{"id":30727,"date":"2022-04-06T06:32:18","date_gmt":"2022-04-06T05:32:18","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30727"},"modified":"2022-04-06T06:32:18","modified_gmt":"2022-04-06T05:32:18","slug":"gastbeitrag-angst-ist-kein-guter-ratgeber-wut-auch-nicht-ordonomische-reflexionen-zum-ukraine-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30727","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Angst ist kein guter Ratgeber \u2013 Wut auch nicht <br\/><font size=3; color=grey>Ordonomische Reflexionen zum Ukraine-Krieg <\/font>"},"content":{"rendered":"<p>(1) In den 1970er und 1980er Jahren wurde Helmut Schmidt nicht m\u00fcde, sein Credo rationaler Politik zu kommunizieren: \u201e<em>Angst<\/em> ist kein guter Ratgeber.\u201c Gerade zu Zeiten des Kalten Krieges war das relevant. Denn damals herrschte in Deutschland die Bef\u00fcrchtung vor, zum Opfer eines nuklearen Vernichtungsschlags werden zu k\u00f6nnen. Viele Deutsche sahen ihr (\u00dcber-)Leben bedroht.<\/p>\n<p>Heute ist die Lage anders. Wir Deutschen beobachten derzeit nicht als direkt beteiligte, sondern als nur indirekt betroffene Zeitzeugen, wie die Menschen in der Ukraine Opfer eines russischen Angriffskrieges werden. Hier geht es um andere Emotionen: nicht um Angst, sondern um Mitleid mit den Opfern und um Zorn auf die T\u00e4ter. Viele sind best\u00fcrzt und w\u00fctend \u00fcber das, was sie da jeden Tag mit ansehen. Insofern muss man das Credo rationaler Politik heutzutage entsprechend anpassen: \u201e<em>Wut<\/em> ist kein guter Ratgeber.\u201c<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>(2) Wut hat zwei ung\u00fcnstige Auswirkungen, die gerne in Kombination auftreten und sich dann wechselseitig be- und verst\u00e4rken. Erstens vernebelt Wut das Denken, und zweitens l\u00f6st sie einen starken Handlungsimpuls aus, die sprichw\u00f6rtliche Wutreaktion. Das ist f\u00fcr uns relevant, weil die aktuellen Diskussionen \u00fcber angemessene Antworten auf Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine mit einem erkennbar hohen Adrenalin-Pegel gef\u00fchrt werden \u2013 und genau jene w\u00fctenden Wechselwirkungen zu Tage f\u00f6rdern, vor denen hier gewarnt werden soll.<\/p>\n<p>Versch\u00e4rft wird die Situation dadurch, dass sich Gerechtigkeitsgef\u00fchle, Racheinstinkte und ein stark empfundenes Bestrafen-Wollen den Wutemotionen beimischen, so dass wir es gegenw\u00e4rtig mit einem gef\u00e4hrlichen Moral-Cocktail zu tun haben, mit einem wirklich explosiven Gemisch: Da kann es schon mal leicht zu unbedachten \u00c4u\u00dferungen und zu \u00dcberreaktionen kommen \u2013 etwa wenn deutsche \u00c4rzte lauthals verk\u00fcnden, ab sofort keine Russen mehr behandeln zu wollen, und dann nach einer gewissen Bedenkzeit mitteilen, dass sie es sich, mit guten Gr\u00fcnden, doch lieber wieder anders \u00fcberlegt haben. Auch die dringenden Aufrufe, sofort alle Wissenschaftskontakte nach Russland zu kappen, lassen eher auf kurzatmigen Aktionismus schlie\u00dfen als auf eine belastbare Kosten-Nutzen-Kalkulation.<\/p>\n<p>(3) An solchen Einzelbeispielen wird deutlich, dass wir in Deutschland aufpassen m\u00fcssen und besser auf uns (auf unsere Gef\u00fchle sowie unser Verhalten ) Acht geben sollten. Sonst laufen wir Gefahr, dass Russophobie zur neuen Modeerscheinung und zum Gegenstand eines \u201cvirtue signalling\u201c wird, das wir dann auch noch mit typisch deutscher Gr\u00fcndlichkeit als intensiven \u00dcberbietungswettbewerb veranstalten.<\/p>\n<p>Als Wirtschaftsethiker sehe ich in einer solchen Situation meine Aufgabe nicht darin, mich beliebt zu machen und der \u201emoral majority\u201c nach dem Mund zu reden, ganz im Gegenteil. In Zeiten wie diesen ist es die vornehmste Aufgabe des Ethikers, vor Moral(isierung) zu warnen, d.h. sich <em>unbeliebt<\/em> zu machen. Die gesellschaftliche Funktion der (Wirtschafts-)Ethik besteht darin, nicht <em>mit<\/em> dem Strom, sondern geradewegs umgekehrt <em>gegen<\/em> den Strom zu schwimmen, d.h. aktiv dazu beizutragen, dass in der \u00d6ffentlichkeit gute Argumente Geh\u00f6r finden und schlechte Argumente eine \u00fcberzeugende Kritik erfahren.<\/p>\n<p>(4) Um sogleich damit zu beginnen, mich unbeliebt zu machen: Die gro\u00dfen Verbrechen der Menschheitsgeschichte \u2013 man denke nur an Hexenverbrennungen, Judenpogrome und V\u00f6lkermord \u2013 sind von den T\u00e4ter(gemeinschafte)n stets unter Einsatz moralischer Rechtfertigungsversuche begangen worden, und angesichts imaginierter Bedrohungsszenarien sogar mit subjektiv gutem Gewissen. Erinnert sei nur daran, dass Heinrich Himmler in seiner Posener Rede am 4. Oktober 1943 die SS-M\u00e4nner daf\u00fcr lobte, im Angesicht der sich bei der Ausrottung der Juden auft\u00fcrmenden Leichenberge \u201eanst\u00e4ndig geblieben zu sein\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Deshalb sollten wir gerade in Deutschland niemals in Vergessenheit geraten lassen, dass der Weg in den Abgrund mit hehren Absichten und durchaus auch mit moralischen Lippenbekenntnissen gepflastert sein kann. Oder um es mit Immanuel Kant zu sagen: \u201e[M]an t\u00e4uscht sich nirgends leichter, als in dem, was die gute Meinung von sich selbst beg\u00fcnstigt.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> W\u00fcrde allein nur dieser einzige Satz die Aufmerksamkeit erfahren, die ihm geb\u00fchrt, dann w\u00e4re das gegenw\u00e4rtig zu beobachtende Diskursversagen von vornherein nur halb so schlimm, wie es tats\u00e4chlich ist. Denn dann w\u00e4re immerhin der Gefahr vorgebeugt, dass wir das an sich wertvolle Gerechtigkeitsstreben im konkreten Fall moralistisch \u00fcberh\u00f6ht vornehmlich als Selbstgerechtigkeit ausleben.<\/p>\n<p>(5) Zur weiteren Einstimmung aufs Thema m\u00f6chte ich auf David Hume verweisen, der ja bekanntlich f\u00fcr Immanuel Kant eine wichtige Inspirationsquelle war. Mitten im Siebenj\u00e4hrigen Krieg \u2013 wahrscheinlich um die Jahreswende 1759\/1760 \u2013 nahm Hume Stellung zum damaligen Erzfeind und aktuellen Kriegsgegner Frankreich. Ihm w\u00e4re es ein Leichtes gewesen, seinen Zeitgenossen und insbesondere seiner Regierung in Gro\u00dfbritannien beizupflichten und in den Chor derer einzustimmen, die lautstark und hasserf\u00fcllt ihrer Frankophobie Ausdruck verliehen. Doch Hume entschied sich anders. Er w\u00e4hlte den schweren Weg \u2013 n\u00e4mlich den eines Denkansto\u00dfes, der von seinen Landsleuten damals zweifellos als anst\u00f6\u00dfig, und zwar als moralisch anst\u00f6\u00dfig, empfunden wurde. Aber genau das ist der Grund, warum sich Hume heute noch mit Gewinn als Klassiker lesen l\u00e4sst \u2013 und warum wir immer noch von ihm lernen k\u00f6nnen, zumal bei ihm Ethik und \u00d6konomik auf ganz vorbildliche Weise Hand in Hand gingen. Worin bestand nun sein Denkansto\u00df? Er bestand darin, gegen die popul\u00e4ren \u2013 auf Schw\u00e4chung der Gegner zielenden und hier insbesondere Frankreich ins Visier nehmenden \u2013 Kriegsma\u00dfnahmen Gro\u00dfbritanniens Stellung zu beziehen. Hierzu liest man bei Hume:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eSollte unsere engstirnige und b\u00f6sartige Politik Erfolg haben, w\u00fcrden wir alle unsere Nachbarl\u00e4nder auf den gleichen Zustand wirtschaftlichen Stillstands und mangelhafter Kenntnisse reduzieren, der in MAROKKO und an der K\u00fcste der BARBARESKENSTAATEN herrscht. Aber was w\u00e4re die Konsequenz? Sie k\u00f6nnten uns keine Waren mehr schicken. Sie k\u00f6nnten von uns keine Waren mehr abnehmen: Unser eigener Binnenhandel w\u00fcrde mangels Vorbild, Anleitung und Nachahmung dahinsiechen: Und wir selbst w\u00fcrden bald in den gleichen erb\u00e4rmlichen Zustand fallen, auf den wir die Nachbarn reduziert haben. Ich wage daher \u00f6ffentlich zu bekennen, dass ich nicht nur als Mensch, sondern auch als britischer Staatsb\u00fcrger f\u00fcr den florierenden Handel DEUTSCHLANDS, SPANIENS, ITALIENS und sogar FRANKREICHS selbst bete. Ich bin mir zumindest sicher, dass GROSSBRITANNIEN und all diese Nationen mehr gedeihen w\u00fcrden, wenn ihre K\u00f6nige und Minister sich solcherma\u00dfen mit erweitertem Denkhorizont und entsprechendem Wohlwollen begegnen w\u00fcrden.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Hume nahm es also in Kauf, seine Landsleute buchst\u00e4blich vor den Kopf zu sto\u00dfen, um sie darauf hinzuweisen, dass man mit vern\u00fcnftiger Klugheit anstreben sollte, aus gegenw\u00e4rtigen Kriegsgegnern wieder friedliche Nachbarn zu machen, die sich nicht wechselseitig sch\u00e4digen (Lose-Lose), sondern stattdessen als Handelspartner mit <em>gemeinsamen Interessen<\/em> darum bem\u00fcht sind, einen Prozess mutualistischer Vorteilsgew\u00e4hrung (Win-Win) in Gang zu setzen und in Gang zu halten.<\/p>\n<p>(6) Gegenw\u00e4rtig hat eine solche Position keine gute Presse. Vielmehr liest und h\u00f6rt man allenthalben, dass es ganz grunds\u00e4tzlich von vornherein ein strategischer Fehler gewesen sei, sich \u00fcberhaupt so sehr \u2013 z.B. bei Gaslieferungen \u2013 in russische Abh\u00e4ngigkeit begeben zu haben. Das soll nun schnellstens korrigiert werden \u2013 ein f\u00fcr allemal. Russland soll ein Paria-Staat werden und zumindest so lange unter wirtschaftlicher Isolation leiden, bis ein Regimewechsel erfolgt ist. Viele h\u00e4ngen der Rachephantasie an, Russland wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, und sie verbinden dies mit der Hoffnung (und guten Absicht), Russland auf diesem Wege zu einem m\u00f6glichst schnellen und m\u00f6glichst gener\u00f6sen Frieden mit der Ukraine n\u00f6tigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>(7) Gegen diese Mainstream-Auffassung m\u00f6chte ich Folgendes zu bedenken geben: Schaut man auf die letzten 30 Jahre, die seit der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion vergangen sind, so kann man eine ganze Reihe von Missverst\u00e4ndnissen und Fehlern identifizieren, die Ost und West gleicherma\u00dfen \u2013 nicht im Sinne moralischer Schuld, sondern im Sinne kausaler Verursachung \u2013 zu \u201everantworten\u201c haben. Russland hat die Ausdehnung der NATO nach Polen und ins Baltikum (sowie nach Tschechien, Ungarn usw.) als wortbr\u00fcchig und bedrohlich empfunden. Der Westen hingegen hat sie ganz anders wahrgenommen: als eine geradezu selbstverst\u00e4ndliche \u00d6ffnung f\u00fcr Staaten, die auf eigenen Wunsch beitreten wollen, um das westliche Zivilisationsmodell einer demokratisch und rechtsstaatlich verfassten Marktwirtschaft auszuprobieren \u2013 und unter milit\u00e4rischem Schutz vor externer Intervention auch tats\u00e4chlich auf eigene Verantwortung ausprobieren zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Runde von Missverst\u00e4ndnissen setzte ein, als 2008 eine m\u00f6gliche Mitgliedschaft Georgiens und der Ukraine auf die NATO-Agenda gesetzt wurde. Man lese hierzu die im unmittelbaren Vorfeld gehaltene Rede Putins bei der M\u00fcnchener Sicherheitskonferenz 2007.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Im R\u00fcckblick hat man den Eindruck, dass Putin damals eine klare Botschaft senden wollte, wo er im Hinblick auf existenzielle Sicherheitsinteressen Russlands (s)eine rote Grenze zu ziehen gewillt ist \u2013 eine Botschaft, die der Westen damals nicht geh\u00f6rt hat und vielleicht auch nicht h\u00f6ren wollte. Die Folge: Die von der Ukraine aus betriebene \u00d6ffnung f\u00fcr eine (baldige) Mitgliedschaft in NATO und EU wurde von westlicher Seite wie selbstverst\u00e4ndlich begr\u00fc\u00dft, weil es nach eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben gegen sie keine grunds\u00e4tzlichen Einw\u00e4nde gab \u2013 ohne die nach russischen Ma\u00dfst\u00e4ben sehr wohl grunds\u00e4tzlichen Einw\u00e4nde zu ber\u00fccksichtigen, die uns im Westen seit langem bekannt waren.<\/p>\n<p>Die v\u00f6lkerrechtswidrige Annexion der Krim 2014 war aus russischer Sicht eine notgedrungene Minimall\u00f6sung, um existenzielle Sicherheitsinteressen durchzusetzen, von denen man den Eindruck hatte, dass der Westen sie nicht nur ignoriert, sondern aktiv gef\u00e4hrdet. Heute ist klar, dass dies weder der (objektiven) F\u00e4higkeit noch der (subjektiven) Bereitschaft f\u00f6rderlich war, wechselseitig Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander aufzubringen. Im Gegenteil. Die Fronten verh\u00e4rteten sich zusehends. Ost wie West waren von der jeweiligen Gegenseite zunehmend frustiert.<\/p>\n<p>Der Schlusspunkt dieser langen Reihe wechselseitiger Irritationen \u2013 sowie ver\u00e4rgerter Reaktionen und Entt\u00e4uschungen \u2013 d\u00fcrfte in der \u201eCharter on Strategic Partnership\u201c bestanden haben, die zwischen den USA und der Ukraine am 10. November 2021 vereinbart wurde. \u00dcber das Selbstverst\u00e4ndnis dieser Charter gibt das Dokument wie folgt Auskunft. Aus Sicht beider Staaten handelt es sich um \u201ea commitment to Ukraine\u2019s implementation of the deep and comprehensive reforms necessary for full integration into European and Euro-Atlantic institutions in order to ensure economic prosperity for its people\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Aus westlicher Sicht ist die Berechtigung zu diesem Abkommen einwandfrei \u2013 aus russischer Sicht ist sie es nicht. Vielmehr wurde sie dort wohl als Provokation wahrgenommen und gewisserma\u00dfen als der letzte Tropfen, der das Fass zum \u00dcberlaufen gebracht hat.<\/p>\n<p>(8) Vor diesem Hintergrund stehen wir im Westen heute vor der Frage, <em>ob<\/em> wir dazu beitragen <em>wollen<\/em> \u2013 und <em>was<\/em> wir dazu beitragen <em>k\u00f6nnen<\/em> \u2013, um <em>gemeinsam<\/em> mit Russland aus dieser Eskalationsspirale wechselseitiger Missverst\u00e4ndnisse und Fehlinterpretationen herauszufinden und auszusteigen.<\/p>\n<p>Zur Beantwortung dieser Frage sind aus meiner Perspektive ordonomischer Wirtschaftsethik<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> zwei Hinweise m\u00f6glich.<\/p>\n<ul>\n<li>Erstens sollte man alles tun, um <em>gemeinsame Interessen<\/em> zwischen Ost und West wieder sichtbar in den Vordergrund zu r\u00fccken. Hierzu sollten wir \u00f6ffentlich bekunden, ein Best-Case-Szenario anstreben zu wollen. Das besteht darin, gemeinsam mit Russland an einer f\u00fcr beide Seiten akzeptablen Sicherheitsarchitektur zu arbeiten und eine f\u00fcr beide Seiten attraktive Freihandelszone wirtschaftlicher Partnerschaft zu errichten.<\/li>\n<li>Zweitens sollte man alles vermeiden, was auf russischer Seite den Eindruck erwecken k\u00f6nnte, dass der Westen eine wirtschaftliche Vernichtung Russlands bzw. einen innerrussischen Regimewechsel anstrebt. Angesichts des Nuklearpotentials, \u00fcber das die russische Regierung verf\u00fcgt und das sie im Notfall einzusetzen bereit ist, ist es nicht klug, die russischen Machthaber in eine Notsituation \u2013 und sei es auch nur in eine von ihnen imaginierte Notsituation \u2013 zu versetzen, aus der sie sich nicht mehr anders zu befreien wissen als durch einen letzten Versuch milit\u00e4rischer Eskalation.<\/li>\n<\/ul>\n<p>F\u00fcr die bisherige Strategie des Westens haben diese beiden Hinweise zur Konsequenz, dass der Westen (a) auch weiterhin <em>nicht<\/em> milit\u00e4risch in die Ukraine eingreift, (b) dass der Westen auch <em>weiterhin<\/em> Wirtschaftssanktionen ergreift, aber \u2013 und das w\u00e4re nun neu \u2013 (c) dass diese Wirtschaftssanktionen nicht einfach nur immer weiter aufget\u00fcrmt werden in der Hoffnung, m\u00f6glichst bald eine additive und schlie\u00dflich multiplikative Wirkung zu entfalten, die Russland in die Knie zwingt, <em>sondern<\/em> dass die Wirtschaftssanktionen mit einer klaren <em>Konditionierung<\/em> \u2013 und folglich mit expliziten <em>Ausstiegsklauseln<\/em> \u2013 versehen werden, die Russlands Regierung f\u00fcr graduelles Wohlverhalten (genauer: f\u00fcr den graduellen Abbau milit\u00e4rischen und politischen Fehlverhaltens) <em>belohnt<\/em>.<\/p>\n<p>(9) Aus wirtschaftsethischer Sicht ist die Logik glasklar: Milit\u00e4rische Abschreckung zwischen Nuklearm\u00e4chten funktioniert aufgrund einer stufenweisen Eskalation, bei der Hemmschwellen eingebaut sind, von denen man glaubhaft macht, dass man sie nur dann \u00fcberschreitet, wenn es gilt, ein vermeidbares Fehlverhalten der Gegenseite zu bestrafen. Analog \u2013 aber gewisserma\u00dfen mit umgekehrten Vorzeichen \u2013 funktioniert wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen (nicht zuletzt durch Sanktionen) isolierten Wirtschaftsr\u00e4umen, indem man glaubhaft macht, auf dem Weg zum Best-Case-Szenario pragmatisch zu den n\u00e4chsten Schritten bereit zu sein, so dass man gewillt ist \u2013 und gewisserma\u00dfen nur auf die Gelegenheit wartet \u2013, ein Wohlverhalten der Gegenseite durch Vorteilsgew\u00e4hrung und Kooperationsgewinne zu belohnen.<\/p>\n<p>Bei der milit\u00e4rischen Bestrafungslogik kommt alles darauf an, eine wechselseitige Verst\u00e4ndigung herbeizuf\u00fchren, um die Eskalationsleiter m\u00f6glichst nicht bis auf die h\u00f6chsten Stufen hinaufzusteigen. Bei der wirtschaftlichen Belohnungslogik verh\u00e4lt es sich genau andersherum. Hier kommt alles darauf an, eine wechselseitige Verst\u00e4ndigung herbeizuf\u00fchren, um eine bereits erklommene Eskalationsleiter stufenweise wieder hinabzusteigen. Kurz: In beiden F\u00e4llen handelt es sich um eine <em>antagonistische Kooperation<\/em>, die strategisches Denken und gut durchkalkuliertes Handeln erfordert.<\/p>\n<p>Und gerade deshalb ist es so bedenklich, wenn Wut und Emp\u00f6rung \u2013 also angesichts des Angriffskrieges auf die Ukraine an sich durchaus verst\u00e4ndliche und nachvollziehbare Emotionen \u2013 den Eindruck erwecken, als m\u00fcsse man alle Hoffnung auf Kooperation mit Russland f\u00fcr immer fahren lassen und als ginge es jetzt nur noch darum, einen offenen Antagonismus, den man auf milit\u00e4rischem Gebiet mit guten Gr\u00fcnden scheut, nun um so radikaler auf das Feld wirtschaftlicher Sanktionen zu verlagern. Wer so denkt und handelt, missbraucht und vergeudet das friedensstiftende Potential wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Hier m\u00fcssen wir uns letztlich entscheiden, ob wir das Prinzip wechselseitiger Vorteilsgew\u00e4hrung als Belohnungsinstrument zur konditioniert-kooperativen Pazifizierung prek\u00e4rer Konflikte einsetzen wollen, oder ob wir uns hier lieber verweigern und uns damit zufrieden geben, unsere Bestrafungsinstinkte zu bedienen.<\/p>\n<p>Mir ist bewusst, dass gegenw\u00e4rtig die Zeichen nicht gut daf\u00fcr stehen, den hier beschriebenen Weg friedlicher Koexistenz und sogar produktiver Zusammenarbeit zwischen Ost und West einzuschlagen. Aber genau deshalb ist Ethik in Krisenzeiten wichtig. Sie kann \u2013 unter Berufung auf David Hume \u2013 auch mitten im Krieg das Bewusstsein daf\u00fcr wachhalten, dass es ein gemeinsames Interesse an Friedenspartnerschaft gibt. Und sie kann \u2013 unter Berufung auf Immanuel Kant \u2013 dazu beitragen, der (un)moralischen Selbstgerechtigkeit Einhalt zu gebieten.<\/p>\n<p>(10) Im konkreten Fall w\u00e4re schon viel gewonnen,<\/p>\n<ul>\n<li>wenn wir uns im Modus einer kollektiven Selbstkritik und Selbstkorrektur, auch Selbstm\u00e4\u00dfigung, Einhalt gebieten w\u00fcrden, um die in den Medien \u2013 zumal den \u201asozialen\u2018 Medien \u2013 beobachtbare Eskalationsspirale kriegerischer Stimmung(smache) und eines scharfmacherischen \u00dcberbietungswettbewerbs nicht immer weiter w\u00fctend voranzutreiben;<\/li>\n<li>wenn wir uns darauf besinnen k\u00f6nnten, den Begriff \u201ePutin-Versteher\u201c nicht l\u00e4nger als Schimpfwort zu verwenden, eingedenk der eigentlich leicht einsichtigen Tatsache, dass kognitive Empathie nicht dasselbe ist wie emotionale Sympathie;<\/li>\n<li>und wenn wir uns dazu durchringen k\u00f6nnten, \u00f6ffentliche Stellungnahmen, die Putin als Inkarnation des B\u00f6sen oder als \u00fcbergeschnappten Irren darstellen, als das zur\u00fcckzuweisen, was sie tats\u00e4chlich sind: Offenbarungseide moralischer Selbst\u00fcberhebung und strategischer Inkompetenz. So etwas verdient keinen Beifall, sondern sachlich fundierte Kritik.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Insofern m\u00fcssen wir das Seriosit\u00e4tsniveau unserer Diskurse dringend anheben. Sonst laufen wir Gefahr, mit emotional vernebeltem Verstand, aber nat\u00fcrlich reinsten Gewissens, Missverst\u00e4ndnisse und Fehler zu prolongieren, die wir bei klarem Verstand und einem funktionsf\u00e4higen Moralkompass lieber vermeiden w\u00fcrden. Auch auf die Gefahr hin, mich nun vollends unbeliebt zu machen: Aus ethischer Sicht ist diese Dichotom(an)ie, die Gegenseite f\u00fcr b\u00f6se und sich selbst f\u00fcr gut zu halten, keineswegs die L\u00f6sung, als die sie uns gegenw\u00e4rtig angepriesen wird, sondern ganz im Gegenteil integraler Bestandteil des zu l\u00f6senden Problems. Denn wie schon gesagt, der Weg in den Abgrund kann mit hehren Absichten gepflastert sein.<\/p>\n<p>Warum w\u00e4re es wichtig, den demokratischen Diskurs (wieder) in vern\u00fcnftige Bahnen zu lenken? Auch hier hilft nochmals David Hume \u2013 und seine bereits im 18. Jahrhundert pr\u00e4zise formulierte Erkenntnis, die auch heute noch G\u00fcltigkeit hat: \u201eIt is \u2026 on opinion only that government is founded.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Man kann es auch umgekehrt formulieren: Hysterisierte Diskurse machen demokratische Politiker zu Getriebenen emotional getriggerter Stimmungen und Stimmungsumschw\u00fcnge \u2013 und reduzieren damit jene <em>Strategief\u00e4higkeit<\/em> des Westens gegen\u00fcber Russland, die f\u00fcr ein <em>kompetentes Management antagonistischer Kooperation<\/em> dringend ben\u00f6tigt wird: <em>Diskursversagen zieht Politikversagen unweigerlich nach sich.<\/em> Und genau das sollten wir unbedingt vermeiden, um unser aller (gemeinsamen) Zukunft willen.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Himmler, Heinrich (1943): Rede des Reichsf\u00fchrers SS bei der SS-Gruppenf\u00fchrertagung in Posen am 4. Oktober 1943, im Internet unter: <a href=\"https:\/\/www.1000dokumente.de\/pdf\/dok_0008_pos_de.pdf\">https:\/\/www.1000dokumente.de\/pdf\/dok_0008_pos_de.pdf<\/a> (letzter Zugriff 22.3.2022).<\/p>\n<p>Hume, David (1742, 1987): Essays \u2013 Moral, Political, and Literary, Indianapolis: Liberty Fund.<\/p>\n<p>Kant, Immanuel (1793, 1968): Die Religion innerhalb der Grenzen der blo\u00dfen Vernunft, in: Kants Werke, Akademie-Textausgabe, Berlin: Walter de Gruyter &amp; Co, S. 1-202.<\/p>\n<p>Pies, Ingo (2022a): Kapitalismus und das Moralparadoxon der Moderne, Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin (wvb).<\/p>\n<p>Pies, Ingo (2022b): 30 Jahre Wirtschafts- und Unternehmensethik. Ordonomik im Dialog, Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin (wvb).<\/p>\n<p>Pies, Ingo (2022c): Disruptive Belohnung \u2013 Ein (wirtschafts-)ethischer Denkansto\u00df zur Befriedung des Ukraine-Kriegs, seit dem 9.3.2022 im Internet unter: <a href=\"https:\/\/www.forum-wirtschaftsethik.de\/disruptive-belohnung-ein-wirtschafts-ethischer-denkanstoss-zur-befriedung-des-ukraine-kriegs\/\">https:\/\/www.forum-wirtschaftsethik.de\/disruptive-belohnung-ein-wirtschafts-ethischer-denkanstoss-zur-befriedung-des-ukraine-kriegs\/<\/a> (letzter Zugriff am 23.3.2022).<\/p>\n<p>Pies, Ingo (2022d): Wirtschaftskrieg als moralische Pflicht? \u2013 Drei ordonomische Einw\u00e4nde, seit dem 23.3.2022 im Internet unter: http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30709 (letzter Zugriff am 23.3.2022).<\/p>\n<p>Putin, Wladimir (2007): Speech and the Following Discussion at the Munich Conference on Security Policy, Rede vom 10. Februar 2007, im Internet unter: <a href=\"https:\/\/en.wikisource.org\/wiki\/Speech_and_the_Following_Discussion_at_the_Munich_Conference_on_Security_Policy\">https:\/\/en.wikisource.org\/wiki\/Speech_and_the_Following_Discussion_at_the_Munich_Conference_on_Security_Policy<\/a> (letzter Zugriff am 23.3.2022).<\/p>\n<p>USA und Ukraine (2021): U.S.-Ukraine Charter on Strategic Partnership, seit dem 10. November 2021 im Internet unter: <a href=\"https:\/\/www.state.gov\/u-s-ukraine-charter-on-strategic-partnership\/\">https:\/\/www.state.gov\/u-s-ukraine-charter-on-strategic-partnership\/<\/a> (letzter Zugriff am 23.3.2022).<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Himmler (1943; S. 3).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Kant (1793, 1968; AA VI, S. 68).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hume (1742, 1987; Part II, Essay VI, S. 331, H.i.O.), \u00dcbersetzung IP.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. Putin (2007).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> USA und Ukraine (2021; Punkt 2, S. 1).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. hierzu grundlegend Pies (2022a), (2022b) sowie illustrativ auch (2022c) und (2022d).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Hume (1742, 1987; Part I, Essay IV, S. 32).<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1) In den 1970er und 1980er Jahren wurde Helmut Schmidt nicht m\u00fcde, sein Credo rationaler Politik zu kommunizieren: \u201eAngst ist kein guter Ratgeber.\u201c Gerade zu &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30727\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br \/>Angst ist kein guter Ratgeber \u2013 Wut auch nicht <br \/><font size=3; color=grey>Ordonomische Reflexionen zum Ukraine-Krieg <\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":410,"featured_media":30729,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[30,2052],"tags":[4145,4125,895,595,3066],"class_list":["post-30727","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ethisches","category-moralisches","tag-friedliche-koexistenz","tag-pies","tag-russland","tag-sanktionen","tag-ukraine"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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