{"id":29765,"date":"2021-09-01T00:54:24","date_gmt":"2021-08-31T23:54:24","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29765"},"modified":"2021-09-01T06:05:34","modified_gmt":"2021-09-01T05:05:34","slug":"ist-der-zunehmende-wettbewerb-um-drittmittel-im-wissenschaftlichen-wettbewerb-oekonomisch-sinnvoll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29765","title":{"rendered":"Ist der zunehmende Wettbewerb um Drittmittel im wissenschaftlichen Wettbewerb \u00f6konomisch sinnvoll?"},"content":{"rendered":"<p>Die Bedeutung von Drittmitteln in der deutschen Hochschullandschaft nimmt schon seit einiger Zeit erheblich zu. So tragen in deutschen Universit\u00e4ten Drittmittel mittlerweile mehr als ein Viertel zu den Gesamteinnahmen bei. Auch die Karriereaussichten eines Wissenschaftlers h\u00e4ngen heute oftmals von der F\u00e4higkeit und Bereitschaft ab, Drittmitteln einzuwerben. Offenbar haben also Drittmittel einen wichtigen Einflu\u00df auf das Wissenschaftssystem.<\/p>\n<p>Aus der Bedeutung der Drittmittel f\u00fcr die Finanzierung der Universit\u00e4ten und f\u00fcr die Karriere der Wissenschaftler resultiert ein zunehmender Wettbewerb zwischen den Universit\u00e4ten und auch zwischen den Wissenschaftlern. Dieser wird durch entsprechende Drittmittelprogramme staatlicher bzw. halb-staatlicher Organisationen zus\u00e4tzlich befeuert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die zunehmende Bedeutung der Drittmittel hat unterschiedliche Ursachen. Sicherlich geht es zum einen darum, das Budget der \u00f6ffentlichen Hand etwas zu entlasten. Zum anderen wird dem Sachverhalt Rechnung getragen, da\u00df sich die Rolle der Universit\u00e4ten ver\u00e4ndert hat. W\u00e4hrend vor geraumer Zeit die Funktion der Universit\u00e4t vor allem im Bereich der Lehre und der Forschung lagen, wobei die Forschung sich eher durch eine nach Fachbereichen unterschiedliche, aber meist eher geringe Anbindung an die Industrie auszeichnete, wird die Universit\u00e4t mittlerweile als zentraler Akteur regionaler Innovationen betrachtet. Universit\u00e4ten sollen zur Steigerung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit nationaler Unternehmen und des heimischen Standorts in einem globalen zunehmend wissensbasierten Markt einen erheblichen Beitrag leisten. So wird etwa als erstes Ziel der Exzellenzstrategie die \u201enachhaltige St\u00e4rkung des Wissenschaftsstandorts Deutschland durch Verbesserung seiner internationalen Wettbewerbsf\u00e4higkeit\u201c genannt (BMBF 2019).<\/p>\n<p>Damit stellt sich die Frage, wie diese zunehmende Drittmittelausrichtung aus \u00f6konomischer Sicht zu bewerten ist.<\/p>\n<p>Eine ma\u00dfgebliche Aufgabe der Universit\u00e4t besteht in der Produktion von Wissen (Weber, 1919). Von einem Wettbewerb zwischen den Universit\u00e4ten bzw. von einem wissenschaftlichen Wettbewerb erhofft man sich, da\u00df Forschungsergebnisse einer systematischen Analyse in Form eines umfassend verstandenen Peer Review-Systems erfolgen, das die Qualit\u00e4t des Outputs hochh\u00e4lt. Dadurch sollte sich eine faire und transparente W\u00fcrdigung der Forschungsergebnisse sowie eine h\u00f6here Produktivit\u00e4t der Forschung ergeben (Anderson et al., 2007). Oftmals wird der wissenschaftliche Wettbewerb als treibende Kraft zur Hervorbringung von Innovationen gesehen (Hagstrom 1974, Ben-David 1960, Ben-David &amp; Zloczower 1962).<\/p>\n<p>Freilich hat dieser wissenschaftliche Wettbewerb, bei dem der zeitliche Vorsprung bei der Ver\u00f6ffentlichung von Forschungsergebnissen eine erhebliche Rolle spielt und der oftmals die Form eines Winner-Takes-it-all-Contest aufweist (z. B. Stephan, 1996), auch seine Schattenseiten: So kann die Rivalit\u00e4t zwischen den Forschern den wissenschaftlichen Fortschritt behindern. Blumenthal al. (2006) berichten in ihrer Analyse der Life Sciences davon, da\u00df Forscher Daten, Ergebnisse und Informationen usw. zur\u00fcckzuhalten, um sich einen pers\u00f6nlichen Vorteil in diesem Wettbewerb zu verschaffen. Sie behindern also aus Karrieregr\u00fcnden die unbeschr\u00e4nkte Wissensdiffusion. Allerdings ist das verst\u00e4ndlich, denn niemand m\u00f6chte seine Ergebnisse in einem Paper eines Kollegen ver\u00f6ffentlich sehen, bevor man die Ergebnisse selbst publiziert hat. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht entstehen jedoch durch den Timelag und etwaige Doppelforschungen erhebliche Effizienzverluste. Neben diesen durchaus legalen Mechanismen findet sich zudem auch Wissenschaftsbetrug, indem Daten \u2013 auf welche Weise auch immer \u2013 erfunden oder auch Daten, Ideen und Texte ohne Quellenangaben abgekupfert werden.<\/p>\n<p>Alles in allem d\u00fcrften aus Perspektive der Volkswirtschaft jedoch die Wohlfahrtsgewinne eines wissenschaftlichen Wettbewerbs die Kosten erheblich \u00fcberwiegen. Durch die zunehmende Bedeutung der Drittmittel wird dieser Wettbewerb erheblich intensiviert und auch ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Einerseits werden von den Forschern erhebliche Ressourcen investiert, um Drittmittel einzuwerben \u2013 Ressourcen, die sonst f\u00fcr Forschungsprojekte verwendet w\u00fcrden und die auch nur zum begrenzten Umfang weiter verwertet werden k\u00f6nnen. Und andererseits f\u00fchrt der Wettbewerb um Drittmittel zu einer \u00c4nderung des Forschungsportfolios dergestalt, da\u00df die Forschung zunehmend in f\u00fcr Drittmittel relevante Bereiche gelenkt wird. Letzteres bedeutet, da\u00df die beantragenden Forscher sich am vorgegebenen Programminhalt bzw. an den vermuteten Vorlieben der Gutachter orientieren. Die Au\u00dfensteuerung zwingt den Wissenschaftler also zu einer \u201eHomogenisierung von Verhalten und Forschungsfragen\u201c (Emrich, 2015).<\/p>\n<p>Im Hinblick auf den ersten Aspekt zeigt die klassische Rent-Seeking-Literatur (z. B. Tullock, 1967; 1980; Posner, 1975) \u2013 das Ph\u00e4nomen des Rent-Seeking l\u00e4\u00dft sich sehr gut vergleichen mit dem Wettbewerb um Drittmittel \u2013, da\u00df erhebliche Ressourcen in die Generierung von Renten alloziiert werden. Dies f\u00fchrt zu einer erheblichen Verminderung der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt. Freilich wird auch argumentiert, da\u00df durch Rent Seeking Produkte und M\u00e4rkte geschaffen w\u00fcrden, die ohne diesen Wettbewerb nicht existierten (Abbott &amp; Brady 1991). \u00dcbertragen auf den wissenschaftlichen Wettbewerb bedeutet dies, da\u00df ohne den Wettbewerb um Drittmittel bestimmte wissenschaftliche Ergebnisse m\u00f6glicherweise nie erforscht worden w\u00e4ren. Da allerdings Drittmittel h\u00e4ufig f\u00fcr anwendungsorientierte Forschung ausgereicht werden, scheint dieses Argument von zweifelhafter G\u00fcte zu sein. Dies f\u00fchrt uns zum zweiten Aspekt.<\/p>\n<p>Zu 2) Da Drittmittel h\u00e4ufig f\u00fcr anwendungsorientierte Forschung vergeben werden, was insbesondere f\u00fcr die Drittmittelausreichungen der Industrie gilt, werden Forschungspfade eingeschlagen, bei denen die wirtschaftliche Verwertbarkeit der Forschungsergebnisse im Vordergrund steht. Diese angewandte Forschung hat meist jedoch einen sehr eingeschr\u00e4nkten Einsatzbereich und daher geringere Skaleneffekte im Vergleich zur Grundlagenforschung. W\u00e4hrend anwendungsbezogene Forschung sich vergleichsweise schnell amortisiert \u2013 etwa durch Patente bei technischer Forschung \u2013, kann die Grundlagenforschung ein breiteres Spektrum potentieller Anwendungsfelder haben und sich normalerweise erst auf lange Sicht \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 auszahlen. Oft ist es sogar schwer, eine direkte Verbindung zwischen der durchgef\u00fchrten Grundlagenforschung und den daraus resultierenden wirtschaftlichen Wohlfahrtsgewinnen herzustellen. H\u00e4ufig generiert Grundlagenforschung Erkenntnisse, die sp\u00e4ter auf anderen Gebieten verwertet werden k\u00f6nnen (David et al., 1992). Zudem gelingt oft die Appropriierung der Ertr\u00e4ge aus den Forschungsergebnissen nicht, da diese \u2013 etwa in Form eines Patents \u2013 nicht absichert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund w\u00e4re es sinnvoll, die Universit\u00e4ten mit einem Budget auszustatten, da\u00df es ihnen in einem gew\u00fcnschten Ma\u00df erlaubt, Ressourcen in die Grundlagenforschung zu alloziieren, dabei aber durchaus den wissenschaftlichen Wettbewerb etwa durch die Modalit\u00e4ten bei der Vergabe von Forschungspositionen oder durch die Ausgestaltung der Entlohnung der Forscher zu initiieren. Gleichzeitig sollte jedoch die Bedeutung anwendungsorientierter Drittmittelforschung in den Universit\u00e4ten reduziert werden. Dies k\u00f6nnte etwa geschehen, indem bei der Vergabe von Forschungspositionen oder bei der Entlohnung der Forscher die Einwerbung anwendungsorientierter Drittmittel nicht ber\u00fccksichtigt wird. Dabei sollte jedoch folgendes beachtet werden: Viele Wissenschaftler sind tendenziell intrinsisch motiviert. Eine verst\u00e4rkte Au\u00dfensteuerung w\u00fcrde hierbei diese intrinsische Motivation erheblich beeintr\u00e4chtigen (als \u00dcberblick Frey 1997).<\/p>\n<p>Zudem mu\u00df freilich durch entsprechende Anreiz- und Kontrollsysteme daf\u00fcr gesorgt werden, da\u00df die oben angef\u00fchrten nicht legalen Methoden aufgedeckt und entsprechend sanktioniert werden. Hierzu reicht es oftmals schon aus, illegitimes \u2013 wenn auch nicht illegales \u2013 Verhalten durch (moralische) Sanktionierung innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu unterbinden (hierzu Emrich und Follert 2019).<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Abbot, A.F., Brady, G.L. (1991), Welfare gains from innovation-induced rent seeking. Cato Journal, 11, 89-97.<\/p>\n<p>Anderson, M.S., Ronning, E.A., De Vries, R., Martinson, B.C. (2007), The perverse effects of competition on scientists\u00b4 work and relationships. Science and Engineering Ethics, 13, 437-461.<\/p>\n<p>Ben-David, J., Zloczower, A. (1962), Universities and academic systems in modern societies. European Journal of Sociology, 3, 45-84.<\/p>\n<p>Ben-David, J. (1960), Scientific productivity and academic organization in nineteenth century medicine. American Sociological Review, 25, 828-843.<\/p>\n<p>Blumenthal, D., Campbell, E.G., Gokhale, M., Yucel, R., Clarridge, B., Hilgartner, S., Holtzman, N.A. (2006), Data withholding in genetics and other life sciences: Prevalences and predictors. Academic Medicine, 81, 137-145.<\/p>\n<p>BMBF (2019), Die Exzellenzstrategie, <a href=\"https:\/\/www.bmbf.de\/bmbf\/de\/forschung\/das-wissenschaftssystem\/die-exzellenzstrategie\/die-exzellenzstrategie.html\">https:\/\/www.bmbf.de\/bmbf\/de\/forschung\/das-wissenschaftssystem\/die-exzellenzstrategie\/die-exzellenzstrategie.html<\/a> (Zugriff: 29.8.2021).<\/p>\n<p>David, P.A., Mowery, D., Steinmueller, W.E. (1992), Analysing the economic payoffs from basic research, Economics of Innovation and New Technology, 2, 73-90.<\/p>\n<p>Emrich, E. (2015), Evaluation zwischen Angebot und Nachfrage \u2013 Vom Ethos der Forschung und dessen Wirkung die Wissensm\u00e4rkte. In Vera Hennefeld, Wolfgang Meyer, Stefan Sivestrini (Hrsg.) Nachhaltige Evaluation? Auftragsforschung zwischen Praxis und Wissenschaft. Festschrift f\u00fcr Reinhard Stockmann<em>, <\/em>M\u00fcnster: Waxmann, 73-98.<\/p>\n<p>Emrich, E., Follert, F. (2019). Eigenplagiate aus \u00f6konomischer Sicht. Eine institutionen\u00f6konomische Betrachtung. ORDO 70, 239-255.<\/p>\n<p>Frey, B.S. (1997), Markt und Motivation. Wie \u00f6konomische Anreize die (Arbeits-)Moral verdr\u00e4ngen. M\u00fcnchen: Vahlen.<\/p>\n<p>Hagstrom, W.O. (1974), Competition in science. American Sociological Review, 39, 1-18.<\/p>\n<p>Posner, R. (1975), The social costs of monopoly and regulation. Journal of Political Economy, 83, 807-827.<\/p>\n<p>Stephan, P.E. (1996), The economics of science. Journal of Economic Literature, 34, 1199-1235.<\/p>\n<p>Tullock, G. (1967), The welfare costs of tariffs, monopolies, and theft. Western Economic Journal, 5, 224-232.<\/p>\n<p>Tullock, G. (1980), Efficient rent seeking, in: Buchanan, J., Tollison, R., Tullock, G. (Eds.), Toward a theory of the rent-seeking society. Texas A&amp;M University Press, College Station, 97-112.<\/p>\n<p>Weber, M. (1919), Wissenschaft als Beruf, in: Winckelmann, J. (Ed.). Gesammelte Aufs\u00e4tze zur Wissenschaftslehre. 2nd. ed., T\u00fcbingen 1951, 566-597.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bedeutung von Drittmitteln in der deutschen Hochschullandschaft nimmt schon seit einiger Zeit erheblich zu. 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