{"id":3069,"date":"2010-04-02T00:01:51","date_gmt":"2010-04-01T23:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=3069"},"modified":"2023-12-14T14:20:21","modified_gmt":"2023-12-14T13:20:21","slug":"gastbeitragkeusch-und-reichwarum-die-katholische-kirche-am-zoelibat-festhaelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=3069","title":{"rendered":"<b>Gastbeitrag<\/b><br>Keusch und reich<br><b>Warum die katholische Kirche am Z\u00f6libat festh\u00e4lt<\/b>"},"content":{"rendered":"<p>So frech wie Gregor von Montelongo ist wohl kein Zweiter gewesen. Freilich hatten es auch andere mit dem Z\u00f6libat nicht so genau genommen. Bischof Heinrich von Basel zum Beispiel hinterlie\u00df bei seinem Tod im Jahre 1238 20 Kinder; beim Kollegen Heinrich von L\u00fcttich, der 1281 starb, sollen es sogar 61 gewesen sein. Gregor von Montelongo aber, offensichtlich dem Humor zugeneigt, setzte sich \u00fcber das Z\u00f6libat-Gesetz des Papstes auf ganz besondere Weise hinweg. &#8222;Si non caste tamen caute&#8220;, lie\u00df der Oberhirte der Lombardei 1251 als Wahlspruch in sein Wappen setzen: \u201eWenn nicht keusch, so doch wenigstens vorsichtig.\u201c<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Bereits in den ersten Jahrhunderten hatte es zahlreiche Versuche gegeben, den Kirchenangeh\u00f6rigen den sexuellen Umgang zu verbieten. Im 4. Jahrhundert verlangte Kirchenvater Hieronymus, dass die Priester auf den Geschlechtsverkehr mit ihren Frauen verzichten sollten, und im selben Jahrhundert forderte die Synode im spanischen Elvira, jene Kleriker zu verjagen, die mit ihren Ehefrauen nicht enthaltsam lebten und Kinder zeugten.<\/p>\n<p>1123 folgte den Forderungen das Verbot: Auf dem ersten Lateran-Konzil wurde Priestern der Umgang mit ihren Ehefrauen unter Strafe gestellt, ehe auf dem zweiten Lateran-Konzil (1139) das Z\u00f6libat-Gesetz eingef\u00fchrt wurde, wonach es nur noch unverheiratete Priester geben durfte.<\/p>\n<p>Die Idee der Enthaltsamkeit ist Jahrtausende alt, warum aber die Kirche aus der Idee ein Gesetz schuf, hat vermutlich andere, n\u00e4mlich \u00f6konomische, Gr\u00fcnde. Die Kirche hatte ein doppeltes Problem mit dem Nachwuchs. Erstens konnte kein Kirchenbesitz aufgebaut und zusammengehalten werden, wenn die Geistlichen Kinder hatten. Dann n\u00e4mlich w\u00fcrde der Reichtum an die Kinder vererbt und damit in alle Richtungen verstreut. Nur die Kinderlosigkeit ihrer \u201eAngestellten\u201c erm\u00f6glichte der katholischen Kirche, Besitzt\u00fcmer kaum vorstellbaren Ausma\u00dfes anzuh\u00e4ufen.<\/p>\n<p>Zweitens: Die Gesellschaft basierte auf dem St\u00e4ndesystem. Der Sohn wurde, was der Vater war. Der Tischlersohn wurde Tischler, der Zimmermannssohn Zimmermann. Der Priestersohn w\u00e4re somit Priester geworden. Damit aber h\u00e4tten die Kirchenoberen weniger Macht gehabt. Nicht sie h\u00e4tten entschieden, wer in den erlauchten Kreis der Kleriker aufsteigt, vielmehr h\u00e4tte der Priester und Vater seine \u201eArbeitsstelle\u201c dem Sohn vererbt. Eine Priesterkaste w\u00e4re entstanden, der es unter anderem darum gegangen w\u00e4re, Besitz und gesellschaftliche Stellung zu erlangen, um ihn dann an die eigenen Nachkommen weiterzugeben. Das konnte den Bisch\u00f6fen und dem Papst nicht gefallen.<\/p>\n<p>Hinzu kommt: Wer keine Familie hat, der ist leichter an eine Institution zu binden. Er hat mehr Zeit f\u00fcr seine Arbeit und ist im Streitfall einfacher zur R\u00e4son zubringen, weil ihm der R\u00fcckhalt der Familie fehlt. Man stelle sich einen Arbeitgeber vor, der seine Angestellten verpflichten k\u00f6nnte, sein Leben vollst\u00e4ndig in den Dienst des Unternehmens zu stellen. Ein Traum &#8211; f\u00fcr den Arbeitgeber.<\/p>\n<p>Das Z\u00f6libat also hat der katholischen Kirche Macht und Reichtum beschert. Und jede Menge \u00c4rger. Neun von zehn Deutschen <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article6841555\/Mehrheit-der-Deutschen-will-Zoelibat-abschaffen.html\">sind der Ansicht<\/a>, das Z\u00f6libat sei nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df und geh\u00f6re abgeschafft. Die j\u00fcngst ans Licht gekommenen Missbrauchsf\u00e4lle haben die Z\u00f6libat-Debatte zus\u00e4tzlich befeuert. <a href=\"http:\/\/de.reuters.com\/article\/domesticNews\/idDEBEE62C07320100313\">Manche sehen einen Zusammenhang<\/a> zwischen der Ehelosigkeit der Priester und dem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Kircheneinrichtungen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chliche Kausalit\u00e4t oder haltloser Vorwurf? Zumindest vorstellbar, antwortet die \u00d6konomie. Die denkt gerne in Opportunit\u00e4tskosten. Darunter versteht man, worauf der Mensch verzichten muss, wenn er sich f\u00fcr eine Sache entscheidet. Wer in den Sommerurlaub f\u00e4hrt, der wird eine sch\u00f6ne Zeit verbringen, aber er wird sich vielleicht kein neues Auto leisten k\u00f6nnen. Wer sich f\u00fcr ein Leben auf dem Land entscheidet, genie\u00dft die Ruhe, aber er verzichtet auf die kulturelle Vielfalt der Stadt. Von den Opportunit\u00e4tskosten h\u00e4ngen unsere Entscheidungen ab. Ist das Auto kurz vor dem Kolbenfresser, wird der Sommerurlaub vielleicht ausfallen. Vermisst der aufs Land gezogene die Theaterbesuche, wird er eventuell wieder in die Stadt ziehen.<\/p>\n<p>Wer Priester wird, hat hohe Opportunit\u00e4tskosten. Seinem Arbeitgeber verspricht er, auf Familie und Sex zu verzichten. Bricht er das Versprechen, kann er Amt und Einkommen verlieren. Wem diese Kosten zu hoch sind, der wird nicht katholischer Priester.<\/p>\n<p>Was aber bestimmt die H\u00f6he der Opportunit\u00e4tskosten? In fr\u00fcheren Zeiten war es der Wert einer heterosexuellen Beziehung. Darauf verzichtete, wer Priester wurde. Sie war die einzig akzeptierte Beziehungsform. Eine schwule Beziehung offen zu leben, war meist genauso unm\u00f6glich, wie p\u00e4dophile Neigungen auszuleben. In beiden F\u00e4llen waren die Opportunit\u00e4tskosten gering: Wer mit diesen Neigungen Priester wurde, musste wenig aufgeben.<\/p>\n<p>Das Konstrukt von den Opportunit\u00e4tskosten legt nahe, dass unter katholischen Priestern der Anteil Heterosexueller niedriger ist als im Durchschnitt der Bev\u00f6lkerung. Es ist aber anzunehmen, dass der Anteil schwuler Priester aktuell abnimmt. Denn wo Schwule, ihre sexuelle Orientierung zunehmend offen leben k\u00f6nnen, steigen auch deren Opportunit\u00e4tskosten f\u00fcr den Priesterberuf.<\/p>\n<p>Freilich h\u00e4ngt die Berufswahl nicht ausschlie\u00dflich an den Opportunit\u00e4tskosten. Die Kosten sind nur die eine Seite. Die Entscheidung f\u00fcr oder gegen den Priesterberuf wird nicht nur davon bestimmt, worauf man verzichtet (Kosten), sondern auch von dem, was man gewinnt, den Vorteilen (Nutzen). Der Priesterberuf kann Genugtuung bringen, ein Leben, das man Gott widmet, kann ein erf\u00fclltes sein.<\/p>\n<p>Aber warum den Priestern nicht frei stellen, wie sie leben m\u00f6chten? Zumal es der Kirche an Nachwuchs mangelt. Zudem sind die urspr\u00fcnglichen Gr\u00fcnde bei der Einf\u00fchrung des Z\u00f6libats nicht mehr vorhanden. Das St\u00e4ndesystem gibt es nicht mehr. Und die Gefahr, dass der Reichtum der Kirche durch Vererbung verstreut wird, ist kaum mehr vorhanden: Priester und Bisch\u00f6fe sind wie Angestellte, sie erhalten einen Lohn. Ob sie das Geld vollst\u00e4ndig ausgeben oder einen Teil davon sparen und an ihre Kinder vererben, hat keinen Einfluss auf das Verm\u00f6gen der Kirche.<\/p>\n<p>Die katholische Kirche sollte dennoch besser nicht vom Z\u00f6libat lassen. Das zumindest ist der <a href=\"http:\/\/ideas.repec.org\/p\/iso\/wpaper\/0115.html\">Ratschlag<\/a> von vier Wissenschaftlern der betriebswirtschaftlichen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Z\u00fcrich. Sie haben die Vor- und Nachteile, die das Z\u00f6libat f\u00fcr die katholische Kirche mit sich bringt, abgewogen. Ihr Fazit: Auf dem vielf\u00e4ltigen Markt der religi\u00f6sen Angebote positioniert sich die katholische Kirche durch das Z\u00f6libat stark und eindeutig &#8211; und zwar als konservativ. Au\u00dferdem zieht sie durch das Z\u00f6libat nur jene potentiellen Priester an, die dieser konservativen Ausrichtung wohlgesonnen sind, was die Einheit der Kirche (und damit die Marke \u201eKatholische Kirche\u201c) st\u00e4rkt. Diese Positionierung erh\u00f6he die Spendenbereitschaft unter den Gl\u00e4ubigen, so die Wissenschaftler.<\/p>\n<p>Also alles lassen wie es ist? Paulus, dem Gr\u00fcnder der Kirche, w\u00e4re dies zu Beginn seiner Missionszeit wohl recht gewesen. Der Ehe schien er nicht sonderlich zugetan. \u201eIch w\u00fcnschte, alle Menschen w\u00e4ren (unverheiratet) wie ich (Paulus)\u201c, schreibt er im ersten Korinther-Brief. Seine Abneigung gegen\u00fcber der Ehe aber hatte vermutlich einen ganz speziellen Grund: Paulus war der \u00dcberzeugung, dass es gar keinen Sinn mehr mache, Kinder zu zeugen, da das Gottesreich kurz bevorstehe.<\/p>\n<p>Als sich dieses Gottesreich dann doch nicht so schnell einstellen wollte, \u00e4nderte sich auch seine Einstellung. Im ersten Brief an Timotheus schreibt Paulus, dass ein Bischof \u201eein guter Familienvater sein und seine Kinder zu Gehorsam und allem Anstand erziehen\u201c soll. Denn so folgert er: \u201eWer seinem eigenen Hauswesen nicht vorstehen kann, wie soll der f\u00fcr die Kirche Gottes sorgen?\u201c<\/p>\n<p>Es sieht so aus, als m\u00fcsste sich die katholische Kirche entscheiden, ob sie den Worten Paulus oder einem erfolgreichen Marketingkonzept folgen will.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So frech wie Gregor von Montelongo ist wohl kein Zweiter gewesen. Freilich hatten es auch andere mit dem Z\u00f6libat nicht so genau genommen. 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