{"id":30578,"date":"2022-02-25T00:16:49","date_gmt":"2022-02-24T23:16:49","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30578"},"modified":"2022-02-25T07:22:59","modified_gmt":"2022-02-25T06:22:59","slug":"gastbeitrag-warum-ist-die-bundesregierung-so-nachgiebig-im-umgang-mit-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30578","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Warum ist die Bundesregierung so nachgiebig im Umgang mit Russland?"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Konflikt mit Russland droht die au\u00dfergew\u00f6hnlich friedliche Phase in Europa zu beenden. Verwunderlich ist daher, wie bedeckt sich die deutschen Politiker halten. <\/em><\/p>\n<p><em>Der Beitrag vom 20. Januar 2022 ist auch heute &#8211; am Tag nach dem russischen \u00dcberfall der Ukraine &#8211; noch sehr lesenswert (NB).<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wer im Kalten Krieg aufgewachsen ist und die Jahrzehnte der Aufr\u00fcstung mit Phasen gegenseitiger Bedrohungen erlebt hat, kann sich nun bewusst dar\u00fcber werden, wie besonders die vergangenen drei\u00dfig Jahre verlaufen sind. Wir haben seit 1990 in einer \u2013 f\u00fcr europ\u00e4ische Verh\u00e4ltnisse der letzten 300 Jahre \u2013 au\u00dfergew\u00f6hnlich friedlichen Phase gelebt. Dieser Frieden scheint gerade in Gefahr zu geraten. Auf einmal fahren wieder Panzer an europ\u00e4ischen Grenzen auf und bedrohen russische Politiker ihre europ\u00e4ischen Nachbarn verbal.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund kann man sich nur wundern, wie entspannt die meisten deutschen Politiker angesichts der wohl gr\u00f6\u00dften Bedrohung f\u00fcr den Frieden auf dem europ\u00e4ischen Kontinent seit dem Jugoslawien-Krieg auftreten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die russische Armee an der ukrainischen Grenze ihre Kr\u00e4fte weiter massiert und die russische Regierung von dem nordatlantischen Verteidigungsb\u00fcndnis (NATO) sowie von Finnland und Schweden weiterhin Unm\u00f6gliches verlangt, h\u00e4lt sich die Bundesregierung \u2013 mit Ausnahme der Au\u00dfenministerin \u2013 seltsam bedeckt. Man h\u00f6rt vornehmlich aus den Reihen der Sozialdemokraten (SPD) Beschwichtigungsphrasen und Ermahnungen, die russischen Befindlichkeiten nicht zu st\u00f6ren; so soll auf keinen Fall durch die Lieferung von Verteidigungswaffen an die Ukraine eine Provokation Russlands erfolgen. Mit wenigen Ausnahmen scheinen sie den Aufmarsch von etwa 100.000 russischen Soldaten an der Grenze zur Ukraine f\u00fcr v\u00f6llig normal und nicht weiter beanstandungsw\u00fcrdig zu halten.<\/p>\n<p>Traditionell argumentiert die Linkspartei \u00e4hnlich. V\u00f6llig \u00fcberraschend ist au\u00dferdem die Aussage von Friedrich Merz, des designierten Vorsitzenden der Christdemokraten (CDU), dass Russland nicht aus dem internationalen Abrechnungssystem SWIFT ausgeschlossen werden d\u00fcrfe, sollte es die Ukraine \u00fcberfallen. Zu gro\u00df und negativ w\u00e4ren die Konsequenzen f\u00fcr das internationale Finanzsystem und f\u00fcr die deutsche Exportwirtschaft. Selbst die fortgesetzte Belieferung Deutschlands durch russisches Gas mittels der neuen Nord-Stream-2-Pipeline nach einem \u00dcberfall wird in diesem Zusammenhang nicht vollst\u00e4ndig ausgeschlossen. Immerhin hat Bundeskanzler Scholz in den vergangenen Tagen angedeutet, dass die Nutzung der Pipeline ausgesetzt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Reicht das Kostenargument aus, um ein Appeasement zu begr\u00fcnden? Wird Wladimir Putin, f\u00fcr den der Zerfall der Sowjetunion eine der gr\u00f6\u00dften Katastrophen der Geschichte der Menschheit war, sich von R\u00fccksichtnahme auf die \u201arussische Seele\u2018 beruhigen lassen? Glauben die Politiker wirklich, dass die russische Regierung ohne eine klare Strategie auftritt? Muss man nicht eher davon ausgehen, dass die russische Regierung die deutschen Befindlichkeiten l\u00e4ngst in ihrem Verhalten ber\u00fccksichtigt hat? Das f\u00fchrt zu der verst\u00f6renden Frage, ob die Deutschen aus der Geschichte nicht gelernt haben?<\/p>\n<p>Vermutlich sind die Konsequenzen eines Ausschlusses Russlands aus SWIFT f\u00fcr die deutsche Wirtschaft tats\u00e4chlich sehr negativ, zumindest in der kurzen Frist. Und die Festlegung der Bundesregierung (und ihrer Vorg\u00e4ngerregierung), auf Gas als \u00dcbergangstechnologie in der Transformation von fossiler auf erneuerbare Energie macht es teuer, auf russisches Gas zu verzichten. Zumal als Antwort auf eine Sanktion aus dem Westen vermutlich ein kurzfristiger Boykott der Gaslieferungen von russischer Seite nicht unwahrscheinlich w\u00e4re; in der mittleren Frist d\u00fcrfte die russische Regierung auf die Gaseinnahmen angewiesen sein.<\/p>\n<p>Das reicht aber nicht aus, vage und z\u00f6gerlich zu agieren. Denn es kann kein Zweifel daran bestehen, dass es f\u00fcr die deutsche Wirtschaft erheblich teurer werden w\u00fcrde, k\u00e4me es zum Krieg in der Ukraine. Dann w\u00e4re nicht nur das Verh\u00e4ltnis der beiden L\u00e4nder betroffen, unter anderem mit dem Ausfall von Gaslieferungen, verringerten Exporterl\u00f6sen und St\u00f6rungen des internationalen Zahlungsverkehrs. Auch die politische Lage auf dem Kontinent w\u00fcrde verworrener. Langfristig sind weit h\u00f6here Kosten als St\u00f6rungen eines internationalen Abrechnungssystems zu erwarten. H\u00e4tte Russland den Krieg dann sogar ohne nennenswerte Kosten gef\u00fchrt, weil die Deutschen sich nicht klar \u00e4u\u00dferten und die Sanktionen insgesamt eher lax ausfielen, k\u00f6nnte die Regierung dies als Einladung betrachten, die Aggressionen auf das Baltikum oder Polen auszudehnen. Die Stabilit\u00e4t des Kontinents w\u00e4re dadurch erheblich gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich d\u00fcrfte die z\u00f6gerliche Haltung der Bundesregierung gegen\u00fcber dem aggressiven russischen Auftreten die Verb\u00fcndeten noch weiter verprellen. Das Beharren auf Inbetriebnahme von Nord Stream 2 (weil es ein rein wirtschaftliches Projekt sei) hat bereits heute f\u00fcr Verstimmung gesorgt. Weiteres Z\u00f6gern wird die Bereitschaft der Partner, im Falle der Zuspitzung des Konflikts den deutschen Energiehunger zu stillen, eher noch reduzieren.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund wird es Zeit, eine klarere Haltung zu entwickeln und keinen Zweifel daran zu lassen, dass ein Krieg in der Ukraine f\u00fcr die russische Seite mit harten und teuren Sanktionen verbunden ist. Die Sanktionsandrohungen der NATO-Partner sollten nicht l\u00e4nger durch deutsche Politiker verw\u00e4ssert werden. Das ist nicht nur im Interesse der Ukraine, sondern auch in unserem Interesse.<\/p>\n<p>Auch in diesem Zusammenhang zeigt sich, dass es strategisch unklug ist, dr\u00e4ngende Probleme jeweils isoliert zu betrachten. Unsere Energieversorgung, die Sicherheitslage der Ukraine und der Klimaschutz scheinen weit st\u00e4rker verwoben zu sein, als es in Berlin wahrgenommen beziehungsweise anerkannt wird. Mit dem Versuch der radikalen L\u00f6sung des Klimaproblems \u2013 Abschaltung aller konventionellen Kraftwerke m\u00f6glichst schnell \u2013 tr\u00e4gt die Bundesregierung unter Umst\u00e4nden zu einer instabilen Sicherheitslage in Europa genauso bei wie zu St\u00f6rungen der Energieversorgung hierzulande. Letztere wiederum k\u00f6nnen Aggressoren ermutigen und zu Streit innerhalb des westlichen B\u00fcndnisses f\u00fchren.<\/p>\n<p>Insofern k\u00f6nnte sich die voreilige Festlegung der Bundesregierung auf einen sehr schnellen Atomausstieg in zweierlei Hinsicht nachteilig auswirken. Zum Ersten haben sich die Deutschen insofern angreifbar gemacht, als dass sie zumindest vor\u00fcbergehend besonders abh\u00e4ngig vom Gas zu sein scheinen. Zum Zweiten k\u00f6nnte der Ausstieg von der russischen Regierung als ein Signal dahingehend aufgefasst worden sein, dass die Bundesregierung russischen Aggressionen gegen\u00fcber unentschlossen auftreten w\u00fcrde. Ob es so ist, wird man wohl nicht erfahren. Man sagt der russischen Regierung aber nach, immer das Gesamtbild im Auge zu behalten. Das sollte sich die Bundesregierung zum Vorbild nehmen.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Der Beitrag erschien am <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/politik\/deutschland\/freytags-frage-warum-ist-die-bundesregierung-so-nachgiebig-im-umgang-mit-russland\/27993664.html\">20. Januar 2022<\/a> in der Online-Ausgabe der Wirtschaftswoche.<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30523\">Russland fordert die NATO heraus. <\/a><span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Wie glaubw\u00fcrdig sind Sanktionsdrohungen? <\/span><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Konflikt mit Russland droht die au\u00dfergew\u00f6hnlich friedliche Phase in Europa zu beenden. Verwunderlich ist daher, wie bedeckt sich die deutschen Politiker halten. 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