{"id":29732,"date":"2021-08-28T00:01:03","date_gmt":"2021-08-27T23:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29732"},"modified":"2025-09-26T09:59:03","modified_gmt":"2025-09-26T08:59:03","slug":"wirtschaftskrisen-strukturwandel-und-staatswirtschaft-resiliente-volkswirtschaften-werden-besser-mit-schocks-fertig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29732","title":{"rendered":"Wirtschaftskrisen, Strukturwandel und Staatswirtschaft <br\/><font size=3; color=grey>Resiliente Volkswirtschaften werden besser mit Schocks fertig <\/font>"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201eDie Krise ist ein produktiver Zustand. \u2013 Man mu\u00df ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen!\u201c <\/em>(Max Frisch)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wirtschaftliche Krisen sind nicht neu. Die Welt ist seit alters her voll von solchen Krisen. Konjunkturelle Schwankungen sind an der Tagesordnung. Strukturkrisen pflastern den Weg des wirtschaftlichen Wachstums. Wirklich systemrelevante Krisen sind dagegen eher selten. Allerdings: In den letzten 15 Jahren traten sie geh\u00e4uft auf. Die Finanzkrise, die EWU-Krise und die Corona-Krise sind von diesem Kaliber. Die Politik wei\u00df grunds\u00e4tzlich, was in Konjunktur- und Strukturkrisen zu tun ist. Staatliche Nachfragepolitik hilft bei konjunkturellen Schwankungen, markt\u00f6ffnende Angebotspolitik bei strukturellem Wandel. Auf Systemkrisen f\u00e4llt es der Politik allerdings schwer, ursachenad\u00e4quat zu reagieren. Solche Krisen sind nicht prognostizierbar. Sie sind singul\u00e4r. Nur: Selten kommt eine Krise allein. Manchmal treten exogene Schocks auf der Angebots- und Nachfrageseite im Doppelpack auf. Vorsorge wurde nicht getroffen. Wirtschaftspolitische Erfahrungen fehlen. Mehr als situationsbezogene Ad hoc-Ma\u00dfnahmen der Politik sind kaum m\u00f6glich. Das Alltagsgesch\u00e4ft der Krisen-Politik sind Konjunktur- und Strukturkrisen. Auf diese Felder sollte sie sich konzentrieren. Allerdings: Eine h\u00f6here Flexibilit\u00e4t hilft nicht nur bei Konjunkturschwankungen und im Strukturwandel, sie ist auch die beste Vorsorge gegen Systemkrisen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Schocks und Krisen<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die f\u00fcr die Entwicklung des Wohlstandes relevante Gr\u00f6\u00dfe ist nicht die Konjunktur, sondern die Struktur. Konjunkturelle Schwankungen haben wenig Einfluss darauf, wie sich eine Volkswirtschaft l\u00e4ngerfristig entwickelt. Hysterese-Effekte sind eher vernachl\u00e4ssigbar. Sie treten allenfalls auf, wenn die Konjunktur nicht strukturneutral ist. Dagegen ist der strukturelle Wandel ein wichtiger Treiber der l\u00e4ngerfristigen Entwicklung. Er schiebt das wirtschaftliche Wachstum an. Dabei ist er alles andere als krisenfrei. Der Prozess der \u201esch\u00f6pferischen Zerst\u00f6rung\u201c geht nicht ohne wirtschaftliche und soziale Blessuren ab. Alte Strukturen werden (sofort) zerst\u00f6rt, neue entstehen (meist erst sp\u00e4ter). Unternehmenspleiten, (Langzeit-)Arbeitslosig-keit, sektorale und regionale H\u00e4rten pflastern den Weg. Arbeit und Kapital steigen in produktivere Verwendungen um. Dieser Umstieg ist f\u00fcr viel schmerzhaft. Kurzum: Der Strukturwandel verl\u00e4uft meist krisenhaft, weil zu wenig Vorsorge getroffen wurde. Die Politik ist gefordert, die Friktionen im Strukturwandel m\u00f6glichst klein zu halten. Dazu braucht es eine effiziente Politik f\u00fcr den Strukturwandel, also st\u00e4ndige Strukturreformen.<\/p>\n<p>Was im strukturellen Wandel passiert, ist das Ergebnis des Spiels von Anpassungslasten und Anpassungskapazit\u00e4t. Es l\u00e4sst sich mit grobem Pinsel als ein Bild von Niederschl\u00e4gen und Aufnahmef\u00e4higkeit von Fl\u00fcssen zeichnen. Bei moderatem Regen sind Fl\u00fcsse problemlos in der Lage, die Wassermassen aufzunehmen. Das sieht bei anhaltendem Starkregen anders aus. Die Gefahr von \u00dcberschwemmungen steigt. Das sind die Anpassungslasten. Ob es dazu kommt, h\u00e4ngt davon ab, wie aufnahmef\u00e4hig die Fl\u00fcsse sind. Das h\u00e4ngt von vielem ab. Der Grad der Renaturierung ist ein Faktor. Ein anderer sind die D\u00e4mme. Je h\u00f6her sie sind, desto mehr Regenwasser k\u00f6nnen die Fl\u00fcsse aufnehmen. Auch \u00dcberflutungspolder k\u00f6nnen mit dazu beitragen, Flutkatastrophen zu verhindern. Dann kann es st\u00e4rker und l\u00e4nger regnen, ohne dass D\u00f6rfer und St\u00e4dte in den Wassermassen versinken. Das ist die Anpassungskapazit\u00e4t. Das Problem ist in der \u00d6konomie nicht anders. Vielf\u00e4ltige exogene Schocks auf der Angebots- und Nachfrageseite, privat und staatlich, st\u00fcrmen auf die wirtschaftlichen Akteure ein. Sie treffen auf eine mehr oder weniger ausgepr\u00e4gte F\u00e4higkeit der wirtschaftlichen Akteure, sich flexibel an die Ver\u00e4nderungen anzupassen. Sind die exogenen Schocks hoch und die F\u00e4higkeit der Akteure nur gering, sich an neue Gegebenheiten anzupassen, ist die Gefahr krisenhafter Entwicklungen gro\u00df.<\/p>\n<p>Es ist eine Binsenweisheit: Volkswirtschaften stehen st\u00e4ndig unter \u201eSchock\u201c. Die Anpassungslasten sind vielf\u00e4ltig. Sie kommen von der Angebots- und Nachfrageseite der M\u00e4rkte. So l\u00f6sen etwa ver\u00e4nderte individuelle Pr\u00e4ferenzen und neue Kostenstrukturen der Produktion einen Anpassungsbedarf aus. Auch staatliche Entscheidungen schocken st\u00e4ndig G\u00fcter- und Faktorm\u00e4rkte. Wie vielf\u00e4ltig Schocks sein k\u00f6nnen, zeigen die letzten \u201egro\u00dfen\u201c Krisen. Die Finanzkrise war ein heftiger Nachfrageschock, die EWU-Krise eine Vertrauenskrise in die Staatsverschuldung, die Corona-Krise ein origin\u00e4rer Angebotsschock, der durch staatliche Lockdowns um Nachfrageschocks aufgestockt wurde. Diese Schocks zwingen die wirtschaftlichen Akteure, sich an neue Gegebenheiten anzupassen. Das gelingt bei Angebotsschocks am besten, wenn die relativen Preise auf G\u00fcter- und Faktorm\u00e4rkten flexibel und Arbeit und Kapital sektoral, regional und beruflich mobil sind. Handelt es sich um (konjunkturelle) Nachfrageschocks sind Politik und Notenbanken gefordert, die entstandenen Nachfragel\u00fccken fiskal- und geldpolitisch zu stopfen. Strukturelle Verschiebungen sind typische Angebotsschocks. Sie lassen sich nicht mit staatlicher Nachfragepolitik bek\u00e4mpfen. Notwendig sind h\u00f6here Anpassungskapazit\u00e4ten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Vorsorge gegen Krisen<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Volkswirtschaften sind Krisen nicht schutzlos ausgeliefert. Das gilt f\u00fcr Konjunktur- und Strukturkrisen. Es trifft selbst f\u00fcr \u201eSystemkrisen\u201c zu. Die M\u00f6glichkeit besteht, sich gegen Krisen zu wappnen. Anpassungslasten k\u00f6nnen verringert, Anpassungskapazit\u00e4ten erh\u00f6ht werden. Allerdings: Anpassungslasten lassen sich nur schwer reduzieren. Um im Bild zu bleiben: Regional konzentrierte Niederschl\u00e4ge lassen sich nicht steuern. Etwas einfacher scheint es bei der Anpassungskapazit\u00e4ten. Sie lassen sich erh\u00f6hen. Fl\u00fcsse k\u00f6nnen renaturiert, D\u00e4mme erh\u00f6ht, \u00dcberflutungspolder angelegt werden. Das alles gilt auch f\u00fcr die \u00d6konomie. Es ist grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich, die Anpassungslasten aus Konjunktur und Struktur zu verringern. Allerdings lassen sich Konjunkturschwankungen und Strukturwandel nicht verhindern. Das gilt f\u00fcr die Konjunktur, wenn Haushalte und Unternehmen frei entscheiden k\u00f6nnen. Es gilt umso mehr bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen des Staates. Dort dominieren polit-\u00f6konomische \u00dcberlegungen. Die Erfahrung zeigt: Sie sind ein steter Quell konjunktureller Unruhe. Eine grundlegende Reform der politischen M\u00e4rkte und mehr regelgebundene (Geld- und Fiskal-)Politik w\u00e4ren wichtige Schritte, die politisch verursachten Anpassungslasten zu verringern.<\/p>\n<p>Der Strukturwandel verursacht st\u00e4ndig Anpassungslasten. Haushalte \u00e4ndern mit steigendem Wohlstand ihr Ausgabenverhalten. Industrieg\u00fcter werden weniger, Dienstleistungen st\u00e4rker nachgefragt. Eine h\u00f6here Erwerbsquote der Frauen verst\u00e4rkt die Entwicklung. Auch Unternehmen setzen verst\u00e4rkt auf Dienstleistungen als Vorprodukte. Der industrielle Sektor wird produktiver, der Dienstleistungssektor w\u00e4chst. Schlie\u00dflich treiben weltweit offene G\u00fcter- und Arbeitsm\u00e4rkte den sektoralen Wandel. Diese strukturelle Entwicklung l\u00e4sst sich nur verlangsamen, wenn Markt und Wettbewerb reguliert werden. Subventionen, Interventionen und Protektionismus sind g\u00e4ngige Mittel. Damit lassen sich die Anpassungslasten des Strukturwandels zwar tempor\u00e4r verringern, beseitigen lassen sie sich aber nicht. Der Preis ist allerdings hoch. Der produktivit\u00e4tssteigernde Effekt der \u201esch\u00f6pferischen Zerst\u00f6rung\u201c wird vermindert, das wirtschaftliche Wachstum reduziert, der Wohlstand sinkt. Es macht wenig Sinn, den Strukturwandel aufzuhalten, um die Anpassungslasten zu verringern. Sinnvoll ist es allerdings, wenn der Staat den sektoralen Strukturwandel nicht auch noch beschleunigt, wie er es gegenw\u00e4rtig mit einer ineffizienten, nicht technologieneutralen Klimapolitik tut. Damit setzt er dem angeschlagenen industriellen Sektor weiter schwer zusetzt. Die Gefahr eines automobilen Rostg\u00fcrtels in Deutschland w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Bei der Vorsorge gegen Krisen sollte man nicht darauf setzen, dass es gelingen k\u00f6nnte, die Anpassungslasten signifikant zu verringern. Teilweise lassen sie sich nicht verhindern, wie Covid-19 zeigt, oder kaum verringern, teilweise w\u00e4re eine Verringerung mit hohen Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Es w\u00e4re aber schon einiges gewonnen, wenn es gel\u00e4nge, wenigstens die politisch verursachten Anpassungslasten einzud\u00e4mmen. Deshalb: Der Ansatzpunkt bei der Krisenvorsorge muss die Anpassungskapazit\u00e4t sein. Grunds\u00e4tzlich ist die Sache klar. Gegen k\u00fcnftige Konjunkturkrisen ist man am besten ger\u00fcstet, wenn Staat und Notenbanken das fiskal- und geldpolitische Pulver trocken halten. Die beste Hilfe gegen Strukturkrisen sind flexible relative Preise (L\u00f6hne und Lohnstrukturen), gut ausgebildete, produktive Arbeitskr\u00e4fte und sektoral, regional und beruflich mobile Arbeitnehmer. Die Corona-Krise hat aber gezeigt, dass in manchen Krisen, die Probleme nicht \u00f6konomisch gel\u00f6st werden k\u00f6nnen. Gegen Covid-19 hilft nur die Medizin. Nur sie kann die induzierten \u00f6konomischen Stockungen aufl\u00f6sen. Gesunde Staatsfinanzen, flexible Arbeitsm\u00e4rkte und gut ausgebildete Arbeitnehmer sind allerdings hilfreich, den Schaden zu begrenzen.<\/p>\n<p>Unternehmen, Arbeitnehmer und Staat k\u00f6nnen Vorsorge f\u00fcr m\u00f6gliche Krisen treiben, indem sie die Anpassungskapazit\u00e4t erh\u00f6hen. Private Unternehmen helfen, unkalkulierbare wirtschaftliche Risiken (\u201eunknown unknowns\u201c) zu vernichten. Das macht es notwendig, dass Politik und Gesellschaft die Unternehmer unternehmen l\u00e4sst, sie unternehmen k\u00f6nnen und auch unternehmen wollen (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=5774\">hier<\/a>). Arbeitnehmer trotzen Krisen leichter, wenn sie besser (produktiver), billiger (kosteng\u00fcnstiger) und schneller (mobiler) sind. Sie sind weniger oft und k\u00fcrzer arbeitslos. Das &#8222;A und O&#8220; sind Investitionen in Humankapital, am besten \u201eon the job\u201c. Widerstandsf\u00e4higer gegen Krisen sind Arbeitnehmer in Zeiten forcierten Strukturwandels, wenn sie \u00fcber mehr allgemeines Humankapital verf\u00fcgen. Das macht sie in verschiedenen Sektoren und Berufen leichter einsetzbar. Dagegen erweist sich spezifisches Humankapital immer \u00f6fter als Hindernis im Strukturwandel. Einen wichtigen Beitrag zu einer h\u00f6heren Anpassungskapazit\u00e4t kann auch der Staat leisten. Ein ad\u00e4quater ordnungspolitischer Rahmen \u2013 private Eigentumsrechte, individuelle Vertragsfreiheit, freier Marktzugang \u2013 z\u00e4hlt dazu. Eine angemessene Staatsquote, mehr investive und weniger konsumtive Ausgaben, solide finanzierte Staatshaushalte und eine tragf\u00e4hige explizite und implizite Verschuldung sind weitere Faktoren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Handeln in Krisen<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die Menschen sind Krisen nicht schutzlos ausgeliefert. Sie k\u00f6nnen gegen krisenhafte Entwicklungen vorsorgen. Das gilt f\u00fcr Konjunktur-, Struktur- und Systemkrisen. Voraussetzung ist allerdings eine richtige Vorsorge. Genau das ist aber das Problem. Meist wird die Vorsorge vernachl\u00e4ssigt. Volkswirtschaften schlittern mehr oder weniger unvorbereitet in Krisen. Der Politik bleibt dann oft nur hektisches Krisenmanagement, meist schlechtes. Diese Entwicklung ist bei Konjunkturkrisen gut dokumentiert. Die time-lags sind Legion. Der Politik gelingt es oft nicht zu erkennen, ob es sich um einen Angebots- oder Nachfrageschock handelt. Nicht jeder R\u00fcckgang der Nachfrage ist aber konjunkturell. Output-L\u00fccken geben, trotz aller Probleme, bessere Hinweis. Es ist ein alter Hut, dass expansive Nachfragepolitik in Demokratien nicht schnell umgesetzt werden k\u00f6nnen. Automatische Stabilisatoren sollen helfen, diese L\u00fccke zu schlie\u00dfen. Oft sind aber auch die M\u00f6glichkeiten der Verschuldung eingeschr\u00e4nkt, weil man in guten Zeiten \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse gelebt hat. Schlie\u00dflich\u00a0 dauert es, bis beschlossene und umgesetzte Ma\u00dfnahmen ihre Wirkung zeigen. Es ist nicht selten, dass expansive Aktivit\u00e4ten erst in Zeiten des Aufschwungs wirksam werden. Konjunkturpolitik ist oft ein Krisenverst\u00e4rker.<\/p>\n<p>Viele Krisen, wie System- und Konjunkturkrisen, kommen fast aus dem Nichts. Die Vorwarnzeit ist relativ kurz. Das gilt f\u00fcr Strukturkrisen eher nicht. Strukturwandel findet st\u00e4ndig statt. Nur das Tempo variiert. Der Klimawandel beschleunigt ihn. Trotzdem: Politische und wirtschaftliche Akteure k\u00f6nnen sich darauf vorbereiten. Die Vorsorge ist im strukturellen Wandel eine st\u00e4ndige Aufgabe von Politik, Tarifpartnern und Individuen. Strukturkrisen entstehen, wenn es an ausreichender Vorsorge mangelt. Die Krisen von Kohle, Stahl und Textil kamen nicht \u00fcber Nacht. Sie k\u00fcndigten sich lange an. Getan wurde wenig, Arbeitnehmer und Regionen auf den Strukturwandel vorzubereiten. Die Politik unternahm in Gegenteil einiges, ihn aufzuhalten. Sie gefiel sich in der Rolle des strukturpolitischen Don Quichotte. Wenn es dumm l\u00e4uft, wird sich die Geschichte im Automobilbau wiederholen. Ist die Krise erst einmal virulent, helfen nur noch Notfallma\u00dfnahmen. Auftretende Lasten m\u00fcssen sozial abgefedert werden. Passive Arbeitsmarktpolitik, wie Kurzarbeiter- oder das Arbeitslosengeld I, leisten erste Hilfe. Das Arbeitslosengeld II ist die letzte soziale Auffanglinie. Aktive Arbeitsmarktpolitik, wie Beratung, Vermittlung und Qualifizierung, sollen helfen, eine Br\u00fccke in eine neue Besch\u00e4ftigung zu schlagen. Die Erfahrung ist allerdings wenig ermutigend. Der berufliche Strukturwandel gelingt oft erst durch Generationenwechsel. Strukturkrisen hinterlassen meist verlorene Generationen.<\/p>\n<p>Systemkrisen sind anders als Konjunktur- und Strukturkrisen. Wie bei Konjunkturkrisen ist die Vorwarnzeit kurz. Solche Krisen sind nicht vorhersehbar. Anders als bei Konjunktur- und Strukturkrisen gibt es keine historischen Erfahrungen (\u201eunknown unknowns\u201c). Ausgel\u00f6st werden solche \u201eJahrhundertkrisen\u201c mal durch origin\u00e4re Angebotsschocks, wie \u00d6lpreis- und Corona-Krise, mal durch Nachfrageschocks, wie Weltwirtschafts- und Finanzkrise. Das \u00fcberfordert nicht nur die Politik, auch die Wissenschaft reagiert konfus. F\u00fcr solche Krisen gibt es kein wirtschaftspolitisches Patentrezept. Manchmal lassen sie sich, wie bei der Corona-Krise, nicht \u00f6konomisch, sondern nur medizinisch l\u00f6sen. F\u00fcr die Wirtschaftspolitik geht es darum, das Schlimmste zu verhindern, Verluste sozial abzufedern und Arbeitslose schnell wieder in Arbeit und Brot zu bringen. Mehr als ein minimaler Versicherungsschutz f\u00fcr die Verlierer, wie aktive und passive Hilfen f\u00fcr Arbeitslose und diskretion\u00e4re Unterst\u00fctzung f\u00fcr notleidende Unternehmen, kann die Gesellschaft nicht leisten. L\u00e4nder mit hoher Anpassungskapazit\u00e4t sind klar im Vorteil. Das geldpolitisches Pulver trocken zu halten, auf solide Staatsfinanzen zu achten, Arbeitsm\u00e4rkte flexibel zu gestalten, verst\u00e4rkt in Humankapital zu investieren und den sozialen Konsum zu z\u00fcgeln, ist nicht von Nachteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Politische \u00d6konomie von Krisen<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Krisen haben einen schlechten Ruf. Anpassungslasten pflastern ihren Weg. Tats\u00e4chlich sind Krisen nicht nur schlecht. Sie haben auch ihre guten Seiten. In langen krisenlosen Zeiten h\u00e4uft sich viel Sand im Getriebe der \u00d6konomie an. Unternehmen werden tr\u00e4ge, sie jagen eher nach Renten als nach Gewinnen. Arbeitnehmer vernachl\u00e4ssigen ihr Humankapital, sie sch\u00e4tzen mehr Freizeit und Konsum. Politiker gehen ihrer Lieblingsbesch\u00e4ftigung nach, sie beg\u00fcnstigen m\u00f6glichst viele spezifischen Interessengruppen und belasten die breite Masse der W\u00e4hler m\u00f6glichst unf\u00fchlbar. Innovationsf\u00f6rdernd ist das alles nicht. Die Produktivit\u00e4t leidet, das Wachstum schrumpft, der Wohlstand stagniert. Krisen brechen die sklerotische Entwicklung auf. Oft wird ihnen eine \u201ereinigende\u201c Funktion zugeschrieben. Zombie-Unternehmen scheiden aus dem Markt aus. Krisen wirken wie Produktivit\u00e4tspeitschen. Wer als Unternehmen \u00fcberleben will, muss mit neuen Produkten, Verfahren, Organisationen und M\u00e4rkten aufwarten. Ressourcen werden in neuen Verwendungen produktiver eingesetzt. Innovationen, die schon in der Pipeline sind, werden beschleunigt. So k\u00f6nnten sich in der Corona-Krise die Einf\u00fchrung der Telemedizin, des Home-Office, des Online-Learning und des digitalen Geldes beschleunigt haben. Allerdings: Viele kleine Krisen scheinen besser als wenige gro\u00dfe. Das ist die Position, die Markus Brunnermeier in seinem neusten Buch vertritt (<a href=\"https:\/\/www.aufbau-verlag.de\/index.php\/die-resiliente-gesellschaft.html\">hier<\/a>). Sie blasen kontinuierlich den Sand aus dem Getriebe und verstetigen die innovative Entwicklung ohne die unerfreulichen und kostspieligen Risiken und Nebenwirkungen gro\u00dfer disruptiver Krisen.<\/p>\n<p>Das ist die Erz\u00e4hlung von Krisen als \u201ereinigende\u201c Kraft und innovative Treiber der \u00d6konomie. Die Realit\u00e4t sieht oft anders aus. Krisen sind auch ein Eldorado f\u00fcr Rentenj\u00e4ger. Da f\u00fcr Krisen nicht ausreichend vorgesorgt wird, erfolgt die Anpassung an die krisenhafte Entwicklung weniger \u00fcber (relative) Preise als \u00fcber Mengen. Unternehmen geraten massenhaft in Schwierigkeiten, Arbeitnehmer werden in gro\u00dfer Zahl arbeitslos, Sektoren und Regionen leiden teilweise heftig unter der Krise. Das ist die Stunde der Lobbyisten und Politiker. Die Politik will potentielle W\u00e4hler nicht verprellen und hilft. Die Interessenvertreter zeichnen die Lage in m\u00f6glichst dunklen Farben. Die Politik gibt das Geld der Steuerzahler mit vollen H\u00e4nden aus. Vor allem spezifische Interessengruppen profitieren. Die Corona-Krise legt davon Zeugnis ab. Das Kurzarbeitergeld wurde erh\u00f6ht und verl\u00e4ngert, \u00dcberbr\u00fcckungsgelder an Unternehmen und Solo-Selbst\u00e4ndige gezahlt, Apotheker und \u00c4rzte kr\u00e4ftig subventioniert. Subventionen schie\u00dfen wie Pilze aus dem Boden. Gewaltige nationale Ausgabenprogramme wurden aufgelegt. Auf europ\u00e4ischer Ebene wurde ein riesiger \u201eWiederaufbaufonds\u201c auf den Weg gebracht. Die Lasten werden sozialisiert, die Finanzierung wird der n\u00e4chsten Generation \u00fcberlassen, die staatliche Verschuldung explodiert.<\/p>\n<p>Wirtschaftliche Krisen sind immer auch Treibs\u00e4tze f\u00fcr die Staatswirtschaft. Die Erfahrung zeigt, Krisenzeiten sind f\u00fcr die Politik g\u00fcnstige Gelegenheiten, das zu machen, was man schon immer machen wollte aber nicht konnte. Wohin man schaut, \u00fcberall lauert Marktversagen. Das gilt es endlich zu eliminieren. Interventionen, Regulierungen und Subventionen sind die Mittel der Wahl. Alle Arbeitslosigkeit ist konjunkturell und die gibt es in Krisen en masse. Staatliche Ausgabenprogramme, auf Kredit finanziert, haben Hochkonjunktur. Hinter jeder Ecke lauern Ungerechtigkeiten. Umverteilung, meist von den nicht ganz Reichen zu den nicht ganz Armen, soll Abhilfe schaffen. Der Markt versagt auch an anderer Stelle. Es gelingt ihm nicht, zukunftstr\u00e4chtige Technologien, Sektoren und Unternehmen zu selektieren. Damit l\u00e4sst sich auch in der strategischen Handelspolitik kein Blumentopf gewinnen. Das kann der Staat besser als private Unternehmen. Er beteiligt sich immer \u00f6fter an Unternehmen (CureVac) und f\u00fchrt eigene Unternehmen, auch um technologisch \u201esouver\u00e4ner\u201c zu werden. Innovationsruinen s\u00e4umen die Stra\u00dfe des industriepolitischen Erfolgs. Das alles kostet viel Geld, oft finanziert auf Pump. Das ist aber, wenn man linken, schuldenbesoffenen \u00d6konomen (Martin Greive) folgt, bei niedrigen Zinsen kein Problem, sondern wirtschaftspolitische Pflicht (<a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/meinung\/kommentare\/kommentar-inflationsvergessen-und-widerspruechlich-warum-niedrigzinsen-kein-grund-fuer-eine-neue-schuldenpolitik-sind\/27541738.html?share=twitter&amp;ticket=ST-11122921-MP21OIb0NOw0wK2pPa1b-ap6\">hier<\/a>). Die s\u00e4kular steigende Staatsquote wird weiter befeuert. Das alles l\u00e4sst mich zweifeln, ob Krisen wirtschaftliches Wachstum befeuern. Die in Krisen wachsende, pfadabh\u00e4ngige Staatswirtschaft spricht dagegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><em>Fazit<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Krisen haben Konjunktur. Wirtschaftliche Krisen entstehen, wenn Arbeitnehmer, Unternehmer und Politiker nicht ad\u00e4quat auf exogene Schocks reagieren. Grunds\u00e4tzlich gilt: Wer nur mangelhaft vorsorgt, l\u00e4uft Gefahr, dass exogene Schocks krisenhaft aus dem Ruder laufen. H\u00e4lt der Staat das geld- und fiskalpolitische Pulver in guten Zeiten nicht trocken, wird aus Nachfragel\u00fccken eine Konjunkturkrise. Sind relative Preise inflexibel und Produktionsfaktoren immobil, wird aus dem Strukturwandel eine Strukturkrise. Agiert die Politik nicht mit einer ad\u00e4quaten Angebots- und Nachfragepolitik, w\u00e4chst sich ein virologischer Schock, wie Covid-19,\u00a0 zu einer wirtschaftlichen Corona-Krise aus. Solide Staatshaushalte und st\u00e4ndige Strukturreformen in guten Zeiten sind die beste Vorsorge f\u00fcr schlechte Zeiten. Tats\u00e4chlich ist aber die wirtschaftspolitische Vorsorge gegen exogene Schocks oft mangelhaft. Krisenhafte Entwicklungen sind dann unvermeidlich. Das ist die Stunde der Interessengruppen und Politik. Meist reagiert die Politik mit \u00fcberbordender Staatsverschuldung, dr\u00e4ngt die Notenbanken zu ultra-leichter Geldpolitik, setzt auf strukturkonservierende Subventionen und ist vielf\u00e4ltig interventionistisch auf den M\u00e4rkten unterwegs. Immer \u00f6fter versucht sich der Staat auch als Unternehmer, meist erfolglos und kostspielig f\u00fcr die Steuerzahler. Das alles verst\u00e4rkt den anhaltenden Trend zur Staatswirtschaft. Schon Winston Churchill wu\u00dfte: \u201eNever waste a good crisis\u201c. Und die \u00f6konomische Wissenschaft leistet Sch\u00fctzenhilfe.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Markus K. Brunnermeier (2021), Die resiliente Gesellschaft. Wie wir k\u00fcnftige Krisen besser meistern k\u00f6nnen. Berlin<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Krise ist ein produktiver Zustand. \u2013 Man mu\u00df ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen!\u201c (Max Frisch) Wirtschaftliche Krisen sind nicht neu. 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