{"id":30504,"date":"2022-02-19T00:19:03","date_gmt":"2022-02-18T23:19:03","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30504"},"modified":"2022-02-19T07:29:56","modified_gmt":"2022-02-19T06:29:56","slug":"o-tempora-o-mores-verunglimpfung-in-den-sozialen-medien-und-ihre-kosten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30504","title":{"rendered":"O tempora, o mores <br\/><font size=3; color=grey>Verunglimpfung in den sozialen Medien und ihre Kosten <\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem die nunmehr designierte Ko-Vorsitzende von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen, Ricarda Lang, ihre erste Rede im Bundestag hielt, wurde unter dem Hashtag #RicardaLang auf Twitter eine Vielzahl von b\u00f6swilligen Verunglimpfungen und Beleidigungen gepostet, die wiederum in \u00e4hnlicher Konnotation von ihren Anh\u00e4ngern gekontert wurden. Das ganze Ph\u00e4nomen \u00e4hnelt dabei der Translokation der aus dem Sport bekannten Hooliganauseinandersetzungen in die sozialen Medien. Ein vergleichsweise unbedeutender Sachverhalt wird zum Anlass genommen, um in eine verbale Schlacht epischen Ausma\u00dfes zu ziehen. Ein anderer Fall ereignete sich j\u00fcngst um die \u00f6sterreichische Journalistin, Anna Dobler (hierzu Kahlweit 2022)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Die Journalistin hatte in Anlehnung an den im ZDF und ORF ausgestrahlten Film \u00fcber die Wannseekonferenz \u00fcber deren Teilnehmer getwittert: \u201eDas waren nicht nur M\u00f6rder, sondern auch durch und durch Sozialisten.\u201c Niemand darf erwarten, dass entsprechende Aussagen unkommentiert bleiben. Was jedoch folgte, hatte nichts mehr mit einer inhaltlichen Debatte \u2013 etwa aus historischer, oder \u00f6konomischer Perspektive \u2013 zu tun. Einen H\u00f6hepunkt erreichte die Causa, als ihr Arbeitgeber sich via Twitter von der Kolumnistin distanzierte und Dobler freistellte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>So unterschiedlich die verschiedenen F\u00e4lle von Entr\u00fcstungst\u00fcrmen, Hassrede und \u00e4hnlichen Ph\u00e4nomenen auch sein m\u00f6gen \u2013 auch hinsichtlich der Motive \u2013, sie sind eine Besonderheit des digitalen Zeitalters und erfordern eine kritische Begleitung \u2013 auch durch die \u00d6konomik, da sie Kosten verursachen. Denn freilich hat ein derartiges Verhalten auch entsprechende Auswirkungen vor allem auf diejenigen, die Gegenstand dieses Unterfangens sind. So sieht etwa Altman (1995) Folgen f\u00fcr diejenigen, die das Ziel derartiger Angriffe sind, in Form von Angst und Unsicherheit. Waldron (2012) sieht gar die pers\u00f6nliche W\u00fcrde durch derartige Angriffe beeintr\u00e4chtigt, die wiederum mit der sozialen Stellung korreliert. Demzufolge h\u00e4tte ein derartiger Angriff zur Folge, dass die soziale Stellung der betroffenen Person in Mitleidenschaft gezogen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Kosten und Nutzen <\/strong><\/p>\n<p>Derartige Verunglimpfungskampagnen werden vielfach erst durch die Entwicklung von Online-Plattformen wie Twitter, Facebook und Instagram erm\u00f6glicht. Diese sogenannten sozialen Medien schaffen Raum f\u00fcr den schnellen Austausch von Informationen unabh\u00e4ngig von Zeit und Ort mit einer gro\u00dfen Hebelwirkung in der Verbreitung (Velasco, 2020). Dabei haben die Social Media- Plattformen die Kosten f\u00fcr die Beleidiger erheblich reduziert. Zum einen sind die direkten Transaktionskosten extrem gesunken: Ein negativer Post l\u00e4sst sich innerhalb von Sekunden verfassen. Das gleiche gilt f\u00fcr die indirekten Kosten: Soziale Netzwerke erlauben es den Nutzern, ihre Identit\u00e4t hinter Alias-Namen zu verbergen \u2013 wie auch das k\u00fcrzlich gef\u00e4llte Urteil des BGH (Az. III ZR 3\/21) best\u00e4tigt. Auf diese Weise kann der \u00dcbelt\u00e4ter davon ausgehen, dass unangemessene Posts kaum, bzw. nur \u00fcber den Rechtsweg sanktioniert werden k\u00f6nnen, sodass \u00c4u\u00dferungen, die keinen Straftatbestand erf\u00fcllen, selten weiterverfolgt werden.<\/p>\n<p>Wenn wir von einem simplen Kosten-Nutzen-Kalk\u00fcl ausgehen, bedeutet dies folgendes: Vor dem Hintergrund der vorhandenen subjektiven Pr\u00e4ferenzen des Users flie\u00dft ihm durch sein Verhalten ein Nutzen zu. Dies kann in der Befriedigung sexistischer und frauenfeindlicher Motive liegen \u2013 m\u00f6glicherweise im Fall Ricarda Lang \u2013 oder beispielsweise in dem Gef\u00fchl, sich im Widerstand gegen ein bestimmtes gesellschaftliches Spektrum zu befinden \u2013 m\u00f6glicherweise im Fall Anna Dobler. Ein rational agierender User w\u00e4gt wie jeder andere Mensch die Kosten, die f\u00fcr ihn entstehen, gegen diesen Nutzen ab. Wie bereits gezeigt, sind die Transaktionskosten zu vernachl\u00e4ssigen. Durch die h\u00e4ufig verwendeten Alias-Namen entstehen zudem keine Reputationskosten, da \u00f6ffentlich keine R\u00fcckschl\u00fcsse auf den b\u00fcrgerlichen Namen m\u00f6glich sind. Im Gegensatz dazu k\u00f6nnen soziale Normen \u2013 etwa an einem Stammtisch \u2013 die Kosten erh\u00f6hen und dazu f\u00fchren, dass gewisse Aussagen nicht get\u00e4tigt werden. Diese regulierende Funktion k\u00f6nnen soziale Medien nicht erf\u00fcllen. Gleichzeitig fallen bei dem Nutzer, der im verbalen Fadenkreuz steht, negative externe Effekte an, die nicht von den Verursachern internalisiert werden. Diese bestehen einerseits in Kosten, die durch die psychische Belastung und durch Verteidigungsreaktionen entstehen sowie andererseits durch eine Sch\u00e4digung des Rufs in der \u00d6ffentlichkeit. Nun k\u00f6nnte unter Umst\u00e4nden argumentiert werden, dass etwa Anna Dobler durch ihren Post selbst die Verursacherin der bei ihr durch die Reaktionen anfallenden Kosten sei. Allerdings h\u00e4tte man, wenn man die von ihr vorgenommene Aussage f\u00fcr eine Verf\u00e4lschung der Geschichte h\u00e4lt, auch rein inhaltlich und ohne Verunglimpfungen argumentieren k\u00f6nnen. Dies h\u00e4tte zudem den Informationsnutzen f\u00fcr andere User erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Nun ist es de facto aber so, dass durch die Verringerung der Kosten und eine fehlende Internalisierung der Kosten beim Verursacher, c.p. ein derartiges Verhalten geradezu beg\u00fcnstigt wird. Zudem wird durch die Anonymit\u00e4t das Euckensche Postulat der Einheit von Handlung und Haftung aufgel\u00f6st (Eucken 2004, 279 ff.).<\/p>\n<p><strong>L\u00f6sungsans\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits die Diskussion um das Ph\u00e4nomen \u201ehate speech\u201c zeigt, gibt es sowohl Argumente f\u00fcr Restriktionen als auch Argumente dagegen (Schauer 1982, Waldron 2012, Simpson 2013, Heinze 2016, Bahrendt 2019, Howard 2019). Insbesondere erscheint eine verf\u00fcgungsrechtliche Differenzierung nach dem Ort bzw. dem Medium in \u201eprivat\u201c und \u201e\u00f6ffentlich\u201c als geboten (bspw. Bagus, Daumann, Follert 2021; bezogen auf Social Media, Follert und Daumann 2021). Einig ist man sich dabei jedoch, dass b\u00f6swillige Verunglimpfungen und Beleidigungen zu unterbleiben haben.<\/p>\n<p>Aus \u00f6konomischer Sicht zeigt die Kosten-Nutzen-Betrachtung, dass man derartigen Ausw\u00fcchsen nur durch eine Erh\u00f6hung der Kosten begegnen kann \u2013 wir gehen von einer Pr\u00e4ferenzfreiheit aus und nehmen an, dass der Nutzen exogen und (kurzfristig) nicht beeinflussbar ist. Eine marktkonforme L\u00f6sung des Ph\u00e4nomens kann somit an zwei Stellschrauben ansetzen: Zum einen k\u00f6nnten die Provider darauf bestehen, die Identit\u00e4t der Nutzer zu \u00fcberpr\u00fcfen und die Verwendung von Aliasnamen zu unterbinden. Auf diese Weise k\u00f6nnte zumindest weitgehend sichergestellt werden, dass die Identit\u00e4t desjenigen, der unfl\u00e4tige Inhalte postet, festgestellt werden und dieser auch bei Anzeige belangt werden kann.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite sind \u2013 wie oben erl\u00e4utert wurde \u2013 die direkten Kosten eines derartigen Posts extrem gering, so dass manche Nutzer bar jeglichen Anstandes ihren Gef\u00fchlen ungez\u00fcgelt Raum geben k\u00f6nnen. Aus \u00f6konomischer Sicht bedeutet dies, dass der Preis, den der User eines entsprechenden Posts zahlen muss, zu niedrig ist. Dieses Ph\u00e4nomen ist im Rahmen der Digitalisierung nicht unbekannt. Frey und Ulbrich (2013 und 2014) weisen beispielweise auf die Flut an elektronischen Nachrichten im betrieblichen Kontext hin und pl\u00e4dieren f\u00fcr ein (internes) Preissystem. Auch f\u00fcr den hier diskutierten Fall k\u00f6nnte es ein m\u00f6glicher Ansatz sein, pretiale Steuerungselemente einzuf\u00fchren. Wird der Post kostenpflichtig, so d\u00fcrfte vielen der Nutzer die Lust vergehen, derartige Inhalte zu posten. Vermutlich werden sich die privaten Betreiber der Plattformen dagegen wehren, derartige Verg\u00fctungsmechanismen einzuf\u00fchren, da sie ihr Kerngesch\u00e4ft negativ beeintr\u00e4chtigen, zumal viele Nutzer sicherlich davon attrahiert werden, wenn sie sich derartige Auseinandersetzungen kostenfrei als Bystander anschauen k\u00f6nnen: Im Prinzip werden die Zuschauer durch einen kostenlosen Hahnenkampf angelockt, der schnell zu Ende w\u00e4re, wenn die H\u00e4hne daf\u00fcr zahlen m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Beide L\u00f6sungen w\u00fcrden jedoch das Ph\u00e4nomen nicht g\u00e4nzlich beseitigen. Da auch eine Abstinenz von den sozialen Medien allenfalls die Unmittelbarkeit der Folgen f\u00fcr die betroffene Person reduziert, aber nicht deren Wirkung g\u00e4nzlich beseitigen kann, bleibt nur die L\u00f6sung, Beleidigungen zur Anzeige zu bringen und darauf zu hoffen, dass durch das Strafrecht dieses Ph\u00e4nomen zumindest einigerma\u00dfen kanalisiert wird.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Altman, A. (1995), Liberalism and Campus Hate Speech, in: Artur, J., Shapiro, A. (eds.), Campus Wars. Multiculturalism and the Politics of Difference, Routledge: New York, pp. 122 \u2013 136.<\/p>\n<p>Bagus, P., Daumann, F., Follert, F. (2021), Cancel culture, safe spaces, and academic freedom: A private property rights perspective. Conference Paper presented at 5th Annual Madrid Conference on Austrian Economics on October 28th and 29th, 2021.<\/p>\n<p>Barendt, E. (2019), What is the harm of hate speech?, in: Ethical Theory and Moral Practice, 22(3): 539\u2013553.<\/p>\n<p>Eucken, W. (2004), Grunds\u00e4tze der Wirtschaftspolitik, 7. Aufl., T\u00fcbingen: Mohr Siebeck.<\/p>\n<p>Follert, F., Daumann, F. (2021), Social Media und Cancel Culture. Einige eigentumsethische Bemerkungen. Wirtschaftliche Freiheit vom 30. Juli 2021, abrufbar unter: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29488\">http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=29488<\/a>, letzter Zugriff 29.01.2022.<\/p>\n<p>Frey, B.S., Ulbrich, C. (2013), Die E-Mail-Flut eind\u00e4mmen. Ein Vorschlag. \u00d6konomenstimme vom 16. Dezember 2013, abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.oekonomenstimme.org\/artikel\/2013\/12\/die-e-mail-flut-eindaemmen-ein-vorschlag\/\">https:\/\/www.oekonomenstimme.org\/artikel\/2013\/12\/die-e-mail-flut-eindaemmen-ein-vorschlag\/<\/a>, letzter Zugriff 29.01.2022.<\/p>\n<p>Frey, B.S., Ulbrich, C. (2014), Unwichtige E-Mails kosten das Doppelte. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. April 2014, S.\u00a016.<\/p>\n<p>Heinze, E. (2016), Hate speech and democratic citizenship. Oxford: Oxford University Press.<\/p>\n<p>Howard, J. W. (2019), Free speech and hate speech, in: Annual Review of Political Science, 22: 93\u2013109.<\/p>\n<p>Kahlweit, C. (2022), Journalistin nach Tweet zur Wannseekonferenz gefeuert. S\u00fcddeutsche Zeitung online, vom 26. Januar 2022, abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/oesterreich-twitter-wannseekonferenz-1.5515639\">https:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/oesterreich-twitter-wannseekonferenz-1.5515639<\/a>, letzter Zugriff 29.01.2022.<\/p>\n<p>Schauer, F. (1982) Free Speech: A Philosophical Inquiry. Cambridge, UK: Cambridge Univ. Press.<\/p>\n<p>Simpson, R. M. (2013), Dignity, Harm, And Hate Speech, in: Law and Philosophy 32(6): 701\u2013728.<\/p>\n<p>Velasco, J. C. (2020), You are Cancelled: Virtual Collective Consciousness and the Emergence of Cancel Culture as Ideological Purging, in: Rupkatha Journal on Interdisciplinary Studies in Humanities, 12(5), 1-7.<\/p>\n<p>Waldron, J. (2012), The Harm in Hate Speech. Cambridge, Mass.: Harvard University Press.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> In ihrem Artikel in der S\u00fcddeutschen Zeitung, gibt Kahlweit den zitierten Tweet falsch wieder, da sie den Partikel \u201eauch\u201c ausl\u00e4sst. Korrekt wird Dobler etwa auf <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/medien\/wannseekonferenz-journalistin-bezeichnet-holocaust-planer-auf-twitter-als-sozialisten-SKOZUYV3SBFE5A3NAUH5UHG2AM.html\">https:\/\/www.rnd.de\/medien\/wannseekonferenz-journalistin-bezeichnet-holocaust-planer-auf-twitter-als-sozialisten-SKOZUYV3SBFE5A3NAUH5UHG2AM.html<\/a> zitiert.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem die nunmehr designierte Ko-Vorsitzende von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen, Ricarda Lang, ihre erste Rede im Bundestag hielt, wurde unter dem Hashtag #RicardaLang auf Twitter eine &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30504\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eO tempora, o mores <br \/><font size=3; color=grey>Verunglimpfung in den sozialen Medien und ihre Kosten <\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":350,"featured_media":30507,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[42],"tags":[1747,3310,1648,4101],"class_list":["post-30504","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-mediales","tag-daumann","tag-follert","tag-soziale-medien","tag-verunglimpfung"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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