{"id":30069,"date":"2021-12-10T00:00:27","date_gmt":"2021-12-09T23:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30069"},"modified":"2021-12-10T06:50:03","modified_gmt":"2021-12-10T05:50:03","slug":"nobelpreis-2021-empirische-kausalanalyse-durch-natuerliche-experimente-zum-nobelpreis-fuer-david-card-joshua-angrist-und-guido-imbens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30069","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Nobelpreis 2021 <\/font><br\/>Empirische Kausalanalyse durch nat\u00fcrliche Experimente <br\/><font size=3; color=grey>Zum Nobelpreis f\u00fcr David Card, Joshua Angrist und Guido Imbens <\/font>"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWenn A eintritt, dann passiert B\u201c. Aussagen \u00fcber die <strong>kausale Wirkung<\/strong> von Handlungen besch\u00e4ftigen uns jeden Tag auf vielf\u00e4ltige Weise. Doch was f\u00fcr allt\u00e4gliche Entscheidungen schon knifflig ist, gestaltet sich f\u00fcr Forschende in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften besonders schwierig. Denn h\u00e4ufig kann zwar eine Korrelation zwischen A und B beobachtet werden. In einer komplexen Welt ist jedoch zumeist unklar, ob A tats\u00e4chlich B beeinflusst \u2013 oder ob der Zusammenhang von anderen Variablen ausgel\u00f6st wird oder gar in die andere Richtung verl\u00e4uft.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Am 11. Oktober 2021 gab die K\u00f6niglich Schwedische Akademie der Wissenschaften bekannt, dass der diesj\u00e4hrige Wirtschaftsnobelpreis zur einen H\u00e4lfte an den Arbeitsmarkt\u00f6konomen David Card und zur anderen H\u00e4lfte an die empirischen \u00d6konomen Joshua Angrist und Guido Imbens verliehen wird. Die Arbeiten der drei in den USA wirkenden Forscher haben wesentlich dazu beigetragen, kausale Zusammenh\u00e4nge besser empirisch identifizieren zu k\u00f6nnen. David Card wird dabei ausgezeichnet \u201e<em>f\u00fcr seine empirischen Beitr\u00e4ge zur Arbeitsmarkt\u00f6konomie<\/em>\u201c. Card zeigt in seiner Forschung, wie nat\u00fcrliche Experimente dazu verwendet werden k\u00f6nnen, neue Antworten auf alte und tiefgreifende Fragen der Arbeitsmarkt\u00f6konomie zu erhalten. Joshua Angrist und Guido Imbens erhalten den Nobelpreis \u201e<em>f\u00fcr ihre methodischen Beitr\u00e4ge zur Analyse kausaler Zusammenh\u00e4nge<\/em>\u201c. Die in nat\u00fcrlichen Experimenten gewonnenen Ergebnisse sind h\u00e4ufig schwierig zu interpretieren. Die methodischen Beitr\u00e4ge von Angrist und Imbens zeigen, wie sich pr\u00e4zise Schlussfolgerungen aus nat\u00fcrlichen Experimenten ableiten lassen. Die drei Autoren waren Teil einer pr\u00e4genden Str\u00f6mung der empirischen Forschung, die in den sp\u00e4ten 1980er und fr\u00fchen 1990er Jahren ihren Anfang nahm. Doch, wie es J\u00f6rn-Steffen Pischke ausdr\u00fcckte, wenn nat\u00fcrliche Experimente Rock\u2019n\u2019Roll sind, dann sind David Card, Joshua Angrist, Guido Imbens und Alan Krueger die \u201eFab Four\u201c (Pischke, 2021). Pischke spielt dabei auch darauf an, dass der Preis ebenso die Arbeiten des 2019 verstorbenen Alan B. Krueger ehrt, der in wegweisenden Arbeiten von David Card und Joshua Angrist mitwirkte.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Mit ihrer Preisvergabe kn\u00fcpft das Komitee an die Auszeichnung im Jahre 2019 an. Die Preistr\u00e4ger Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer wurden vor zwei Jahren f\u00fcr ihren Ansatz geehrt, kausale Effekte im Rahmen von Feldexperimenten zu identifizieren. Was unterscheidet nun die Methode der nat\u00fcrlichen Experimente von Card, Angrist und Imbens vom experimentellen Ansatz der Preistr\u00e4ger von 2019? Und worin genau liegt der Beitrag der diesj\u00e4hrigen Preistr\u00e4ger?<\/p>\n<p><strong>Herausforderungen der empirischen Kausalanalyse<\/strong><\/p>\n<p>Die gro\u00dfen Fragen der Wissenschaft sind jene nach Ursache und Wirkung. Das Problem ist jedoch, dass mit empirisch beobachtbaren Daten zwar leicht Korrelationen gezeigt werden k\u00f6nnen \u2013 die Absch\u00e4tzung eines kausalen Einflusses gestaltet sich hingegen oft schwierig. Zum einen kann die Korrelation zwischen zwei Variablen von einer dritten Variablen beeinflusst werden. Zum anderen ist h\u00e4ufig unklar in welche Richtung ein Effekt verl\u00e4uft. Ein Bilderbuch-Beispiel ist die Korrelation von Geburten und der lokalen Storch-Population. F\u00fcr Europa ergibt sich hierbei eine stattliche Korrelation von 62% (Matthews, 2000). Bringt der Storch also die Kinder? Vermutlich nicht. Plausibler erscheint, dass es in l\u00e4ndlichen Regionen eine h\u00f6here Geburtenzahl gibt \u2013 und eben auch mehr St\u00f6rche. Was in diesem Beispiel so offensichtlich erscheint, ist f\u00fcr viele \u00f6konomische Fragestellungen weniger deutlich ersichtlich. Dennoch liefert der alleinige Blick auf Korrelationen gerade in den Wirtschaftswissenschaften oft irref\u00fchrende Antworten. Statistiker erz\u00e4hlen sich dazu h\u00e4ufig folgenden Witz: Ein Student unterh\u00e4lt sich auf dem Flur der Universit\u00e4t mit einem Kommilitonen. Er berichtet: \u201e<em>Fr\u00fcher habe ich Korrelationen als kausale Zusammenh\u00e4nge interpretiert. Nun habe ich einen Kurs in Statistik geh\u00f6rt und mache das nicht mehr<\/em>\u201c. Der Kommilitone erwidert: \u201e<em>Also war der Kurs hilfreich!<\/em>\u201c. Daraufhin erwidert der Student: \u201e<em>Nun ja \u2013 vielleicht\u2026<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Aus gesellschaftlicher Sicht sind die Probleme der Identifizierung kausaler Effekte besonders dann schwerwiegend, wenn es um die Quantifizierung der Wirksamkeit einer Politikma\u00dfnahme geht. Welche Wirkung hat ein staatlicher Mindestlohn? Beeinflussen Steuerreformen das Wirtschaftswachstum? Und wie wirkt eine bessere Schulbildung auf die k\u00fcnftigen Verdienstchancen von Sch\u00fclern? Diese Fragen sind f\u00fcr die Gestaltung der Politik wesentlich, k\u00f6nnen aber h\u00e4ufig nicht einfach beantwortet werden, da keine Vergleichsgr\u00f6\u00dfe existiert. Daf\u00fcr m\u00fcsste man in ein Paralleluniversum reisen und eine Welt ohne Politikma\u00dfnahme mit der unsrigen Welt vergleichen, in der die Politikma\u00dfnahme durchgef\u00fchrt wurde. \u00dcbersetzt in die Sprache der Statistik bedeutet dies: Es fehlt das \u201eKontrafaktum\u201c, also die Auspr\u00e4gung der Zielgr\u00f6\u00dfe ohne Politikintervention.<\/p>\n<p>Bedeutet dies nun, dass wir keine Aussage \u00fcber die Wirksamkeit von Politikma\u00dfnahmen auf \u00f6konomische Variablen treffen k\u00f6nnen? Nicht ganz. Tats\u00e4chlich wurden \u00fcber die letzten Jahrzehnte verschiedene statistische Verfahren etabliert, welche das Problem einer fehlenden Vergleichsgr\u00f6\u00dfe umgehen. Eine einfache aber effektive Methode besteht darin, dass Forscher im Rahmen von Experimenten einer zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlten Gruppe von Individuen Politikma\u00dfnahmen zukommen lassen (die Literatur spricht hierbei von einem \u201eTreatment\u201c). Anschlie\u00dfend kann dann die Ver\u00e4nderung von \u00f6konomischen Outcomes dieser Gruppe mit jenen einer Kontrollgruppe verglichen werden, die diese Politikma\u00dfnahm nicht erlebt hat. F\u00fcr die Anwendung dieser Methode in den Wirtschaftswissenschaften haben Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer im Jahr 2019 den Nobelpreis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften erhalten (f\u00fcr eine Beschreibung und Einordnung, siehe Klonner, 2019). W\u00e4hrend die Experiment-basierte Methode (h\u00e4ufig wird dabei von \u201eRandomized Controlled Trials, RCTs\u201c gesprochen) den kausalen Einfluss der Politikma\u00dfnahme auf \u00f6konomische Variablen unter bestimmten Voraussetzungen relativ zuverl\u00e4ssig identifiziert, ist die Anwendung per Konstruktion auf einige wenige Fragestellungen beschr\u00e4nkt. Es w\u00e4re weder moralisch vertretbar noch wissenschaftlich sauber, bestimmte Politikma\u00dfnahmen allein aus Gr\u00fcnden der Forschung in zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndern durchzuf\u00fchren. Experimente sind also per se auf bestimmte Anwendungen beschr\u00e4nkt (siehe dazu auch die Kritik von Angust Deaton, Nobelpreistr\u00e4gers von 2015, in Deaton, 2009).<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte eingewendet werden, dass auf nat\u00fcrliche Weise Unterschiede in den Politikma\u00dfnahmen verschiedener L\u00e4nder bestehen. So existiert etwa in einigen L\u00e4ndern ein staatlicher Mindestlohn, in anderen hingegen nicht. K\u00f6nnten diese Unterschiede nicht einfach zur empirischen Analyse eines Effekts des Mindestlohns ausgenutzt werden? Die Antwort darauf ist ein enthusiastisches \u201eNein\u201c. Der Grund, warum ein Vergleich von L\u00e4ndern mit und ohne Politikintervention nicht ausreicht, um den kausalen Effekt der Intervention auf \u00f6konomische Variablen zu identifizieren, f\u00fchrt direkt auf die Spur der Arbeiten von Card, Angrist und Imbens. Das Problem ist, dass L\u00e4nder sich selbst dazu entschlossen haben, eine bestimmte Ma\u00dfnahme durchzuf\u00fchren. Es handelt sich bei der Einf\u00fchrung entsprechender Politikma\u00dfnahmen daher um ein sogenanntes \u201eendogenes Treatment\u201c. Da sich die L\u00e4nder selbst daf\u00fcr entschlie\u00dfen, eine Politikma\u00dfnahme durchzuf\u00fchren, kann nicht gesagt werden, ob die \u00f6konomischen Variablen tats\u00e4chlich durch die Politikma\u00dfnahme beeinflusst wurden \u2013 oder ob l\u00e4nderspezifische Charakteristika gleichzeitig die Einf\u00fchrung der Politikma\u00dfnahme und die Ver\u00e4nderung der \u00f6konomischen Variablen verursacht haben.<\/p>\n<p>David Card, Joshua Angrist und Guido Imbens haben gezeigt, dass das Problem der Endogenit\u00e4t mit sogenannten \u201enat\u00fcrlichen Experimenten\u201c gel\u00f6st werden kann. Dabei werden nicht etwa wie im Falle von RCTs Treatment- und Kontrollgruppe von Forschenden direkt manipuliert. Vielmehr werden die Probanden aufgrund von nat\u00fcrlichen, nicht durch die Forschenden kontrollierbaren Ereignissen in eine Experimentalgruppe und eine Kontrollgruppe eingeteilt. Forscher, die diese Methode ausnutzen, sind also Spurensucher und halten Ausschau nach F\u00e4llen mit exogener Variation. David Card hat den Ansatz fr\u00fch verwendet, um wesentliche Fragestellungen der Arbeitsmarkt\u00f6konomie zu untersuchen. Angrist und Imbens haben den Ansatz methodisch weiterentwickelt und gezeigt, wie stimmige Schlussfolgerungen aus nat\u00fcrlichen Experimenten gezogen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>David Card revolutioniert die empirische Arbeitsmarktforschung<\/strong><\/p>\n<p>David Card wurde 1956 im kanadischen Guelph geboren und studierte bis 1978 an der Queen\u2018s University in Kingston, ehe er nach Princeton wechselte, wo er im Jahre 1983 bei Orley Ashenfelter promovierte. Er bekleidete Professuren an den Universit\u00e4ten Chicago und Princeton und folgte 1997 schlie\u00dflich einem Ruf an die University of California, Berkeley. In einer Reihe von Papieren in den 1990er Jahren befasste sich Card mit grundlegenden Fragen, welche die Arbeitsmarktforschung seit vielen Jahrzehnten besch\u00e4ftigten. Durch Anwendung von neuen Methoden der empirischen Kausalanalyse fand Card neue Antworten auf zentrale Fragen wie etwa der Wirkung des Mindestlohnes auf die Besch\u00e4ftigung, den Arbeitsmarkteffekten von Migration und der Wirkung von Bildungsinvestitionen. Sein zentrales methodisches Werkzeug war dabei die Verwendung nat\u00fcrlicher Experimente.<\/p>\n<p>Die sp\u00e4ten 1980er und fr\u00fchen 1990er Jahre waren pr\u00e4gend f\u00fcr die empirische Arbeitsmarktforschung. Die damalige \u00f6konometrische Praxis befand sich in einer Sackgasse. So beklagte etwa Edward Leamer (1983) in seinem Papier \u201e<em>Let\u2019s take the con out of econometics<\/em>\u201c, dass die meisten empirischen Untersuchungen ausgesprochen <strong>sensitiv<\/strong> auf kleinste \u00c4nderungen der Modellspezifikation reagierten. Unterst\u00fctzung fand er dabei von seinem Kollegen Guy Orcutt, dem das ber\u00fchmte Zitat \u201c<em>Doing econometrics is like trying to learn the laws of electricity by playing the radio<\/em>\u201d zugesprochen wird. Desillusioniert durch die damals g\u00e4ngige methodische Praxis entstand eine neue Str\u00f6mung der Kausalanalyse, welche die empirische Forschung weit \u00fcber die Arbeitsmarkt\u00f6konomie hinaus ver\u00e4ndern sollte.<\/p>\n<p>Zwar wurden nat\u00fcrliche Experimente lange vor David Cards Schaffensperiode verwendet, etwa in Theodore Schultz\u2019 Arbeiten in den 1960er Jahren (siehe etwa Schultz, 1964). Doch waren diese Ans\u00e4tze zum damaligen Zeitpunkt die Ausnahme. Dennoch beeinflussten die fr\u00fchen Arbeiten zahlreiche Personen um David Card. So etwa seinen Doktorvater Orley Ashenfelter, der verwandte Methoden anwendete, um die Wirkung staatlich gef\u00f6rderter Ausbildungsprogramme zu evaluieren (Ashenfelter, 1974, 1978). Dies legte den N\u00e4hrboden f\u00fcr ein <strong>neues Verst\u00e4ndnis in der empirischen Forschung<\/strong>. Rufe nach saubereren Methoden wurden lauter. Ashenfelters\u2018 Doktorand Robert LaLonde etwa demonstrierte, dass g\u00e4ngige \u00f6konometrische Verfahren zu diametral anderen Ergebnissen kommen als randomisierte Experimente. Dies initiierte einen weiteren wichtigen Impuls f\u00fcr viele junge \u00d6konomen, die empirischen Methoden weiterzuentwickeln (LaLonde, 1986). Auch andere Doktoranden in Princeton feilten zu der Zeit an neuen empirischen Methoden, so etwa Gary Solon (1985). Einen wirklich Durchbruch sollte die Verwendung nat\u00fcrlicher Experimente jedoch erst erzielen, als Alan Krueger 1986 als Assistenzprofessor nach Princeton kam. Die gemeinsamen Arbeiten von Card und Krueger pr\u00e4gten die Profession wie wenige empirische Studien zu jener Zeit.<\/p>\n<p>Bereits vor seiner Zusammenarbeit mit Krueger arbeitete David Card an <strong>innovativen Studiendesigns<\/strong>, etwa in Card (1990) oder in Altonji und Card (1991). Die Studien untersuchen die kausalen Effekte der Migration auf die Arbeitsm\u00e4rkte. Ein Kernproblem, das fr\u00fchere Untersuchungen nicht zufriedenstellend l\u00f6sen konnten, war, dass die Zuwanderung gerade in boomenden Arbeitsm\u00e4rkten stark ausgepr\u00e4gt war, was die Ergebnisse aus herk\u00f6mmlichen Zeitreihen- und Paneldatenanalysen verzerrte. Card (1990) verwendete die \u201eMariel-Bootskrise\u201c als nat\u00fcrliches Experiment zur Identifizierung eines kausalen Effekts der Migration auf L\u00f6hne und Besch\u00e4ftigung. Im April 1980 verk\u00fcndete Fidel Castro, dass Personen, die in die USA ausreisen m\u00f6chten, Kuba vom Hafen von Mariel aus verlassen d\u00fcrfen. Bis September 1980 reisten etwa 125.000 Personen aus Kuba aus, von denen sich etwa die H\u00e4lfte in Florida niederlie\u00dfen und die dortige Erwerbsbev\u00f6lkerung um 7% erh\u00f6hten. Card verglich den Einfluss auf die Arbeitsm\u00e4rkte in Miami mit vier anderen St\u00e4dte und fand keinen Einfluss der Zuwanderung aus Kuba auf die Besch\u00e4ftigung und die L\u00f6hne in Miami. Cards Studiendesign war das Musterbeispiel eines nat\u00fcrlichen Experiments, welches die Konzeption \u00e4hnlicher Studien in den kommenden drei Jahrzehnten nachhaltig beeinflussen sollte. In Altonji und Card (1991) entwickelte Card gemeinsam mit Joseph Altonji, ebenfalls Sch\u00fcler von Orley Ashenfelter, zwei komplement\u00e4re und \u00e4hnlich einflussreiche Beitr\u00e4ge. Zum einen findet sich darin das \u201eWorkhorse-Modell\u201c zur Analyse der Arbeitsmarkteffekte von Migration. Zum anderen entwickeln die Autoren darin einen <strong>\u201eShift-Share\u201c Ansatz<\/strong>, der sp\u00e4ter in vielen weiteren Studien zur Anwendung kommen sollte, etwa auch in Cards eigenen Arbeiten in den fr\u00fchen 2000ern (Card, 2001).<\/p>\n<p>Waren Cards Arbeiten zur Migration wegweisend, so pr\u00e4gte seine Analyse der Wirkung von staatlichen <strong>Mindestl\u00f6hnen<\/strong> ein ganzes Forschungsfeld. In Card (1992a, 1992b) verglich David Card bereits den Einfluss einer Erh\u00f6hung des staatlichen Mindestlohns auf die Arbeitsm\u00e4rkte in den US-Bundesstaaten. Ein Nachteil dieser Art von Studien, der David Card durchaus bewusst war, ist, dass h\u00e4ufig unklar ist, warum US-Bundesstaaten den Mindestlohn erh\u00f6hten. So ist es durchaus denkbar, dass die Erh\u00f6hung stark von der wirtschaftlichen Entwicklung abh\u00e4ngt. Wenn allerdings stark boomende Staaten den Mindestlohn erh\u00f6hen, dann w\u00e4re ein Nulleffekt auf L\u00f6hne und Besch\u00e4ftigung wenig verwunderlich. Um diesen Einwand zu entkr\u00e4ften, untersuchten Card und Krueger (1994) zwei benachbarte Gebiete (New Jersey und das \u00f6stliche Pennsylvania), die durch eine Staatsgrenze getrennt sind und die trotz stark vergleichbarer Rahmenbedingungen einer unterschiedlichen Mindestlohnpolitik ausgesetzt waren. Die Idee dahinter ist, dass beide Gebiete \u00e4hnliche wirtschaftliche Schocks erleben. Pennsylvania, das den Mindestlohn nicht \u00e4nderte, kann somit als Kontrafaktum f\u00fcr New Jersey dienen, das den gesetzlichen Mindestlohn im April 1992 von 4,25 USD auf 5,05 USD pro Stunde anhob. Die Studie wird bis heute als Musterbeispiel der sogenannten \u201e<strong>Difference-in-Differences<\/strong>\u201c Methode angesehen. In Folgestudien verfeinerten Card und Krueger ihre Analyse (etwa in Card und Krueger, 1995).<\/p>\n<p>Die Beschreibung des Beitrags von David Card zur empirischen Forschung k\u00f6nnte vor dem Hintergrund von zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels 80.000 Zitationen und 243 Publikationen mit mindestens 10 Zitationen ganze B\u00fccher f\u00fcllen. Hervorzuheben seien an dieser Stelle exemplarisch seine Arbeiten zum Einfluss der Schulbildung auf die Arbeitsmarktergebnisse, die ebenfalls in gemeinsamer Arbeit mit Alan Krueger entstanden (Card und Krueger, 1992a, 1992b) und die \u00e4hnlich einflussreich waren (siehe auch Berthold und Gr\u00fcndler, 2017, f\u00fcr eine Beschreibung Cards Beitrag zur Ungleichheit). Doch wie Cards Arbeiten den damaligen Stand der empirischen Analyse herausforderten, blieben auch seine eigenen Arbeiten nicht von Kritik verschont (siehe etwa Neumark und Wascher, 2000). Mit dem vermutlich bekanntesten Kritiker seiner Arbeit teilt David Card nun seit Oktober 2021 seinen Nobelpreis: Joshua Angrist.<\/p>\n<p><strong>Joshua Angrist und Guido Imbens entwickeln die Methodik nat\u00fcrlicher Experimente weiter<\/strong><\/p>\n<p>Auch Joshua Angrist wurde durch das Umfeld in Princeton gepr\u00e4gt, wo er 1987 zun\u00e4chst als Master of Arts graduierte und schlie\u00dflich Ende 1989 wie David Card von Orley Ashenfelter promoviert wurde. Nach seiner Promotion wechselte Angrist als Assistenzprofessor nach Harvard. Dort sollte er Guido Imbens kennenlernen. Wie Card arbeitete auch Angrist gemeinsam mit Alan Krueger an neuen Methoden der empirischen Analyse. So nutzen Angrist und Krueger (1991) eine arbitr\u00e4re Gestaltung der gesetzlichen Regelungen zum Schulabbruch in den USA als nat\u00fcrliches Experiment, um die H\u00f6he der Bildungsrenditen zu quantifizieren. Die Regelungen halten fest, dass Kinder die Schulbildung abbrechen k\u00f6nnen, sobald sie 16 Jahre alt geworden sind. Da das Schuljahr f\u00fcr alle Kinder zum selben Zeitpunkt beginnt, ergibt sich so Variation im fr\u00fchestm\u00f6glichen Zeitpunkt des Schulabbruchs. F\u00fcr einige Kinder ist die gesetzliche Schuldauer daher l\u00e4nger als f\u00fcr andere. Diese Variation nutzen Angrist und Krueger im Rahmen eines Instrumentalvariablen-Ansatzes (IV). Die Verwendung nat\u00fcrlicher Experimente f\u00fcr IVs markierte einen Wendepunkt in der Modellierung von Instrumentalvariablen und hatte nachhaltigen Einfluss auf zahlreiche folgende Studien.<\/p>\n<p>Die Resultate ihres neuen Ansatzes lie\u00dfen Angrist und Krueger die K\u00f6pfe rauchen. Denn ihre ermittelten Renditen auf ein zus\u00e4tzliches Schuljahr fielen noch <em>h\u00f6her<\/em> aus als die Ergebnisse fr\u00fcherer (und aus Sicht der beiden Forscher weniger \u00fcberzeugender) Methoden. Pikant war dieses Ergebnis deswegen, da die Forschung zuvor davon ausging, dass die Ergebnisse fr\u00fcherer Studien <em>zu hoch<\/em> sein mussten. Der Schluss liegt nahe, dass diejenigen Sch\u00fcler, die eine h\u00f6here Bildung erzielen, gleichzeitig auch diejenigen sind, die aufgrund ihrer F\u00e4higkeiten und Talente h\u00f6here L\u00f6hne verdienen.<\/p>\n<p>Angrist und Imbens arbeiteten gemeinsam an einer Erkl\u00e4rung des Ph\u00e4nomens. Die beiden vermuteten, dass verschiedene Personen unterschiedliche Vorteile von einem zus\u00e4tzlichen Schuljahr haben sollten. So ist einem Sch\u00fcler vielleicht bereits eine garantierte Anstellung im Familienunternehmen der Eltern zugesagt worden. Ein Abschluss wird auf die Verdienstm\u00f6glichkeiten dieser Person also keinen Einfluss nehmen. F\u00fcr eine andere Person aber k\u00f6nnte ein Schulabschluss die Arbeitsmarktchancen wesentlich ver\u00e4ndern. Die Kernfrage lautete daher: Wessen Bildungsrenditen werden in empirischen Studien wie jenen von Angrist und Krueger eigentlich gemessen? Imbens und Angrist (1994) zeigen, dass mit dem nat\u00fcrlichen Experiment aus Angrist und Krueger (1991) vor allem die Bildungsrenditen der Personen gemessen werden, die kurz vor einem Schulabbruch stehen. Die Autoren pr\u00e4gten hierf\u00fcr den Begriff des \u201e<strong>Local Average Treatment Effects<\/strong>\u201c (LATE). Die Ergebnisse sagen jedoch wenig dar\u00fcber aus, wie sich etwa ein Hochschulstudium oder eine Promotion auf die Verdienstm\u00f6glichkeiten auswirken w\u00fcrde. Die Studie von Angrist und Imbens f\u00fchrte gemeinsam mit weiterf\u00fchrenden Arbeiten (etwa Angrist und Imbens, 1995) zu einer v\u00f6llig neuen Lesart der Ergebnisse aus nat\u00fcrlichen Experimenten.<\/p>\n<p>Die Erkenntnisse aus den Arbeiten von Angrist und Imbens gaben den Ansto\u00df zu zahlreichen statistischen Verfeinerungen der Methode nat\u00fcrlicher Experimente. Joshua Angrist und Guido Imbens wirkten dabei ma\u00dfgeblich an dieser Entwicklung mit und sorgten so f\u00fcr eine wesentlich pr\u00e4zisere Interpretation der Ergebnisse, die aus nat\u00fcrlichen Experimenten gewonnen wurden. Joshua Angrist pr\u00e4gte \u00fcberdies eine ganze Generation von Studierenden der \u00d6konometrie mit seinem Buch \u201e<em>Mostly Harmless Econometrics<\/em>\u201c, welches er gemeinsam mit J\u00f6rn-Steffen Pischke verfasste und das eine grandiose Parodie auf Douglas Adams \u201e<em>Hitchhiker&#8217;s Guide to the Galaxy<\/em>\u201c ist. In eben diesem Werk kritisieren Angrist und Pischke auch Card und Krueger (1994). Auf Seite 293 der englischsprachigen Originalausgabe zweifeln die Autoren daran, dass Pennsylvania ein geeignetes Kontrafaktum f\u00fcr New Jersey in Card und Krueger (1994) sein kann. Dieses Beispiel zeigt: Nat\u00fcrliche Experimente sind starke Werkzeuge \u2013 doch h\u00e4ngt ihre G\u00fcte vom handwerklichen Geschick der Anwender ab.<\/p>\n<p>Auch die Studien von Joshua Angrist und Guido Imbens blieben nicht von Kritik verschont. Tats\u00e4chlich wurde jede in diesem Artikel diskutierte Studie bis ins Kleinste analysiert und in ihre Einzelteile zersetzt. Dieser Prozess hat unser Verst\u00e4ndnis des empirischen Arbeitens und der kausalen Analyse grundlegend ver\u00e4ndert. Die diesj\u00e4hrigen Preistr\u00e4ger haben diesen Prozess angesto\u00dfen und ma\u00dfgeblich mitbestimmt.<\/p>\n<h6>Literatur<\/h6>\n<p><em>Altonji, J., D. Card <\/em>(1991). The effects of immigration on the labor market outcomes of less-skilled natives, in: J. Abowd, R.B. Freeman (Eds.). Immigration, Trade, and the Labor Market, University of Chicago Press, 1991.<\/p>\n<p><em>Angrist, J.D., A. B. Krueger <\/em>(1991). Does compulsory school attendance affect schooling and earnings?, Quarterly Journal of Economics 106: 976-1014.<\/p>\n<p><em>Angrist, J.D., G.W. Imbens <\/em>(1995). Two-stage least squares estimation of average causal effect in models with variable treatment intensity, Journal of the American Statistical Association, 90: 431-442.<\/p>\n<p><em>Angrist, J.D., J.S. Pischke <\/em>(2009). Mostly harmless econometrics, Princeton University Press, Princeton, 2009.<\/p>\n<p><em>Ashenfelter, O. <\/em>(1974). The effect of manpower training on earnings: Preliminary results, Proceedings of the 27th Annual Meeting of the Industrial Relations Research Association.<\/p>\n<p><em>Ashenfelter, O. <\/em>(1978). Estimating the effect of training programs on earnings, Review of Economics and Statistics 60(1): 47-57.<\/p>\n<p><em>Berthold, N., K. Gr\u00fcndler <\/em>(2017). Ungleichheit, soziale Mobilit\u00e4t, und Umverteilung, Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 2017.<\/p>\n<p><em>Card, D.<\/em> (1990). The impact of the Mariel boatlift on the Miami labor market, Industrial and Labor Relations Review, 43: 245-257.<\/p>\n<p><em>Card, D. <\/em>(1992a). Do minimum wages reduce employment? A case study of California 1987\u20131989, Industrial and Labor Relations Review, 46: 38\u201354.<\/p>\n<p><em>Card, D. <\/em>(1992b). Using regional variation in wages to measure the effects of the federal minimum wage, Industrial and Labor Relations Review, 46: 22-37.<\/p>\n<p><em>Card, D. <\/em>(2001). Immigrant inflows, native outflows, and the local labor market impacts of higher immigration, Journal of Labor Economics, 19: 22-64.<\/p>\n<p><em>Card, D., A.B. Krueger <\/em>(1992a). Does school quality matter? 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