{"id":30693,"date":"2022-04-26T00:02:13","date_gmt":"2022-04-25T23:02:13","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30693"},"modified":"2022-04-26T05:36:07","modified_gmt":"2022-04-26T04:36:07","slug":"buechermarkt-einfach-zu-einfach-kommen-demokratien-noch-klar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30693","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>B\u00fccherMarkt <\/font><br\/>Einfach zu einfach <br\/><font size=3; color=grey>Kommen Demokratien noch klar? <\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Wie konnte es eigentlich passieren, dass wir am 24. Februar aus allen Wolken gefallen sind, weil Putin in die Ukraine einmarschierte? Warum waren wir so ahnungslos, so naiv, so vertrauensselig? Und warum glauben die meisten Russen Putin jeden noch so haneb\u00fcchenen Unsinn und w\u00e4hlen ihn und seine Partei? Wie bringen wir diese Dinge mit der Vorstellung zusammen, dass wir aufgekl\u00e4rt sind, in einer funktionierenden Demokratie leben und Menschen die Lektionen aus der Geschichte gelernt haben?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Antworten auf diese Fragen erh\u00e4lt man, wenn man sich mit den M\u00f6glichkeiten und Grenzen besch\u00e4ftigt, die Demokratien bei der Bew\u00e4ltigung komplexer Probleme haben. Das geschieht in dem Buch \u201eEinfach zu einfach. Wie die leichten L\u00f6sungen unserer Demokratie bedrohen\u201c. Ausgangspunkt aller \u00dcberlegungen ist ein echtes Dilemma, in dem Menschen schon seit sehr langer Zeit stecken. Einerseits treibt uns das Verlangen an, unsere Umwelt verstehen zu wollen. Psychologen sprechen dabei vom \u201eSense making Trieb\u201c, der \u00e4hnlich stark ist, wie der Sexualtrieb. Andererseits ist unsere Umwelt viel zu kompliziert, als dass wir sie tats\u00e4chlich umfassend verstehen k\u00f6nnten. Wir sind mit unserem Trieb st\u00e4ndig \u00fcberfordert, denn wir k\u00f6nnen ihn nicht wirklich befriedigen. Deshalb greifen wir zu Kompensationen. K\u00f6nige, Kaiser und die Kirche haben jahrhundertelang die Welterkl\u00e4rung f\u00fcr uns \u00fcbernommen. Aber seit wir in Demokratien leben, hat sich die Lage ver\u00e4ndert. Seither ist es so, dass jede L\u00f6sung f\u00fcr ein gesellschaftlich relevantes Problem letztlich der Zustimmung einer Mehrheit bedarf. Das ist nun einmal das demokratische Prinzip. Die L\u00f6sungen werden den Menschen dabei von der Politik angeboten, in der ein st\u00e4ndiger Wettbewerb stattfindet, bei dem es darum geht, diejenigen, die abstimmen, davon zu \u00fcberzeugen, dass die eigene L\u00f6sung die beste ist. Damit ist klar, dass die Qualit\u00e4t, zu der demokratisch produzierte L\u00f6sungen f\u00e4hig sind, davon abh\u00e4ngt, wie gut die jeweiligen Mehrheiten \u00fcber die anstehenden Probleme und deren L\u00f6sungen informiert sind. An dieser Stelle holt uns das Dilemma ein. Wir k\u00f6nnen gar nicht so gut informiert sein, wie wir m\u00fcssten, wenn wir die richtigen L\u00f6sungen aussuchen wollen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Beschaffung von Informationen teuer ist und viel M\u00fche macht. Warum die auf sich nehmen, wenn die Stimme, die man bei der Wahl abgibt, praktisch kein Gewicht hat, weil man eben nur einer oder eine von Millionen ist?!<\/p>\n<p>Was wir brauchen, ist eine geeignetes Form der Komplexit\u00e4tsreduktion, die es uns erlaubt, auch mit geringem Aufwand eine gute Entscheidung zu treffen. In Deutschland hatten wir lange Zeit ein gut funktionierendes Instrument daf\u00fcr. Wir haben uns bei der Wahl einfach an der Weltanschauung orientiert, die von \u201elinks\u201c nach \u201erechts\u201c geordnet war. Links war man f\u00fcr Umverteilung und mehr Demokratie, rechts f\u00fcr Wettbewerb und hierarchische Ordnungen und in der Mitte war man f\u00fcr Freiheit und weniger B\u00fcrokratie. Wer eine linke oder rechte Partei w\u00e4hlte, wusste, wof\u00fcr diese sich einsetzen w\u00fcrde. Die Details waren nicht so wichtig, weil es f\u00fcr fast alle Probleme eben linke oder rechte L\u00f6sungen gab. Die Wahl wurde so radikal vereinfacht. Die Stimme bekommt die Partei, die mir weltanschaulich am n\u00e4chsten steht. Das hat vergleichsweise gut funktioniert und uns f\u00fcr lange Zeit eine sehr stabile politische Situation eingebracht.<\/p>\n<p>Aber die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert. F\u00fcr die Probleme, die uns heute umtreiben gibt es keine &#8222;linken&#8220; oder &#8222;rechten&#8220; L\u00f6sungen. Der Zusammenhang zwischen Weltanschauung und Probleml\u00f6sungsansatz ist verloren gegangen. Das gilt f\u00fcr das Klimaproblem genauso wie f\u00fcr den demographischen Wandel, die Migrationsfrage oder die, wie wir mit k\u00fcnstlicher Intelligenz umgehen sollen und f\u00fcr viele andere wichtige Fragen. Wenn aber die ideologische Verortung nicht mehr als Instrument der Komplexit\u00e4tsreduzierung funktioniert, was dann? Dann treten an die Stelle von Weltanschauungen Narrative. Einfache Geschichten, die uns die Welt erkl\u00e4ren. Angeboten werden sie uns von der Politik, denn die hat gar keine andere Wahl. Nur mit simplen Geschichten dringt sie zu uns durch. F\u00fcr aufw\u00e4ndige und komplizierte Erkl\u00e4rungen haben wir weder Zeit noch Lust. Nun ist das mit den Narrativen aber so eine Sache. Es gibt gute, die uns die Welt erkl\u00e4ren und dabei das beste verf\u00fcgbare Wissen benutzen. Es gibt schlechte, die einfach zu einfach sind, um ein Problem wirklich zu l\u00f6sen und die sich nur deshalb durchsetzen, <em>weil<\/em> sie so einfach sind. Und es gibt die sehr schlechten Narrative, die aus einer verzerrten Wahrnehmung der Welt stammen und uns verf\u00fchren sollen. Beispiele f\u00fcr die zuletzt genannten gibt es zu Gen\u00fcge und Putin f\u00fchrt uns gerade vor, dass sie auch heute noch in der Lage sind, einen Krieg zu rechtfertigen. Damit stellt sich die Frage, wie wir es schaffen, dass sich in unseren Demokratien vor allem die guten Narrative durchsetzen. Um diese Frage beantworten zu k\u00f6nnen, muss man wissen, wie Narrative funktionieren, warum sie so beliebt sind, wie sie sich verbreiten und wie man schlechte Narrative ver\u00e4ndern oder verbannen kann.<\/p>\n<p>Die Psychologie und die Verhaltens\u00f6konomik haben einiges zu diesen Fragen beizutragen. Narrative haben unglaubliche Macht. Sie sind der Stahl, aus dem Kanonen oder Pfl\u00fcge geschmiedet werden k\u00f6nnen. Sie haben der Demokratie zum Durchbruch verholfen und den Holocaust m\u00f6glich gemacht und sie erlauben es, das Ukrainische Volk als Nazis zu verunglimpfen. Narrative wachsen auf dem Boden der Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung und sie werden von starken psychologischen Bodyguards bewacht. Informationsvermeidung und der sogenannte Confirmation Bias, der nur passende Informationen vorbei l\u00e4sst, geh\u00f6ren dazu. Das Ergebnis der Forschung auf diesem Gebiet ist leider nicht sehr ermutigend. Sehr schlechte und schlechte Narrative haben sehr gute Chancen im politischen Wettbewerb.<\/p>\n<p>In dem Buch &#8222;Einfach zu einfach&#8220; wird ein Gedanke vorgestellt, der es erlaubt Aussagen dar\u00fcber zu machen, wie anf\u00e4llig eine Gesellschaft f\u00fcr die unerw\u00fcnschten Narrative ist. Entscheidend ist dabei das &#8222;Median-Verst\u00e4ndnis&#8220;. Menschen k\u00f6nnen gut oder schlecht \u00fcber ein Problem informiert sein. Ordnet man sie nach ihrem Verst\u00e4ndnis auf einer Skala an, so dass ganz links gar kein Wissen vorliegt und ganz rechts das beste verf\u00fcgbare, dann ist das Median-Verst\u00e4ndnis, dasjenige des Menschen, von dem aus 50 Prozent besser und 50 Prozent schlechter informiert sind. Damit eine Politik die Abstimmung \u00fcber einen Probleml\u00f6sungsvorschlag gewinnen kann, muss sie diesen Vorschlag dem Medina-Verst\u00e4ndnis schmackhaft machen. Vorschl\u00e4ge k\u00f6nnen dabei aus beiden Richtungen kommen. Von links (wenig Wissen) kommen die sehr schlechten Narrative und wenn das Median-Verst\u00e4ndnis sehr weit links angesiedelt ist, dann k\u00f6nnen sehr schlechte Narrative die Wahl gewinnen. Das lie\u00df sich bei Trump beobachten und wiederholt sich bei Putin. Von der rechten, der besser informierten Seite, k\u00f6nnen gute und schlechte (weit zu einfache) Narrative kommen. Sie zu unterscheiden ist nicht einfach, aber es ist sehr wichtig, dass wir besser darin werden, denn sonst m\u00fcssen Demokratien vor den komplexen Problemen der Gegenwart und der Zukunft kapitulieren.<\/p>\n<p>Das Buch schlie\u00dft mit einigen \u00dcberlegungen, wie wir Strukturen ver\u00e4ndern m\u00fcssen, damit wir Narrative besser beurteilen k\u00f6nnen als das heute m\u00f6glich ist. Die zentralen Institutionen sind dabei die Wissenschaft und die Medien. Aber letztlich kommt es auf die Endverbraucher von Information an, uns alle. Medien berichten nur das, was Menschen lesen oder anschauen wollen und Politiker sagen nur das, was Medien berichten. Deshalb sind es am Ende die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler, die bestimmen, welche Qualit\u00e4t unsere Demokratie hat. Aber durch geschickte institutionelle Ver\u00e4nderungen lassen sich die Bedingungen f\u00fcr eine gelungene Befriedigung des sense Making Triebes deutlich verbessern.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie konnte es eigentlich passieren, dass wir am 24. Februar aus allen Wolken gefallen sind, weil Putin in die Ukraine einmarschierte? 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