{"id":30315,"date":"2022-01-03T00:40:56","date_gmt":"2022-01-02T23:40:56","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30315"},"modified":"2022-01-03T07:54:41","modified_gmt":"2022-01-03T06:54:41","slug":"gastbeitrag-20-jahre-euro-bargeldeinfuehrung-ist-das-experiment-euro-geglueckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30315","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>20 Jahre Euro-Bargeldeinf\u00fchrung <br\/><font size=3; color=grey>Ist das Experiment Euro gegl\u00fcckt? <\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Vor 20 Jahren, am 1.1.2002, wurde mit der Einf\u00fchrung des Euro-Bargeldes in den zu diesem Zeitpunkt beteiligten zw\u00f6lf L\u00e4ndern der Eurozone der \u00dcbergang von den jeweiligen nationalen W\u00e4hrungen zur Gemeinschaftsw\u00e4hrung endg\u00fcltig abgeschlossen. Mittlerweile bilden sogar neunzehn EU-Staaten den Euroraum \u2013 trotz vieler Warnungen scheint sich der Euro also als attraktive W\u00e4hrung etabliert zu haben.<\/p>\n<p>Betrachtet man das Eurobarometer, die von der EU-Kommission durchgef\u00fchrte regelm\u00e4\u00dfige Befragung von EU-B\u00fcrgern zu verschiedensten Themen, so zeigt sich in den letzten 20 Jahren eine wachsende Zustimmung bei der Frage, ob der Euro eine gute Sache f\u00fcr das eigene Land sei. Im Durchschnitt des (jeweiligen) Euroraums stimmten 2002 rund 54 Prozent der Befragten zu, 2021 waren es dagegen rund 69 Prozent \u2013 allerdings in beiden F\u00e4llen mit gro\u00dfen Unterschieden zwischen den einzelnen Mitgliedsl\u00e4ndern. Und unter Ber\u00fccksichtigung der Tatsache, dass die Generation der unter 40-j\u00e4hrigen mittlerweile kaum noch bewusst die Vergleichsm\u00f6glichkeit mit der fr\u00fcheren eigenen W\u00e4hrung einbeziehen kann, ist der Zuwachs der Zustimmung doch eher moderat.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Bei den Diskussionen im Vorfeld der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion wurde von den Kritikern einer (zu) schnellen Einf\u00fchrung einer W\u00e4hrungsunion unter anderem die Gefahren mangelnder Preisstabilit\u00e4t, einer nicht zu verhindernden Transferunion und starker wirtschaftlicher und politischer Spannungen im doch noch \u00f6konomisch sehr heterogenen Integrationsraum betont. So finden sich im von Wolf Sch\u00e4fer und Renate Ohr initiierten Manifest gegen den Vertrag von Maastricht (\u201eDie w\u00e4hrungspolitischen Beschl\u00fcsse von Maastricht: Eine Gefahr f\u00fcr Europa\u201d), das 1992 ver\u00f6ffentlicht wurde und von 60 weiteren Kollegen unterzeichnet war, unter anderem folgende Aussagen:<\/p>\n<p><em>\u201eEinen Konsens, Preisstabilit\u00e4t als Priorit\u00e4t zu betrachten, wie er traditionell in Deutschland vorliegt, gibt es in Gesamteuropa bisher noch nicht. Nur mit einem solchen Konsens, den Notenbank, Regierung und Bev\u00f6lkerung gemeinsam tragen, kann jedoch eine konsequente Stabilit\u00e4tspolitik verfolgt werden, da diese unter anderem der Unterst\u00fctzung der Lohnpolitik und der Finanzpolitik des Staates bedarf.\u201c Und \u201eDie \u00f6konomisch schw\u00e4cheren europ\u00e4ischen Partnerl\u00e4nder werden bei einer gemeinsamen W\u00e4hrung einem verst\u00e4rkten Konkurrenzdruck ausgesetzt, wodurch sie aufgrund ihrer geringeren Produktivit\u00e4t und Wettbewerbsf\u00e4higkeit wachsende Arbeitslosigkeit erfahren werden. Hohe Transferzahlungen im Sinne eines ,Finanzausgleichs\u2018 werden damit notwendig.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und im weiteren Manifest der Initiatoren Manfred M. Neumann, Renate Ohr und Roland Vaubel (\u201eDer Euro kommt zu fr\u00fch\u201c, 1998) mit mehr als 160 weiteren Kollegen als Unterzeichner finden sich unter anderem folgende Warnungen:<\/p>\n<p><em>\u201e\u2026wurde zwar der sogenannte \u201eStabilit\u00e4tspakt\u201c erfunden. Er kann jedoch dauerhafte Haushaltsdisziplin nicht gew\u00e4hrleisten. Seine Sanktionsdrohung ist allenfalls glaubw\u00fcrdig, wenn nur ein einzelnes Land oder sehr wenige L\u00e4nder betroffen sind. Da Sanktionen nicht automatisch eintreten, d\u00fcrfte es aber kaum eine qualifizierte Mehrheit f\u00fcr die Anwendung des Paktes geben, wenn eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von L\u00e4ndern gleichzeitig die Defizitgrenze verletzt.\u201c<\/em> Und <em>\u201eWer die Konvergenzkriterien nicht ernst nimmt, untergr\u00e4bt das Vertrauen in die faktische Unabh\u00e4ngigkeit der Europ\u00e4ischen Zentralbank und die Stabilit\u00e4t des Euro.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Betrachtet man nun die Inflationsentwicklung in der Eurozone in den letzten 20 Jahren, so haben sich anscheinend \u2013 mit Ausnahme der letzten Monate \u2013 zumindest die in den beiden Manifesten bef\u00fcrchteten negativen Folgen f\u00fcr die Preisstabilit\u00e4t im Euroraum nicht best\u00e4tigt. Auch der Au\u00dfenwert des Euro hat \u2013 etwa gegen\u00fcber dem Dollar \u2013 zwar durchaus tempor\u00e4r kr\u00e4ftige Ausschl\u00e4ge gezeigt, aber das war auch bei der D-Mark der Fall gewesen. Insgesamt bewegt sich der Trend aber in der N\u00e4he des Au\u00dfenwertes, den der Euro zum Zeitpunkt der Einf\u00fchrung der Gemeinschaftsw\u00e4hrung 1999 hatte. Ist das Experiment Euro also doch gegl\u00fcckt?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das hier gezeichnete Bild einer \u00e4u\u00dferlich im Gro\u00dfen und Ganzen funktionierenden W\u00e4hrungsgemeinschaft etwas zu oberfl\u00e4chlich. Nach wie vor vorhanden ist die Grundproblematik einer einheitlichen Geldpolitik f\u00fcr L\u00e4nder mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Strukturen, Problemen, Herausforderungen und politischen W\u00fcnschen. Eine f\u00fcr mehrere L\u00e4nder gemeinsam und zentral gesteuerte Geldversorgung kann nur dann f\u00fcr alle L\u00e4nder gleicherma\u00dfen sinnvoll sein, wenn diese \u00e4hnlichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Pr\u00e4ferenzen unterliegen und keine Anreize f\u00fcr fiskalpolitischen moral hazard bestehen. Die Geldpolitik der Europ\u00e4ischen Zentralbank aber hat sich zunehmend an den Problemen der \u2013 ungeachtet der Vorgaben des Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspaktes \u2013 stark verschuldeten L\u00e4nder orientiert, wobei die hohe Verschuldung selbst zum gro\u00dfen Teil Folge der Mitgliedschaft in der W\u00e4hrungsgemeinschaft war: Der Wegfall wechselkursbedingter Risikopr\u00e4mien in den nationalen Zinsniveaus hatte vor allem in den s\u00fcdlichen Mitgliedsl\u00e4ndern eine h\u00f6here Verschuldung erm\u00f6glicht, zumal auch keine signifikanten Sanktionen durch den Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakt erfolgten. Die daraus entstandenen Krisen in einigen Eurol\u00e4ndern haben zwar bisher nicht die innere Stabilit\u00e4t des Euro beeintr\u00e4chtigt, aber durch die \u201eRettungs\u201c-Ma\u00dfnahmen der EZB wurden die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr den Euroraum bis heute entscheidend beeinflusst.<\/p>\n<p>Die (Schulden-)Krisen im Euroraum wurden von der EZB durch neue geldpolitische Instrumente wie den Outright Monetary Transactions, sp\u00e4ter dem Quantitative Easing abgefedert. Hinzu kam j\u00fcngst das Pandemic Emergency Purchase Programme und die tempor\u00e4re Aussetzung der Fiskalregeln im Zuge der Corona-Pandemie. Der damit verbundene seit vielen Jahren anhaltende massive Ankauf von Staatsschuldtiteln, \u00fcberwiegend aus den h\u00f6her verschuldeten L\u00e4ndern, hat im Endeffekt in den letzten 20 Jahren zu einer mehr als Verf\u00fcnffachung der Geldmenge M1 und zu einer mehr als Verdreifachung der Geldmenge M3 gef\u00fchrt \u2013 eine Liquidit\u00e4tsschwemme, die um ein Vielfaches \u00fcber den entsprechenden Zuwachs des nominalen BIP im Euroraum hinausgeht. Das damit verbundene Inflationspotential zeigt sich unter anderem in der rasanten Verm\u00f6genspreisentwicklung. Bei einem anhaltenden Leitzins der EZB von Null Prozent werden Anleger zudem vermehrt dazu verleitet, in riskante Anlagen zu investieren. Ein entscheidendes Marktsignal ist damit verloren gegangen, und ein Platzen von Verm\u00f6genspreisblasen nicht ausgeschlossen. Trotzdem besteht die Gefahr, dass die EZB an einer Nullzinspolitik festh\u00e4lt, damit die hochverschuldeten Mitgliedsl\u00e4nder ihre Schulden auch nach Abflauen der Pandemie weiterhin g\u00fcnstig finanzieren k\u00f6nnen \u2013 eine gef\u00e4hrliche Verquickung geldpolitischer und fiskalischer Ziele, die zudem moral hazard Verhalten im Fiskalgebaren der nationalen Regierungen unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Fazit: Der Euro wurde vor 23 Jahren in 11 L\u00e4ndern der EU eingef\u00fchrt, seit 20 Jahren nicht nur als Buchgeld, sondern auch als alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel. Mittlerweile umfasst der Euroraum 19 L\u00e4nder, wobei allerdings vor allem sehr kleine EU-L\u00e4nder sich nun noch angeschlossen haben. Oberfl\u00e4chlich betrachtet \u201efunktioniert\u201c diese W\u00e4hrungsgemeinschaft. Doch unterschwellig sind viele der vor Beginn des \u201eExperiments Euro\u201c bef\u00fcrchteten Entwicklungen eingetreten, die die wirtschaftliche Stabilit\u00e4t der W\u00e4hrungsgemeinschaft gef\u00e4hrden. Nach mehr als 20 Jahren Euro sollte ein \u201eExit\u201c allerdings m\u00f6glichst keine Option werden. So muss es daher vordringliches Ziel sein, die W\u00e4hrungsgemeinschaft nicht zu starken \u00f6konomischen Spannungen auszusetzen, die sich aus einer einseitig und an fiskalischen Problemen einzelner Mitglieder orientierten Geldpolitik in Verbindung mit mangelnden Anreizen f\u00fcr Fiskaldisziplin ergeben. Nach wie vor gibt die EZB aber nur sehr z\u00f6gerliche Signale des Ausstiegs aus ihrer extrem expansiven Geldpolitik, die Trennung von Geldpolitik und Staatsfinanzierung ist nicht so klar wie gew\u00fcnscht, und auch die aktuell von den S\u00fcdl\u00e4ndern \u2013 wieder einmal \u2013 geforderte Aufweichung des Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspaktes zeigt, dass das &#8222;Experiment Euro&#8220; nach wie vor noch nicht auf nachhaltig stabilen Pfeilern ruht&#8230;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 20 Jahren, am 1.1.2002, wurde mit der Einf\u00fchrung des Euro-Bargeldes in den zu diesem Zeitpunkt beteiligten zw\u00f6lf L\u00e4ndern der Eurozone der \u00dcbergang von den &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30315\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br \/>20 Jahre Euro-Bargeldeinf\u00fchrung <br \/><font size=3; color=grey>Ist das Experiment Euro gegl\u00fcckt? 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