{"id":29684,"date":"2021-08-20T00:07:39","date_gmt":"2021-08-19T23:07:39","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29684"},"modified":"2021-08-20T17:30:32","modified_gmt":"2021-08-20T16:30:32","slug":"die-durchlaessigkeit-des-schweizer-bildungssystems-richtig-messen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29684","title":{"rendered":"Die Durchl\u00e4ssigkeit des Schweizer Bildungssystems richtig messen"},"content":{"rendered":"<p><em>F\u00e4llt der Apfel weit vom Stamm? Wer die Chancengerechtigkeit und die soziale Selektion im Bildungssystem verstehen will, sollte erstens mehrere Generationen betrachten und zweitens akademische Abschl\u00fcsse puncto Einkommensmobilit\u00e4t nicht \u00fcberbewerten.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Chancengerechtigkeit ist die Grundvoraussetzung f\u00fcr eine meritokratische Gesellschaft. Der gesellschaftliche Aufstieg soll aufgrund von F\u00e4higkeiten und Anstrengung, nicht aber mithilfe von vererbtem Verm\u00f6gen oder Beziehungen gelingen. Dabei kommt dem Bildungssystem eine tragende Rolle zu, vermag es doch die k\u00fcnftigen Berufs- und damit einhergehend die Einkommens- und Verm\u00f6gensaussichten massgeblich zu beeinflussen. Deshalb ist die Analyse der Aufstiegschancen im Schweizer Bildungswesen disziplinen\u00fcbergreifend von Interesse.<\/p>\n<p><strong>Betrachtung \u00fcber mehrere Generationen ist entscheidend<\/strong><\/p>\n<p>Im Grundsatz wird die intergenerationelle Bildungsmobilit\u00e4t anhand der Vererbung des sozialen Status \u00fcber Generationen hinweg gemessen. Es geht also um die popul\u00e4re Frage \u00abF\u00e4llt der Apfel weit vom Stamm?\u00bb. Meist der Datenverf\u00fcgbarkeit geschuldet, beschr\u00e4nkten sich bisherige Analysen auf den Zusammenhang von zwei aufeinanderfolgenden Generationen. Es wurde untersucht, inwiefern der Bildungsstand des Vaters (seltener der Mutter) jenen der Kinder beeinflusst.<\/p>\n<p>Kurzfristige Abh\u00e4ngigkeiten von zwei aufeinanderfolgenden Generationen m\u00fcssen allerdings nicht auf eine gesellschaftspolitisch problematische Selektion im Bildungswesen hindeuten, sondern k\u00f6nnen auch eine Reihe anderer Erkl\u00e4rungsgr\u00fcnde haben.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> In diesem Zusammenhang stellt sich indes die Frage: Sollte der soziale Status der Kinder denn ganz unabh\u00e4ngig von jenem ihrer Eltern sein? So kann eine \u00c4hnlichkeit auch Ergebnis einer vererbten genetischen Veranlagung, einer f\u00fcrsorglichen Erziehung oder einer Investition in das Humankapital der eigenen Kinder und Enkel sein. Diese Erkl\u00e4rungen w\u00fcrden das meritokratische Prinzip nicht untergraben. Sie gelten in einem abgeschw\u00e4chten Ausmass auch f\u00fcr den Einfluss der grosselterlichen Generation. Ein \u00dcbersichtsartikel des englischen Soziologen Lewis R. Anderson et al.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> zeigt, dass in 58 von 69 ber\u00fccksichtigten Studien ein signifikanter Einfluss der grosselterlichen Generation auf den Bildungsstand der Kinder festgestellt wurde.<\/p>\n<p>Allerdings sind solche Effekte nur dann von einem problematischen dynastischen Effekt trennbar, wenn auch die Ur-Grosseltern ber\u00fccksichtigt werden k\u00f6nnen, die selten einen direkten Kontakt mit ihren Ur-Enkeln haben. Ein zus\u00e4tzlicher messbarer Effekt dieser und weiter zur\u00fcckliegender Generationen w\u00e4re somit ein Indiz f\u00fcr das Bestehen dynastischer Effekte. Deshalb werden heute vermehrt multigenerationelle Analysen gemacht, in denen mehr als drei aufeinanderfolgende Generationen untersucht werden.<\/p>\n<p><strong>Famili\u00e4re Bande verw\u00e4ssern sich nach wenigen Generationen<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Schweiz fehlen bisher Studien zur multigenerationellen sozialen Mobilit\u00e4t. Es ist schwierig, geeignete Daten zum Einkommen, Verm\u00f6gen oder zur Bildung der Familienmitglieder \u00fcber viele Generationen zu finden. Aus diesem Grund bedienen wir uns einer innovativen Methode, die es erlaubt, die multigenerationelle soziale Mobilit\u00e4t \u00fcber nicht weniger als 15 Generationen von 1550 bis 2019 zu messen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Wir basieren unsere Analyse auf Nachnamen und k\u00f6nnen in jeder Generation den durchschnittlichen sozialen Status je Familiennamen bestimmen.<\/p>\n<p>Unser Hauptfokus liegt auf der Bildungsmobilit\u00e4t, insbesondere der universit\u00e4ren Bildungsmobilit\u00e4t. Zu diesem Zweck werteten wir die Rektoratsmatrikel der Universit\u00e4t Basel aus. Seit 1550 waren 142792 Studenten an der Universit\u00e4t Basel eingeschrieben, davon 31275 Basler. Gleichzeitig wurden in Basel mehr als 0,5 Millionen Geburten registriert. Mit diesen Jahreswerten \u00fcber knapp 500 Jahre l\u00e4sst sich der Auf- und Abstieg von einzelnen Familien \u00fcber Generationen verfolgen.<\/p>\n<p>Unsere Studie zeigt, dass die so gemessene Bildungsmobilit\u00e4t f\u00fcr die jeweils erste Generation bei rund 60 Prozent liegt. In anderen Worten: 40 Prozent des sozialen Status der Kinder lassen sich durch jenen der Eltern erkl\u00e4ren. Der zus\u00e4tzliche Einfluss der grosselterlichen Generation ist jedoch nur noch halb so gross wie jener der Eltern (rund 20 Prozent). F\u00fcr die Urgrosseltern l\u00e4sst sich schliesslich kein statistisch signifikanter Effekt mehr messen. Der Einfluss der famili\u00e4ren Bande verw\u00e4ssert sich also bereits nach vier Generationen.<\/p>\n<p>Dieser Befund vermag die Problematik der relativ hohen Abh\u00e4ngigkeit vom elterlichen Bildungsstand und damit des generell selektiven Bildungszugangs etwas zu entsch\u00e4rfen, wie wir meinen. So scheint es im Schweizer Bildungssystem im Durchschnitt keine dynastischen Ph\u00e4nomene zu geben, die es nur Kindern aus bestimmten Familien erm\u00f6glich w\u00fcrden, die Universit\u00e4t zu besuchen.<\/p>\n<p>Uns scheint es deshalb von Bedeutung, die etablierten Zwei-Generationen-Betrachtungen um multigenerationelle Analysen zu erg\u00e4nzen. Damit l\u00e4sst sich die l\u00e4ngerfristige gesellschaftliche Dynamik begreifen, die f\u00fcr die Bewertung der sozialen Mobilit\u00e4t entscheidend ist. So lassen sich auch Parallelen zur vielzitierten Studie von John Ward (1987) f\u00fcr Familienunternehmen ziehen. Sie zeigt, dass ein Drittel der Familienunternehmen an die zweite Generation \u00fcbergeben werden, zehn Prozent noch den Wechsel in die dritte Generation meistern, aber nur gerade drei Prozent den Fortbestand bis in die vierte Generation schaffen. Das Beispiel der Familienunternehmen zeigt, dass die Analyse der langfristigen Durchl\u00e4ssigkeit einer Gesellschaft wichtig ist, um die Chancengerechtigkeit in einer Gesellschaft zu beurteilen.<\/p>\n<p><strong>Es z\u00e4hlt nicht die akademische Bildung allein<\/strong><\/p>\n<p>Dazu kommt, dass der Fokus auf die universit\u00e4re Bildung die Durchl\u00e4ssigkeit des Bildungssystems tendenziell untersch\u00e4tzt. So zeigt etwa eine neue St. Galler Studie<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>, dass die geringe universit\u00e4re Bildungsmobilit\u00e4t mit einer im internationalen Kontext \u00e4usserst hohen Einkommensmobilit\u00e4t einhergeht, was nicht zuletzt unserem dualen Bildungssystem zu verdanken ist.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund scheint uns der Schluss zu voreilig, dass es schlecht um die Chancengerechtigkeit im Schweizer Bildungssystem steht, wenn Kinder von Akademikern an Schweizer Universit\u00e4ten deutlich st\u00e4rker vertreten sind als Kinder von Nichtakademikern. Ist die Chancengerechtigkeit tats\u00e4chlich beeintr\u00e4chtigt, wenn eine in einem nicht akademischen Haushalt aufgewachsene Person zwar keinen Universit\u00e4tsabschluss vorweisen kann, aber das gleiche Einkommen verdient wie seine Kollegin mit einem akademischen famili\u00e4ren Hintergrund? Tats\u00e4chlich zeigt denn auch eine aktuelle Publikation des Staatssekretariats f\u00fcr Bildung, Forschung und Innovation (2020), dass gemischte Bildungswege h\u00f6here Renditen aufweisen als rein berufliche oder rein akademische Pfade.<\/p>\n<p>Insgesamt scheint es uns deshalb wichtig, dass die Debatte der Chancengerechtigkeit im Schweizer Bildungssystem um zwei Dimensionen erweitert wird: erstens um die Betrachtung \u00fcber mehrere Generationen hinweg und zweitens, um Analysen, die nicht auf akademische Abschl\u00fcsse fokussieren, sondern verschiedene Statusindikatoren ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p><u>Literatur<\/u><\/p>\n<p>Anderson, Lewis R., Paula Sheppard und Christian W.S. Monden (2018): Grandparent Effects on Educational Outcomes: A Systematic Review, in: Sociological Science 5, S. 114\u2013142. <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.15195\/v5.a6\">http:\/\/dx.doi.org\/10.15195\/v5.a6<\/a><\/p>\n<p>Chuard, Patrick und Veronica Grassi (2020): Switzer-Land of Opportunity: Intergenerational Income Mobility in the Land of Vocational Education (Economics Working Paper Series 2011), University of St. Gallen, School of Economics and Political Science. <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.2139\/ssrn.3662560%20\">http:\/\/dx.doi.org\/10.2139\/ssrn.3662560 <\/a><\/p>\n<p>H\u00e4ner, Melanie und Christoph A. Schaltegger (2020): The Name Sais It All. Multigenerational Social Mobility in Switzerland, 1550-2019 (IFF-HSG Working Papers 2020-1).<\/p>\n<p>Solon, Gary (2018): What Do We Know So Far about Multigenerational Mobility? in: The Economic Journal 128,612, S. F340\u2013F352. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1111\/ecoj.12495\">https:\/\/doi.org\/10.1111\/ecoj.12495<\/a><\/p>\n<p>Staatssekretariat f\u00fcr Bildung, Forschung und Innovation (2020): Forschung und Innovation in der Schweiz 2020. <a href=\"http:\/\/www.sbfi.admin.ch\/f-i_bericht\">www.sbfi.admin.ch\/f-i_bericht<\/a><\/p>\n<p>Ward, John L. (1987): Keeping the Family Business Healthy: How to Plan for Continuing Growth, Profitability and Family Leadership, San Francisco.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Eine \u00dcbersicht gibt Solon (2018).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Anderson\/Sheppard\/Monden (2018).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> H\u00e4ner\/Schaltegger (2020).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Chuard\/Grassi (2020).<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00e4llt der Apfel weit vom Stamm? 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