{"id":30709,"date":"2022-03-23T00:12:56","date_gmt":"2022-03-22T23:12:56","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30709"},"modified":"2022-03-23T06:43:32","modified_gmt":"2022-03-23T05:43:32","slug":"gastbeitrag-wirtschaftskrieg-als-moralische-pflicht-drei-ordonomische-einwaende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30709","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Wirtschaftskrieg als moralische Pflicht? <br\/><font size=3; color=grey>Drei ordonomische Einw\u00e4nde <\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Russland f\u00fchrt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Da f\u00e4llt es nicht schwer, T\u00e4ter und Opfer auszumachen. Den Opfern gilt unser Mitleid, den T\u00e4tern unser Zorn. Diese Emotionen ziehen Moralurteile nach sich. Wir unterscheiden zwischen Opfern und T\u00e4tern nach dem Schema von Gut und B\u00f6se. Dies wiederum verst\u00e4rkt die Emotionen. Das alles ist ethisch (= moraltheoretisch) leicht nachzuvollziehen. Aber ist es auch klug? Oder noch pointierter gefragt: Gibt es vielleicht sogar moralische Bedenken gegen diese Art von Moralzuschreibung und \u2013 dies vor allem \u2013 gegen die nicht-intendierten, aber gleichwohl absehbaren Folgen dieser Dichotom(an)ie, streng dualistisch zwischen Gut und B\u00f6se zu trennen (und sich selbst dabei nat\u00fcrlich auf der Seite des Guten zu verorten)?<\/p>\n<p>Im Hinblick auf diese Fragestellung habe ich vor kurzem aus der Perspektive des ordonomischen Ansatzes zur Wirtschafts- und Unternehmensethik<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> zu bedenken gegeben, dass die derzeit dominante Moralperspektive nicht nur gute, sondern auch schlechte Auswirkungen hat.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Zu begr\u00fc\u00dfen ist, dass die Kriegsfl\u00fcchtlinge aus der Ukraine in Europa mit gro\u00dfer Hilfsbereitschaft aufgenommen werden. Nicht zu begr\u00fc\u00dfen ist, dass der dominante Blickwinkel unser Nachdenken \u00fcber den strategischen Einsatz von positiven und negativen Sanktionen verzerrt. Dadurch wird \u00fcbersehen, dass wir auch russische Deserteure begr\u00fc\u00dfen sollten, anstatt einfach nur Waffen ins Kriegsgebiet zu liefern. Meine Begr\u00fcndung: \u201eDie erste Moralperspektive [der Bestrafung] l\u00e4sst uns dar\u00fcber nachdenken, wie wir den Ukrainern helfen k\u00f6nnen, russische Soldaten umzubringen. Die zweite Moralperspektive [der Belohnung] l\u00e4sst uns dar\u00fcber nachdenken, wie wir russische Soldaten davon abbringen k\u00f6nnen, Ukrainer umzubringen. Die zweite Perspektive hat Vorz\u00fcge, gerade auch aus moralischer Sicht. Warum also setzen wir nicht auf disruptive Belohnung \u2013 wenigstens als Komplement?\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Nun haben sich einige namhafte Wirtschaftsethiker, die ich auch pers\u00f6nlich sehr sch\u00e4tze, mit einer ganz anders gearteten Intervention zu Wort gemeldet.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> Sie rufen westliche Unternehmen dazu auf, s\u00e4mtliche Gesch\u00e4ftsbeziehungen mit Russland sofort abzubrechen, und lassen als Ausnahme zu diesem von ihnen aufgestellten Imperativ nur ganz wenige humanit\u00e4re Lieferungen \u2013 wie beispielsweise Medikamente \u2013 zu. Sie begr\u00fcnden dies mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen und der politischen Rolle, die Unternehmen in der globalisierten Welt unweigerlich spielen (sollten). Im Namen der Wirtschaftsethik rufen die Kollegen die westlichen Unternehmen dazu auf, in einen Wirtschaftskrieg einzutreten, der \u00fcber die staatlich verordneten Wirtschaftssanktionen weit hinausgeht und auf freiwilliger Grundlage Boykott und Embargo radikal eskaliert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zu dieser Intervention m\u00f6chte ich hier aus ordonomischer Sicht kritisch Stellung nehmen. Ich halte den Imperativ und die ihm zugrunde liegende Argumentation f\u00fcr schlecht begr\u00fcndet. Und dies gleich in dreierlei Hinsicht: Meine Einw\u00e4nde betreffen (1) den moralischen Status der Forderung, Boykott und Embargo ins Extrem zu steigern, (2) die zugrunde liegende Auffassung zur Verantwortung von Unternehmen und schlie\u00dflich (3) das von meinen Kollegen zum Ausdruck gebrachte Selbstverst\u00e4ndnis von Wirtschaftsethik.<\/p>\n<p><em>Erster Einwand<\/em><\/p>\n<p>Die gesamte Argumentation meiner wirtschaftsethischen Kollegen steht und f\u00e4llt mit der Annahme, dass ein freiwilliger Abbruch aller Gesch\u00e4ftsbeziehungen das aus moralischer Sicht einzig Richtige sei. Sie sind sich dessen auch bewusst. Nicht bewusst hingegen scheint ihnen zu sein, dass sie f\u00fcr diese starke Behauptung die Hintergrundannahme in Anspruch nehmen m\u00fcssen, dass (h\u00e4rtere) Wirtschaftssanktionen den Krieg (schneller) beenden, so dass Boykott und Embargo quasi proportional zur Verminderung von Leid und Tod beitragen. Diese Hintergrundannahme jedoch ist \u2013 um es mit maximaler Zur\u00fcckhaltung zu formulieren \u2013 nicht \u00fcber jeden Zweifel erhaben, wie folgende \u00dcberlegungen zeigen:<\/p>\n<ul>\n<li>Die westliche \u00d6ffentlichkeit hat der russischen Kriegspropaganda gewisserma\u00dfen den Ton abgestellt (das ist gut) und gleichzeitig die ukrainische Gegenpropaganda auf volle Lautst\u00e4rke gedreht (das ist nicht so gut). Sachliche Kriegsberichterstattung wurde durch Parteinahme und Befindlichkeits-Journalismus ersetzt: durch die regelm\u00e4\u00dfig ungepr\u00fcfte Kolportage ukrainischer Erfolgsmeldungen und durch umfangreiches Videomaterial, das \u00fcber die Gef\u00fchlslage derer Auskunft gibt, die zu Opfern eines grausam gef\u00fchrten Angriffskrieges geworden sind. Der Emotionalisierungsbeitrag ist hoch, der Informationsbeitrag gering. Umgekehrt w\u00e4re es besser.<\/li>\n<li>Sobald man \u2013 entgegen dem medial vermittelten Eindruck \u2013 <em>nicht<\/em> davon ausgeht, dass Russland unmittelbar davorsteht, diesen Angriffskrieg zu verlieren, zeichnen sich zwei Szenarien ab. Das erste besteht darin, dass Russland sich in Verhandlungen mit den von Putin bereits formulierten \u201eMinimal\u201c-Zielen zufrieden gibt, die da lauten: (a) nachtr\u00e4gliche Anerkennung der v\u00f6lkerrechtswidrig annektierten Krim; (b) Abtrennung ostukrainischer Provinzen; (c) dauerhaft verl\u00e4ssliche Neutralisierung der Ukraine. Das zweite Szenario l\u00e4uft darauf hinaus, dass Putin sich zur Gesichtswahrung im Inland gen\u00f6tigt sieht, die gesamte Ukraine langfristig zu besetzen. Das zweite Szenario bedeutet, dass die Menschen in der Ukraine sehr viel mehr Leid und Tod erfahren. Wie aber ist es um das von meinen Kollegen getroffene Moralurteil \u2013 und um dessen Unumstrittenheitsstatus \u2013 bestellt, wenn harte Wirtschaftssanktionen das zweite Szenario wahrscheinlicher machen?<\/li>\n<li>Russland ist der weltweit gr\u00f6\u00dfte Weizenexporteur. Die T\u00fcrkei und arabische Staaten, vor allem aber die nordafrikanischen L\u00e4nder und hier insbesondere das politisch fragile \u00c4gypten sind auf russische (und ukrainische) Weizenimporte dringend angewiesen. Gretchenfrage: Warum sollte Russland weiterhin Weizen exportieren, wenn es mit den erwirtschafteten Devisen im Westen keine G\u00fcter mehr kaufen kann? Reicht es dann aus, wenn westliche Unternehmen, die Russland aus (vermeintlich) moralischen Gr\u00fcnden nicht mehr direkt beliefern, die gew\u00fcnschten G\u00fcter erst nach Nordafrika liefern, von wo aus diese dann den Weg nach Russland finden? Oder verordnen wir im reichen Westen den armen Staaten Nordafrikas die moralische Devise, dass sie um unserer Moralurteile willen hungern sollen?<\/li>\n<li>Wie verfahren wir mit einer von Russland besetzten Ukraine? Weiten wir Boykott und Embargo dann auch auf die Opfer dieses Angriffskrieges aus? Nehmen wir zus\u00e4tzlich zur russischen Bev\u00f6lkerung in diesem Fall auch die ukrainische (Rest-)Bev\u00f6lkerung in Geiselhaft f\u00fcr die amtierende Regierung des russischen Staates?<\/li>\n<li>Wie gehen wir mit den im Westen lebenden Russen um? In M\u00fcnchen haben bereits mehrfach \u00c4rzte \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt, nur noch Ukrainer, nicht aber Russen behandeln zu wollen \u2013 und diese Erkl\u00e4rungen dann nach einer gewissen Bedenkzeit wieder zur\u00fcckgenommen. Aber Fakt ist: Russische Kulturveranstaltungen werden abgesagt, russische Bilder aus Museen genommen, russische Filme von Festivals verbannt. Hier lebende Russen werden zu Demutsgesten und Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rungen gen\u00f6tigt, ohne R\u00fccksicht darauf, wie es ihren in Russland lebenden Freunden und Verwandten daraufhin ergehen wird. Ich denke, als B\u00fcrger westlicher Gesellschaften m\u00fcssen wir uns selbstkritisch die Frage vorlegen, ob wir mit einem solchen Spie\u00dfrutenlaufen Moralimpulse ausleben, die bew\u00e4hrte Rechtsprinzipien gedankenlos einkassieren. Formelhaft zugespitzt: Behandeln wir Menschen als Individuen, oder f\u00fchren wir hier die \u2013 auf kollektiver Identit\u00e4tszuschreibung basierende \u2013 Sippenhaft wieder ein? Folgen wir bew\u00e4hrten rechtsstaatlichen Prozeduren, oder setzen wir Menschenrecht und Menschenw\u00fcrde bedenkenlos au\u00dfer Kraft, weil wir guten Gewissens mit Hilfe \u201asozialer\u2018 Medien den Pranger wiedereinf\u00fchren und folglich darauf setzen, dass ein Moralurteil ein Gerichtsurteil schon mal er\u00fcbrigen kann, ohne allzu gro\u00dfen Schaden anzurichten?<\/li>\n<li>Wer sich mit der Geschichte von Wirtschaftssanktionen vertraut macht, wird schnell feststellen, dass viele der derzeit \u00f6ffentlich artikulierten Erwartungen durch die verf\u00fcgbare empirische Evidenz nicht unterst\u00fctzt, sondern untergraben werden. Dies gilt insbesondere f\u00fcr die Hoffnungen auf einen induzierten Regimewechsel. Man schaue nur auf Kuba, Nordkorea oder Iran. Das liegt daran, dass Diktaturen mit wirtschaftlichen Misserfolgen anders umgehen (k\u00f6nnen) als Demokratien.<\/li>\n<li>Um es ganz konkret zu machen: Die Bundesrepublik hat mit Robert Habeck einen gr\u00fcnen Wirtschaftsminister, der nicht daf\u00fcr bekannt ist, ein Freund fossiler Energietr\u00e4ger zu sein. Dieser Minister kommt zu dem Schluss, es derzeit nicht verantworten zu k\u00f6nnen, die Gasimporte aus Russland von heute auf morgen zu k\u00fcndigen. Ist es wirklich ernst gemeint, dass deutschen Energieversorgungsunternehmen von ethischer Seite die Verantwortung auferlegt wird, eine solche K\u00fcndigung vorzunehmen? Und wenn es ernst gemeint ist: Wird hier den Unternehmen eine politische Rolle zugewiesen, die gegen die Entscheidungsbefugnisse einer demokratisch gew\u00e4hlten Regierung ins Spiel gebracht wird? Und wenn das so ist: Ist dies wirklich klug zu Ende gedacht?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zwischenfazit: Was ist von der Aussage meiner wirtschaftsethischen Kollegen zu halten, Unternehmen seien moralisch verpflichtet, die staatlich ergriffenen Wirtschaftssanktionen auf freiwilliger Basis durch Boykott und Embargo eskalieren zu lassen? \u2013 Meiner Einsch\u00e4tzung nach haben wir es hier mit einem Moralurteil zu tun, von dem nicht klar absehbar ist, ob es wirklich dazu beitr\u00e4gt, Leid und Tod unschuldiger Menschen zu vermindern. Es k\u00f6nnte sogar sein, dass es die \u00dcbel in dieser Welt unabsichtlich vermehrt. Die m\u00f6glichen Kollateralsch\u00e4den d\u00fcrften sogar immens sein. Deshalb frage ich mich (und meine Kollegen sowie das allgemeine Publikum): Beruht die vorgebliche Gewissheit, \u201edas richtige Handeln\u201c zu kennen und es dann von Unternehmen im obligationistischen Modus moralischer Verpflichtung vehement einzufordern, vielleicht auf einem Mangel an kognitiver Demut und einem \u00dcberschuss an ethischer Autosuggestion?<\/p>\n<p><em>Zweiter Einwand<\/em><\/p>\n<p>Meine wirtschaftsethischen Kollegen st\u00fctzen ihre Argumentation auf den bemerkenswerten Satz: \u201eFriedman war gestern\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a>. Gemeint ist Milton Friedman, der im Jahr 2008 gestorben ist. Aber soll hier wirklich insinuiert werden, dass seine <em>Argumente<\/em> gleich mit ihm gestorben sind? Und dass deshalb Unternehmen verpflichtet seien, dem gesellschaftlichen Wunsch nachzukommen, \u201eaktiv Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, die den Aggressor Russland wirtschaftlich (und damit sowohl au\u00dfen- wie innenpolitisch) schw\u00e4chen\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a>?<\/p>\n<p>Dass Friedman keineswegs pass\u00e9 ist, erkennt man m.E. recht schnell, wenn man sich vergegenw\u00e4rtigt, dass er eigentlich nur ein Argument wieder aufgegriffen hat, das sich bereits bei Immanuel Kant findet. Der hatte in seinem ber\u00fchmten Aufkl\u00e4rungsaufsatz aus dem Jahr 1784 die Unterscheidung zwischen einem (stark eingeschr\u00e4nkten) <em>privaten<\/em> und einem (uneingeschr\u00e4nkten) <em>\u00f6ffentlichen<\/em> Vernunftgebrauch eingef\u00fchrt. Der \u00f6ffentliche Vernunftgebrauch findet in der Arena eines gesellschaftlichen Diskurses statt, wo jeder frei sein sollte, seine (abweichende) Meinung kundzutun. Der private Vernunftgebrauch hingegen betrifft die Pflicht eines Auftragnehmers, seinem Auftraggeber gegen\u00fcber vertragstreu zu bleiben. Hier ist der einzelne <em>nicht<\/em> frei, von seinen Vertragspflichten abzuweichen und nach eigenem Gusto zu handeln. Daf\u00fcr gab Kant die bemerkenswerte Begr\u00fcndung, dass sonst \u201edie Gesch\u00e4fte leiden\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>. Hierbei hatte Kant nicht prim\u00e4r die Gesch\u00e4fte von Unternehmen im Blick, sondern die Staatsgesch\u00e4fte sowie die Gesch\u00e4fte von zivilgesellschaftlichen Organisationen wie etwa Kirchengemeinden. Friedman hingegen \u00fcbertr\u00e4gt dieses urspr\u00fcnglich Kantsche Argument auf das Verh\u00e4ltnis zwischen Managern und Unternehmenseignern.<\/p>\n<p>Wenn man sich der M\u00fche unterzieht, Friedmans einschl\u00e4gige Publikationen mit Sinn und Verstand zu lesen, wird man bei ihm folgende inhaltliche Positionen finden:<\/p>\n<ul>\n<li>Friedman teilte <em>nicht<\/em> die seinerzeit (und z.T. auch heute wieder) popul\u00e4re Auffassung, die gesellschaftliche Verantwortung von Gewerkschaftsf\u00fchrern bestehe darin, zum legitimen gesellschaftlichen Anliegen einer wirksamen Inflationsbek\u00e4mpfung mit vermindertem Lohndruck beizutragen, also durch einen Verrat an den Reallohninteressen der Gewerkschaftsmitglieder. Stattdessen setzte Friedman auf systemkonforme Reformoptionen, vor allem auf geldpolitische Ma\u00dfnahmen wie ein verringertes Geldmengenwachstum.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a><\/li>\n<li>Friedman teilte <em>nicht<\/em> die seinerzeit (und z.T. auch heute wieder) popul\u00e4re Auffassung, die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmensf\u00fchrern bestehe darin, zum legitimen Anliegen einer wirksamen Bek\u00e4mpfung gesellschaftlicher \u00dcbel wie beispielsweise Umweltverschmutzung mit verminderter Gewinnorientierung beizutragen, also mit einem Verrat an den Verg\u00fctungsinteressen der Unternehmenseigent\u00fcmer, die ihr Verm\u00f6gen den Managern treuh\u00e4nderisch anvertraut haben. Stattdessen setzte Friedman auf systemkonforme Reformoptionen, vor allem auf regulierungspolitische Ma\u00dfnahmen wie etwa verbesserte Eigentumsrechte an Umweltressourcen.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a><\/li>\n<li>Friedman war kein Anh\u00e4nger von Big Business. Er betrachtete das Gewinninteresse der Unternehmenseigner nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck. Er wollte dieses Gewinninteresse nutzen, um die Unternehmer durch Wettbewerb zu gemeinwohlf\u00f6rdernden Aktivit\u00e4ten anzureizen. In der Tat vertrat er die Auffassung, dass in einem funktionierenden Marktarrangement die Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung am besten durch produktive und innovative Wertsch\u00f6pfung nachkommen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\"><sup>[10]<\/sup><\/a><\/li>\n<li>Schaut man genauer hin, findet man in seinem klassischen New-York-Times-Artikel aus dem Jahr 1970 die folgende Aussage: \u201e[I]t may well be in the long run interest of a corporation that is a major employer in a small community to devote resources to providing amenities to that community or to improving its government. That may make it easier to attract desirable employees, it may reduce the wage bill or lessen losses from pilferage and sabotage or have other worthwhile effects.\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\"><sup>[11]<\/sup><\/a> Nicht dem Begriff, wohl aber der Sache nach erweist sich Milton Friedman hier als ein Anh\u00e4nger dessen, was heutzutage als \u201eCSR\u201c bezeichnet wird, als \u201eCorporate Social Responsibility\u201c im Kerngesch\u00e4ft eines Unternehmens.<\/li>\n<li>Aus heutiger Sicht kann man optimistischer sein als Friedman, dass Unternehmen in der Gesellschaft nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine politische Rolle konstruktiv aus\u00fcben k\u00f6nnen. Lobbying muss nicht als Rentseeking betrieben werden, es kann auch \u2013 als \u201eethical lobbying\u201c von \u201ecorporate citizens\u201c \u2013 dazu eingesetzt werden, um institutionelle Defizite der Rahmenordnung f\u00fcr M\u00e4rkte aufzuf\u00fcllen. Die ordonomischen Stichworte hierzu lauten \u201eOrdnungsverantwortung\u201c<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\"><sup>[12]<\/sup><\/a> und \u201eNew Governance\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\"><sup>[13]<\/sup><\/a>.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zwischenfazit: Selbst wenn man die Meinung vertritt, die ich \u2013 aufgrund meines ersten Einwands \u2013 ausdr\u00fccklich <em>nicht<\/em> teile, dass die einzig richtige Antwort auf die Frage, wie der Ukrainekrieg m\u00f6glichst schnell und m\u00f6glichst human zu beenden ist, darin besteht, dass Unternehmen Boykott und Embargo gegen Russland \u00fcber das von ihren Heimatstaaten vorgeschriebene Ausma\u00df hinaus eskalieren, dann haben wir es bei der Argumentation meiner wirtschaftsethischen Kollegen immer noch mit einem eklatanten Non-Sequitur-Fehlschluss zu tun. Zugrunde liegt folgender Denkfehler: W\u00e4ren Wirtschaftssanktionen wirklich der K\u00f6nigsweg zur Beendigung des Krieges, dann w\u00e4re es grob fahrl\u00e4ssig, dies der freiwilligen Entscheidung von im Wettbewerb stehenden Unternehmen zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Wenn, wie die Kollegen behaupten, \u201edie Gesellschaft bereits entschieden\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\"><sup>[14]<\/sup><\/a> hat, dass sie diesen Weg gehen will, dann spr\u00e4che alles <em>daf\u00fcr<\/em>, diesen Weg f\u00fcr die Unternehmen per Gesetzesanordnung verpflichtend zu machen \u2013 und alles <em>dagegen<\/em>, darauf zu setzen, dass die Unternehmen auf freiwilliger Basis und zudem in kurzer Frist eine geschlossene Front bilden (k\u00f6nnen), die Russland wirtschaftlich extrem hart sanktioniert. Meine Kollegen w\u00fcnschen sich eine allumfassende Kartell-L\u00f6sung, zu der sie die Unternehmen sogar ethisch verpflichten wollen \u2013 und verkennen dabei die auch heute noch aktuelle Einsicht Milton Friedmans, dass moderne Gesellschaften mit einer wettbewerblich verfassten Marktwirtschaft die Unternehmen einer Situationslogik systemischer Leistungsanreize unterwerfen, die genau dies vereitelt. Deshalb lautet mein zweiter Einwand, auf den Kern reduziert: <em>ultra posse nemo obligatur<\/em> \u2013 Sollen setzt K\u00f6nnen voraus.<\/p>\n<p><em>Dritter Einwand<\/em><\/p>\n<p>Meine wirtschaftsethischen Kollegen haben in einer ganz bestimmten Situation auf eine ganz bestimmte Art und Weise \u00f6ffentlich Stellung bezogen, die darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass wir unterschiedlicher Meinung sind, wie die Aufgabenstellung der Wirtschaftsethik und damit auch ihre gesellschaftliche Funktion zu bestimmen ist.<\/p>\n<p>Ich sehe den Sachverhalt so: Nach Ausbruch des Angriffskrieges gegen die Ukraine ist die traditionell friedensbewegte Bundesrepublik \u2013 in \u00d6sterreich und der Schweiz mag es sich \u00e4hnlich verhalten \u2013 in eine ausgesprochen belligerente Stimmung(smache) umgekippt. Archaische Racheinstinkte richten sich nicht nur gegen Putin, der mittlerweile als Inkarnation des B\u00f6sen gilt, sondern auch gegen Russland und sogar gegen einzelne Russen, die nach dem Motto \u201eguilt by association\u201c zum Gegenstand emotional stark empfundener Bestrafungsbed\u00fcrfnisse geworden sind. Dass das Wort \u201ePutin-Versteher\u201c zum Schimpfwort werden konnte, spricht ebenso B\u00e4nde wie die verbreitete Tendenz, sich mit der Schein-Erkl\u00e4rung zufrieden zu geben, Putin einfach f\u00fcr verr\u00fcckt zu halten. Beides befreit von der Notwendigkeit, dar\u00fcber nachzudenken, ob es in der strategischen Interaktion zwischen Ost und West Missverst\u00e4ndnisse und Fehler gegeben haben k\u00f6nnte, die man in Zukunft vielleicht lieber vermeiden will. Vor diesem Hintergrund dr\u00e4ngen sich mir drei Fragen auf:<\/p>\n<ul>\n<li>Ist es Aufgabe von (Wirtschafts-)Ethik, in einer bereits aufheizten Stimmung noch weiter \u00d6l ins Feuer zu gie\u00dfen?<\/li>\n<li>Ist es Aufgabe von (Wirtschafts-)Ethik, in den lautstarken Chor der Moralisten einzustimmen, um sie in ihrer Selbstgewissheit zu best\u00e4rken, bereits verl\u00e4sslich erkannt zu haben, \u201ewas das richtige Handeln ist\u201c<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a>?<\/li>\n<li>Ist es Aufgabe von (Wirtschafts-)Ethik, den Rache- und Bestrafungsgel\u00fcsten der \u201emoral majority\u201c ethische Unbedenklichkeitsbescheinungen auszustellen und sich mit einem wirtschaftskriegerischen Imperativ gleichsam an die Spitze der Bewegung zu stellen?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zwischenfazit: Ich tendiere dazu, alle drei Fragen mit einem entschiedenen \u201eNein\u201c zu beantworten. Meine Gegenauffassung lautet wir folgt: Die Aufgabe von (Wirtschafts-)Ethik besteht nicht darin, sich auf die Seite der Moral(isten) zu schlagen. Sie besteht vielmehr darin, auf Distanz zu ihrem Gegenstand zu gehen und zu fragen, ob es hier vielleicht einen blinden Fleck gibt, der der m\u00f6glichen Verwirklichung legitimer Anliegen im Wege steht, so dass wir es mit moralischen Selbstwiderspr\u00fcchen zu tun haben, die es ethisch (= moraltheoretisch) aufzul\u00f6sen gilt. Moralische Selbstgewissheit ist kein verl\u00e4sslicher Wahrheitsindikator. Deshalb laufen wir gerade in emotionalisierten Debatten Gefahr, das an sich begr\u00fc\u00dfenswerte Gerechtigkeitsstreben prim\u00e4r als Selbstgerechtigkeit auszuleben. Dieser Gefahr sollte (Wirtschafts-)Ethik vorbeugend im kritischen Modus der (Selbst-)Aufkl\u00e4rung begegnen.<\/p>\n<p><em>Fazit<\/em><\/p>\n<p>Meine wirtschaftsethischen Kollegen weisen im Hinblick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine als Ziel aus, \u201ediesen Krieg baldm\u00f6glichst zu beenden und Frieden zu erm\u00f6glichen.\u201c<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\"><sup>[16]<\/sup><\/a> Dieses Ziel teile ich ausdr\u00fccklich. Der Dissens beginnt erst bei den Mitteln, die geeignet sein sollen, dieses Ziel zu verwirklichen. Hierzu habe ich drei Einw\u00e4nde:<\/p>\n<ul>\n<li>Mein erster Einwand macht geltend, dass Wirtschaftssanktionen sehr wohl zur Folge haben k\u00f6nnten, Leid und Tod der ukrainischen Bev\u00f6lkerung (sowie anderer Menschen) zu verl\u00e4ngern und zu vermehren. Insofern ist das Moralurteil meiner wirtschaftsethischen Kollegen nicht \u00fcber jeden Zweifel erhaben.<\/li>\n<li>Mein zweiter Einwand macht geltend, dass selbst dann, wenn man hinsichtlich meines ersten Einwands anderer Meinung ist, also extrem harte Wirtschaftssanktionen f\u00fcr geeignet h\u00e4lt, das ausgewiesene Ziel zu erreichen, daraus keineswegs folgt, dass man die f\u00fcr n\u00f6tig gehaltene Eskalation der Wirtschaftssanktionen den Unternehmen als eine Aufgabe zuweist, die sie auf freiwilliger Basis zu erf\u00fcllen haben. Wer die Eskalierung von Boykott und Embargo f\u00fcr n\u00f6tig h\u00e4lt, sollte sie per Gesetz vorschreiben (wollen). Alles andere ist nicht marktkonform und fordert die Unternehmen nicht, sondern <em>\u00fcber<\/em>fordert sie (und bringt sie z.T. sogar in Konflikt mit der Entscheidungsverantwortung demokratisch gew\u00e4hlter Regierungen).<\/li>\n<li>Mein dritter Einwand betrifft das Selbstverst\u00e4ndnis der (Wirtschafts-)Ethik. Sie sollte bereits strittig gef\u00fchrte Debatten nicht zus\u00e4tzlich emotionalisieren, sondern versachlichen \u2013 damit wir als Gesellschaft aus der dynamischen Wechselwirkung von Emotionalisierung, Moralisierung und Dichotomisierung realer Konfliktlagen m\u00f6glichst fr\u00fchzeitig aussteigen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Literatur<\/em><\/p>\n<p>Beckmann, Markus und Ingo Pies (2008): Ordnungs-, Steuerungs- und Aufkl\u00e4rungsverantwortung \u2013 Konzeptionelle \u00dcberlegungen zugunsten einer semantischen Innovation, in: Heidbrink, Ludger und Alfred Hirsch (Hrsg.): Verantwortung als marktwirtschaftliches Prinzip. Zum Verh\u00e4ltnis von Moral und \u00d6konomie, Frankfurt und New York: Campus+, S. 31-67.<\/p>\n<p>Beschorner, Thomas, Guido Palazzo, Peter Seele und Markus Scholz (2022): Raus aus Russland. Jetzt., seit dem 20.3.2022 im Internet unter: <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/unternehmen\/2022-03\/russland-krieg-verantwortung-unternehmen-ukraine\">https:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/unternehmen\/2022-03\/russland-krieg-verantwortung-unternehmen-ukraine<\/a>.<\/p>\n<p>Friedman, Milton (1962): Capitalism and Freedom, Chicago: University of Chicago Press.<\/p>\n<p>Friedman, Milton (1970, 2007): The Social Responsibility of Business is to Increase its Prof-its, in: Walter Ch. Zimmerli, Markus Holzinger, Klaus Richter (ed.) (2007): Corporate Governance and Corporate Ethics, Berlin: Springer, pp. 173-178.<\/p>\n<p>Kant, Immanuel (1784, 1969): Was ist Aufkl\u00e4rung?, in: Ders.: Gesammelte Werke, Akademie-Ausgabe, hrsg. von der Preu\u00dfischen Akademie der Wissenschaften, Band VIII, Berlin: De Gruyter, S. 33-42.<\/p>\n<p>Pies, Ingo (2022a): Kapitalismus und das Moralparadoxon der Moderne, Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin (wvb).<\/p>\n<p>Pies, Ingo (2022b): 30 Jahre Wirtschafts- und Unternehmensethik. Ordonomik im Dialog, Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin (wvb).<\/p>\n<p>Pies, Ingo (2022c): Disruptive Belohnung \u2013 Ein (wirtschafts-)ethischer Denkansto\u00df zur Befriedung des Ukraine-Kriegs, seit dem 15.3.2022 im Internet unter: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30646\">http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30646<\/a><\/p>\n<p>Pies, Ingo and Peter Koslowski (Ed.) (2011): Corporate Citizenship and New Governance. The Political Role of Corporations, Dordrecht: Springer.<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. hierzu Pies (2022a) und (2022b).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Vgl. Pies (2022c).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> So lautet der Schlussabsatz bei Pies (2022c).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> Vgl. Beschorner et al. (2022).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Beschorner et al. (2022).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Beschorner et al. (2022).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Kant (1784, 1969; AA VIII, S. 37).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Vgl. Friedman (1962; S. 133 f.).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Vgl. Friedman (1962; S. 133 f.).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Vgl. Friedman (1962; S. 133 f.).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Friedman (1970, 2007; S. 177).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Vgl. Beckmann und Pies (2008).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Vgl. Pies und Koslowski (2011).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Beschorner et al. (2022).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Beschorner et al. (2022).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Beschorner et al. (2022).<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Russland f\u00fchrt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Da f\u00e4llt es nicht schwer, T\u00e4ter und Opfer auszumachen. 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