{"id":29890,"date":"2021-10-01T00:25:58","date_gmt":"2021-09-30T23:25:58","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29890"},"modified":"2021-10-01T06:10:28","modified_gmt":"2021-10-01T05:10:28","slug":"kurz-kommentiert-mehr-gerontokratie-wagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29890","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Kurz kommentiert <\/font><br\/> Mehr Gerontokratie wagen?"},"content":{"rendered":"<p>Die Bundestagswahl hat Ergebnisse gebracht, aus denen sich ein interessanter Generationengegensatz herauslesen l\u00e4sst. Es hei\u00dft \u201ejung\u201c gegen \u201ealt\u201c, aber in einer anderen Weise als von vielen vermutet und vorhergesagt. Das Thema Klimawandel scheint trotz gr\u00f6\u00dfter medialer Aufmerksamkeit nur eine begrenzte Wirkung auf die Wahlergebnisse gehabt zu haben; genauso wichtig oder sogar wichtiger scheint das Thema Rente gewesen zu sein. Hier konnte die SPD offenbar bei den Senioren punkten, w\u00e4hrend \u00fcberraschend viele Jungw\u00e4hler der FDP ihre Stimme gaben \u2013 aus Sorge vor und als Gegengewicht zu einer strukturellen Mehrheit der Rentner? Egal, ob die Ampel oder Jamaika das Ergebnis der Regierungsbildung sein wird, in der n\u00e4chsten Bundesregierung werden zwei kleinere, von der j\u00fcngeren Bev\u00f6lkerung gest\u00fctzte Parteien einer gr\u00f6\u00dferen Partei mit Fokus auf eine \u00e4ltere Klientel gegen\u00fcberstehen. Dies ist Chance und Risiko zugleich.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Laut <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wahl\/archiv\/2021-09-26-BT-DE\/umfrage-alter.shtml\">Wahlanalysen<\/a> hat die SPD in der j\u00fcngsten Bundestagswahl \u00fcberdurchschnittlich viele Stimmen bei den \u00fcber 60-J\u00e4hrigen hinzugewinnen k\u00f6nnen, daf\u00fcr aber bei den J\u00fcngeren Stimmenanteile verloren. Bei der Union, die traditionell eine \u00e4ltere W\u00e4hlerschicht anspricht, waren die Verluste in den \u00e4lteren Kohorten geringer als in den j\u00fcngeren. Bei der FDP und den Gr\u00fcnen wiederum konzentrierten sich die Zugewinne auf die jungen Kohorten, w\u00e4hrend man bei den \u00c4lteren nur geringf\u00fcgig zulegen konnte (Gr\u00fcne) oder sogar Stimmen verlor (FDP).<\/p>\n<p>Zwar sollte man sich h\u00fcten, derartige Zahlen \u00fcberzubewerten und mit Interpretationen zu \u00fcberfrachten, doch l\u00e4sst sich vermuten, dass Olaf Scholz mit seiner \u2013 angesichts der demographischen Entwicklung recht tollk\u00fchnen \u2013 Aussage \u201edas Rentenniveau bleibt stabil und das Renteneintrittsalter wird nicht weiter steigen\u201c einen Nerv bei den heutigen Rentnerinnen und Rentnern sowie den rentennahen Jahrg\u00e4ngen getroffen hat. Die verbliebenen W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler der Union im Seniorenalter d\u00fcrften sich derweil an der CSU-Forderung nach einer weiteren Runde der M\u00fctterrente gew\u00e4rmt haben.<\/p>\n<p>Derart gro\u00dfz\u00fcgige Zusicherungen hatten die anderen Parteien nicht im Angebot oder haben sie zumindest weniger lautstark kommuniziert. Vor allem die Gr\u00fcnen hatten eher klimapolitische Zumutungen quer durch alle Generationen zu bieten, w\u00e4hrend die Steuerversprechen der FDP in erster Linie denjenigen galten, deren Einkommen jenseits der Beitragsbemessungsgrundlage angesiedelt sind, was sie rentenpolitisch unbedeutend machte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben alle Parteien rentenpolitische Konzepte formuliert, die die kritische demographische Lage zumindest anerkennen. Ein rentenpolitisches Harakiri nach der Wahl muss also nicht bef\u00fcrchtet werden. Sehr wohl problematisch und offen ist jedoch die Frage, wer zuk\u00fcnftig welchen Anteil der Lasten einer unausweichlichen, gro\u00dfen Rentenreform wird tragen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die SPD unter Olaf Scholz wird mittelfristig vermutlich schwer an ihren Ank\u00fcndigungen tragen. Der Versuch, diese einzuhalten, wird die finanziellen Lasten deutlich in Richtung der j\u00fcngeren, erwerbst\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung verschieben. Zugleich ist die SPD (oder wahlweise die CDU\/CSU) in einer Dreierkoalition nicht stark genug, um nach dem Koch-und-Kellner-Prinzip rentenpolitische Vorstellungen durchzudr\u00fccken. Gr\u00fcne und FDP haben gemeinsam einen h\u00f6heren Stimmenanteil erreicht als jeweils die SPD bzw. CDU\/CSU alleine. Es gibt also Chancen, dass die beiden kleineren Parteien mit ihrer j\u00fcngeren W\u00e4hlerbasis ein Gegengewicht zu den Parteien der \u00c4lteren bilden werden.<\/p>\n<p>In der besten aller Welten w\u00fcrde in einer solchen Konstellation dann eine Rentenreform durchgef\u00fchrt werden, die die Interessen von Jung und Alt (und m\u00f6glicherweise sogar der zuk\u00fcnftigen Generationen) in einer Weise austariert, dass es zu einem breiten gesellschaftlichen Konsens kommt. G\u00e4nzlich unwahrscheinlich ist dies nicht, denn auch beim Thema Klimawandel muss ja ein vergleichbarer Ausgleich \u00fcber die Generationen hinweg geschaffen werden. \u00d6kologische und fiskalische Nachhaltigkeit liegen dicht beieinander.<\/p>\n<p>Man kann die Dinge allerdings auch skeptischer sehen. Derzeit ist nicht wirklich zu erkennen, dass die beteiligten Parteien die spr\u00f6de, zugleich aber konflikttr\u00e4chtige Rentenpolitik als Mandat und Kernaufgabe f\u00fcr die neue Legislaturperiode betrachten. Hinzu kommt, dass gro\u00dfe Rentenreformen traditionell in einem breiten Konsens auch mit der Opposition beschlossen werden. Wenn aber eine zweite \u201egro\u00dfe\u201c Partei (CDU\/CSU respektive SPD) zu den Verhandlungen hinzust\u00f6\u00dft, verschieben sich die politischen Gewichte weg von den kleineren Parteien mit ihrer j\u00fcngeren W\u00e4hlerschaft. Die strukturelle Mehrheit der Alten bliebe in diesen Verhandlungen also gewahrt.<\/p>\n<p>Schon einmal \u2013 in der Zeit der ersten rot-gr\u00fcnen Bundesregierung unter Gerhard Schr\u00f6der \u2013 hatte man zudem gemeint, sozial- und rentenpolitische Reformschritte zun\u00e4chst unterlassen zu k\u00f6nnen, weil sie politisch nicht opportun erschienen. Erst in der zweiten Regierung Schr\u00f6der begann man ernsthaft zu reformieren \u2013 nachdem das Kind bereits in den Brunnen gefallen war. Auch heute besteht durchaus die Gefahr, dass die Koalition\u00e4re sich entweder gegenseitig blockieren oder man zun\u00e4chst versuchen wird, einen gro\u00dfen und unvermeidbar schmerzhaften Schritt in der Rentenpolitik zu vermeiden, und stattdessen an den Symptomen herumdoktert. Immerhin stehen ja auch (politisch) teure L\u00f6sungen im Bereich des Klimaschutzes an, die man m\u00f6glicherweise nicht auch noch durch die Rentenpolitik erschweren will.<\/p>\n<p>Statt die Rentenformel durch Nachhaltigkeitsfaktoren wieder in die Richtung langfristiger fiskalischer Tragf\u00e4higkeit zu entwickeln und eventuell auch das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln, k\u00f6nnte in einem solchen Szenario ein fragw\u00fcrdiger Kompromiss entstehen. F\u00fcr die SPD k\u00f6nnte der Bundeszuschuss noch etwas weiter erh\u00f6ht werden, sodass Olaf Scholz\u2018 Versprechen nicht angetastet werden m\u00fcsste. Um ein marktwirtschaftliches Element einzuf\u00fchren (und die Finanzindustrie gl\u00fccklich zu machen), bekommt die FDP einen Deutschlandfonds auf Aktienbasis, wie man ihn aus Skandinavien kennt und in den verpflichtend einzuzahlen w\u00e4re. Dieser Fonds w\u00fcrde dann \u2013 ganz im Sinne der Gr\u00fcnen \u2013 nur in Aktien nachhaltig wirtschaftender Unternehmen anlegen.<\/p>\n<p>So lie\u00dfe sich mit einem kleinen rentenpolitischen Feuerwerk, das jedoch nur marginale Wirkungen hat (die \u00c4hnlichkeit zur totgerittenen Riesterrente ist ja augenf\u00e4llig), eine umfassende Rentenreform in der neuen Legislaturperiode vermeiden. Wer m\u00f6chte sich schon an einer Rentenreform die Finger verbrennen, wenn die Lage noch nicht ganz akut ist? Der Beginn des massiven Eintritts der Babyboomer in den Ruhestand wird schlie\u00dflich erst f\u00fcr das (Bundestagswahl-)Jahr 2025 erwartet. Nachhaltig und sonderlich generationengerecht w\u00e4re diese Vorgehensweise erkennbar nicht, aber \u2013 \u00e4hnlich wie bei der z\u00f6gerlichen Herangehensweise an die Bek\u00e4mpfung des Klimawandels \u2013 entspr\u00e4che es langgehegter politischer Praxis.<\/p>\n<p>Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und die Chance ist gr\u00f6\u00dfer als das Risiko, sodass dieses Mal vielleicht doch alles anders wird und die Neukoalition\u00e4re Mittel und Wege finden, eine nachhaltige Politik in all ihren Auspr\u00e4gungen \u2013 von der \u00f6kologischen bis zur fiskalischen \u2013 tats\u00e4chlich voranzubringen. Die Wettquoten, dass im Titel des Koalitionsvertrags das Wort \u201eNachhaltigkeit\u201c auftaucht, d\u00fcrften jedenfalls gering sein. Die Frage ist nur, wie das Wort inhaltlich ausbuchstabiert wird\u2026<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29832\">Demographie, Klimawandel und Generationenkonflikte. <\/a><span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Hat die Demokratie eine inter-generative Schlagseite? <\/span><\/p>\n<p><strong>Podcasts zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29840\">Demographie und Klima (1): <\/a>Lassen sich Generationenkonflikte vermeiden? Prof. Dr. Norbert Berthold (JMU) im Gespr\u00e4ch mit Prof. Dr. Bernd Raffelh\u00fcschen (ALU) und Prof. Dr. Joachim Weimann (OVG)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/cede2030f0304496b5d77f84b6daacd8\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bundestagswahl hat Ergebnisse gebracht, aus denen sich ein interessanter Generationengegensatz herauslesen l\u00e4sst. 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