{"id":30135,"date":"2021-11-24T00:40:54","date_gmt":"2021-11-23T23:40:54","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30135"},"modified":"2021-11-24T10:17:38","modified_gmt":"2021-11-24T09:17:38","slug":"die-individualmoralisierung-des-klimaproblems","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30135","title":{"rendered":"Die Individualmoralisierung des Klimaproblems"},"content":{"rendered":"<p>Sind Sie heute mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren? Ist Ihre Heizung nicht zu warm eingestellt? Essen Sie noch Fleisch? Ob Fleisch oder nicht, sind ihre Nahrungsmittel nachhaltig? Achten Sie darauf, dass sie aus Ihrer Region sind? Aus welchem Holz aus welchem Teil der Erde sind Ihre M\u00f6bel? Muss es im kommenden Sommer wirklich eine Flugreise sein? Oder sind sie k\u00fcrzlich gar innerdeutsch geflogen? Ist ihre Kleidung um die ganze Welt gereist, bevor sie in Ihrem Schrank landete? \u00dcberhaupt: Denken Sie in Ihrer Lebensplanung stets die Nachhaltigkeit mit? Haben Sie je Ihren pers\u00f6nlichen CO<sub>2<\/sub>-Abdruck ermittelt?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Hinter solchen Fragen steht das vielleicht gravierendste Problem dieses Jahrhunderts. Es scheint naheliegend, dass man es dadurch und vielleicht nur dadurch l\u00f6sen kann, dass sich jeder ernsthaft an die eigene Nase fasst und bei allem, was er tut, die Konsequenzen f\u00fcr das Klima bedenkt. Dieser Eindruck dr\u00e4ngt sich schon deshalb auf, weil er arithmetisch bestens fundiert ist: Auf der Erde leben inzwischen bald acht Milliarden Menschen. Wenn jeder Einzelne davon nur so viel CO<sub>2<\/sub>-Emissionen verursacht, wie es \u2013 multipliziert mit acht Milliarden \u2013 mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar ist, dann w\u00fcrde das Ziel schon rein rechnerisch erreicht.<\/p>\n<p>Folgerichtig werden wir auf allen medialen Kan\u00e4len \u00fcberh\u00e4uft mit gutgemeinten Ratschl\u00e4gen, die uns erkl\u00e4ren, wie wir unsere Ern\u00e4hrungs-, Wohn-, Arbeits- und Reisegewohnheiten und was sonst noch nachhaltig und klimafreundlich gestalten k\u00f6nnen. Auch werden uns regelm\u00e4\u00dfig Vorbilder von Menschen pr\u00e4sentiert, welche sich offenbar klimapolitisch vorbildlich verhalten und welche es sich zum Beispiel zum Ziel f\u00fcr den Rest ihres Lebens gemacht haben, diese Welt einmal nach einem CO<sub>2<\/sub>-neutralen Leben zu verlassen.<\/p>\n<p>Dagegen ist bis zu einem noch zu besprechenden Grad nichts einzuwenden. Dennoch wird nichts davon das Klimaproblem l\u00f6sen. Zwar ist die Arithmetik der acht Milliarden Menschen nicht zu bestreiten. Aber sie greift bei weitem zu kurz. Das liegt unter anderem daran, dass auf der Ebene eines individuellen Menschen die Konsequenzen des eigenen Handelns f\u00fcr das weltweite CO<sub>2<\/sub>-Problem in seiner Vielschichtigkeit gar nicht bemessen werden kann, weil das Handeln von acht Milliarden Menschen in viel zu komplexer Weise ineinandergreift.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: Ein mit einem Elektromotor ausgestattetes Lastenfahrrad wird derzeit unter anderem zu 18,2 Prozent mit Braunkohle und zu 8,1 Prozent mit Steinkohle sowie zu 12,2 Prozent mit Erdgas betrieben, zusammen mit einigen weiteren also zu rund 40 Prozent mit fossilen Brennstoffen sowie zu 12,8 Prozent mit Kernenergie (s. Abbildung 1).<\/p>\n<p>Das spricht nat\u00fcrlich nicht gegen ein Lastenfahrrad. Der Punkt ist ein anderer. Angenommen, die Besitzer des Lastenfahrrads wollten sicherstellen, dass ihr Fahrrad allein mit erneuerbaren Energien betrieben wird. Auf der individuellen Ebene ist das kein Problem, denn viele Stromerzeuger bieten 100 Prozent \u00d6kostrom an. Welchen Effekt hat es also auf die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen, wenn die Besitzer des Lastenfahrrads ihren Strom allein aus erneuerbaren Energien beziehen? Die Antwort lautet: gar keinen. Nicht einen kleinen, weil es sich nur um ein unbedeutendes Lastenfahrrad handelt, sondern \u00fcberhaupt keinen. Genau null.<\/p>\n<p>Wie ist das m\u00f6glich? Der Anteil der erneuerbaren Energien ist zu jedem Zeitpunkt fix. Zuletzt lag er in Deutschland bei 47,9 Prozent. Wenn unter diesen Bedingungen ein klimabewusster Verbraucher seinen Strom k\u00fcnftig aus erneuerbaren Energien bezieht, wird der Anteil fossiler Energietr\u00e4ger bei anderen in exakt demselben Ma\u00dfe ansteigen, in dem er bei dem Klimabewussten gesunken ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/indi1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/indi1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Aber f\u00fchrt die zunehmende \u00d6kostromnachfrage unserer Lastenfahrradbesitzer nicht zu einem steigenden Angebot an \u00d6kostrom am gesamten Energiemix? Auch das nicht, und das liegt an dem zugrundeliegenden Mechanismus des CO<sub>2<\/sub>-Problems. Den nennen \u00d6konomen einen externen Effekt, weil die Verbrennung eines fossilen Brennstoffs CO<sub>2<\/sub>-Ablagerungen verursacht, deren Kosten nur zu einem verschwindend kleinen Teil auf den jeweiligen Verursacher zur\u00fcckfallen, also \u201eexternalisiert\u201c werden. Angenommen, ein Teil der Bev\u00f6lkerung \u2013 nennen wir sie die \u201eKlimasensiblen\u201c \u2013 \u201einternalisiert\u201c den externen Effekt moralisch durch Kauf erneuerbarer Energietr\u00e4ger, und zwar auch dann, wenn das mit steigenden Energiekosten f\u00fcr sie pers\u00f6nlich verbunden ist. Nehmen wir realistischer Weise aber an, dass es auch einen anderen Teil der Bev\u00f6lkerung gibt \u2013 nennen wir diese Menschen die \u201ePreissensiblen\u201c \u2013, welche aus welchen Gr\u00fcnden auch immer vor allem am niedrigsten Preis interessiert sind.<\/p>\n<p>Wenn dann die Zusatznachfrage der Klimasensiblen nach \u00d6kostrom dessen Preis tendenziell ansteigen l\u00e4sst, dann w\u00fcrde das normalerweise einen Investitionsanreiz in \u00d6kostromkapazit\u00e4ten ausl\u00f6sen. Wenn es nun aber auch noch einen hinreichend gro\u00dfen Anteil an Preissensiblen gibt, dann verpufft der Investitionsanreiz, weil jede noch so kleine Preissteigerung beim \u00d6kostrom die Preissensiblen in einen verst\u00e4rkten Bezug fossiler Energietr\u00e4ger treibt. Durch diese Ausweichreaktion wird der f\u00fcr einen Investitionsanreiz notwendige Preisanstieg beim \u00d6kostrom bereits im Ansatz vernichtet.<\/p>\n<p>Das ist ein Teil der Logik des zugrundeliegenden Problems und unterscheidet die Investitionsanreize in einem \u201enormalen\u201c Markt von einem, auf dem es solche externen Effekte gibt. Der dem Klimaproblem zugrundliegende externe Effekt kommt trotz der \u201emoralischen Internalisierung\u201c seitens der \u00d6kostromnachfrager durch die Hintert\u00fcr wieder zur\u00fcck ins Geschehen, und das vernichtet jeden Anreiz zum Ausbau des \u00d6kostromanteils, solange es noch hinreichend viele preissensible Energienachfrager gibt<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> \u2013 was realistisch ist, und was nebenbei bemerkt auch deren Recht ist, solange die Energieerzeugung mit fossilen Tr\u00e4gern nicht verboten wurde. Als einziger Effekt des \u00d6kostromumstiegs verbleibt den Klimasensiblen unter diesen Bedingungen nur noch das sch\u00f6ne Gef\u00fchl eines guten Gewissens. Aber das zugrundeliegende Problem wird durch ihre moralische Vorbildlichkeit nicht gemindert, und das ist der Punkt, auf den es hier ankommt.<\/p>\n<p>Daraus folgt freilich weder, dass man nichts \u00e4ndern kann, noch, dass man nichts \u00e4ndern muss. Es geht vielmehr um die Frage, wie man etwas \u00e4ndern kann. Will man das, ist zun\u00e4chst nur eines klar: Man muss den Anteil CO<sub>2<\/sub>-neutraler Stromerzeugung auf gesamtwirtschaftlicher Ebene erh\u00f6hen und nicht allein auf der Ebene der klimasensiblen \u00d6kostromnachfrager. Das geht aber nur mit Hilfe staatlicher Eingriffe und deren weltweiter Koordination. Die Individualmoral versagt hier. Denn die aus ihr folgende und immer l\u00fcckenhafte individuelle Umstellung auf \u00d6kostrom erzeugt bei den Umsteigern nur eine klimapolitisch nutzlose Illusion und vielleicht auch das Gef\u00fchl moralischer \u00dcberlegenheit, nach dem Motto: Wenn nur alle so handeln w\u00fcrden wie ich, w\u00e4re die Welt besser. Gleichwohl oder vielleicht gerade deshalb setzen viele Firmen und Stadtwerken inzwischen die sch\u00f6ne Illusion als wirksames Marketinginstrument ein; und nat\u00fcrlich hat es auch die Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands nicht vers\u00e4umt, medienwirksam den Umstieg auf \u00d6kostrom zu verk\u00fcnden.<\/p>\n<p>Das sei ihnen auch alles geg\u00f6nnt. Aber vern\u00fcnftigerweise muss es uns immer darum gehen, das Problem effektiv l\u00f6sen und nicht darum, sich den Platz unter den Wahren und Guten zu sichern. Eine hierzu wichtige Einsicht lautet, dass das Klimaproblem an die Politik adressiert geh\u00f6rt und nicht dadurch zu l\u00f6sen ist, dass rund um den Globus jeder der knapp acht Milliarden Menschen bei jeder pers\u00f6nlichen Entscheidung glaubt, ausrechnen zu k\u00f6nnen, ob diese Entscheidung klimapolitisch sinnvoll ist. Das funktioniert n\u00e4mlich nicht, und es scheitert wie gesagt allein schon daran, dass ein zu gro\u00dfer Teil der Weltbev\u00f6lkerung das einfach nicht tun wird.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von ihrer jeweiligen Effektivit\u00e4t gibt es also zwei grundlegende klimapolitische Ans\u00e4tze: Nach dem ersten Ansatz folgt das klimafreundliche Verhalten aus der Absicht jedes Einzelnen, seinen pers\u00f6nlichen Beitrag zur L\u00f6sung des Problems zu leisten \u2013 bei solchen, die diese Absicht nicht haben, muss es dann ein individualmoralischer Druck tun. Nach dem zweiten Ansatz ist das Verhalten der Menschen nur im Ergebnis klimafreundlich, weil es nicht aus deren Individualmoral folgt, sondern aus deren \u2013 im Zweifel durchaus eigenn\u00fctzig motivierter \u2013 Anpassung an klimapolitische Rahmenbedingungen, welche die Politik setzen muss. Hier denkt man an Steuern, Emissionszertifikate und nat\u00fcrlich an bestimmte Ge- und Verbote. Der erste Ansatz wird spontan als der aufrichtigere erscheinen. Der zweite wird vielen dagegen schon allein deshalb verd\u00e4chtig erscheinen, weil er an das Bild von der \u201eunsichtbaren Hand\u201c von Adam Smith erinnert. Nach diesem Bild ist es bekanntlich nicht die Absicht des B\u00e4ckers,<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> uns Verbraucher mit Lebensmitteln zu versorgen, wohl aber das Ergebnis.<\/p>\n<p>Warum dieses Bild auch nach \u00fcber 200 Jahren noch immer so kontrovers ist, h\u00e4ngt vermutlich weniger mit sachlichen Problemen als vielmehr damit zusammen, dass es tief verwurzelten moralischen Gef\u00fchlen zuwiderl\u00e4uft. Etwas \u00fcberspitzt k\u00f6nnte man formulieren: Wenn es nicht in der handlungsleitenden Absicht des B\u00e4ckers liegt, mich mit Brot zu versorgen, dann soll er es lieber gleich bleibenlassen. In der Praxis des Lebens gilt das freilich nicht, wohl aber in ethischen Diskursen. Denn dort will man sich bei Adam Smith\u2018 B\u00e4cker ebenso wie bei unseren klimarelevanten Alltagsentscheidungen ungern am Ergebnis orientieren, sondern h\u00e4lt es f\u00fcr unabdingbar, das gute Verhalten, geleitet von der guten Moral eines jeden Einzelnen, an den Anfang zu stellen.<\/p>\n<p>Moralphilosophisch betrachtet liegt das an einer verbreiteten und meist tiefgr\u00fcndigen Abneigung gegen den ethischen Konsequentialismus, welcher die G\u00fcte einer Handlung unabh\u00e4ngig von den Absichten der Handelnden allein daran bemisst, welche Konsequenzen sie unter Ber\u00fccksichtigung aller systemischen Wechselwirkung \u2013 zum Beispiel auf das Klima \u2013 hat. Die bekannteste Variante des Konsequentialismus ist der Utilitarismus, und mit dem kann man mit gro\u00dfer Zuverl\u00e4ssigkeit die gro\u00dfe Mehrheit der deutschsprachigen Ethiker auf die Palme bringen.<\/p>\n<p>Wie kommt das? Bei aller philosophischen Tiefe ethischer Diskurse d\u00fcrfte es am Ende an einem grundlegenden Gef\u00fchl liegen, das den evolutionsbiologischen Wurzeln unseres Gehirns entspringt und sich nur arg widerwillig verdr\u00e4ngen l\u00e4sst. Dieses Gef\u00fchl signalisiert uns mit Macht die \u00dcberlegenheit individualmoralischer Steuerungsprozesse auf allen Ebenen menschlicher Interaktion, und das l\u00e4sst sich zwar nicht rational begr\u00fcnden, in seinen Ursachen aber verstehen: Die moderne Massengesellschaft ist evolutionsbiologisch gesehen eine ziemlich neue Erscheinung. Viele zehntausend Jahre und mehr haben unsere Vorfahren in \u00fcberschaubaren Verb\u00fcnden von Individuen gelebt, die sich im Wesentlichen untereinander kannten und die dazu verdammt waren, eng miteinander zu kooperieren. Und dort \u2013 ebenso wie bis heute in Familien, Freundeskreisen, kleinen Firmen, Vereinen und so weiter \u2013 ist die Individualmoral der \u00fcberlegene Steuerungsmechanismus. In den Stammesgef\u00fcgen unserer Vorfahren gab es daher genau definierte, damit aber auch sehr enge Verhaltensregeln, die zu brechen von schlechter Moral und oft auch von fehlender Gottesf\u00fcrchtigkeit zeugte und bis in die Neuzeit hinein drakonisch bestraft wurde.<\/p>\n<p>Aber so zuverl\u00e4ssig der individualmoralische Steuerungsmechanismus mit oder ohne drastischer Strafandrohung in der Stammesgesellschaft auch war, so hat er im Rahmen der Koordination des Verhaltens in der anonymen Massengesellschaft zwei gravierende Nachteile: Erstens ist er tendenziell intolerant und illiberal; und zweitens verliert er genau dann seine Funktionsf\u00e4higkeit, wenn sich eine Massengesellschaft zu einer liberalen Massengesellschaft entwickelt.<\/p>\n<p>Nur, damit hier keine Missverst\u00e4ndnisse aufkommen: Erstens gilt das nur im Zusammenhang mit der Massengesellschaft, w\u00e4hrend Individualmoral innerhalb von Kleingruppen selbstverst\u00e4ndlich nach wie vor funktional und bedeutsam ist. Zweitens gibt es auch in der liberalen Massengesellschaft einen \u2013 im Vergleich zu fr\u00fcher allerdings deutlich weniger eingrenzenden \u2013 Fundus grundlegender moralischer Normen, an die zu halten f\u00fcr uns alle \u00fcberlebenswichtig ist.<\/p>\n<p>Aber f\u00fcr die konkrete Verhaltenssteuerung und -koordinierung vieler Millionen oder gar Milliarden Menschen im Rahmen anonymer und offener Massengesellschaften ist das Instrument der Individualmoral weitgehend ungeeignet. Die wichtigsten Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind: Erstens sind die Ausweichm\u00f6glichkeiten zu gro\u00df, so dass sich au\u00dferhalb einer totalit\u00e4ren Gesellschaft jeder Mensch fast immer und fast \u00fcberall ungestraft aus dem Korsett moralischer Verhaltensvorschriften befreien kann; und zweitens sind noch so eng definierte moralische Verhaltensgebote der Komplexit\u00e4t des Zusammenwirkens der Aktivit\u00e4ten vieler Millionen Menschen nicht mehr gewachsen. Was also gut und moralisch erscheint und was wom\u00f6glich durchaus auch so gemeint ist, muss gesamtgesellschaftlich nicht die guten Folgen haben, die es verspricht \u2013 man denke nur an das Fahrradbeispiel.<\/p>\n<p>Um der massengesellschaftlichen Komplexit\u00e4t gerecht zu werden, braucht es daher anderer Koordinationsmechanismen, und gl\u00fccklicherweise sind die zugleich vereinbar mit dem hohen Ma\u00df an Liberalit\u00e4t und Toleranz gegen\u00fcber unterschiedlichen Lebensentw\u00fcrfen, das wir heute gewohnt sind. Die Tatsache, dass unsere Vorfahren ein solches Ma\u00df bis vor kurzem nicht gekannt hatten, ist ebenso wenig ein Zufall wie die Tatsache, dass praktisch alle autorit\u00e4ren Regime nach wie vor auf eine engstirnige Individualmoral setzen, mit der sie ihre Untertanen unter Kontrolle halten. F\u00fcr die Verhaltenskoordination der Menschen im Rahmen der modernen und liberalen Massengesellschaften ist der individualmoralische Ansatz dagegen nicht geeignet. Denn soweit er leidlich funktioniert, macht er uns unfrei; und soweit er uns Freiheiten l\u00e4sst, funktioniert er nicht. Kein Wunder also, dass es ausgerechnet der Moralphilosoph Adam Smith war, der ausgerechnet im Anbruch der industriellen Revolution und der Massengesellschaft das dazugeh\u00f6rige Bild gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n<p>Es ist aber auch kein Wunder, dass sich so viele mit diesem Bild bis heute nicht recht anfreunden wollen. Denn im \u00fcberw\u00e4ltigenden Teil seiner Entstehung hat sich unser Gehirn an den Anforderungen der Kleingruppengesellschaft ausrichten m\u00fcssen, und nun will es einfach nicht davon ablassen, die so lange so wichtigen individualmoralischen Regeln an den Anfang aller ethischen Diskurse zu stellen. Das macht vor dem Klimaproblem nicht halt. Zwar wei\u00df man l\u00e4ngst \u2013 zumindest im Grundsatz \u2013 wie so ein Problem im Ergebnis zu l\u00f6sen w\u00e4re: vor allem mit einem intelligenten Mix aus Steuern und\/oder Emissionshandel, dessen Parameter so eingesetzt werden, dass m\u00f6glichst dort Emissionen eingespart werden, wo dies die geringsten Folgen f\u00fcr den Wohlstand hat; au\u00dferdem mit Innovationsanreizen sowie mit flankierender Infrastrukturpolitik des Staates. Aber weil alles das nur im Ergebnis funktioniert und nicht dadurch, dass jeder Einzelne in bewusster und moralisch motivierter Absicht seine Lebensgewohnheiten umstellt, erscheinen alle diese Instrumente stets verd\u00e4chtig.<\/p>\n<p>Das sieht man allein schon an dem Hohn und Spott, der von Satirikern und Kabarettisten regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber das Instrument des Emissionshandels gegossen wird \u2013 vor allem von jenen, die sich f\u00fcr besonders fortschrittlich halten. Dabei arbeiten sie in stets zuverl\u00e4ssiger Treffsicherheit die Pointe heraus, dass sie die Logik ebenjener Sache nicht verstanden haben, \u00fcber die sie sich lustig machen \u2013 was einer gewollten Komik allerdings eher abtr\u00e4glich ist. Sie lassen davon trotzdem nicht ab, denn f\u00fcr einen diskreditierenden Treffer scheint ihnen der Hinweis auf den Kommerz zu reichen, nach dem das System klingt, und auf den Ablasshandel, an den es (f\u00e4lschlicherweise) erinnert. Genau hier ist er n\u00e4mlich verortet: der vermeintlich so bitter fehlende individualmoralische Startpunkt aller guten Dinge. Folgerichtig ist es der Kern ihrer Beanstandung, dass der Emissionshandel das Erwerbsstreben an die Stelle setzt, an die die moralisch motivierte Bereitschaft zum Verzicht geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wer in dieses Denkkorsett mit dem Hinweis einbricht, der Handel mit Emissionszertifikaten reduziere die Wohlstandsfolgen realer CO<sub>2<\/sub>-Reduktionen, was eine vor allem im Weltma\u00dfstab unabdingbare Voraussetzung klimapolitischer Akzeptanz ist, wird sich folgerichtig dem Spott der Ahnungslosen ausliefern. Angesichts ihres meist soliden intellektuellen Selbstvertrauens ist ihre Botschaft dagegen ebenso schlicht, wie sie mindestens im globalen Ma\u00dfstab weltfremd ist, und sie lautet: Was hei\u00dft hier schon Wohlstand, wo es doch um die pers\u00f6nliche Bereitschaft zur Abkehr von der Wohlstandsgesellschaft geht?<\/p>\n<p>Alles das beruht auf dem \u00fcberw\u00e4ltigenden Drang, aus dem Klimaproblem eines der Individualmoral sowie des aus individuellem Willen folgenden Verzichts zu machen, verbunden mit geh\u00f6riger gegenseitiger moralischer Kontrolle. Wer anspruchsvollere Sender wie den Deutschlandfunk oder auch Ratgebersendungen im Fernsehen verfolgt, einschl\u00e4gige Zeitschriften liest oder Podcasts h\u00f6rt, kennt die Folgen. Dort kann man sich bereits jetzt vor Anleitungen zu nachhaltigen Lebensformen kaum retten, ohne dass nur irgendjemand wenigstens zwischendurch einmal die Frage stellt, ob der pers\u00f6nliche Askese-Ansatz klimapolitisch \u00fcberhaupt sinnvoll ist.<\/p>\n<p>Dennoch kann man das alles machen, auch wenn es dem Klima wenig n\u00fctzt. Bedenklich wird so etwas aber, wenn damit ein besonderer moralischer Anspruch transportiert wird, und das geschieht leider regelm\u00e4\u00dfig. Als Beispiel wurde in Ratgebersendungen zum Thema \u201eklimabewusste Ern\u00e4hrung\u201c des Senders WDR5 wiederholt in einer Mischung aus Bedauern und Mitleid festgestellt, es gebe noch immer Menschen, die sich zu einer vegetarischen Ern\u00e4hrung nicht durchringen k\u00f6nnten. Solche harmlos klingenden Bemerkungen stecken in Wahrheit voller Suggestivkraft, denn sie schlie\u00dfen eine ethisch begr\u00fcndbare Entscheidung gegen vegetarische Kost schon vom Ansatz her aus, so dass f\u00fcr die Erkl\u00e4rung nicht-vegetarischer Ern\u00e4hrungsgewohnheiten nur noch Charakterschw\u00e4che bleibt.<\/p>\n<p>Mit einem solchen Duktus wird zumindest im Ergebnis eine engstirnige moralische Wertung fremder Lebensentw\u00fcrfe mit der Folge zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit erkl\u00e4rt, dass die anschlie\u00dfenden Ratsschl\u00e4ge zur Hilfestellung f\u00fcr die Aufnahme in den Stand der Guten und Rechtm\u00e4\u00dfigen degenerieren. Dessen moralischer Alleinvertretungsanspruch l\u00e4sst sich aber nur \u00fcber die Abgrenzung zu den moralisch Unterlegenen definieren, und das treibt mitunter seltsame Bl\u00fcten. So entschuldigte sich die Bestsellerautorin Cornelia Funke k\u00fcrzlich \u00f6ffentlich bei der jungen Generation f\u00fcr das desastr\u00f6se Klimaverhalten von sich und ihrer Generation, w\u00e4hrend sie sich zugleich gezwungen sah, ihren Wohnsitz vom klimageplagten Kalifornien in die Toskana zu verlegen.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich bewegend. Wer aber als Durchschnittsb\u00fcrger mit einer derartigen individualmoralischen Wucht in die Pflicht genommen wird, kann zwar heftig eingesch\u00fcchtert, aber nur schwerlich gewonnen werden, und hier fangen die Dinge an, sogar den Erfolg des Klimaschutzprojekts selbst zu gef\u00e4hrden. Denn auf der Aktivseite der Individualmoralisierung des Klimaproblems steht so gut wie nichts, weil sie zur L\u00f6sung des Klimaproblems keinen substantiellen Beitrag leisten kann. Aber auf der Passivseite steht, dass die Individualmoralisierung ein Klima der Intoleranz bef\u00f6rdert, welches ein wenig an vergangen geglaubte Zeiten der Hausflurputzkontrolle seitens eifriger Mietwohnungsnachbarn erinnert. Denn sie schafft eine Avantgarde der selbsternannten Guten, zu denen nur Zutritt hat, wer sich einen immer genauer definierten Lebensstil zulegt, welcher klimapolitisch weitgehend wirkungslos ist.<\/p>\n<p>Es sollte klar sein, was das bei denen ausl\u00f6st, die sich diesen Regeln nicht anschlie\u00dfen m\u00f6gen oder \u2013 beispielsweise aus finanziellen Gr\u00fcnden \u2013 nicht anschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Wem aus solchen oder anderen Gr\u00fcnden die Aufnahme in den Club der Wahren und Guten vorenthalten bleibt, der neigt zur Gr\u00fcndung neuer Bezugsgruppen, die dann ganz anderen moralischen Regeln folgen \u2013 in der Regel aus der Umkehrung der Regeln jener Kreise, aus denen man sich ausgeschlossen f\u00fchlte. Die Konsequenz ist das, was immer aus \u00fcbertriebener Moralisierung folgt: Polarisierung und gegenseitige Geringsch\u00e4tzung.<\/p>\n<p>Deshalb ist es ein bedeutender Unterschied, ob sich jemand als Reaktion auf umwelt\u00f6konomisch durchdachte Regelsysteme aus eigenem Interesse im Ergebnis klimaschonend verh\u00e4lt, ohne dass dies seine handlungsleitende Motivation gewesen sein muss; oder ob er unter Androhung der individualmoralischen Keule zu einer vielleicht nur scheinbaren Einsicht getrieben wird, weil er in Wirklichkeit entweder die soziale \u00c4chtung f\u00fcrchtet oder sich den Zutritt in eine moralische Avantgarde sichern will. Denn der erste Ansatz ist effektiv und liberal, w\u00e4hrend der zweite ebenso illiberal wie klimapolitisch ineffektiv ist.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich gibt es viele, die aus verschiedensten ethischen Grund\u00fcberzeugung heraus auf bestimmte Dinge verzichten, die anderen selbstverst\u00e4ndlich sind \u2013 sei es den Genuss von Fleisch, Autofahren, Flugreisen oder auch ganz andere Dinge. Das entspringt durchaus einer ehrenwerten Haltung, aber nur in Verbindung mit dem Bewusstsein, dass die Betreffenden sich selbst und nur sich selbst aus ihrer ganz pers\u00f6nlichen pflichtethischen Haltung heraus an den Verzicht gebunden f\u00fchlen, ohne dies zu verallgemeinern und ohne andere damit gleich mit in die Pflicht zu nehmen. Keine Frage, das ist kein einfach einzul\u00f6sender Anspruch, und das kann nicht immer perfekt gelingen. Aber der stete Versuch dazu geh\u00f6rt in den vergleichsweise kleinen Bestand der verallgemeinerbaren pflichtethischen Grunds\u00e4tze einer freiheitlichen Gesellschaft \u2013 was im Augenblick beklagenswerter Weise auf vielen Ebenen \u00f6ffentlicher Diskurse in Vergessenheit zu geraten scheint. Umso mehr m\u00fcssen wir von allen \u00f6ffentlich wahrnehmbaren Personen und Institutionen eine R\u00fcckbesinnung darauf verlangen \u2013 auch und gerade mit Blick auf das Klimaproblem. Wie hoffentlich klargeworden ist, beinhaltet dies mitnichten eine Relativierung der Dimension des Problems. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall. Denn es muss im Kern immer um die Frage gehen, was effektiv hilft \u2013 und wie gesagt, hilft Individualmoralisierung effektiv nicht.<\/p>\n<p>Wenn es derweil hoffentlich einmal gelungen sein sollte, Wirtschaft und Leben weltweit klimaneutral gestaltet zu haben, dann wird es mit Blick auf die Konsequenzen f\u00fcr das Klima tats\u00e4chlich egal sein, ob jemand ein noch so gro\u00dfes Auto f\u00e4hrt, Fleisch isst, K\u00fche z\u00fcchtet, Inlandsfl\u00fcge oder andere Fl\u00fcge bucht, seine Heizung aufdreht oder was sonst noch heute klimasch\u00e4dlich ist. Vielen Individualmoralisierern mag es dann immer noch nicht egal sein, aber sofern das so ist, sollten sie scharf \u00fcber die wirklichen Gr\u00fcnde daf\u00fcr nachdenken, warum es ihnen nicht egal ist.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Bei einem \u00d6kostromanteil von 50 Prozent, reichen 50 Prozent rein preisorientierte Verbraucher aus, denn wenn die \u00d6kostromnachfrager ihren fossilen Anteil auf null Prozent reduzierten, steigt jener der preisorientierten Stromnachfrager gerade auf 100 Prozent, ohne dass sich der \u00d6kostromanteil insgesamt ver\u00e4ndern muss.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Nur zur Vollst\u00e4ndigkeit: Bei Adam Smith war auch vom Metzger und Brauer die Rede.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sind Sie heute mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren? 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