{"id":30879,"date":"2022-04-24T00:42:07","date_gmt":"2022-04-23T23:42:07","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30879"},"modified":"2022-04-24T06:50:50","modified_gmt":"2022-04-24T05:50:50","slug":"die-inflation-und-die-geheimnisvolle-untaetigkeit-von-christine-lagarde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30879","title":{"rendered":"Die Inflation und die geheimnisvolle Unt\u00e4tigkeit von Christine Lagarde"},"content":{"rendered":"<p>Die Zweifel an der Geldpolitik der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB) wachsen. Nachdem im M\u00e4rz 2022 die offiziell gemessene Inflationsrate auf 7,5% weit \u00fcber das Inflationsziel von 2% hinausgeschossen ist, k\u00fcndigte die EZB (2022) keine entschlossene geldpolitische Straffung an. EZB-Pr\u00e4sidentin Christine Lagarde verlor sich vielmehr in Aussagen zu Krieg und Pandemie, und lie\u00df sich alle Optionen f\u00fcr die Zukunft offen. Die nebul\u00f6sen Aussagen folgen auf Beteuerungen, dass die Inflation nur vor\u00fcbergehend sei. Immer noch gehen die Inflationsprognosen der EZB davon aus, dass die Inflation im Jahr 2023 zur\u00fcck zum 2%-Ziel kommen wird.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Wirtschaftswoche spricht von <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/my\/politik\/konjunktur\/lagardes-riskantes-spiel-wie-lange-noch-madame-vabanque\/28055040.html?ticket=ST-182726-1rXwSb6LtnpKgeXmqRC4-ap5\">\u201e<em>Kleinreden<\/em>\u201c<\/a>. In der Tat klafft eine gro\u00dfe L\u00fccke zwischen der Kommunikation der Inflationsgefahren durch die EZB und der Inflationswahrnehmung der \u00d6ffentlichkeit im Euroraum. Schon zu seiner Geburt sahen viele Deutsche den Euro als Teuro. Es bestand die Angst, dass sich die Geldpolitik der EZB der Geldpolitik der Banca D\u2019Italia ann\u00e4hern w\u00fcrde, die aus der italienischen Lira eine Weichw\u00e4hrung gemacht hatte. Dieser Besorgnis wurde eine niedrige offiziell gemessene Inflation im Euroraum entgegengesetzt, die auf der Grundlage des Harmonisierten Konsumentenpreisindex (HVPI) von Eurostat der EZB lange Zeit ein hohes Ma\u00df an Zielerreichung bescheinigte.<\/p>\n<p>Doch die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger im Euroraum scheinen den offiziellen Messungen zu misstrauen. Die Europ\u00e4ische Kommission, die seit dem Jahr 2004 die gef\u00fchlte Inflation im Euroraum misst, stellt immer wieder fest, dass diese deutlich \u00fcber der offiziell gemessen Inflation liegt; seit 2004 im Durchschnitt um immerhin 6,2 Prozentpunkte. Im vierten Quartal 2021 lag die gef\u00fchlte Inflation mit 8,0% 3,3 Prozentpunkte \u00fcber der offiziell gemessenen.<\/p>\n<p>Die deutsche Vertreterin in EZB-Direktorium <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Schnabel-sieht-kraeftigen-Anstieg-der-Inflation-article22546945.html\">Isabel Schnabel<\/a> hat dies mit einer verf\u00e4lschten subjektiven Wahrnehmung erkl\u00e4rt. Da die Preise von oft gekauften G\u00fctern \u2013 z.B. Lebensmitteln und Benzin \u2013 st\u00e4rker stiegen als die Preise von G\u00fctern, die weniger oft gekauft werden \u2013 wie beispielsweise Elektroger\u00e4te \u2013, w\u00fcrden Preissteigerungen subjektiv st\u00e4rker wahrgenommen als sie wirklich sind. Doch reicht das als Erkl\u00e4rung aus, oder bildet die Inflationsmessung den Kaufkraftverlust der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger einfach nicht ausreichend ab?<\/p>\n<p>So rechnen die statistischen Beh\u00f6rden beispielsweise bei neuen Mobiltelefonen und Elektroger\u00e4ten bei Qualit\u00e4tsverbesserungen die in den L\u00e4den gemessenen Preise in der Preisstatistik nach unten. Da ist unabh\u00e4ngig davon, ob die Konsumenten die neuen Funktionen brauchen oder nicht (Schnabl und Sepp 2021). Gleichzeitig findet bei anderen Produktkategorien, wo Qualit\u00e4tsverluste vermutet werden k\u00f6nnen, keine Qualit\u00e4tsanpassung in Form hochgerechneter Preise statt. So zum Beispiel bei Dienstleistungen, wo die Selbstbedienung zugenommen hat. Zudem werden die seit langem stark steigenden Preise f\u00fcr selbstgenutzte Immobilien im HVPI \u2013 nicht zuletzt auf Anraten der EZB \u2013 einfach ausgeklammert (Herborn und Schnabl 2022).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/9.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/9.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Und k\u00f6nnte die Irritation bei der Inflationswahrnehmung auch daran liegen, dass die EZB die Zielsetzung ihrer Geldpolitik schleichend ver\u00e4ndert hat? Als die EZB 1999 ihre Arbeit aufnahm, galt eine Inflationsobergrenze von 2%, die mit Blick auf das in den europ\u00e4ischen Vertr\u00e4gen verankerte Mandat der Preisstabilit\u00e4t abgeleitet wurde. Im Jahr 2003 wurde aus dem Maximalziel ein Punktziel von \u201eunter, aber nahe 2%\u201c. Die EZB hatte es sich fortan also zum Ziel gesetzt, die Kaufkraft der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger jedes Jahr um 2% abzusenken. J\u00fcngst wurde das Ziel auf \u201e2% in der mittleren Frist\u201c gesetzt, was f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit Inflationsraten von sehr deutlich \u00fcber 2% und damit schmerzhafte Kaufkraftverluste m\u00f6glich zu machen scheint.<\/p>\n<p>Es wird damit immer klarer, dass sich die EZB dem Zentralbankmodell der ehemaligen Banca d\u2019Italia angen\u00e4hert hat, die bei der Finanzierung der Staatsausgaben dem Finanzministerium unter die Arme griff. Mit dem Punktziel von 2% konnte der EZB lange Zeit dank niedrig gemessener Inflation umfangreiche Ank\u00e4ufe von Staatsanleihen rechtfertigen. H\u00e4tte das urspr\u00fcngliche Maximalziel fortbestanden, w\u00e4re diese Rechtfertigung hinf\u00e4llig gewesen. Seit der Corona-Krise wird der Ankauf von Staatsanleihen mit der besonderen Krisensituation legitimiert. Doch der Grund k\u00f6nnte auch ein anderer sein: \u00a0Die stark gestiegene Staatsverschuldung \u2013 vor allem in den s\u00fcdlichen Eurol\u00e4ndern und Frankreich \u2013 w\u00e4re wohl nicht mehr tragbar, wenn die EZB die Zinsen erh\u00f6hen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die aktuellen EZB-Inflationsprognosen der EZB liegen bei 2,1% f\u00fcr das Jahr 2023 und 1,9% f\u00fcr 2024, also weit von den Inflationswahrnehmung in der breiten \u00d6ffentlichkeit entfernt. Der fr\u00fchere EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing kritisiert, dass die Inflationsprognosen der EZB zwar auf komplexen Modellen basierten, aber am Ende des Prognosezeitraum immer zur\u00fcck zum Inflationsziel von 2% tendierten. Aus dieser Sicht machen die Inflationsprognosen der EZB jede Ausgestaltung der Geldpolitik m\u00f6glich, einschlie\u00dflich einer z\u00fcgellosen monet\u00e4ren Staatsfinanzierung f\u00fcr hoch verschuldete Eurol\u00e4nder, die zunehmend als alternativlos erscheint.<\/p>\n<p>Christine Lagarde macht bei der Kommunikation der EZB einen Spagat. Mit den niedrigen Inflationsprognosen entspricht sie die Erwartungen der B\u00fcrger im n\u00f6rdlichen Euroraum, dass die Inflation wieder sinken wird. Mit dem immer weiter verz\u00f6gerten Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik greift sie den klammen s\u00fcdlichen Euro-Staaten unter die Arme. Die Hinwendung von Largarde hin zu einer gr\u00fcnen Geldpolitik kann auch dahingehend interpretiert werden, dass die EZB die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger mit einer besseren Umwelt \u00fcber die Kaufkraftverluste hinwegtr\u00f6sten will.<\/p>\n<p>Doch mit dem nun doch sehr drastischen Anstieg der Inflation erscheint die zunehmend widerspr\u00fcchliche Kommunikation der EZB als Tr\u00fcmmerhaufen. Das urspr\u00fcngliche Versprechen, dass die Inflation \u2013 entsprechend dem Mandat \u2013 niedrig bleiben wird, ist gebrochen. Selbst <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/DIW-Chef-rechnet-mit-langfristig-hohen-Preisen-article23275405.html\">Marcel Fratzscher<\/a>, langj\u00e4hriger und entschlossener Verteidiger der EZB, spricht inzwischen von dauerhaft hoher Inflation \u2013 auch wenn er einen Bezug zur EZB vermeidet. Die schnell wachsenden Inflationsraten gef\u00e4hrden inzwischen sogar die gr\u00fcne Geldpolitik, weil aufgrund der gro\u00dfen Kaufkraftverluste die Rettung des Klimas bald als unn\u00f6tiger Luxus empfunden werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Es bleibt also spannend, wie sich die Kommunikationsstrategie und die Geldpolitik der EZB unter Christine Lagarde entwickeln werden. Mit der Glaubw\u00fcrdigkeit der EZB steht das Vertrauen in den Euro und damit auch in das Vertragswerk der Europ\u00e4ischen Union auf dem Spiel. Aus dieser Sicht w\u00e4re eine geldpolitische Wende ratsam. Vielleicht ist diese aber auch erst dann m\u00f6glich, wenn Largarde die EZB in Richtung Paris verlassen hat. Wann das sein wird, bliebt abzuwarten.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>European Central Bank 2022: <a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/press\/pr\/date\/2022\/html\/ecb.mp220414~d1b76520c6.en.html\">Monetary Policy Decisions<\/a>, 14.4.2022.<\/p>\n<p>Herborn, Alexander \/ Schnabl, Gunther 2022: Wohnimmobilienpreise, Inflationsmessung und Geldpolitik im Euroraum. <em>Universit\u00e4t Leipzig Wirtschaftswissenschaftliche Fakult\u00e4t Working Paper<\/em> 175.<\/p>\n<p>Schnabl, Gunther \/ Sepp, Tim 2021: Inflationsziel und Inflationsmessung in der Eurozone im Wandel. <em>Wirtschaftsdienst<\/em> 101, 8, 615-620.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zweifel an der Geldpolitik der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB) wachsen. 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