":"2021-09-07T13:10:42","slug":"gastbeitrag-nehmen-die-inflationsrisiken-in-deutschland-tatsaechlich-zu-oder-machen-wir-uns-wieder-einmal-umsonst-verrueckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29607","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Nehmen die Inflationsrisiken in Deutschland zu?  <br\/><font size=3; color=grey>Oder machen wir uns wieder einmal umsonst verr\u00fcckt? <\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Ein EZB-Ratsmitglied \u00e4u\u00dferte k\u00fcrzlich, die EZB sei wegen der j\u00fcngsten Inflationsbeschleunigung nicht allzu besorgt, zumal die EZB \u00fcber Jahre hinweg mit ihren Prognosen die tats\u00e4chliche Inflation \u00fcbersch\u00e4tzt hat. Diese Argumentation l\u00e4sst bei uns die Alarmglocken schrillen. Entweder sind die Zentralbankprognosen mit systematischen Fehlern behaftet, was Fragen zu ihrer Verl\u00e4sslichkeit aufwirft, oder die Prognosefehler sind schlicht gr\u00f6\u00dfer als erwartet und schreiben sich seriell fort. Letzteres passt zu den Erfahrungen aus fr\u00fcheren Inflationsphasen. Dies bedeutet, dass die Inflation k\u00fcnftig sehr wohl \u00fcber Jahre hinweg \u00fcber den Erwartungen liegen k\u00f6nnte. In diesem Artikel befassen wir uns mit der Frage, welche Faktoren daf\u00fcr verantwortlich sein k\u00f6nnten, und nehmen dabei die Eigenheiten der deutschen Wirtschaft besonders unter die Lupe.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Seit Jahresbeginn hat der Preisauftrieb die Erwartungen in zahlreichen Sektoren und auf zahlreichen Produktionsstufen deutlich \u00fcbertroffen. Bisher ist diese Entwicklung zu einem gro\u00dfen Teil auf h\u00f6here Energiepreise, Basiseffekte und Lieferprobleme zur\u00fcckzuf\u00fchren, wodurch die Preiserwartungen der Unternehmen nach oben geschossen sind. Dementsprechend k\u00f6nnte sich der Preisanstieg wieder verlangsamen, wenn die (Welt-)Wirtschaft nach der Corona-Krise ein neues Gleichgewicht gefunden hat.<\/p>\n<p>Allerdings wird seit Jahren eine expansive Geld- und Fiskalpolitik verfolgt. Dadurch ist ein Umfeld entstanden, das zu dauerhaft h\u00f6heren Inflationsraten f\u00fchren k\u00f6nnte. Dies gilt umso mehr f\u00fcr die USA als f\u00fcr die EWU, weil der Policy mix in den USA deutlich extremer ist und die Inflationsraten dort bereits h\u00f6her liegen.<\/p>\n<p>Inflationsrisiken sind in Deutschland ein sehr viel dringlicheres Thema als in der EWU insgesamt. Vor der Corona-Pandemie war die Potenziall\u00fccke in Deutschland jahrelang positiv. Zudem fiel der Schock f\u00fcr die deutsche Konjunktur geringer aus und wurde durch umfangreichere fiskalische Ma\u00dfnahmen abgefangen.<\/p>\n<p>Zyklische und immer deutlicher zutage tretende strukturelle Engp\u00e4sse am Arbeitsmarkt k\u00f6nnten Zweitrundeneffekte ausl\u00f6sen. Prognosen der OECD zufolge wird die Arbeitslosenquote in Deutschland im Jahr 2022 wieder unter die NAIRU sinken. Die schrumpfende Erwerbsbev\u00f6lkerung versch\u00e4rft den ohnehin schon betr\u00e4chtlichen Mangel an qualifizierten Arbeitnehmern.<\/p>\n<p>Gleichzeitig tr\u00fcbt sich die bisher weltweit g\u00fcnstige demografische Lage, die Charles Goodhart als Sweet spot bezeichnete, langsam ein und die Globalisierung trifft verst\u00e4rkt auf Gegenwind. Dementsprechend klingt die disinflation\u00e4re Wirkung einiger Faktoren, aufgrund derer die Phillips-Kurve in Deutschland jahrzehntelang von geringerer Bedeutung f\u00fcr die inl\u00e4ndische Inflationsrate war, ab oder verkehrt sich in ihr Gegenteil.<\/p>\n<p>Dass Deutschland die durch Corona ausgel\u00f6ste Rezession vergleichsweise erfolgreich bek\u00e4mpfen konnte, hat die Divergenzen innerhalb der EWU versch\u00e4rft. Dem IWF zufolge haben sich die Potenziall\u00fccken in Italien und Spanien sowie in der EU insgesamt im Vergleich zu 2019 ung\u00fcnstiger entwickelt als in Deutschland. Wenn sich nun die Inflation in Deutschland beschleunigt, die EZB aber\u00a0 ihre Politik am EWU-Durchschnitt ausrichtet, wird die Geldpolitik f\u00fcr Deutschland zunehmend zu locker.<\/p>\n<p>Mit ihrer neuen Strategie stellte die EZB klar, dass sie in Bezug auf die Inflation k\u00fcnftig gelassener vorgehen will. Begr\u00fcndet wird dies mit der Sorge wegen zugrunde liegender konjunktureller Schw\u00e4chen und untragbarer Schuldenquoten. Diese noch taubenhaftere Ausrichtung der Strategie d\u00fcrfte die Kritik aus Deutschland an der Geldpolitik der EZB noch lauter werden lassen \u2013 zumal die Politik der EZB weithin als Hauptursache f\u00fcr den betr\u00e4chtlichen Hauspreisanstieg angesehen wird, der es zahlreichen Haushalten aus der Mittelschicht praktisch unm\u00f6glich macht, ein Eigenheim zu erwerben.<\/p>\n<p><strong>Erholung nach der Pandemie bringt gr\u00f6\u00dfere Inflationsrisiken f\u00fcr die deutsche Wirtschaft mit sich<\/strong><\/p>\n<p>Im Juni lag die Konsensprognose f\u00fcr die durchschnittliche Inflationsrate in Deutschland im Gesamtjahr 2021 bei 2,5%. Zu Jahresbeginn waren noch lediglich 1,4% erwartet worden. Inzwischen wird mit einer Beschleunigung der Inflationsrate auf bis zu 4% in Q4 gerechnet. Auf der Verbraucherpreisebene ist dies zu einem gro\u00dfen Teil auf den Anstieg der Energiepreise um 10% gg. Vj. zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Import- und Produzentenpreise au\u00dferhalb des Energiesektors erh\u00f6hen sich jedoch ebenfalls mit Jahresraten von 5 \u2013 6 %. Nat\u00fcrlich wurde die Konjunktur in den Vergleichsmonaten des Vorjahres noch durch die erste Runde der Corona-Lockdowns in Mitleidenschaft gezogen. In Q2 2020 ging die Gesamtinflationsrate in Deutschland beispielsweise um 0,3% zur\u00fcck. Dar\u00fcber hinaus haben Nachfrageverschiebungen infolge der Pandemie und der gleich- zeitigen Wieder\u00f6ffnung gro\u00dfer Teile der Weltwirtschaft zu betr\u00e4chtlichen Verwerfungen entlang der globalen Lieferketten gef\u00fchrt, die Deutschland st\u00e4rker zu sp\u00fcren bekommt als seine europ\u00e4ischen Partnerl\u00e4nder. Die Preise f\u00fcr bestimmte Halbleiter, Stahl und andere Metalle und sogar Holz sind dadurch deutlich angestiegen.<\/p>\n<p>Der Einkaufsmanagerindex f\u00fcr Juni deutet auf eine weitere Verst\u00e4rkung des Preisdrucks auf der Unternehmensebene hin. Sowohl die Input- als auch die Output-Preisindizes sind auf Allzeith\u00f6chstst\u00e4nde geklettert; lediglich der Input-Preisindex f\u00fcr das Verarbeitende Gewerbe ging gegen\u00fcber seinem Rekordh\u00f6chststand vom Mai leicht zur\u00fcck. Insbesondere im Dienstleistungssektor ist der j\u00fcngste Preisauftrieb bemerkenswert. M\u00f6glicherweise handelt es sich dabei um einen Wieder\u00f6ffnungseffekt. Vielleicht nutzen die Unternehmen aber auch den Nachfragestau aus, um ihre Gewinnmargen zu erh\u00f6hen und die stark in Anspruch genommenen Kapitalreserven wieder aufzuf\u00fcllen. Einige Sektoren wie z.B. das Gastgewerbe klagen sogar \u00fcber Arbeitskr\u00e4ftemangel, da Minijobber ohne Anspruch auf Kurzarbeitergeld inzwischen in andere Sektoren abgewandert sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schneid1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schneid1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schneid2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schneid2.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p><strong>Deutsche Wirtschaft ist wegen geringerer freier Kapazit\u00e4ten inflationsanf\u00e4lliger<\/strong><\/p>\n<p>Die deutsche Wirtschaft wurde im Jahr 2020 zwar ernsthaft von der Pandemie in Mitleidenschaft gezogen, die Potenziall\u00fccke fiel jedoch mit 4,8 % des potenziellen BIP (EU AMECO) sehr viel kleiner aus als in anderen gro\u00dfen EWU- L\u00e4ndern. Zudem war die Industrie im Jahr 2020 nicht von einem staatlich verh\u00e4ngten Lockdown betroffen. Die Kapazit\u00e4tsauslastung brach also nicht so deutlich ein wie in anderen EWU-L\u00e4ndern. Die deutsche Industrie profitierte au\u00dferdem von ihrer regionalen Abnehmerstruktur und ihrer Produktpalette, die zu einer st\u00e4rkeren Erholung der Exportnachfrage f\u00fchrten. Dies schl\u00e4gt sich im deutlichen Anstieg der ifo-Exporterwartungen nieder, die im Juni lediglich um 0,6 Punkte unter ihrem im Februar 2011 erreichten Allzeith\u00f6chststand lagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schneid3.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schneid3.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schneid4.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schneid4.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p><strong>Deutscher Arbeitsmarkt erneut widerstandsf\u00e4hig<\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits in den Jahren 2009\/10 erwies sich der deutsche Arbeitsmarkt auch im pandemiebedingten Abschwung als widerstandsf\u00e4hig. Dazu trug nicht zuletzt das Kurzarbeitergeld bei, das im Fr\u00fchjahr 2020 von rund 6 Millionen bzw. etwa 18% aller sozialversicherungspflichtig Besch\u00e4ftigten bezogen wurde. Seither ist die Zahl der Kurzarbeiter deutlich auf 1,5 Millionen im Juni 2021 gesunken. Mit der weiteren \u00d6ffnung des Dienstleistungssektors sollte sie in den kommenden Monaten auf unter 1 Million zur\u00fcckgehen. Der Anstieg der Arbeitslosenzahlen vollzog sich in Deutschland nicht nur von einem sehr viel niedrigeren Ausgangsniveau aus als in den anderen gro\u00dfen EWU-L\u00e4ndern, sondern war mit 1,5 %- Punkten auch nur etwa halb so hoch. Prognosen der OECD zufolge wird die Arbeitslosenquote in Deutschland im Jahr 2022 wieder unter die NAIRU sinken.<\/p>\n<p>Das sinkende Erwerbspersonenpotenzial, der zunehmende Mangel an qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften und h\u00f6here Lohnforderungen als Ausgleich f\u00fcr die Zur\u00fcckhaltung w\u00e4hrend der Pandemie k\u00f6nnten zu einem st\u00e4rkeren Lohnwachstum f\u00fchren, was letztendlich die Inflation nach oben treiben k\u00f6nnte. Dies k\u00f6nnte sich vor allem dann bemerkbar machen, wenn Besch\u00e4ftigte, die ohnehin kurz vor der Rente stehen und w\u00e4hrend der Pandemie im Homeoffice waren oder ihren Arbeitsplatz verloren haben, sich ganz vom Arbeitsmarkt verabschieden.<\/p>\n<p><strong>Lohnzur\u00fcckhaltung w\u00e4hrend der Pandemie k\u00f6nnte 2022 zu einer hohen Lohndrift f\u00fchren<\/strong><\/p>\n<p>Die j\u00fcngsten Tarifabschl\u00fcsse, z.B. f\u00fcr die 3,8 Millionen Besch\u00e4ftigten in der Metall- und Elektroindustrie, standen immer noch im Zeichen der Pandemie. Anstelle einer regul\u00e4ren Lohnerh\u00f6hung soll es im Februar 2022 und im Februar 2023 Einmalzahlungen geben. Die Tarifvertr\u00e4ge stellen zudem vor allem auf die Sicherung von Arbeitspl\u00e4tzen durch flexiblere Arbeitszeiten ab. Nunmehr stehen im Einzelhandel (2,35 Millionen Besch\u00e4ftigte, Ausgangsforderung: 4,5%), im Bausektor (0,69 Millionen Besch\u00e4ftigte; Ausgangsforderung: 5,3%) und im \u00f6ffentlichen Dienst der L\u00e4nder (0,936 Millionen Besch\u00e4ftigte; Beginn im September) Tarifverhandlungen an. Da sich die weltweite Nachfrage und die Konjunktur in Deutschland rascher als zun\u00e4chst erwartet erholen, k\u00f6nnte es zu einer betr\u00e4chtlichen positiven Lohndrift kommen. Bei lediglich moderaten Anhebungen der Tarifl\u00f6hne k\u00f6nnten die Besch\u00e4ftigten an anderer Stelle Forderungen stellen. Daraus k\u00f6nnte sich eine betr\u00e4chtliche positive Lohndrift ergeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schneid5.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schneid5.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schneid6.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schneid6.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p><strong>Raschere Weitergabe der h\u00f6heren Kosten als sonst, um Gewinnspannen zu steigern<\/strong><\/p>\n<p>Im Produzierenden Gewerbe machen die L\u00f6hne rund 30% des Unternehmensumsatzes aus. Im Dienstleistungsgewerbe ist der Anteil etwas h\u00f6her. Da jedoch Arbeitskosten teilweise importiert werden und der Anteil von Arbeitskosten an den Energiepreisen und Mieten relativ gering ist, beziffert die Bundesbank den Anteil der L\u00f6hne am Konsumg\u00fcterkorb ebenfalls auf etwa 30 %.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> In der erw\u00e4hnten Bundesbank-Studie hei\u00dft es, dass zuletzt der Passthrough (also der Einfluss h\u00f6herer Arbeitskosten auf die Preise) auf den Konsumdeflator nach vier Jahren auf rund 35% (Lohnst\u00fcckkosten) bzw. 22% (Stundenl\u00f6hne) gesunken ist. Die Lohnst\u00fcckkosten, die in Q1 um 2% gg. Vj. angestiegen sind, werden auch von der Produktivit\u00e4t und den Gewinnspannen beeinflusst. Die Produktivit\u00e4t pro Stunde stagnierte im Jahr 2020, und die Gewinneinkommen (volkswirtschaftliche Gesamtrechnung: Unternehmens- und Immobilieneinkommen) brachen w\u00e4hrend der Rezession des Jahres 2020 um 8,4 % ein. Die Unternehmen k\u00f6nnen es sich also im Grunde nicht leisten, ihre Margen durch die \u00dcbernahme h\u00f6herer Inputkosten zu schm\u00e4lern. Im Gegenteil: Sie werden nicht nur die gestiegenen Inputkosten relativ schnell weitergeben, sondern voraussichtlich auch ihre in Mitleidenschaft gezogenen Gewinnmargen erh\u00f6hen, um die gestiegene Kreditaufnahme zur\u00fcckzuzahlen (allein die KfW hat Darlehen in H\u00f6he von rund EUR 52 Mrd. ausgereicht) und ihre ausgesch\u00f6pften Kapitalreserven wieder auf- zuf\u00fcllen. Die Unternehmensstimmung, die rekordhohen Produktionspl\u00e4ne, die Lieferzeiten und die rekordniedrigen Lagerbest\u00e4nde an Fertigprodukten deuten darauf hin, dass die Unternehmen \u00fcber gen\u00fcgend Preissetzungsmacht f\u00fcr dieses Vorhaben verf\u00fcgen. Dies schl\u00e4gt sich auch in den rekordhohen Verkaufspreiserwartungen nieder.<\/p>\n<p>Selbst in Sektoren, die besonders stark von den langen Lockdowns in Mitleidenschaft gezogen wurden (z.B. das Gastgewerbe), werden Arbeitskr\u00e4ftemangel und Arbeitskosten zu einem Thema. Gewerkschaftsangaben zufolge hat sich einer von f\u00fcnf Restaurantmitarbeitern in Berlin w\u00e4hrend der Pandemie eine andere Besch\u00e4ftigung gesucht.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Dies deutet zum einen auf potenziellen Lohndruck im Gastgewerbe hin und belegt zum anderen, wie gesucht Arbeitskr\u00e4fte in anderen Sektoren selbst auf dem H\u00f6hepunkt der Pandemie waren. Neben der zu erwartenden Beschleunigung des Passthrough k\u00f6nnten also auch sp\u00fcrbare nichtlineare Effekte zum Tragen kommen.<\/p>\n<p><strong>Strukturelle Ver\u00e4nderungen k\u00f6nnten zu einem dauerhafteren Inflationstrend f\u00fchren<\/strong><\/p>\n<p>Zum einen k\u00f6nnten also die Eigenheiten des Post-Pandemie-Aufschwungs zu einer sp\u00fcrbaren Inflationsbeschleunigung f\u00fchren, zum anderen k\u00f6nnten die Inflationsraten in den kommenden Jahren aufgrund struktureller Faktoren grunds\u00e4tzlich h\u00f6her liegen.<\/p>\n<p><strong>Nachlassende bzw. umkehrende Effekte der Globalisierung<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber die disinflation\u00e4ren Auswirkungen der Globalisierung herrscht keine Einigkeit. In einer k\u00fcrzlich erschienenen Studie der EZB hei\u00dft es sogar: \u201eSelbst wenn die Globalisierung disinflation\u00e4re Kr\u00e4fte entfaltet, ist dieser gesch\u00e4tzte Effekt\u00a0 aus \u00f6konomischer Sicht doch gering\u201c.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich der s\u00e4kulare R\u00fcckgang der Inflationsraten wohl kaum auf einen einzigen Faktor zur\u00fcckf\u00fchren. Die Zentralbanken betonen z.B., dass die st\u00e4rker stabilit\u00e4tsorientierte Geldpolitik eine der wichtigsten Ursachen f\u00fcr die sogenannte \u201eGreat Moderation\u201c war, also die Phase mit geringeren zyklischen Ausschl\u00e4gen und niedrigen Inflationsraten ab Mitte der Achtzigerjahre.<\/p>\n<p><strong>Einbindung Deutschlands in globale Wertsch\u00f6pfungsketten wirkte inflations- d\u00e4mpfend<\/strong><\/p>\n<p>Deutsche KMUs berichten aber \u00fcberwiegend, dass die Globalisierung ganz klar disinflation\u00e4re Effekte auf die Beschaffungskosten und die inl\u00e4ndischen Lohn- kosten hatte. Dies wird durch ein Working Paper der BIZ<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> best\u00e4tigt, dem zufolge die Einbeziehung globaler Faktoren die Modelle f\u00fcr die nationale Inflationsentwicklung deutlich verbessern kann. Im Falle Deutschlands sind die Inflationserwartungen im Land selbst und die globale Potenziall\u00fccke den Modellen der BIZ zufolge hochgradig signifikant, wohingegen freie Kapazit\u00e4ten im Inland (also die Phillips-Kurve) keine wesentliche Rolle spielen. M\u00f6glicherweise ist dieses Ergebnis etwas extrem; der tats\u00e4chliche und potenzielle Wettbewerb, der sich aus der Einbindung in globale Wertsch\u00f6pfungsketten ergibt, hat aber in Deutschland sicherlich betr\u00e4chtliche disinflation\u00e4re Auswirkungen gehabt und war in den vergangenen drei Jahrzehnten wahrscheinlich von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung als binnen- wirtschaftliche Faktoren. Einem Working Paper der OECD zufolge hat die verst\u00e4rkte Einbindung in die globalen Wertsch\u00f6pfungsketten zu Abw\u00e4rtsdruck bei der Produzentenpreisinflation gef\u00fchrt.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Anhand disaggregierter L\u00e4nder- und Sektordaten weisen die Autoren nach, dass die Integration in globale Wert- sch\u00f6pfungsketten vor allem in Deutschland und der Schweiz disinflation\u00e4r wirkte. Au\u00dferdem stiegen die Handelsspannen in j\u00fcngerer Zeit vor allem im Dienstleistungssektor an, was auf zunehmende Marktmacht hindeutet. Nach dem urspr\u00fcnglichen, disinflation\u00e4ren Effekt durch niedrigere Informationskosten k\u00f6nnte die Integration des Dienstleistungssektors dadurch ebenfalls eine geringere (disinflation\u00e4re) Wirkung haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schneid7.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schneid7.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p><strong>Langsamerer Verlauf der Globalisierung k\u00f6nnte disinflation\u00e4re Auswirkungen der internationalen Arbeitsteilung beenden<\/strong><\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren hat sich die Globalisierung betr\u00e4chtlich verlangsamt oder \u2013 zumindest in mancherlei Hinsicht \u2013 sogar R\u00fcckschritte gemacht. Nach der weltweiten Finanzkrise wurden immer mehr protektionistische Ma\u00dfnahmen ergriffen. Der Brexit und der Konflikt zwischen den USA und China, der auch nach dem Regierungswechsel in den USA anh\u00e4lt, haben die Globalisierung sp\u00fcrbar gehemmt. Sowohl die USA als auch China m\u00f6chten ihre gegenseitige wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit voneinander vermindern, die sich aus den bisherigen Lieferketten und Importen ergibt. Die jeweiligen politischen Ma\u00dfnahmen laufen unter den Schlagw\u00f6rtern \u201eEntkoppelung\u201c (USA) oder \u201eStrategie der zwei Kreisl\u00e4ufe\u201c (China). Aus Wettbewerbsgr\u00fcnden \u2013 und seit der Corona-Pandemie auch zur Sicherung ihrer Lieferketten \u2013 haben zahlreiche L\u00e4nder strategische Sektoren identifiziert, die sie k\u00fcnftig f\u00f6rdern und sch\u00fctzen wollen. Protektionismus und eine geringere internationale Arbeitsteilung, die sich aus den relativen Vorteilen der einzelnen L\u00e4nder ergibt, f\u00fchren zu niedrigeren Produktivit\u00e4tszuw\u00e4chsen und ceteris paribus zu h\u00f6heren Preisen. Als sehr offene Volkswirtschaft ist Deutschland davon \u00fcberdurchschnittlich betroffen.<\/p>\n<p><strong>Globales Arbeitskr\u00e4fteangebot entwickelt sich von einem deflation\u00e4ren zu einem inflation\u00e4ren Faktor<\/strong><\/p>\n<p>Selbst wenn dieser geostrategische Gegenwind wieder abkl\u00e4nge, deuten die demografischen Entwicklungen in China und anderen Schwellenl\u00e4ndern auf h\u00f6heren Inflationsdruck in der Zukunft hin. Charles Goodhart hat die Einbindung Osteuropas und insbesondere Chinas in die Weltwirtschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten als den historisch gr\u00f6\u00dften (positiven) Schock f\u00fcr das Arbeitskr\u00e4fteangebot bezeichnet.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Nach seiner Auffassung haben die zunehmende Bedeutung Asiens und insbesondere Chinas f\u00fcr das weltweite Verarbeitende Gewerbe dazu gef\u00fchrt, dass in den Industriel\u00e4ndern die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften schwand, die Reall\u00f6hne stagnierten und Deflationsdruck entstand. Da der Anteil der Erwerbsbev\u00f6lkerung inzwischen auch in den Schwellenl\u00e4ndern zur\u00fcckgeht \u2013 dieser Trend hat in den Industriel\u00e4ndern bereits vor etwa zehn Jahren eingesetzt \u2013, wird sich die bisher g\u00fcnstige demografische Situation allm\u00e4hlich \u00e4ndern. Dementsprechend d\u00fcrften sich Lohnwachstum und Inflation beschleunigen. Aus verschiedenen, nicht unbedingt miteinander zusammenh\u00e4ngenden Gr\u00fcnden d\u00fcrfte die Globalisierung daher im kommenden Jahrzehnt von einem disinflation\u00e4ren zu einem inflationstreibenden Faktor werden.<\/p>\n<p><strong>Klimaneutralit\u00e4t: Steigende Energiepreise, weitere Engp\u00e4sse bei Investitionen<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Jahr wurde ein CO2-Preis f\u00fcr die CO2-Emissionen des Verkehrssektors und von Geb\u00e4udeheizungen eingef\u00fchrt. Er d\u00fcrfte die Inflationsrate in Deutschland in diesem Jahr um rund 0,5%-Punkte nach oben treiben. Gleichzeitig wird die EEG-Umlage gesenkt, sodass sich der aggregierte Effekt auf rund 0,3%- Punkte belaufen sollte. Da der CO2-Preis von derzeit EUR 25 pro Tonne auf EUR 55 im Jahr 2025 angehoben werden soll, um einen Anreiz zum Ausstieg aus fossilen Energietr\u00e4gern zu geben, wird er zumindest so lange inflationstreibend wirken, wie die entsprechenden CO2-Senkungen aufgrund der kurzfristig inelastischen Energienachfrage begrenzt bleiben (Rigidit\u00e4ten beim Geb\u00e4ude- und Fahrzeugbestand).<\/p>\n<p><strong>Auswirkungen des CO2-Preises verblassen angesichts der Preiseffekte der erforderlichen gr\u00fcnen Investitionen<\/strong><\/p>\n<p>Die erforderlichen, umfangreichen Investitionen in die Energieinfrastruktur und die W\u00e4rmeisolierung von Geb\u00e4uden (u.a. neue Heizsysteme oder die Sanierung von Fenstern, D\u00e4chern oder Fassaden) k\u00f6nnten mittelfristig sehr viel gr\u00f6\u00dferen Einfluss auf die Inflationsraten haben. Verf\u00fcgbare Sch\u00e4tzungen zu den Kosten der \u00f6kologischen Wende f\u00fcr die deutsche Wirtschaft beschr\u00e4nken sich in der Regel auf den Umbau des Energiesektors, also auf Investitionen in Technologie und Infrastruktur (Stromerzeugung und Stromnetz). Und selbst diese Teilsch\u00e4tzungen h\u00e4ngen in hohem Ma\u00dfe von den zugrunde liegenden Annahmen ab.<\/p>\n<p>Dies gilt umso mehr f\u00fcr Modelle, die auch die m\u00f6glichen Auswirkungen auf das BIP-Wachstum und die Besch\u00e4ftigung einbeziehen \u2013 ganz zu schweigen von potenziellen externen Kosten und Nutzen, z.B. den Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesellschaft insgesamt.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Einer Studie des Fraunhofer-Instituts f\u00fcr Solare Energiesysteme ISE zufolge k\u00f6nnten sich die Gesamtkosten f\u00fcr die Umstellung des Energiesystems auf rund EUR 6.500 Mrd. belaufen (d.h. nahezu das Doppelte des j\u00e4hrlichen BIP), wenn der CO2-Aussto\u00df bis 2050 um 90% gesenkt werden soll.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Gleichzeitig untersucht das Institut ein Vergleichsszenario, in dem die Preise f\u00fcr fossile Energietr\u00e4ger j\u00e4hrlich um 2% ansteigen und die Preise f\u00fcr CO2-Zertifikate schrittweise bis 2030 auf EUR 100\/Tonne angehoben werden. Bis zum Jahr 2050 w\u00fcrden die Gesamtkosten in diesem Szenario lediglich um etwa EUR 500 Mrd. niedriger liegen als bei einer Reduzierung der CO2-Emissionen um 90% \u2013 selbst unter Ber\u00fccksichtigung der Finanzierungskosten.<\/p>\n<p>Eine andere Studie des Forschungszentrums J\u00fclich beziffert die Kosten einer Senkung des CO2-Aussto\u00dfes um 95% bis 2050 auf EUR 1.850 Mrd.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Bei einer gleichm\u00e4\u00dfigen Verteilung der Kosten bis 2050 sollen sich die j\u00e4hrlichen Kosten den Sch\u00e4tzungen der Forscher zufolge auf (nur) 1,1% des j\u00e4hrlichen BIP belaufen. Dies entspricht jedoch selbst bei relativ optimistischen Annahmen f\u00fcr das Trendwachstum mehr als der H\u00e4lfte des j\u00e4hrlichen BIP-Wachstums.<\/p>\n<p><strong>Erfahrungsgem\u00e4\u00df werden die Kosten gro\u00dfer \u00f6ffentlicher Investitionsvorhaben h\u00e4ufig untersch\u00e4tzt<\/strong><\/p>\n<p>Die betr\u00e4chtliche Differenz zwischen diesen beiden Sch\u00e4tzungen zeigt, wie gro\u00df die zugrunde liegenden Unsicherheiten sind. Ohne allzu pessimistisch klingen zu wollen, sei daran erinnert, dass selbst viel kleinere staatliche Projekte tendenziell sehr viel teurer werden als urspr\u00fcnglich veranschlagt.<\/p>\n<p><strong>Ein \u201egr\u00fcner\u201c Rohstoff-Superzyklus?<\/strong><\/p>\n<p>Der betr\u00e4chtliche Investitionsbedarf wird die Inflation zumindest in denjenigen Sektoren nach oben treiben, in denen die Ressourcen bereits vollst\u00e4ndig ausgesch\u00f6pft sind, z.B. im Wohnungsbau. Wenn die Regierung die energetische Sanierung von Geb\u00e4uden subventioniert, trifft die zus\u00e4tzliche Nachfrage auf bereits angespannte Kapazit\u00e4ten. Die Deutsche Rohstoffagentur (DERA) stellte k\u00fcrzlich eine von zwei Fraunhofer-Instituten erarbeitete Studie vor, in der es hei\u00dft, k\u00fcnftige technologische Entwicklungen k\u00f6nnten bei Rohstoffen wie Lithium, Scandium, Iridium, Kupfer und anderen Metallen zu betr\u00e4chtlichen Preissteigerungen f\u00fchren. Die meisten dieser Rohstoffe werden auch f\u00fcr Technologien ben\u00f6tigt, die f\u00fcr den \u00f6kologischen Umbau der deutschen Wirtschaft erforderlich sind.<\/p>\n<p>Alles in allem werden die Produktionskosten steigen, wenn h\u00f6here Energie- und Inputpreise und die erzwungene Substitution der bisherigen Produktions- und Transportmittel durch weniger effiziente Verfahren nicht in vollem Umfang durch die Regierung subventioniert werden. Dies wird auch auf die Verbraucherpreise durchschlagen. Zudem wirken sich ordnungsrechtliche Ma\u00dfnahmen (Verbote, Obergrenzen, Quoten) auf der Angebotsseite (h\u00f6here Kosten, geringeres Angebot) auf die Preise aus. Wenn neue Technologien zumindest in den ersten Jahren der Umstellung teurer sind, wird die Inflation auch dadurch nach oben getrieben. Als Beispiel sei die Umstellung von Autos mit Verbrennermotor auf E- Mobilit\u00e4t genannt: Elektroautos sind im Volumensegment teurer als Autos mit traditionellen Motoren.<\/p>\n<p><strong>Alternde Bev\u00f6lkerung: Steigender Lohndruck und Schutz von Bestandsinteressen<\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt, waren die freien Kapazit\u00e4ten in der Binnenwirtschaft in Deutschland in den vergangenen drei Jahrzehnten von untergeordneter Bedeutung f\u00fcr die Inflationsrate. Dies ist unter anderem auf den deutlichen Anstieg des globalen Arbeitsangebots und die massive Globalisierung der deutschen Unternehmen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die globale demografische Situation d\u00fcrfte sich jedoch verschlechtern, sodass das binnenwirtschaftliche Arbeitskr\u00e4fteangebot wieder an Bedeutung gewinnt. Selbst unter moderaten Annahmen \u2013 und unter der Annahme einer j\u00e4hrlichen Nettozuwanderung von 221.000 \u2013 wird die Bev\u00f6lkerung im erwerbsf\u00e4higen Alter (20 \u2013 66 Jahre) in Deutschland laut Angaben des Statistischen Bundesamts von 51,8 Millionen (2020) bis 2035 um vier bis sechs Millionen Menschen bzw. bis 2050 um insgesamt zehn Millionen schrumpfen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Dadurch wird sich der Arbeitskr\u00e4ftemangel verst\u00e4rken, der bereits in den vergangenen Jahren zu sp\u00fcren war; es sei auf die anhaltende Diskussion \u00fcber den Mangel an qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften verwiesen. Laut OLS-Modellen, mit deren Hilfe die Auswirkungen des demografischen Wandels simuliert werden, k\u00f6nnte dieser Faktor das Lohnwachstum bis 2050 um rund 12,5%-Punkte in die H\u00f6he treiben.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Zum Teil ist dies sicherlich ein Kompositionseffekt: Mehr und mehr Besch\u00e4ftigte verf\u00fcgen \u00fcber einen Universit\u00e4tsabschluss und die h\u00f6here Produktivit\u00e4t k\u00f6nnte den Effekt auf die Lohnst\u00fcckkosten senken.<\/p>\n<p><strong>Baby-Boomer sind st\u00e4rker an Arbeitsplatzsicherheit interessiert<\/strong><\/p>\n<p>Neben dem rein quantitativen Effekt d\u00fcrfte auch das Verhalten der Baby-Boomer-Generation, die der Rente immer n\u00e4her r\u00fcckt, zu vergleichsweise harmonischen Tarifverhandlungen beigetragen haben. Mit dem Alter werden die Menschen risikoaverser und sind weniger bereit, Wandel zu akzeptieren. Daher sind viele Besch\u00e4ftigte in den letzten Jahren ihres Arbeitslebens eher an Arbeitsplatzsicherheit und einer geringeren Arbeitszeit als an Lohnerh\u00f6hungen interessiert. Dieser Effekt ist in zahlreichen Tarifvereinbarungen der vergangenen Jahre zu erkennen, bei denen auf Lohnerh\u00f6hungen zugunsten von Arbeitsplatzgarantien verzichtet wurde. Wenn diese risikoaverse, auf den Bestandsschutz ausgerichtete Gruppe bei den Tarifverhandlungen an Gewicht verliert und j\u00fcngere Alterskohorten nachr\u00fccken, die weniger Interesse an einem lebenslangen Arbeitsplatz haben, k\u00f6nnten die Tarifverhandlungen k\u00fcnftig kontroverser verlaufen.<\/p>\n<p><strong>Regulierung verschafft Gewerkschaften mehr Verhandlungsmacht<\/strong><\/p>\n<p>Die Lohnm\u00e4\u00dfigung der vergangenen Jahrzehnte ist dar\u00fcber hinaus auch auf die Deregulierung des deutschen Arbeitsmarkts (Stichwort \u201eHartz-Reformen\u201c) zur\u00fcckzuf\u00fchren. Nach der deutlichen Verbesserung der Arbeitsmarktsituation in Deutschland haben der Staat bzw. die Gerichte einige Arbeitsmarktbereiche in den vergangenen Jahren wieder st\u00e4rker reguliert (Einf\u00fchrung eines Mindestlohns, Begrenzung des Einsatzes von Zeit- oder Vertragsarbeitern, Mindestlohn f\u00fcr ausl\u00e4ndische Pflegekr\u00e4fte usw.). Dies sollte ebenfalls zu steigenden Arbeitskosten beitragen.<\/p>\n<p>Insgesamt k\u00f6nnte sich die Arbeitsmarktsituation aufgrund zyklischer und struktureller Entwicklungen grundlegend ver\u00e4ndern. Ein steilerer Verlauf der Phillips- Kurve k\u00f6nnte dann dazu f\u00fchren, dass die aktuelle Inflationsspitze Zweitrundeneffekte ausl\u00f6st. Dadurch w\u00fcrde sich die Inflation verstetigen.<\/p>\n<p><strong>Inflationsraten k\u00f6nnten auch durch Verteilungskonflikte ansteigen<\/strong><\/p>\n<p>Der deutsche Soziologe Max Weber hat die von Marx entwickelte Konflikttheorie auf zahlreiche Konfliktfelder in der Gesellschaft \u00fcbertragen. Ihm zufolge k\u00e4mpfen nicht nur Klassen, sondern auch Statusgruppen, Regionen und andere Interessengruppen um Ressourcen. In \u00e4hnlicher Weise interpretieren Inflationsmodelle der politischen \u00d6konomie Inflation als Ausfluss von gesellschaftlichen Konflikten.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> In eher heterogenen Gesellschaften treten diese Verteilungskonflikte deutlicher zutage, und durch Umverteilungseffekte kann die Politik selbst die Inflation ankurbeln. Dies gilt vor allem dann, wenn populistische Parteien an der Macht sind. Verschiedene gesellschaftliche Gruppen werden von den derzeitigen Trends \u2013 Digitalisierung, Alterung, Urbanisierung und die Umstellung auf eine CO2-neutrale Wirtschaft \u2013 in unterschiedlichem Ma\u00dfe betroffen sein. Daher werden sie zunehmend intensiver um ihre jeweiligen \u201elegitimen\u201c Interessen und Besitzst\u00e4nde k\u00e4mpfen. Wenn die Gesellschaft heterogener wird, wird auch die Parteienlandschaft st\u00e4rker fragmentiert. Dadurch werden Kompromisse, bei denen jede Seite profitiert, und finanzielle Ausgleichsmechanismen zu immer wichtigeren Instrumenten f\u00fcr die Politik. Die damit einhergehenden Kosten lassen sich gut am Beispiel der deutschen Rentenpolitik in den vergangenen Jahren oder am im vergangenen Jahr vereinbarten Kohleausstieg illustrieren (Letzterer sieht \u00fcber EUR 50 Mrd. f\u00fcr einen Sektor mit nicht einmal 50.000 Besch\u00e4ftigten vor).<\/p>\n<p><strong>Klimapolitik: Niemand will die Verluste infolge einer niedriger verlaufenden Transformationskurve tragen<\/strong><\/p>\n<p>Strukturelle Ver\u00e4nderungen wie die Globalisierung oder wahrscheinlich auch die Digitalisierung f\u00f6rdern den makro\u00f6konomischen Wohlstand. Insofern kann von den Gewinnern \u201everlangt\u201c werden, einen Teil ihrer Gewinne zur Finanzierung von Ausgleichszahlungen f\u00fcr die Verlierer zur Verf\u00fcgung zu stellen, damit es idealerweise allen besser geht. Bei der ung\u00fcnstigen demografischen Entwicklung ger\u00e4t dieser Ansatz allerdings unter Druck, zumal er tendenziell das Potenzialwachstum senkt. Die zu verteilenden Gewinne werden also geringer. Die Umstellung auf eine CO2-neutrale Wirtschaft bedeutet f\u00fcr die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung logischerweise, dass die Transformationskurve nach unten verschoben wird, weil weniger effiziente Energiequellen eingesetzt werden.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Damit m\u00fcssen Verluste umverteilt werden und der Lebensstandard sinkt. Aus der Prospekttheorie wissen wir, dass Verluste f\u00fcr die Menschen absolut gesehen ein gr\u00f6\u00dferes Gewicht als Gewinne in gleicher absoluter H\u00f6he haben.<\/p>\n<p>Dies gilt in einer alternden Gesellschaft wahrscheinlich noch verst\u00e4rkt. Bisher la- gen die durch die Klimapolitik ausgel\u00f6sten Verluste zumindest f\u00fcr gro\u00dfe Teile der Gesellschaft unter der Schmerzgrenze. In manchen F\u00e4llen wurden auch Regionen, in denen nur wenige Menschen betroffen waren, vom Staat gro\u00dfz\u00fcgig entsch\u00e4digt. Der Staat wird auch weiterhin versuchen, die W\u00e4hler auf diese Weise zu \u201esch\u00fctzen\u201c, und die Kreditm\u00e4rkte daf\u00fcr so lange wie m\u00f6glich in Anspruch nehmen. In der Vergangenheit hat die Kombination aus einer geringeren Produktion (aufgrund der niedriger verlaufenden Transformationskurve) und durch schuldenfinanzierte Subventionen k\u00fcnstlich stabilisierten Einkommen regelm\u00e4\u00dfig zu h\u00f6heren Inflationsraten gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Andere Trends wie z.B. die Digitalisierung, kostensparende technologische Innovationen im Allgemeinen oder grundlegende Verhaltens\u00e4nderungen der Verbraucher hin zu einem weniger ressourcenintensiven Konsum k\u00f6nnten nat\u00fcrlich die Inflation wieder d\u00e4mpfen. Soweit wir jedoch die Inflationsauswirkungen der bestehenden Trends einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, deuten sie in Summe eher auf h\u00f6here Inflationsraten hin. Die Inflationsraten d\u00fcrften zumindest deutlich h\u00f6her liegen als im vergangenen Jahrzehnt. Wie gro\u00df die Auswirkungen tats\u00e4chlich ausfallen, h\u00e4ngt entscheidend von der k\u00fcnftigen Fiskal- und Geldpolitik ab.<\/p>\n<p><strong>Wird die Wirtschaftspolitik auf h\u00f6here Inflationsraten reagieren?<\/strong><\/p>\n<p>Die oben diskutierten Trends wirken sich im Analyserahmen der neoklassischen Theorie lediglich auf die relativen Preise aus. Wenn z.B. T\u00e4tigkeiten teurer wer- den, die zu CO2-Emissionen f\u00fchren, sinken die realen Einkommen der privaten Haushalte entsprechend. Damit gehen die Nachfrage nach und die Preise f\u00fcr andere Ausgaben zur\u00fcck (sofern nicht die Nachfrage nach den entsprechenden Aktivit\u00e4ten proportional ebenfalls sinkt). Erfahrungsgem\u00e4\u00df versuchen die privaten Haushalte und die Unternehmen jedoch diese Verluste zu kompensieren, indem sie einen h\u00f6heren Anteil am Volkseinkommen f\u00fcr sich beanspruchen. Dies treibt die Inflation, also das allgemeine Preisniveau, nach oben, sofern die Zentralbank die ben\u00f6tigten finanziellen Mittel bereitstellt und ein steigendes Kreditwachstum daf\u00fcr sorgt, dass die geschaffene Liquidit\u00e4t in der Realwirtschaft ankommt. Nach der globalen Finanzkrise trat diese Entwicklung nicht ein, weil die Unternehmen ihre Schulden abbauten (also die Kreditnachfrage aus dem privaten Sektor zur\u00fcckging) und die Darlehen an den \u00f6ffentlichen Sektor nur recht moderat anstiegen. Im Gegensatz dazu explodierte die Kreditvergabe an den Staat in den Jahren 2020\/21 f\u00f6rmlich.<\/p>\n<p><strong>Billiges Geld &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Sowohl in der Fiskal- als auch in der Geldpolitik und insbesondere bei der Interaktion zwischen beiden scheint ein Paradigmenwechsel stattzufinden. Bereits nach der globalen Finanzkrise, aber auch und vor allem w\u00e4hrend der Corona- Pandemie wurden umfangreiche Staatsausgaben wieder popul\u00e4r. Weil die Ausgabenprogramme \u201eerfolgreich\u201c dazu beigetragen haben, die negativen Folgen der Pandemie f\u00fcr Einkommen und Wachstum zu bek\u00e4mpfen, hat sich auch die Auffassung verbreitet, dass die Staaten auch k\u00fcnftig (also nach dem Ausgleich der pandemiebedingten Verluste) deutlich mehr Geld ausgeben sollten, um die Resilienz der Gesellschaften und das Trendwachstum der Wirtschaft l\u00e4ngerfristig zu st\u00e4rken, zumal die einzelnen L\u00e4nder mit strukturellen Herausforderungen zu k\u00e4mpfen haben werden (Erderw\u00e4rmung, Demografie, Digitalisierung). Dazu tr\u00e4gt nicht zuletzt bei, dass die \u00fcblichen Nebenwirkungen eines h\u00f6heren Deficit spending \u2013 h\u00f6here Anleiherenditen, Verdr\u00e4ngung privater Investitionen und Anstieg der Zinslast f\u00fcr die \u00f6ffentliche Hand \u2013 bisher dank der \u201eKooperation\u201c der Zentralbanken nicht zutage getreten sind.<\/p>\n<p><strong>&#8230; ist f\u00fcr den Staat einfach zu verf\u00fchrerisch<\/strong><\/p>\n<p>Die ehrgeizigen Ausgabenpl\u00e4ne werden mit dem altbekannten Argument begr\u00fcndet, dass das f\u00fcr derartige \u201eZukunftsinvestitionen\u201c ausgegebene Geld nicht nur hohe Multiplikatoreffekte habe, indem es mehr private Investitionen stimuliere, sondern dass es auch leicht zur\u00fcckgezahlt werden k\u00f6nne, weil dadurch mittelfristig das Wirtschaftswachstum und damit auch die Steuereinnahmen angekurbelt w\u00fcrden. Solche optimistischen Szenarien haben sich in der Vergangenheit nur selten verwirklicht. Nichtsdestotrotz werden sie derzeit lautstark beworben. Dies gilt vor allem f\u00fcr die USA, wo die Ausgabenprogramme unter dem Slogan \u201eBuilding Back Better\u201c ein Volumen von nahezu USD 10 Bill. oder knapp 40% des BIP bekommen sollen.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Weltweit summieren sich die fiskalischen Unterst\u00fctzungsprogramme (einschlie\u00dflich Zusatzausgaben, entgangener Einnahmen oder Liquidit\u00e4tsma\u00dfnahmen wie K\u00e4ufe von Verm\u00f6genswerten oder staatliche Garantien) seit Beginn der Pandemie laut Sch\u00e4tzungen des IWF inzwischen auf USD 16 Bill. bzw. rund 19% des globalen BIP. Zus\u00e4tzlich zu den zahlreichen nationalen Konjunkturprogrammen hat die EU-Kommission das NGEU-Paket\u00a0 mit einem Volumen von EUR 750 Mrd. aufgelegt. In Deutschland hat sich die Staatsschuldenquote w\u00e4hrend der Pandemie um gut 10%-Punkte erh\u00f6ht. Die mittelfristige Finanzplanung der scheidenden Regierung sieht bis 2025 eine R\u00fcckkehr zu einem ausgeglichenen Haushalt und eine Senkung der Verschuldung auf knapp 70% des BIP vor. Praktisch alle Parteien versprechen jedoch im Wahlkampf betr\u00e4chtliche Ausgabenprogramme, um das Land f\u00fcr die Zukunft zu r\u00fcsten, sagen allerdings nur wenig zur Finanzierung.<\/p>\n<p><strong>Ausweitung der Zentralbankbilanzen in den G3-L\u00e4ndern um USD 9 Bill.<\/strong><\/p>\n<p>Der Anstieg der Staatsausgaben in der Pandemie wurde durch eine verst\u00e4rkte Koordination von Fiskal- und Geldpolitik m\u00f6glich, die von den Zentralbanken als gro\u00dfe Leistung gefeiert wird. Die Zentralbanken der G3-L\u00e4nder haben ihre Bilanzen seit Anfang 2020 um nicht weniger als USD 9 Billionen ausgeweitet. Da- bei haben sie vor allem Finanzverm\u00f6genswerte (insbesondere Staatsanleihen) gekauft. Diese Ma\u00dfnahme wurde damit gerechtfertigt, dass eine Straffung der Finanzierungsbedingungen der Wirtschaft vermieden werden solle. Die umfangreichen fiskalischen Konjunkturprogramme haben laut EZB-Pr\u00e4sidentin Christine Lagarde nicht nur die notleidenden Volkswirtschaften gest\u00fctzt, sondern auch die Transmission der geldpolitischen Impulse der EZB sichergestellt. Die Zentralbanken haben praktisch das gesamte zus\u00e4tzliche Angebot an Staatsanleihen aufgekauft, was in den Augen zahlreicher Beobachter faktisch eine monet\u00e4re Finanzierung des Haushaltsdefizits darstellt.<\/p>\n<p><strong>EZB hegt weiterhin eher Sorge wegen zu niedriger Inflationsraten und verspricht mehr Unterst\u00fctzung f\u00fcr andere politische Ziele<\/strong><\/p>\n<p>Die EZB hat die Inflationsrate in den vergangenen acht Jahren nicht wieder in die N\u00e4he des mittelfristigen Zielwerts von knapp unter 2% schleusen k\u00f6nnen. Einige Ratsmitglieder argumentieren, das systematische Unterschie\u00dfen rechtfertige es l\u00e4nger zu warten, bevor man gegebenenfalls auf h\u00f6here Inflationsraten reagiere.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Dieser Ansatz ist etwas moderater als derjenige der Fed. Diese hat deutlich gemacht, dass sie im Rahmen ihres neuen Inflationsziels vor einem Eingreifen erst einmal ein erw\u00fcnschtes \u00dcberschie\u00dfen der Inflationsziels sehen wolle. Im Zuge ihrer k\u00fcrzlich durchgef\u00fchrten Strategie\u00fcberpr\u00fcfung hat die EZB ein symmetrisches Inflationsziel von 2% eingef\u00fchrt. Dadurch steigt die Zielrate implizit um 0,2 bis 0,4 %-Punkte an. Bei der Vorstellung der neuen Strategie erl\u00e4uterte EZB-Pr\u00e4sidentin Lagarde in einer Pressekonferenz am 8. Juli, dass im Falle eines wirtschaftlichen Schocks m\u00f6glicherweise dauerhaftere und umfangreichere Ma\u00dfnahmen erforderlich seien, weshalb die Inflation im Nachgang \u00fcbergangsweise moderat \u00fcber dem Zielwert liegen k\u00f6nne. Einige Abschnitte des Dokuments, in dem die geldpolitische Strategie vorgestellt wird, k\u00f6nnen so interpretiert werden, dass die EZB k\u00fcnftig andere Ziele der EU st\u00e4rker unterst\u00fctzen wird.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> EZB-Pr\u00e4sidentin Lagarde hat in diesem Jahr bereits angedeutet, dass die EZB dar\u00fcber nachdenke, wie sie die Klimapolitik der EU unterst\u00fctzen k\u00f6nne.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Der Aktionsplan der EZB zum Klimawandel<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a>, der zusammen mit der \u00dcberpr\u00fcfung der Strategie ver\u00f6ffentlicht wurde, enthielt jedoch keine weiteren Hinweise in dieser Richtung. Dies k\u00f6nnte jedoch implizieren, dass die EZB anders auf Inflationsdruck reagiert, der z.B. durch h\u00f6here CO2-Steuern verursacht wird. Mittelfristig k\u00f6nnte diese schleichende \u00c4nderung ihres Mandats dazu f\u00fchren, dass die EZB eher dazu bereit ist, die Staaten bei der Finanzierung der umfangreichen, erforderlichen Investitionen zu \u201eunterst\u00fctzen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schneid8.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schneid8.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p><strong>EZB wird wohl nicht auf h\u00f6here Inflationsraten in Deutschland reagieren, &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Die Zentralbanken d\u00fcrften auch deshalb nicht so rasch auf eine Inflationsbeschleunigung reagieren, weil die staatlichen Schuldenquoten nach der Pandemie deutlich angestiegen sind. In L\u00e4ndern wie Italien oder Griechenland liegen sie inzwischen bei \u00fcber 150% des BIP. Wenn die Geldpolitik die Renditekurve nach oben versch\u00f6be, k\u00f6nnte die Diskussion \u00fcber die Tragbarkeit der Verschuldung rasch wieder aufflammen. Dies h\u00e4tte f\u00fcr den Euroraum insgesamt nicht lineare und je nach Land unterschiedliche Auswirkungen. Die EZB leugnet zwar, dass ihr Handlungsspielraum durch derartige Erw\u00e4gungen eingeschr\u00e4nkt wird, die eine Dominanz der Fiskalpolitik suggerieren w\u00fcrden. Nichtsdestotrotz ist es vor diesem Hintergrund eher unwahrscheinlich, dass die EZB auf h\u00f6here Inflationsraten in Deutschland reagiert \u2013 zumindest so lange, wie der EWU- Durchschnitt nicht l\u00e4ngere Zeit deutlich \u00fcber dem Zielwert von 2% liegt.<\/p>\n<p><strong>&#8230; was deutsche Konsumenten frustrieren d\u00fcrfte<\/strong><\/p>\n<p>In der Logik der W\u00e4hrungsunion f\u00fchrt dies intern zu einer Aufwertung der deutschen W\u00e4hrung gegen\u00fcber dem Rest des Euroraums. Dadurch sinkt die preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit deutscher Unternehmen, was die Konjunktur verlangsamt und den Inflationsdruck wieder reduziert. Gleichzeitig steigen die Immobilienpreise in Deutschland weiter an und die alternde Bev\u00f6lkerung wird noch inflationsaverser. Die kognitive Dissonanz gegen\u00fcber der EZB-Politik k\u00f6nnte so gro\u00df werden, dass selbst die von der EZB versprochene intensivere Kommunikation keine L\u00f6sung darstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schneid9.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schneid9.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p><strong>Zusammenfassung und Ausblick<\/strong><\/p>\n<p>Die erneute \u00d6ffnung Weltwirtschaft nach dem Corona-Schock hat in zahlreichen Sektoren zu Angebotsengp\u00e4ssen gef\u00fchrt; die Liste reicht von \u00d6l \u00fcber Holz bis zu Computerchips. Angesichts der gut ausgelasteten Logistikkapazit\u00e4ten schnellen die Transportkosten in die H\u00f6he. Unternehmen aus dem Produzierenden Gewerbe gehen davon aus, dass sie nicht nur diese h\u00f6heren Inputkosten weitergeben, sondern dank der lebhaften Nachfrage au\u00dferdem ihre Gewinnmargen ausweiten k\u00f6nnen. Im Dienstleistungssektor, wo sich praktisch gleichzeitig ebenfalls ein Aufschwung vollzieht, ist die Situation nicht viel anders. Der durch die unfreiwillige Ersparnis w\u00e4hrend der Lockdowns entstandene Nachfragestau trifft auf ein ausged\u00fcnntes Angebot, da nicht alle Unternehmen die Krise \u00fcberstanden haben.<\/p>\n<p>In beiden Sektoren ist starker Preisdruck zu sp\u00fcren. Zum jetzigen Zeitpunkt k\u00f6nnte es sich dabei noch um ein vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen handeln, das sich wieder gibt, wenn die Weltwirtschaft wieder rund l\u00e4uft. Neben dieser sehr ungew\u00f6hnlich verlaufenden zyklischen Erholung spielen verschiedene strukturelle Faktoren eine Rolle, z.B. Hindernisse f\u00fcr die Globalisierung, der demografisch bedingte Arbeitskr\u00e4ftemangel und das Streben nach CO2-Neutralit\u00e4t. Zusammengenommen d\u00fcrften alle diese Trends die Inflation insbesondere in Deutschland l\u00e4ngerfristig ankurbeln. Nicht zuletzt deshalb, weil sie s\u00e4mtlich die Verteilungskonflikte in der alternden deutschen Gesellschaft versch\u00e4rfen k\u00f6nnen, was zus\u00e4tzliche Inflationsrisiken heraufbeschw\u00f6rt.<\/p>\n<p>Damit diese zyklischen und strukturellen Faktoren einen neuen Inflationszyklus ausl\u00f6sen, der die Phase der gro\u00dfen M\u00e4\u00dfigung beendet und dazu f\u00fchrt, dass das EZB-Inflationsziel nicht mehr unterschossen wird, muss ein dritter Faktor hinzukommen: die Wirtschaftspolitik. Der au\u00dferordentlich expansive fiskal- und geldpolitische Kurs im vergangenen Jahrzehnt hat sicherlich den Boden f\u00fcr eine solche Entwicklung bereitet, zumal inzwischen mit der engen Kooperation beider Politikbereiche ein wirtschaftspolitischer Paradigmenwechsel stattfindet.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich werden die politischen Verantwortungstr\u00e4ger der Versuchung nachgeben und diesen neuen Ansatz (der durchaus zum \u00dcberwinden des Corona-Schocks beigetragen hat) weiter verfolgen, in dem falschen Glauben, damit die Gesellschaft vor den oben genannten strukturellen Gegenwinden sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Bundesbank Monatsbericht September 2019.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Berliner Kurier, Gewerkschaft schl\u00e4gt Alarm: Jeder f\u00fcnfte Kellner oder Koch ist weg: Droht Berlin ein Restaurant-Sterben? 6.07.2021.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Die Globalisierung und ihre Auswirkungen auf die Inflationsentwicklung in den Industriel\u00e4ndern, Wirtschaftsbericht der EZB 4\/2021.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Forbes, Kristin F. (2019). Has globalization changed the inflation process? BIS Working Papers Nr. 791, 4. Juli.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Andrews, Dan, Peter Gal und William Witheridge (2018). A Genie in a Bottle? Globalisation, Competition and Inflation. OECD Economics Department Working Papers, Nr. 1462.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Goodhart, Charles und Manoj Padhan (2017). Demographics will reverse three multi-decade global trends. BIS Working Papers Nr. 656.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Pittel, Karn und Hans-Martin Hennig (ifo) (2019). Was uns die Energiewende wirklich kosten wird. Gastbeitrag FAZ vom 12.07.2019 .<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Was kostet die Energiewende? Fraunhofer-Institut f\u00fcr solare Energiesysteme ISE, 2015.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> So teuer wird die Energiewende, https:\/\/www,fz-jue- lich.de\/poratl\/DE\/Pressemitteilungen\/2019\/2019-10-energiestudie, 2019.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> 14. Koordinierte Bev\u00f6lkerungsvorausberechnung, Statistisches Bundesamt, 2019.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Geppert, Christian (2015). On the distributional implications of demographic change.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Crowe, Christopher (2004). Inflation, Inequality and Social Conflict, CEP Discussion Paper 567.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Dies gilt wahrscheinlich selbst dann, wenn die Grenzkosten f\u00fcr erneuerbare Energien auf nahezu null sinken, weil umfangreiche Aufwendungen f\u00fcr die Einrichtung und Erhaltung des Kapitalstocks f\u00fcr erneuerbare Energien anfallen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Becker, Sebastian (2021). The return of big government spending: Will this time be different? Fo- cus Germany. Deutsche Bank Research. Juni.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Schnabel, Isabell (2021). Escaping low inflation? Rede beim Petersberger Sommerdialog. Juli.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> https:\/\/www.ecb.europa.eu\/home\/search\/review\/pdf\/ecb.strategyreview_monpol_strategy_over- view.en.pdf<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Lagarde,, Christine (2021). Climate change and central banking, Keynote-Rede bei der ILF Con- ference. Januar.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> https:\/\/www.ecb.europa.eu\/ecb\/climate\/html\/index.en.html<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein EZB-Ratsmitglied \u00e4u\u00dferte k\u00fcrzlich, die EZB sei wegen der j\u00fcngsten Inflationsbeschleunigung nicht allzu besorgt, zumal die EZB \u00fcber Jahre hinweg mit ihren Prognosen die tats\u00e4chliche &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29607\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br \/>Nehmen die Inflationsrisiken in Deutschland zu?  <br \/><font size=3; color=grey>Oder machen wir uns wieder einmal umsonst verr\u00fcckt? <\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":156,"featured_media":29611,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,1705,12],"tags":[121,141,1742,3933,3217],"class_list":["post-29607","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-fiskalisches","category-inflationaeres","category-monetares","tag-ezb","tag-inflation","tag-inflationsziel","tag-inflationszyklus","tag-schneider"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gastbeitrag Nehmen die Inflationsrisiken in Deutschland zu? 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