{"id":30417,"date":"2022-01-28T00:46:02","date_gmt":"2022-01-27T23:46:02","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30417"},"modified":"2022-06-21T09:21:21","modified_gmt":"2022-06-21T08:21:21","slug":"politikerberatung-3-notizen-zur-wirtschaftspolitischen-beratung-durch-die-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30417","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Politik(er)beratung (4) <\/font><br\/>Notizen zur wirtschaftspolitischen Beratung  durch die Wissenschaft"},"content":{"rendered":"<p><em>Was macht gute Politikberatung aus? Die Frage ist ein Dauerbrenner der Volkswirtschaftslehre. Das hat auch damit zu tun, dass in der Diskussion verschiedene Konzepte vermischt werden. <\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wissenstransfer in seiner allgemeinen Form ist mittlerweile ein eigenes Ziel von Universit\u00e4ten und Forschungsinstituten. Die Universit\u00e4t zu K\u00f6ln schreibt, typisch f\u00fcr viele Universit\u00e4ten: \u201eDie Universit\u00e4t zu K\u00f6ln generiert kontinuierlich neues Wissen in einer Vielzahl wissenschaftlicher Disziplinen. Die Third Mission bezeichnet den Auftrag der Universit\u00e4t, dieses Wissen f\u00fcr die Gesellschaft verf\u00fcgbar und f\u00fcr die Wirtschaft verwertbar zu machen und gleichzeitig Impulse aus der au\u00dferuniversit\u00e4ren Welt f\u00fcr Forschung und Lehre aufzunehmen.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr den Wissenschaftsrat beinhaltet Wissenstransfer die drei Handlungsfelder Kommunizieren, Beraten und Anwenden. Eine saubere Trennung der Begriffe ist dabei nicht immer gegeben, so wird z.B. Wissenschaftskommunikation auch als \u201eBeratung der \u00d6ffentlichkeit\u201c gesehen. Und \u201eAnwenden\u201c fasst im Sinne des Wissenschaftsrats das, was andernorts allgemein als Transfer, bzw. Technologietransfer bezeichnet wird.<\/p>\n<p>Die \u201eDritte Mission\u201c gilt auch f\u00fcr die Volkswirtschaftslehre. Das Fach ist allerdings hinsichtlich aller drei Handlungsfelder besonders.<\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff;\">Kommunizieren: \u201eWissenschafts\u201c-Kommunikation kommt zu kurz<\/span><\/p>\n<p>Wissenschaftskommunikation als \u201eBeratung der \u00d6ffentlichkeit\u201c bef\u00f6rdert den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Akteure sind dabei zum einen die Institutionen, sprich Universit\u00e4ten und Forschungsinstitute bzw. ihre Pressestellen, selbst, zum anderen, und dies im Zeitalter von Social Media in zunehmendem Ma\u00dfe, auch einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die individuell aktiv werden. Klassischerweise, aber l\u00e4ngst nicht mehr ausschlie\u00dflich, fungiert als Vermittler zur \u00d6ffentlichkeit dabei der Wissenschaftsjournalismus in Gestalt von Print- und anderen Medien.<\/p>\n<p>Betrachtet man die Wahrnehmung der Volkswirtschaftslehre in der \u00d6ffentlichkeit so f\u00e4llt auf, dass sich ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse meist im Wirtschafts- und Politikteil der Zeitungen und Zeitschriften wiederfinden, und nicht auf den Wissenschaftsseiten. F\u00fcr die politische und gesellschaftliche Wirkung mag das hilfreich sein, allerdings ist dies auch ein Manko des Faches: Eine intensivere Wissenschaftskommunikation w\u00fcrde dazu beitragen, die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte etwa bei der sogenannten Glaubw\u00fcrdigkeitsrevolution in der empirischen Wirtschaftsforschung, bei den M\u00f6glichkeiten des Marktdesigns oder den immer feineren dynamischen makro\u00f6konomischen Methoden mehr in der Gesellschaft zu verbreiten. H\u00e4ufig wird &#8211; im Feuilleton und nicht nur dort &#8211; eine Sicht auf die Wirtschaftswissenschaft ausgebreitet, die den Stand aus dem letzten Jahrhundert wiedergibt. Dies erschwert die Kommunikation in der \u00d6ffentlichkeit, aber auch in der wirtschaftspolitischen Beratung, da oft zun\u00e4chst Vorurteile gegen\u00fcber dem Fach \u00fcberwunden werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff;\">Anwenden: Wissenstransfer durch Ausgr\u00fcndungen ausbauf\u00e4hig<\/span><\/p>\n<p>Die neue Bundesbildungs- und Forschungsministerin, Bettina Stark-Watzinger, will den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis f\u00f6rdern. Dazu soll eine eigene \u201eDeutsche Agentur f\u00fcr Transfer und Innovation\u201c gegr\u00fcndet werden. Ziel ist es, Unternehmensgr\u00fcndungen der Universit\u00e4ten und Forschungsinstitute zu f\u00f6rdern. \u201eWir wollen die vielen guten Ideen in den Regalen unserer Hochschulen schneller in die Gesellschaft und Wirtschaft \u00fcbertragen.\u201c<\/p>\n<p>Hier zeigt sich das oft unterschiedliche Verst\u00e4ndnis des Begriffs \u201eTransfer\u201c: W\u00e4hrend viele politische Akteure hier an Tech-Start-ups und erfolgreichen Technologietransfer \u00e0 la Biontech denken, sehen manche in den VWL Fakult\u00e4ten den Transfer eher im Twitterkanal.<\/p>\n<p>Aber auch aus der Volkswirtschaftslehre sind einige Unternehmensgr\u00fcndungen hervorgegangen. Es gibt Beratungsfirmen etwa f\u00fcr die Anwendung der Methoden der Verhaltens\u00f6konomie oder des Marktdesigns; aus dem ZEW wurde ein Unternehmen gegr\u00fcndet, das hochfrequent und vollautomatisiert Unternehmensinformationen online auswertet.<\/p>\n<p>Es st\u00fcnde dem Fach sicher gut an, die Kompetenzen, die es vorzuweisen hat, vermehrt auch \u00fcber Ausgr\u00fcndungen in Politik und in der Unternehmenspraxis einzusetzen. Nicht ohne Grund sind im angels\u00e4chsischen Bereich \u201eapplied economists\u201c auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt. Andere F\u00e4cher weisen ihre Anwendungsrelevanz u.a. durch Ausgr\u00fcndungen nach. Warum nicht auch die Volkswirtschaftslehre?<\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff;\">Beraten: Gutachtenbasierte wissenschaftliche wirtschaftspolitische Beratung etabliert und wertgesch\u00e4tzt<\/span><\/p>\n<p>Will man wissen, ob eine Br\u00fccke h\u00e4lt, beauftragt man ein Ingenieursb\u00fcro mit einem Gutachten. Zur Gestaltung von Gesetzesnovellen kommen Gutachten aus den Rechtswissenschaften. Gutachten sind auch das Mittel der Wahl der wissenschaftlichen wirtschaftspolitischen Beratung aus der Volkswirtschaftslehre. Diese Form der Beratung zeichnet sich dadurch aus, dass sie wissenschaftsbasiert, unabh\u00e4ngig und transparent erfolgt.<\/p>\n<p>Die Verankerung in der Wissenschaft ist durch die an der Gutachtenerstellung beteiligten Personen gegeben, die in der Wissenschaft t\u00e4tig sind. Dies ist der Fall etwa im Sachverst\u00e4ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, in der Monopolkommission, dem Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium f\u00fcr Wirtschaft und Klimaschutz oder dem Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium f\u00fcr Finanzen. Bei Forschungsinstituten wird diese Wissenschaftlichkeit durch regelm\u00e4\u00dfige Evaluierungen sichergestellt. Dies gilt insbesondere f\u00fcr die Wirtschaftsforschungsinstitute der Leibniz-Gemeinschaft, aber auch das IAB etwa hat sich (auf eigenen Wunsch) wissenschaftlich evaluieren lassen. Diese Form des institutionellen Wissenschaftsbezugs ist ein Differenzierungsmerkmal zwischen wissenschaftlichen Forschungsinstituten und etwa Think Tanks.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngigkeit ist in Deutschland f\u00fcr die wissenschaftliche wirtschaftspolitische Beratung kennzeichnend. Alle vorher genannten Institutionen sind in der Aus\u00fcbung ihrer Aufgaben unabh\u00e4ngig. Dadurch wird sichergestellt, dass \u2013 anders als etwa bei der amerikanischen Form des <em>Council of Economic Advisors<\/em>, das in die Regierungsarbeit eingebunden ist \u2013 auch Themen und Erkenntnisse, die der jeweiligen Regierung nicht genehm sind, zur Sprache kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Transparenz ist notwendig, damit sich das Ergebnis der Beratung dem wissenschaftlichen Diskurs stellen kann. Die Studien bzw. Gutachten werden deshalb grunds\u00e4tzlich ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Gutachten als Produkt der wissenschaftlichen wirtschaftspolitischen Beratung entstehen entweder aus eigenem Anlass (wie bei den Beir\u00e4ten der Ministerien), durch gesetzlichen Auftrag (wie beim Sachverst\u00e4ndigenrat oder der Monopolkommission), oder als Auftragsgutachten von politischen Institutionen wie Ministerien, Beh\u00f6rden, oder Fraktionen.<\/p>\n<p>Der Adressat ist dann auch durch den (gesetzlichen) Auftrag unmittelbar oder mittelbar gegeben. So sind dies bei der Monopolkommission die Bundesregierung und die gesetzgebenden K\u00f6rperschaften, beim Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums der Wirtschaftsminister.<\/p>\n<p>Diese Form der Beratung ist in Deutschland gut etabliert und wird in der Politik gesch\u00e4tzt. So wurden gerade erst die Rechte der Monopolkommission in der 10. Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschr\u00e4nkungen (GWB) gest\u00e4rkt. Es wurde klargestellt, dass die Monopolkommission zus\u00e4tzliche Stellungnahmen abgeben kann, und dass sie im Rahmen der Akteneinsicht Daten auswerten darf. Wesentlich ist die \u00c4nderung in \u00a744, Absatz 3, dass sich \u201edie jeweiligen fachlich zust\u00e4ndigen Bundesministerien und die Monopolkommission \u2026 auf Verlangen zu den Ergebnissen der Gutachten\u201c austauschen. Dies gemeinsam mit der Auflage, dass die \u201eBundesregierung \u2026 zu den Gutachten nach Absatz 1 Satz 1 in angemessener Frist Stellung [nimmt], zu sonstigen Gutachten nach Absatz 1 kann sie Stellung nehmen\u201c stellt sicher, dass die Ergebnisse im politischen Diskurs reflektiert werden.<\/p>\n<p>Es ist als Ausdruck der Wertsch\u00e4tzung dieser Form der Politikberatung zu sehen, dass die neue Regierung in ihrem Koalitionsvertrag angek\u00fcndigt hat, \u201edie wissenschaftlichen Beratungsgremien der Bundesregierung nach dem Vorbild der Monopolkommission st\u00e4rken und deren Unabh\u00e4ngigkeit garantieren [zu wollen]. Die Berichte der Sachverst\u00e4ndigenr\u00e4te werden wir nach ihrer Ver\u00f6ffentlichung im Bundestag als eigenst\u00e4ndigen Tagesordnungspunkt diskutieren.\u201c<\/p>\n<p><span style=\"color: #3366ff;\">Beraten: Wirtschaftspolitische Beratung durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zwischen Wissenschaft und Politik<\/span><\/p>\n<p>Von dieser Gutachten-basierten wirtschaftspolitischen Beratung ist \u2013 zumindest konzeptionell \u2013 die Beratung durch Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler zu trennen, die durch individuelle Gespr\u00e4che, Vortr\u00e4ge, oder durch Beteiligung in ministeriellen oder parteiinternen Arbeitsgruppen erfolgt.<\/p>\n<p>Diese Form der Beratung erfolgt tendenziell weniger wissenschaftsnah \u2013 die Aussagen geben nicht unbedingt den Stand der Wissenschaft sondern den Erkenntnisstand der jeweiligen Person wieder. Sie ist auch weniger unabh\u00e4ngig \u2013 die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind zwar in der Aus\u00fcbung der Wissenschaft unabh\u00e4ngig, aber pers\u00f6nlich nicht unpolitisch. Transparenz ist teilweise gegeben, wenn Aussagen, etwa bei Aussch\u00fcssen, ver\u00f6ffentlicht werden.<\/p>\n<p>Auch diese Form der Beratung von Politik und \u00d6ffentlichkeit stellt einen wichtigen Beitrag aus den Wirtschaftswissenschaften dar. Gerade bei sehr aktuellen Themen besteht im politischen Prozess nicht die Zeit, Erkenntnisse \u00fcber Gutachten einzuholen. Da werden Gespr\u00e4che und Workshops zu einem wichtigen Instrument des Wissenstransfers. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr war in der Corona-Pandemie die regelm\u00e4\u00dfige Video-Konferenz von Personen aus der Wissenschaft und aus Ministerien, organisiert durch die Grundsatzabteilung im Bundesfinanzministerium, in der Stabilisierungs- und Konjunkturma\u00dfnahmen besprochen wurden. Durch die Teilnahme mehrerer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wurde auch ein gewisses wissenschaftliches Korrektiv erzielt.<\/p>\n<p>Wertbasierte Positionierungen sind bei individuellen Aussagen nicht un\u00fcblich. Solche Positionierungen k\u00f6nnen im politischen Diskurs hilfreich sein, sie werden aber dann problematisch, wenn der Eindruck entsteht, dass die Positionierung \u201eder Wissenschaft\u201c entspringt. Durch die Pandemie ist das Vertrauen in die Wissenschaft angestiegen. Sagten vor der Pandemie etwa 50% der Befragten, dass sie voll und ganz bzw. eher Vertrauen in Wissenschaft und Forschung h\u00e4tten, waren es 2021 gut 60% (nach einem Peak von \u00fcber 70% im April 2020). Die Virologen und Epidemiologen haben sicher zu diesem Anstieg beigetragen. Sie haben auch vorgemacht, dass es im \u00f6ffentlichen Diskurs hilfreich sein kann, den Stand der Wissenschaft <em>und <\/em>die Grenzen der Erkenntnis aufzuzeigen. Dies k\u00f6nnte auch in der wirtschaftspolitischen Beratung noch mehr erfolgen. Der Verein f\u00fcr Socialpolitik formuliert dies in seinem Ethikkodex so: \u201eBei wirtschaftspolitischer Beratung oder Kommunikation mit den Medien soll sorgf\u00e4ltig auf den Unterschied zwischen Tatsachenbeschreibung und wissenschaftlich gest\u00fctzter Aussage einerseits und Werturteil andererseits geachtet werden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge der Serie \u201cPolitik(er)beratung\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Friedrich Schneider: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30285\">Politikberatung in \u00d6sterreich im Unterschied zu Deutschland. <\/a><span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Einige pers\u00f6nliche Anmerkungen <\/span><\/p>\n<p>Gert G. Wagner: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30234\">Mehr Forschungsbasierung der (Bundes)Politik (?)<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht gute Politikberatung aus? Die Frage ist ein Dauerbrenner der Volkswirtschaftslehre. 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