{"id":29791,"date":"2021-09-07T00:17:57","date_gmt":"2021-09-06T23:17:57","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29791"},"modified":"2021-09-07T06:07:47","modified_gmt":"2021-09-07T05:07:47","slug":"gastbeitrag-fuer-ein-besseres-gelingen-der-energiewende-strompreise-runter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29791","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>F\u00fcr ein besseres Gelingen der Energiewende: Strompreise runter!"},"content":{"rendered":"<p><em>Strom aus erneuerbaren Energien soll k\u00fcnftig m\u00f6glichst gro\u00dfe Teile der Volkswirtschaft mit Energie versorgen. Auf Unternehmen und private Haushalte kommen zun\u00e4chst hohe Kosten zu, denn es bedarf einer Umr\u00fcstung der bestehenden Infrastrukturen. Zugleich haben Unternehmen und Verbraucher in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass der Strompreis tendenziell st\u00e4rker gestiegen ist also etwa die Preise f\u00fcr Benzin, Diesel, Erdgas oder Heiz\u00f6l. Die Politik sollte daher die staatlichen Komponenten des Strompreises m\u00f6glichst schnell zur\u00fcckfahren. Dies w\u00e4re sozialpolitisch vorteilhaft. Es w\u00fcrde zudem den Industriestandort Deutschland st\u00e4rken, der bereits erheblich unter dem strompreisbedingten Wettbewerbsnachteil leidet.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Energiebedarf der Volkswirtschaft soll nach dem Willen der Politik k\u00fcnftig m\u00f6glichst vollst\u00e4ndig durch Strom aus erneuerbaren Energien gedeckt werden. Dieser soll z.B. Erdgas und Heiz\u00f6l im W\u00e4rmemarkt oder Benzin und Diesel im Verkehrssektor ersetzen. Auch Industrieprozesse, bei denen heute noch Kohle, Erdgas oder \u00d6l zum Einsatz kommen, sollen in den kommenden Jahren umgestellt werden. Wo diese fossilen Energietr\u00e4ger nicht direkt durch Strom ersetzt werden k\u00f6nnen, soll z.B. gr\u00fcner Wasserstoff, der zuvor mit erneuerbaren Storm erzeugt wurde, die L\u00fccke schlie\u00dfen. Manchen Beobachtern schwebt gar eine \u201eAll Electric World\u201c vor. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 entfielen erst etwa 20% des Endenergieverbrauchs in Deutschland auf Strom.<\/p>\n<p>Auf dem Weg in diese viel st\u00e4rker elektrifizierte Welt sind hohe H\u00fcrden zu \u00fcberwinden. Es m\u00fcssen gen\u00fcgend erneuerbare Stromerzeugungskapazit\u00e4ten geschaffen werden. Zu nennen ist ferner das Problem der Wetterabh\u00e4ngigkeit von Windkraft und Fotovoltaik. Sie f\u00fchrt dazu, dass der Beitrag dieser Erneuerbaren zur gesicherten Leistung trotz des immensen Zubaus an Erzeugungskapazit\u00e4ten nach wie vor gering ist. Leistungsf\u00e4hige und kosteng\u00fcnstige Stromspeicher im gro\u00dfindustriellen Ma\u00dfstab sind noch nicht in Sicht.<\/p>\n<p>Eine wesentliche H\u00fcrde sind dar\u00fcber hinaus die hohen Kosten, die auf Unternehmen und private Haushalte zukommen, wenn sie in den kommenden Jahren vermehrt Strom statt fossiler Energietr\u00e4ger nutzen sollen. Dazu bedarf es einer Umr\u00fcstung der bestehenden Infrastrukturen. So sollen Geb\u00e4ude k\u00fcnftig zu einem gr\u00f6\u00dferen Teil mit elektrischen W\u00e4rmepumpen statt mit Erdgas, \u00d6l oder Fernw\u00e4rme aus thermischen Kraftwerken beheizt werden. Dies erfordert immense Ausgaben im Geb\u00e4udebestand. Autofahrer sollen ihre Benziner und Diesel-Pkw durch Elektroautos ersetzen. Unternehmen m\u00fcssen Industrieprozesse zum Teil komplett neu auslegen, wenn diese k\u00fcnftig mit Strom und\/ oder gr\u00fcnem Wasserstoff versorgt werden sollen. Dies bedeutet gerade f\u00fcr energieintensive Sektoren eine enorme Herausforderung.<\/p>\n<p>Kurzum: Private Haushalte und Unternehmen m\u00fcssen zun\u00e4chst einmal viel Geld in die Hand nehmen. Ihnen muss sich zugleich aber eine Perspektive bieten, dass sich diese Investitionen rechnen werden. Das gilt vor allem dann, wenn existierende Infrastrukturen (Industrieanlagen, Heizungssysteme, Fahrzeuge usw.) vor dem Ende ihrer eigentlichen Nutzungsdauer ersetzt werden sollen. Der Staat wird diese Transformation jedenfalls nicht vollst\u00e4ndig subventionieren k\u00f6nnen. Von dieser Illusion sollten sich Politik und Unternehmen schnellstm\u00f6glich \u00a0verabschieden.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberdurchschnittlich steigende Strompreise als Erfahrung der letzten Jahre<\/strong><\/p>\n<p>Damit die Elektrifizierung der Volkswirtschaft gelingt, sind also vor allem private Investitionen notwendig. Zugleich haben Unternehmen und Verbraucher in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass der Strompreis tendenziell st\u00e4rker gestiegen ist als etwa die Preise f\u00fcr Benzin, Diesel, Erdgas oder Heiz\u00f6l. Ein Gro\u00dfteil des Strompreisanstiegs ist zudem auf staatliche Komponenten zur\u00fcckzuf\u00fchren. Dies hat dazu gef\u00fchrt, dass die Strompreise in Deutschland inzwischen zu den h\u00f6chsten in der Welt z\u00e4hlen und das durchschnittliche EU- Niveau deutlich \u00fcberschreiten. Beispielsweise lag der Strompreis f\u00fcr gewerbliche Kunden (keine Gro\u00dfverbraucher) in Deutschland im 2. Halbjahr 2020 inklusive Steuern und Geb\u00fchren um 43% \u00fcber dem EU-Durchschnitt. Ohne Steuern und Geb\u00fchren betrug der Preisunterschied dagegen lediglich knapp 8%. Dies ist eine Belastung f\u00fcr den Standort. Steigen die Strompreise weiter \u00fcberdurchschnittlich stark an, verschlechtert sich zudem z.B. f\u00fcr Fahrer von Elektroautos die Kostenbilanz gegen\u00fcber der Nutzung eines Autos mit Verbrennungsmotor.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/strom1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/strom1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/strom2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/strom2.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die Erfahrung steigender Strompreise aus den letzten Jahren ist ein Hemmschuh f\u00fcr die erhofften Investitionen in Richtung mehr Elektrifizierung. Hier ist eine Trendwende erforderlich. Unternehmen und private Haushalte sollten darauf vertrauen k\u00f6nnen, dass der k\u00fcnftige Strompreis niedrig ist, damit sich die politisch erw\u00fcnschten Umr\u00fcstungen bei den Infrastrukturen eher rentieren und \u2013 im Falle der Industrie \u2013 auch am Standort Deutschland erfolgen.<\/p>\n<p><strong>Staatliche Komponenten am Strompreis m\u00fcssen sinken<\/strong><\/p>\n<p>Die Politik sollte daher die staatlichen Komponenten des Strompreises m\u00f6glichst schnell zur\u00fcckfahren. Sie k\u00f6nnte die EEG-Umlage und andere Umlagen abschaffen. Die Finanzierung der bestehenden EEG-Anlagen und anderer Umlagen k\u00f6nnte k\u00fcnftig \u00fcber den Bundeshaushalt erfolgen. Dies w\u00fcrde hier einen gro\u00dfen Posten ausmachen, der auch kaum verhandelbar ist, weil die Zahlungen an die Anlagenbetreiber noch f\u00fcr einige Jahre vertraglich zuge- sagt sind. Gleichwohl m\u00fcsste sich die Finanzierung der Erneuerbaren in den j\u00e4hrlichen Haushaltsberatungen gegen\u00fcber anderen Aufgaben des Staates durchsetzen (Bildung, Gesundheit, innere und \u00e4u\u00dfere Sicherheit, Sozialtrans- fers usw.). Die Kosten der Energiewende w\u00e4ren damit Gegenstand parlamentarischer Debatten, was angesichts der gesamtgesellschaftlichen Dimension der Aufgabe zu begr\u00fc\u00dfen ist. Bislang wird die H\u00f6he der EEG-Umlage von den \u00dcbertragungsnetzbetreibern ermittelt.<\/p>\n<p>In Zukunft k\u00f6nnten neue (gro\u00dfe) EE-Anlagen zudem noch mehr als bislang \u00fcber sogenannte Power Purchase Agreements finanziert werden, bei denen industrielle Gro\u00dfabnehmer den Anlagenbetreibern garantieren, den erzeugten Strom zu festgelegten Konditionen abzunehmen. Die Kosten f\u00fcr das Vorhalten von konventionellen Kraftwerkskapazit\u00e4ten, die nur dann ans Netz gehen, wenn der Strombedarf mit den regul\u00e4ren Kapazit\u00e4ten und Importen nicht gedeckt werden kann, sollten ebenfalls \u00fcber den Haushalt und nicht \u00fcber den Strompreis finanziert werden. Ausschreibungen solcher Reserven w\u00fcrden (auch k\u00fcnftig) f\u00fcr eine Preisbildung im Wettbewerb sorgen. Zudem k\u00f6nnte die Stromsteuer in Deutschland auf das EU-Mindestma\u00df abgesenkt werden. Schlie\u00dflich k\u00f6nnte f\u00fcr Strom k\u00fcnftig der verminderte Mehrwertsteuersatz gel- ten.<\/p>\n<p>In letzter Konsequenz sind selbst bei den Netzentgelten Optionen zu pr\u00fcfen, wie diese zumindest teilweise vom Strompreis abgekoppelt werden. So w\u00e4re es ordnungspolitisch durchaus gerechtfertigt, den notwendigen Ausbau der \u00dcbertragungsnetze sowie deren anschlie\u00dfenden Betrieb nicht \u00fcber den Strompreis, sondern aus Haushaltsmitteln zu finanzieren. Ausschreibungen im Wettbewerb w\u00fcrden auch hier f\u00fcr Kosteneffizienz sorgen. Der Staat m\u00fcsste nicht in die Rolle des Netzbetreibers oder gar -eigent\u00fcmers schl\u00fcpfen. In Summe k\u00f6nnten alle Ma\u00dfnahmen dazu f\u00fchren, den Strompreis f\u00fcr private Haushalte und gewerbliche Kunden mehr als zu halbieren.<\/p>\n<p><strong>Flexible Stromtarife als Erg\u00e4nzung<\/strong><\/p>\n<p>Neben den skizzierten M\u00f6glichkeiten, den Strompreis abzusenken, k\u00f6nnten Ma\u00dfnahmen auf der Nachfrageseite zu einer weiteren Entlastung bei den Strompreisen beitragen. Dies w\u00e4re z.B. mit flexiblen Stromtarifen und dem Einsatz von intelligenten Stromz\u00e4hlern m\u00f6glich, bei denen die Kunden daf\u00fcr belohnt werden, Strom vor allem dann nachzufragen, wenn viele erneuerbare Energien eingespeist werden. Dann w\u00fcrden die Verbraucher von den niedrigen Grenzkosten von Windkraft und Fotovoltaik profitieren, was bei fest vereinbarten Strompreisen nicht der Fall ist.<\/p>\n<p><strong>Sozial- und industriepolitische Vorteile<\/strong><\/p>\n<p>Eine Absenkung des Strompreises w\u00e4re aus sozialpolitischer Sicht zu begr\u00fc\u00dfen, denn einkommensschwache Haushalte geben einen gr\u00f6\u00dferen Anteil ihres Einkommens f\u00fcr Strom aus als wohlhabendere Haushalte. Im Jahr 2019 wurden etwa 4,75 Mio. Stromsperrungen gegen\u00fcber Haushaltskunden angedroht. Hier besteht also Handlungsbedarf.<\/p>\n<p>Ein niedrigerer Strompreis ist dar\u00fcber hinaus aus industriepolitischer Sicht bzw. f\u00fcr die Wettbewerbsf\u00e4higkeit des Standorts Deutschland von immenser Bedeutung. Es ist ein wichtiger Standortfaktor f\u00fcr Investitionsentscheidungen. Dies gilt nicht nur f\u00fcr energieintensive Branchen, sondern auch f\u00fcr die Hersteller von Investitionsg\u00fctern. Durch den zunehmenden Einsatz digitaler Technologien und noch mehr Automatisierung in der Fertigung wird der Strompreis k\u00fcnftig eher wichtiger. Sollten die Strompreise hoch bleiben, d\u00fcrften gro\u00dfe Teile der industriellen Wertsch\u00f6pfungskette in Deutschland (noch mehr als bislang) unter Druck geraten. So weisen wir seit vielen Jahren darauf hin, dass der Kapitalstock in energieintensiven Branchen in Deutschland stetig sinkt. Dies h\u00e4ngt mit der Unsicherheit \u00fcber die k\u00fcnftigen energie- und klimapolitischen Rahmenbedingungen zusammen. Gerade fr\u00fche Wertsch\u00f6pfungsstufen in energieintensiven Sektoren k\u00f6nnten schrittweise aus Deutsch- land verschwinden. Beispielsweise w\u00e4re es denkbar, dass die Rohstahlerzeugung oder die chemische Grundstoffproduktion k\u00fcnftig vor allem dort stattfinden wird, wo Strom besonders g\u00fcnstig ist und\/oder gr\u00fcner Wasserstoff in gro\u00dfen Mengen und zu niedrigen Kosten hergestellt werden kann. Dies k\u00f6nnte f\u00fcr die Unternehmen rentabler sein, als zun\u00e4chst gr\u00fcnen Wasserstoff zu importieren, um ihn dann in Deutschland einzusetzen. Nachgelagerte Wertsch\u00f6pfungsstufen k\u00f6nnten dann ins Ausland folgen.<\/p>\n<p>Die Politik scheint den Handlungsbedarf erkannt zu haben. In den Wahlprogrammen von Union, SPD, den Gr\u00fcnen und der FDP findet sich jeweils die Forderung, die EEG-Umlage abzuschaffen bzw. abzusenken. Ein derartiger Konsens in dieser Frage war vor wenigen Jahren noch nicht denkbar. Jetzt muss die neue Bundesregierung den Worten nur noch Taten folgen lassen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Strom aus erneuerbaren Energien soll k\u00fcnftig m\u00f6glichst gro\u00dfe Teile der Volkswirtschaft mit Energie versorgen. 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