{"id":31055,"date":"2022-06-01T00:23:01","date_gmt":"2022-05-31T23:23:01","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31055"},"modified":"2022-06-01T05:35:00","modified_gmt":"2022-06-01T04:35:00","slug":"gastbeitrag-hunger-durch-agrarspekulation-lessons-not-learned","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31055","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Hunger durch Agrarspekulation? <br\/><font size=3; color=grey>Lessons (not) learned* <\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Nun ist es gut zehn Jahre her, dass zivilgesellschaftliche Organisationen Alarm schlugen und davor warnten, dass bestimmte Terminmarktgesch\u00e4fte mit Agrarrohstoffen, vor allem Weizen, eine \u00fcbertrieben preistreibende Wirkung entfalten, Lebensmittel verteuern und zahlreiche Menschen in armen L\u00e4ndern in existenzielle Bedr\u00e4ngnis bringen. Damals war von \u201eHungermachern\u201c die Rede.<\/p>\n<p>Mittlerweile wissen wir: Dieser Alarm war ein Fehl-Alarm.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[1]<\/a> Die Vorw\u00fcrfe waren nicht berechtigt. Die seinerzeitigen Preissteigerungen waren realwirtschaftlich verursacht. Die Spekulation traf also keine Schuld. Sie war nicht die Verursacherin, sondern nur die \u00dcberbringerin der Botschaft, dass die Nachfrage nach Getreide gr\u00f6\u00dfer war als das Angebot. Insbesondere Indexfonds, die damals an den Pranger gestellt wurden, sind intensiv untersucht worden \u2013 ohne den Verdacht best\u00e4tigen zu k\u00f6nnen, dass sie zu Recht am Pranger standen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Heute ist es wieder so weit. Erneut wird Alarm geschlagen. Diesmal ist von \u201eHungerprofiteuren\u201c die Rede. Doch die Vorw\u00fcrfe sind weitgehend identisch: Agrarspekulanten werden angeklagt, an den Rohstoffb\u00f6rsen zu \u201ezocken\u201c, auf Hunger zu \u201ewetten\u201c, sich mit verantwortungslosem \u201eGl\u00fccksspiel\u201c an der Not armer Menschen zu bereichern.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Was ist diesmal davon zu halten? \u2013 Eine Antwort auf diese Frage wird in drei Schritten entwickelt. Erstens erl\u00e4utert dieser Artikel den \u00f6konomischen Sachverhalt, wie die Kassam\u00e4rkte und Terminm\u00e4rkte f\u00fcr Weizen funktionieren und zusammenh\u00e4ngen. Zweitens begr\u00fcndet er, warum die gegenw\u00e4rtige Datenlage nicht daf\u00fcr spricht, dass eine exzessive Spekulation durch k\u00fcnstliche Verknappung (= Weizenhortung) exzessive Preissteigerungen ausgel\u00f6st hat. Drittens wird aus wirtschaftsethischer Sicht Stellung genommen zur erneuten Kampagne zivilgesellschaftlicher Organisationen. Hier geht es um einen konstruktiven Versuch, die Kritiker zu kritisieren und darauf hinzuweisen, dass die Selbstkorrekturkr\u00e4fte des zivilgesellschaftlichen Sektors gest\u00e4rkt werden sollten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>1. Kassamarkt, Terminmarkt, Lagerhaltungskalk\u00fcl<\/strong><\/p>\n<p>Um die im Raum stehenden Vorw\u00fcrfe einer Hunger hervorrufenden Agrarspekulation gedanklich nachvollziehen und dann sachlich fundiert beurteilen zu k\u00f6nnen, muss man zwei M\u00e4rkte unterscheiden und verstehen, wie sie zusammenh\u00e4ngen: zum einen den Kassamarkt, zum anderen den Terminmarkt.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[4]<\/a> Beide sind durch einen Lagerhaltungskalk\u00fcl miteinander verbunden.<\/p>\n<p>(1) Auf dem Kassamarkt werden die geernteten Getreidemengen gehandelt. Hier wechseln also physische G\u00fctermengen den Besitzer, nach dem Motto: Ware gegen Geld. Daran sind drei Gruppen von Akteuren beteiligt. Beispiel Weizen: (a) Weizenbauern treten mit ihren Erntemengen als Anbieter auf. (b) Ihnen stehen z.B. Getreidem\u00fchlen als Nachfrager gegen\u00fcber. Sie kaufen Weizen, um daraus Mehl herzustellen, das dann zu Lebensmitteln weiterverarbeitet wird. (c) Zus\u00e4tzlich sind Weizenh\u00e4ndler auf dem Kassamarkt aktiv. Sie verf\u00fcgen \u00fcber Weizenlager. Je nachdem, ob sie ihre Lager aufbauen oder abbauen wollen, treten sie hier als Nachfrager <em>oder<\/em> Anbieter auf.<\/p>\n<p>(2) Davon zu unterscheiden ist der Terminmarkt. Dort werden nicht physische G\u00fctermengen, sondern Erwartungen ausgetauscht. Diese Erwartungen betreffen den zuk\u00fcnftigen Kassapreis. Damit erf\u00fcllt der Terminmarkt zum einen eine Versicherungsfunktion, weil er den Teilnehmern am Kassamarkt die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, sich gegen Preis\u00e4nderungsrisiken abzusichern. Zum anderen erf\u00fcllt der Terminmarkt eine Informationsfunktion, weil er alle verf\u00fcgbaren Daten und alle darauf basierenden Erwartungen zu einem einzigen Preissignal b\u00fcndelt.<\/p>\n<p>Neben den Weizenbauern, Weizenm\u00fchlen und Weizenh\u00e4ndlern, die auf dem Kassamarkt aktiv sind, treten auf dem Terminmarkt <em>zus\u00e4tzlich<\/em> noch zwei weitere Gruppen von Akteuren auf: Indexfonds und Spekulanten. Diese beiden Gruppen haben ganz unterschiedliche Gesch\u00e4ftsmodelle und verhalten sich deshalb auch unterschiedlich im Markt.<\/p>\n<p>(a) Spekulanten setzen darauf, besser informiert zu sein als der Markt. Sie investieren in die Beschaffung und Verarbeitung von Daten. Auf dieser Grundlage bilden sie Erwartungen \u00fcber die Entwicklung von Angebot und Nachfrage auf dem Weizenmarkt: ob sich die Knappheit in Zukunft entspannen oder anspannen wird, ob die Kassapreise demn\u00e4chst fallen oder steigen werden, und auf der Grundlage dieser Erwartungen versuchen sie dann, erfolgreiche Termingesch\u00e4fte zu machen. Sehen sie steigende Preise voraus, setzen sie auf steigende Preise. Sehen sie sinkende Preise voraus, setzen sie auf sinkende Preise. Dabei kommt es oft vor, dass unterschiedliche Spekulanten zu unterschiedlichen Einsch\u00e4tzungen gelangen und deshalb auch untereinander Termingesch\u00e4fte abschlie\u00dfen. Doch Gewinne erwirtschaften Spekulanten nur mit richtigen Erwartungen. Wer die zuk\u00fcnftige Preisentwicklung falsch prognostiziert, erleidet Verluste. Folglich k\u00f6nnen ihre Existenz im Markt nur jene Spekulanten behaupten, die im Durchschnitt \u00f6fter richtig als falsch liegen. Auf diese Weise erh\u00f6ht das Gesch\u00e4ftsmodell der (erfolgreichen) Spekulanten die Effizienz der Informationsverarbeitung im Terminmarkt und tr\u00e4gt dazu bei, verf\u00fcgbare Informationen m\u00f6glichst schnell zu einem Preis zu verdichten, der einer permanenten Kontrolle und Korrektur unterliegt.<\/p>\n<p>(b) Indexfonds hingegen arbeiten ganz anders. Sie versuchen, das Risikoprofil des Marktes m\u00f6glichst genau nachzuzeichnen. Auf diese Weise schafft man ein Finanzprodukt, das dann mit den Risikoprofilen anderer M\u00e4rkte gekoppelt werden kann, die gegenl\u00e4ufig sind. Auf diese Weise kann man Portfolios zusammenstellen, mit denen sich Risiken diversifizieren und miteinander ausgleichen lassen. F\u00fcr dieses Gesch\u00e4ftsmodell sind Indexfonds daran interessiert, ein bestimmtes Investment m\u00f6glichst konstant zu halten. Deshalb kaufen sie Papiere, die billiger geworden sind, und verkaufen Papiere, die teurer geworden sind. Dieses Gesch\u00e4ftsmodell gl\u00e4ttet Preisausschl\u00e4ge \u2013 und versorgt den Terminmarkt mit Liquidit\u00e4t. Das ist wichtig, damit die Kassamarktakteure auf dem Terminmarkt jederzeit Vertragspartner zu finden verm\u00f6gen, bei denen sie sich gegen Preis\u00e4nderungsrisiken absichern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein typisches Terminmarktgesch\u00e4ft sieht so aus: Ein Weizenbauer erwartet, in drei Monaten sein Weizenfeld ernten zu k\u00f6nnen. Er kennt den momentanen Kassapreis, wei\u00df aber nicht, auf welchem Niveau sich der Kassapreis in drei Monaten befinden wird. Allerdings sagt ihm der Terminmarkt, welcher Kassapreis aus heutiger Sicht in drei Monaten erwartet wird. Diese im Terminmarktpreis objektivierte Erwartung kann der Weizenbauer nun mit seiner individuellen subjektiven Erwartung abgleichen. Wenn er bef\u00fcrchtet, dass die objektive Preiserwartung zu optimistisch ist, kann er auf dem Terminmarkt einen Vertragspartner finden, der aus einer wiederum subjektiven Sicht die objektive Preiserwartung f\u00fcr zu pessimistisch h\u00e4lt. In diesem Sinne \u201ewettet\u201c der Weizenbauer auf einen sinkenden und sein Vertragspartner auf einen steigenden Weizenpreis.<\/p>\n<p>Um es konkret zu machen: Der aktuelle Weizenpreis auf dem Kassamarkt betr\u00e4gt 400 Euro pro Tonne Weizen. Der Terminmarktpreis weist aus, dass der in drei Monaten erwartete Kassapreis 430 Euro betr\u00e4gt. Zu diesem Preis wird ein Terminmarktkontrakt zwischen Weizenbauer und Spekulant geschlossen. Nun sind zwei Szenarien zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Szenario I: Nach drei Monaten ist der Kassapreis auf 390 Euro gesunken. Der pessimistische Weizenbauer hat Recht behalten. Aus seiner Sicht war es klug, sich gegen die Preissenkung zu versichern: Er verkauft seine Tonne Weizen zum aktuellen Kassapreis (= 390) und bekommt vom Spekulanten die Differenz zum vertraglich vereinbarten Terminmarktpreis (= 430) erstattet, erh\u00e4lt also aus dem Terminmarktgesch\u00e4ft 40 Euro (= 430-390). Damit bleiben dem Weizenbauern 430 Euro \u00fcbrig, w\u00e4hrend der Spekulant mit diesem Terminmarktgesch\u00e4ft einen Verlust in H\u00f6he von 40 Euro realisiert.<\/p>\n<p>Szenario II: Nach drei Monaten ist der Kassapreis auf 450 Euro gestiegen. Nun hat der optimistische Spekulant Recht behalten. Aus seiner Sicht war es klug, dem Weizenbauern die Versicherung anzubieten: Der Weizenbauer verkauft seine Tonne Weizen zum aktuellen Kassapreis (= 450) und erstattet dem Spekulanten die Differenz zum vertraglich vereinbarten Terminmarktpreis (= 430), zahlt also 20 Euro (= 450-430). Damit bleiben dem Weizenbauern 430 Euro \u00fcbrig, w\u00e4hrend der Spekulant mit diesem Terminmarktgesch\u00e4ft einen Gewinn in H\u00f6he von 20 Euro realisiert.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Man sieht: Unabh\u00e4ngig vom Szenario kann der Weizenbauer sich durch einen Terminkontrakt schon heute einen festen Umsatz (= 430) sichern, mit dem er dann verl\u00e4sslich weiter kalkulieren und wirtschaften kann. Das Szenario befindet lediglich dar\u00fcber, ob der Spekulant einen Verlust oder einen Gewinn zu verbuchen hat, wenn er als Versicherer auftritt und das Preis\u00e4nderungsrisiko vom Weizenbauern \u00fcbernimmt.<\/p>\n<p>Analog verh\u00e4lt es sich, wenn eine Getreidem\u00fchle bef\u00fcrchtet, dass der Kassapreis zuk\u00fcnftig steigen wird. Findet sich ein Spekulant, der sinkende Preise erwartet, k\u00f6nnen die beiden einen (ex ante f\u00fcr beide vorteilhaften) Terminkontrakt abschlie\u00dfen: Die Getreidem\u00fchle erh\u00e4lt den vereinbarten Festpreis, und der Spekulant erwirtschaftet einen Gewinn oder Verlust, je nachdem, ob er mit seiner Preis\u00e4nderungserwartung richtig oder falsch gelegen hat.<\/p>\n<p>(3) Nun muss noch gekl\u00e4rt werden, wie Kassamarkt und Terminmarkt zusammenh\u00e4ngen. Insbesondere geht es um die Frage, wie sich die Preisbildung vom Terminmarkt auf den Kassamarkt \u00fcbertr\u00e4gt. Das kann man sich am besten klarmachen, wenn man den Lagerhaltungskalk\u00fcl eines Weizenh\u00e4ndlers analysiert.<\/p>\n<p>Der H\u00e4ndler steht jeden Tag vor der Frage, ob er gelagertes Getreide heute auf dem Kassamarkt verkauft oder ob er es lieber noch l\u00e4nger lagert. Hierzu schaut er auf den Terminmarktpreis. Wenn der die Erwartung aufkommen l\u00e4sst, dass der zuk\u00fcnftige Kassapreis steigt, dann wartet der H\u00e4ndler lieber noch ab, verkauft also heute nicht. Dadurch sinkt das Angebot auf dem heutigen Kassamarkt, und genau das l\u00e4sst den Kassamarktpreis ansteigen, weil dem Gegenwartsmarkt Angebotsmenge entzogen wird, die einstweilen l\u00e4nger gelagert wird.<\/p>\n<p>Diese Logik funktioniert auch in umgekehrter Richtung: Werden dem H\u00e4ndler via Terminmarkt zuk\u00fcnftig sinkende Kassapreise(rwartungen) signalisiert, dann verh\u00e4lt er sich klug, wenn er heute mehr Lagermenge verkauft, als urspr\u00fcnglich geplant war. Damit erh\u00f6ht sich die Angebotsmenge auf dem Kassamarkt. Dies l\u00e4sst den Kassapreis schon heute sinken.<\/p>\n<p>Auf diese Weise sind Kassamarkt und Terminmarkt eng miteinander verbunden: Die Lagerhaltung ist gewisserma\u00dfen der Transmissionsmechanismus, \u00fcber den sich die Zukunftserwartungen des Terminmarkts in den Gegenwartspreisen des Kassamarktes niederschlagen, so dass vorausschauende Erwartungen schon heute verhaltensrelevant werden. Deshalb ist ein funktionierendes Zusammenspiel von Kassamarkt und Terminmarkt f\u00fcr knappheitsinduzierte Verhaltensanpassungen und damit letztlich f\u00fcr eine nachhaltige Ern\u00e4hrungssicherung von gro\u00dfer Bedeutung: Die Reaktion der Lagerhaltung auf Preissignale des Terminmarkts sorgt daf\u00fcr, dass gewisserma\u00dfen eine \u201eintertemporale Arbitrage\u201c stattfindet, die das Auf und Ab der Versorgungslage mit Weizen im Zeitablauf ausgleicht. Dies tr\u00e4gt zur Entsch\u00e4rfung von Krisen bei, weil es den relevanten Akteuren hilft, sich auf eine erwartete Verknappung vorausschauend einzustellen.<\/p>\n<p><em><strong>2. Exzessive Spekulation oder realwirtschaftliche Verknappung? Wie sind die aktuellen Preissteigerungen zu erkl\u00e4ren?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In den letzten Monaten sind die Terminmarktpreise f\u00fcr Weizen global stark angestiegen. Abbildung 1 gibt einen \u00dcberblick. Zugrunde liegen die Daten der Pariser Weizenb\u00f6rse MATIF. Die blaue Kurve zeigt, wie Terminkontrakte f\u00fcr September 2022 im 6-Monatszeitraum vom 29. November 2021 bis zum 27. Mai 2022 von unter 300 Euro zun\u00e4chst im Preis gesunken und dann binnen kurzer Zeit auf \u00fcber 400 Euro gestiegen sind.<\/p>\n<p>(1) Die zivilgesellschaftlichen Kritiker der Agrarspekulation erheben den Vorwurf, dass die Terminm\u00e4rkte gegenw\u00e4rtig nicht zur <em>Ent<\/em>sch\u00e4rfung, sondern geradewegs umgekehrt zur <em>Ver<\/em>sch\u00e4rfung einer Krise der globalen Ern\u00e4hrungssicherheit beitragen. Zugrunde liegt folgender Gedankengang:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Spekulation auf den Terminm\u00e4rkten f\u00fcr Agrarrohstoffe wie Weizen folgt einer finanzwirtschaftlichen Eigenlogik.<\/li>\n<li>Exzessive Spekulation auf diesen Terminm\u00e4rkten verursacht exzessive Preissteigerungen.<\/li>\n<li>Diese Preissteigerungen \u00fcbertragen sich vom Terminmarkt auf den Kassamarkt, so dass die Kassapreise ebenfalls stark \u00fcberh\u00f6ht sind.<\/li>\n<li>Deshalb sind Spekulanten als Hungermacher und Hungerprofiteure zu kritisieren: Sie bewirken eine k\u00fcnstliche Verknappung (= Hortung) des aktuell auf Kassam\u00e4rkten verf\u00fcgbaren Weizens. Durch ihr Gesch\u00e4ftsmodell werden Hungerkrisen ausgel\u00f6st bzw. versch\u00e4rft.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/pies1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/pies1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>(2) Diesen zivilgesellschaftlichen Vorw\u00fcrfen steht die Alternativsicht gegen\u00fcber, dass die Agrarspekulation auf Terminm\u00e4rkten eine durch Weizenmangel hervorgerufene Krise der globalen Ern\u00e4hrungssicherheit nicht <em>ver<\/em>sch\u00e4rft, sondern <em>ent<\/em>sch\u00e4rft. Zugrunde liegt folgender Gedankengang:<\/p>\n<ol>\n<li>Die aktuellen Preissteigerungen f\u00fcr Weizen sind realwirtschaftlich verursacht.<\/li>\n<li>Ausschlaggebend ist, dass auf dem globalen Weizenmarkt die physische Nachfrage das physische Angebot \u00fcbersteigt.<\/li>\n<li>Die Terminm\u00e4rkte spiegeln diese Situation realwirtschaftlicher Verknappung.<\/li>\n<li>Insofern sind die Spekulanten auf dem Terminmarkt nur die \u00dcberbringer schlechter Nachrichten \u2013 und helfen allen Beteiligten, sich m\u00f6glichst fr\u00fchzeitig auf eine drohende Lebensmittelknappheit einzustellen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>(3) Wenn man nun nicht jahrelang abwarten will, bis hinreichend viele hoch-qualitative \u00f6konometrische Studien vorliegen, die Aufschluss dar\u00fcber geben, welche Erkl\u00e4rung richtig und welche falsch ist, dann gibt es eine einfache \u00dcberlegung, mit der man sich schon heute ein fundiertes Urteil dar\u00fcber bilden kann, ob die gegen Agrarspekulanten gerichteten Vorw\u00fcrfe plausibel sind. Diese \u00dcberlegung stellt darauf ab, wie die Preis\u00fcbertragung vom Terminmarkt auf den Kassapreis erfolgt.<\/p>\n<ul>\n<li>Haben die zivilgesellschaftlichen Kritiker Recht, dann ist die gegenw\u00e4rtige Krise das Resultat einer k\u00fcnstlichen Verknappung aufgrund spekulativ verzerrter Preissignale. <em>Folglich m\u00fcssten die Lagermengen in j\u00fcngster Zeit gestiegen sein<\/em>, weil H\u00e4ndler durch spekulativ \u00fcberh\u00f6hte Terminmarktpreise in die Irre gef\u00fchrt wurden und versehentlich Lagermenge zur\u00fcckhalten (= horten), die sie in ihrem eigenen Gewinninteresse und vor allem im Interesse der von Hunger bedrohten Menschen lieber verkaufen sollten.<\/li>\n<li>Ist hingegen die Alternativsicht zutreffend, dann ist die gegenw\u00e4rtige Krise das Resultat einer faktischen Verknappung, also nicht finanzwirtschaftlich, sondern realwirtschaftlich verursacht. <em>Folglich m\u00fcssten die Lagermengen in j\u00fcngster Zeit gesunken sein<\/em>, weil sie durch einen \u00dcberschuss der physischen Nachfrage \u00fcber das physische Angebot sukzessive abgebaut wurden. In diesem Fall spiegeln hohe Terminmarktpreise nur die (f\u00fcr die n\u00e4chsten Monate zu erwartenden) realen Knappheitsverh\u00e4ltnisse, sagen also die \u00f6konomische Wahrheit.<\/li>\n<\/ul>\n<p>(4) Ein Blick in die aktuelle Datenlage zeigt, dass die globale Weizennachfrage seit geraumer Zeit gr\u00f6\u00dfer ist als das globale Weizenangebot, vgl. Abb. 2.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/pies2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/pies2.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><\/a><\/p>\n<p>Ferner deuten die empirischen Daten darauf hin, dass aus diesem realwirtschaftlichen Grund die globalen Lagerbest\u00e4nde an Weizen seit geraumer Zeit nicht gestiegen, sondern <em>gesunken<\/em> sind, vgl. Abb. 3.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/pies3.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/pies3.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><\/a><\/p>\n<p>Dies ist ein zwar kein endg\u00fcltiger Beweis, aber doch ein klares Indiz daf\u00fcr, dass die Schuldzuweisungen an die Spekulanten einer sachlichen Grundlage entbehren. Wer etwas anderes behauptet, sollte deshalb die Argumentationslast tragen, genau zu begr\u00fcnden, auf welche Evidenz sich der Vorwurf st\u00fctzt, Spekulanten seien Hungermacher und Hungerprofiteure.<\/p>\n<p>(5) Urteilskraft erfordert Sachkenntnis. F\u00fcr die Einsch\u00e4tzung, ob die zivilgesellschaftlichen Vorw\u00fcrfe richtig oder falsch sind, ist noch eine weitere \u00dcberlegung von Bedeutung. Sie betrifft die Frage, wie die Lagerhaltung ihrerseits auf die Preisbildung einwirkt. Diesen Sachverhalt kann man sich leicht mit Hilfe von Abbildung 4 vor Augen f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/pies4.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/pies4.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>In einer Situation mit gut gef\u00fcllten Weizenlagern trifft die Angebotskurve auf den preis<em>elastischen<\/em> Teil der Nachfragekurve. Kommt es zu adversen Angebotsschocks, werden diese prim\u00e4r \u00fcber Mengenreaktionen absorbiert; die Preise \u00e4ndern sich kaum. Dies ist an den grauen Pfeilen abzulesen.<\/p>\n<p>In einer Situation mit weitgehend schon ger\u00e4umten Lagern verh\u00e4lt es sich grundlegend anders. Nun trifft die Angebotskurve auf den preis<em>un<\/em>elastischen Teil der Nachfragekurve. Folglich werden adverse Angebotsschocks jetzt anders verarbeitet: Selbst kleine Mengenreduktionen k\u00f6nnen gro\u00dfe Preisspr\u00fcnge ausl\u00f6sen. Dies ist an den schwarzen Pfeilen abzulesen.<\/p>\n<p>In den letzten Monaten haben mehrere Schocks die erwarteten Angebotsmengen auf dem globalen Weizenmarkt reduziert:<\/p>\n<ul>\n<li>Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 ist ungewiss, ob bzw. wieviel der schon geernteten ukrainischen Weizenmengen das Land verlassen k\u00f6nnen und die Exportm\u00e4rkte erreichen.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[9]<\/a><\/li>\n<li>In den USA hat die Environmental Protection Agency (EPA) am 12. April 2022 verf\u00fcgt, dass vom 1. Juni bis zum 15. September 2022 die Beimischungsquote von Bioethanol in Benzin von 10 Prozent auf 15 Prozent angehoben wird.<\/li>\n<li>Indien hat am 14. Mai 2022 ein Exportverbot f\u00fcr Weizen verh\u00e4ngt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Solche und zahlreiche weitere Ereignisse von jeweils eher regionaler Bedeutung sind der realwirtschaftliche Hintergrund, der angesichts niedriger Lagermengen die in den letzten Monaten zu beobachtenden Preisspr\u00fcnge f\u00fcr Weizen verst\u00e4ndlich werden l\u00e4sst (vgl. hierzu nochmals Abb. 1).<\/p>\n<p><em><strong>3. Zur Kritik der Kritik: Lessons (not) learned<\/strong><\/em><\/p>\n<p>(1) Blickt man aus der wirtschaftsethischen Perspektive des ordonomischen Forschungsprogramms<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[10]<\/a> auf Inhalt und Form der zivilgesellschaftlichen Kritik an der Agrarspekulation, dann f\u00e4llt sofort auf, dass die hier ausgiebig verwendeten Gl\u00fccksspielmetaphern semantisch irref\u00fchrend sind, weil sie systematisch ausblenden, dass die Agrarspekulation zwei wichtige volkswirtschaftliche Funktionen erf\u00fcllt und damit wertsch\u00f6pfend ist: Die Terminmarktaktivit\u00e4t der Spekulanten sichert (a) die Kassamarktakteure gegen Preis\u00e4nderungsrisiken ab (Versicherungsfunktion) und erm\u00f6glicht ihnen (b) eine fr\u00fchzeitige Orientierung an demn\u00e4chst zu erwartenden Knappheitsrelationen (Informationsfunktion).<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund sind zwei h\u00e4ufig verwendete Argumente als ebenfalls irref\u00fchrend zu kritisieren.<\/p>\n<p>Erstens wird Agrarspekulanten der Doppelvorwurf gemacht, dass sie Hungerkrisen hervorrufen und damit auch noch Geld verdienen. So l\u00e4sst sich beispielsweise Olivier de Schutter mit folgender Aussage zitieren: \u201eSpeculative activity by powerful institutional investors who are generally unconcerned with agricultural market fundamentals are indeed betting on hunger, and exacerbating it.\u201c<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Im Hintergrund solcher Vorw\u00fcrfe steht die Vermutung, dass Finanzinvestoren am Terminmarkt f\u00fcr Agrarrohstoffe auf steigende Preise spekulieren und so eine k\u00fcnstliche Verknappung des am Markt verf\u00fcgbaren Getreides bewirken. Kern der Kritik ist, dass Spekulanten aus der von ihnen selbst herbeigef\u00fchrten oder mindestens versch\u00e4rften Existenznot armer Menschen Profit schlagen.<\/p>\n<p>Bei n\u00e4herer Betrachtung ist diese Kritik genauso irref\u00fchrend, wie es die Behauptung w\u00e4re, dass \u00c4rzte aus dem Leid ihrer Patienten Profit schlagen. Hier liegt ein Denkfehler zugrunde. \u00c4rzte verdienen ihr Geld typischerweise nicht damit, das Leid der Patienten hervorzurufen, sondern vielmehr damit, ein bereits vorhandenes Leid der Patienten zu lindern. \u00c4rzte versuchen, Krankheiten zu heilen und Gesundheit wiederherzustellen. Bei Spekulanten ist es ganz \u00e4hnlich: Sie handeln vorausschauend, und wenn sie entdecken, dass in der Zukunft eine Situation versch\u00e4rfter Knappheit auf uns zukommt, dann bewirken sie mit ihrem Verhalten auf dem Terminmarkt, dass die Kassamarktakteure sich rechtzeitig auf die Krise einstellen. Spekulanten helfen ihnen dabei, die Verf\u00fcgbarkeit von Getreidemengen im Zeitablauf zu gl\u00e4tten. Mit ihren Preissignalen bewirken sie, dass der Gegenwartskonsum abnimmt, damit der Zukunftskonsum zunehmen kann. Genau das <em>ent<\/em>sch\u00e4rft eine sich abzeichnende Hungerkrise: Wir drosseln den Verbrauch heute, um morgen, wenn es wirklich knapp wird, mehr Getreide verf\u00fcgbar zu haben. Spekulanten profitieren also nicht davon, Hungerkrisen herbeizuf\u00fchren, sondern sie profitieren davon, einer zuk\u00fcnftig zu erwartenden Hungerkrise vorausschauend entgegenzutreten. Sie verdienen ihr Geld nicht damit, dass sie Not hervorrufen, sondern damit, dass sie Not lindern.<\/p>\n<p>Zweitens wird von zivilgesellschaftlicher Seite angemahnt, in Zeiten stark steigender Preise die Terminmarktaktivit\u00e4ten der Agrarspekulanten einzud\u00e4mmen oder ganz auszusetzen. Typisch hierf\u00fcr ist beispielsweise der folgende Forderungskatalog:<\/p>\n<p>\u201eAction will be urgently needed to complete the reforms initiated post-2008 to crack down on commodity speculation. Further measures to strengthen commodity market regulations in the US and EU are necessary, especially to <em>tighten position limits on key agricultural commodities<\/em> and ensure the enforcement of those limits, which many critics claim are currently too high to make any meaningful difference. In addition, <em>financial institutions should step back from selling agricultural commodity ETFs and CIFs<\/em> at times of heightened food prices and mounting speculation. The potential to discourage financial speculation through a <em>tax on commodity index funds and other derivatives trades<\/em> should also be explored\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[12]<\/a>.<\/p>\n<p>Hinter solchen Forderungen steckt die Annahme, dass eine Regulierungsinstanz die wahre Knappheit besser einzusch\u00e4tzen vermag als ein Terminmarkt, auf dem auch Spekulanten t\u00e4tig sind. Diese Annahme untersch\u00e4tzt bzw. ignoriert nicht nur die Informationsfunktion, sondern zugleich auch die Versicherungsfunktion der Agrarspekulation. Denn die hier aufgestellte Regulierungsforderung impliziert, just dann die Absicherungsaktivit\u00e4ten der Spekulanten einzuschr\u00e4nken, wenn der Versicherungsbedarf der Kassamarktakteure besonders gro\u00df ist.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst zum Aspekt der Information: W\u00e4re das Wissen verl\u00e4sslich vorhanden, dass bestimmte Preiserwartungen definitiv falsch sind, dann br\u00e4uchte man keine Regulierungsbeh\u00f6rde, die den Spekulationsaktivit\u00e4ten Einhalt gebietet. Vielmehr w\u00fcrde es ausreichen, dieses Wissen \u00f6ffentlich mitzuteilen, um den Spekulationsaktivit\u00e4ten sodann freien Lauf zu lassen. Denn das Gesch\u00e4ftsmodell der Spekulanten besteht ja gerade darin, neue Informationen m\u00f6glichst schnell einzupreisen. So gesehen w\u00e4re es fahrl\u00e4ssig, die Spekulanten daran zu hindern, auf sinkende Preise zu setzen. Das Argument der Kritiker ist also nicht ordentlich durchdacht. Es ist inkonsistent und enth\u00e4lt einen Non-sequitur-Fehlschluss. Zudem fu\u00dft es auf der extrem fragw\u00fcrdigen Annahme, dass eine (auf b\u00fcrokratische Leistungsanreize angewiesene) Regulierungsinstanz schneller und verl\u00e4sslicher Informationen beschaffen und verarbeiten kann als privatwirtschaftliche Akteure, die ihre wirtschaftliche Existenz daran kn\u00fcpfen, besser informiert zu sein als der durchschnittliche Marktteilnehmer.<\/p>\n<p>Nun zum Aspekt der Versicherung: Die Idee, dass Finanzmarktakteure als fachfremde Spekulanten von den Agrarrohstoffm\u00e4rkten zumindest in Krisenzeiten ferngehalten werden sollten, l\u00e4uft auf die Vorstellung hinaus, dass die Kassamarktakteure am besten einen Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit bilden sollten. Eine solche Vorstellung w\u00e4re funktional, wenn die Risiken unter den Vereinsmitgliedern heterogen gestreut w\u00e4ren, wie es etwa bei hagelbedingten Ernteausf\u00e4llen der Fall ist, von denen immer nur einzelne Akteure betroffen sind. Hier geht es jedoch um das Risiko von Preis\u00e4nderungen. Davon sind <em>alle<\/em> Kassamarktteilnehmer <em>gleicherma\u00dfen<\/em> betroffen. Im konkreten Fall besteht nicht Risikoheterogenit\u00e4t, sondern Risikohomogenit\u00e4t. Deshalb w\u00e4re es dysfunktional, wollte man Drittparteien verwehren, das Bed\u00fcrfnis der Kassamarktteilnehmer nach Absicherung zu befriedigen.<\/p>\n<p>(2) Die gegenw\u00e4rtige Kampagne gegen Agrarspekulation wird von zivilgesellschaftlicher Seite so gef\u00fchrt, als h\u00e4tte es keine Vorgeschichte gegeben: als w\u00e4re die Vorg\u00e4nger-Kampagne vor rund zehn Jahren nicht auf massive Kritik gesto\u00dfen, insbesondere nicht auf den \u00f6ffentlichen Widerspruch zahlreicher Wissenschaftler, und als st\u00fcnde im R\u00fcckblick nicht fest, dass der damalige Alarm der Zivilgesellschaft ein Fehl-Alarm war. Das ist zumindest bemerkenswert und l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass bei einigen zivilgesellschaftlichen Akteuren die Bereitschaft unterentwickelt ist, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.<\/p>\n<p>Dies ist bedauerlich, weil moderne Demokratien darauf angewiesen sind, dass der zivilgesellschaftliche Sektor gut funktioniert und als Fr\u00fchwarnsystem auf Gefahren aufmerksam macht. Das setzt allerdings voraus, dass mit einem Mindestma\u00df an Sorgfalt und Integrit\u00e4t vorgegangen wird. Andernfalls l\u00e4uft man Gefahr, leichtfertig Verd\u00e4chtigungen in die Welt zu setzen und mit moralischen Schuldzuweisungen Personen oder Organisationen an den Pranger zu stellen, die das nicht verdient haben.<\/p>\n<p>Mehr noch: Das Problem eines Fehl-Alarms besteht auch darin, dass die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit von Fragen abgelenkt wird, die wirklich problemrelevant sind und deshalb dringend diskutiert werden m\u00fcssten. Am Beispiel:<\/p>\n<ul>\n<li>Wie k\u00f6nnen reiche L\u00e4nder wie die USA und die Mitgliedstaaten der Europ\u00e4ischen Union dazu beitragen, in Krisensituationen die Knappheit an Weizen zu entsch\u00e4rfen? W\u00e4re es m\u00f6glich und sinnvoll, einige derzeit stillgelegte Fl\u00e4chen vor\u00fcbergehend wieder anzubauen? Und weiter: W\u00e4re es m\u00f6glich und sinnvoll, die energetische Verwendung von Getreide(fl\u00e4chen) flexibel zu handhaben, sie also an Indikatoren zu kn\u00fcpfen, die notfalls erlauben, den Tradeoff zwischen Tank und Teller situationsangepasst zu entsch\u00e4rfen? Sollten wir hier also eine Art Sicherheitsventil einbauen?<\/li>\n<li>Wie k\u00f6nnen Exportl\u00e4nder davon abgehalten werden, in Krisensituationen Exporteinschr\u00e4nkungen oder gar Exportverbote zu verh\u00e4ngen? Und analog: Wie k\u00f6nnen Importl\u00e4nder daran gehindert werden, krisenbedingt in Panik zu verfallen und ihre Importe just dann auszuweiten, wenn die Preise schon stark angestiegen sind? Wie l\u00e4sst sich durch internationale Zusammenarbeit und freien Handel wechselseitige R\u00fccksichtnahme und Resilienz organisieren? Ben\u00f6tigen wir intelligentere institutionelle Arrangements, um die globale Ern\u00e4hrungssicherheit zu verbessern?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Fehl-Alarme n\u00fctzen nicht nur nicht, sie schaden sogar. Letztlich ist hiervon auch der zivilgesellschaftliche Sektor selbst betroffen. Er kann seine wichtigen gesellschaftlichen Funktionen \u2013 namentlich die Aufgabe, gesellschaftliche Missst\u00e4nde lautstark zu kritisieren, auch wenn dies m\u00e4chtigen Interessengruppen unangenehm ist \u2013 nur dann erf\u00fcllen, wenn die Medien und die Bev\u00f6lkerung auf die Wahrhaftigkeit dieser Kritik vertrauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund w\u00e4re es w\u00fcnschenswert, wenn zivilgesellschaftliche Organisationen mehr Transparenz dar\u00fcber herstellen w\u00fcrden, mit welcher inhaltlichen Sorgfalt und Verfahrensintegrit\u00e4t sie<\/p>\n<ul>\n<li>ihre Kampagnen \u00f6ffentlicher Kritik in Gang setzen,<\/li>\n<li>neue Informationen verarbeiten,<\/li>\n<li>im laufenden Prozess auf Widerspruch reagieren,<\/li>\n<li>etwaige Fehler eingestehen und bereit sind, aus diesen Fehlern auch tats\u00e4chlich zu lernen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>(3) Fazit: Aus wirtschaftsethischer Sicht ist mit einer gewissen Sorge zu beobachten, wie Terminmarktgesch\u00e4fte in der \u00d6ffentlichkeit dargestellt werden. Die Kritiker verwenden Gl\u00fccksspielmetaphern und erwecken rhetorisch den Eindruck, es sei moralisch verwerflich, wenn Finanzakteure auf dem Terminmarkt f\u00fcr Agrarrohstoffe t\u00e4tig sind. Da ist dann von \u201eZocken\u201c die Rede, von \u201eKasino\u201c, von \u201eWetten auf den Hunger\u201c usw.<\/p>\n<p>Besonders bedenklich ist es, wenn gefordert wird, die Politik m\u00fcsse den Spekulanten Einhalt gebieten. Diese Forderungen sind zwar reich an Emp\u00f6rung, aber arm an Substanz. Umgekehrt w\u00e4re es besser. Weniger Emotionalisierung und mehr Sachkenntnis w\u00fcrden der Debatte gut tun. Sonst l\u00e4uft man Gefahr, dem moralischen Anliegen der globalen Ern\u00e4hrungssicherheit einen B\u00e4rendienst zu erweisen.<\/p>\n<p>In der Tat sollten bei dieser Kontroverse die aktiven Teilnehmer, die medialen Vermittler und das allgemeine Publikum stets im Blick behalten, dass hier nicht \u00fcber das Ziel gestritten wird, sondern lediglich \u00fcber die Mittel, wie das allen gemeinsame Ziel, Hungerkrisen zu vermeiden oder wenigstens abzuschw\u00e4chen, am besten erreicht werden kann. Diese Auseinandersetzung ist wichtig. Deshalb sollte sie konstruktiv gef\u00fchrt werden: als faires Ringen um das bessere Argument.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Bohl, Martin (2016). Treiben Indexfonds Agrarrohstoffpreise? Nein!. Perspektiven der Wirtschaftspolitik, 17(2), 1-18.<\/p>\n<p>Boyd, Naomi E., Jeffrey H. Harris und Bingxin Li (2018): An update on speculation and financialization in commodity markets, in: Journal of Commodity Markets 10, S. 91-104.<\/p>\n<p>Glauben, Thomas, Miranda Svanidze, Linde G\u00f6tz, S\u00f6ren Prehn, Tinoush Jamali Jaghdani, Ivan Duric und Lena Kuhn (2022): Der Ukrainekrieg offenbart angespannte Versorgungslagen auf Weltagrarm\u00e4rkten: Gefordert sind wettbewerblich agierende globale Handelsstrukturen zur Krisenbew\u00e4ltigung, IAMO Policy Brief Nr. 44, im Internet unter: https:\/\/www.iamo.de\/fileadmin\/documents\/IAMOPolicyBrief44_de.pdf (letzter Zugriff 29.5.2022).<\/p>\n<p>Hull, John C. (2017): Fundamentals of Futures and Options Markets, 8<sup>th<\/sup> edition, Boston u.a.O.: Pearson.<\/p>\n<p>IPES-Food (2022): Another Perfect Storm?, hrsg. vom Internation Panel of Experts on Sustainable Foods Systems, Mai 2022, im Internet unter: https:\/\/ipes-food.org\/_img\/upload\/files\/AnotherPerfectStorm.pdf (letzter Zugriff 29.5.2022).<\/p>\n<p>Lighthouse Reports (2022): The Hunger Profiteers, seit dem 6. Mai 2022 im Internet unter: https:\/\/www.lighthousereports.nl\/investigation\/the-hunger-profiteers\/ (letzter Zugriff 29.5.2022).<\/p>\n<p>Pies, Ingo (2018): Hunger durch Agrarspekulation? Zur Analyse eines zivilgesellschaftlichen Fehl-Alarms, Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin (wvb).<\/p>\n<p>Pies, Ingo (2022a): Kapitalismus und das Moralparadoxon der Moderne, Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin (wvb).<\/p>\n<p>Pies, Ingo (2022b): 30 Jahre Wirtschafts- und Unternehmensethik. Ordonomik im Dialog, Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin (wvb).<\/p>\n<p>Prehn, S\u00f6ren, Thomas Glauben und Jens-Peter Loy (2021): Wozu dienen Warenterminm\u00e4rkte wirklich? Eine Klarstellung. IAMO Policy Brief Nr. 39, im Internet unter: https:\/\/www.iamo.de\/fileadmin\/documents\/IAMOPolicyBrief39_de.pdf (letzter Zugriff 29.5.2022).<\/p>\n<p>Schewe, Jacob, Christian Otto and Katja Frieler (2017): The role of storage dynamics in annual wheat prices, in: Environmental Research Letter (12), im Internet unter: http:\/\/i-opscience.iop.org\/article\/10.1088\/1748-9326\/aa678e\/pdf (letzter Zugriff 29.5.2022).<\/p>\n<p>USDA (2022): Grain: World Markets and Trade, hrsg. vom United States Department of Agriculture, Mai 2022, im Internet unter: https:\/\/apps.fas.usda.gov\/psdonline\/circulars\/grain.pdf (letzter Zugriff 29.5.2022).<\/p>\n<p>&#8212; &#8212; &#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">*<\/a> Ich danke Thomas Glauben und S\u00f6ren Prehn f\u00fcr intensive Diskussionen und wertvolle Anregungen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[1]<\/a> Vgl. Pies (2018).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[2]<\/a> Vgl. hierzu Bohl (2016), Schewe et al. (2017) sowie Boyd et al. (2018).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[3]<\/a> Vgl. Lighthouse Reports (2022).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[4]<\/a> Vgl. Hull (2017) sowie erg\u00e4nzend Prehn et al. (2021).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[5]<\/a> Es sei darauf hingewiesen, dass die Begriffe \u201eGewinn\u201c und \u201eVerlust\u201c hier eher umgangssprachlich verwendet werden, orientiert am Bedeutungsumfeld einer Lotterie, wo man eine Wette gewinnt oder verliert. Im \u00f6konomisch pr\u00e4zisen Sinn handelt es sich bei dieser Art von \u201eGewinn\u201c um einen Ertrag, von dem noch die zugeh\u00f6rigen Aufwendungen abzuziehen sind, bevor man von einem betriebswirtschaftlichen Gewinn(beitrag) sprechen kann.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[6]<\/a> Quelle: <a href=\"https:\/\/www.zmp.de\/getreide\/matif-weizen-no-2_future\">https:\/\/www.zmp.de\/getreide\/matif-weizen-no-2_future<\/a> (letzter Zugriff am 29.5.2022).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[7]<\/a> Quelle: USDA (2022; S. 1). Ebendort liest man folgende Erl\u00e4uterungen (S. 1, H.i.O.): \u201eGlobal <em>wheat<\/em> production is forecast down with smaller crops in Ukraine, Australia, Morocco, Argentina, the European Union, and China. Overall consumption is down with lower feed and residual use only partially offset by higher Food, Seed, and Industrial (FSI) use. Feed use is expected lower, especially in Australia, China, and the European Union due to smaller domestic crops. Food consumption continues to rise due to population growth. Global ending stocks are forecast down, with smaller carryout in China, India, and most major exporters. Trade is forecast at a record with stronger imports across Africa, Southeast Asia, and the Western Hemisphere.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[8]<\/a> Quelle: USDA (2022; S. 5). MMT steht f\u00fcr \u201cmillion metric tons\u201d. Ebendort liest man folgende Erl\u00e4uterungen (S. 5, H.i.O.): \u201eWith global consumption once again exceeding production, global wheat stocks are projected to decline further in 2022\/23. Combined stocks for the top eight global exporters are projected down from 2021\/22. Exporter-held stocks are supplies that are readily available to the global market and their levels are highly correlated with prices. Stocks in <em>Russia<\/em> are forecast to decline as export demand for Black Sea wheat remains strong. Stocks in the <em>European Union<\/em> are also forecast to decline with a smaller crop and strong export demand from nearby markets. Despite a large production rebound projected, <em>Canada\u2019s<\/em> stocks are forecast to only increase minimally and remain historically tight. <em>Australia\u2019s<\/em> stocks are tightened on a reduced crop, while stocks in the <em>United States<\/em> continue a 6-year decline to the lowest level since 2013\/14. With tighter U.S. stocks, high futures prices, and strong global demand, the 2022\/23 U.S. season-average farm price is projected at a record $10.75\/bushel, up $3.05\/bushel from the revised 2021\/22 estimate.<\/p>\n<p><em>China<\/em> is the largest holder of wheat stocks globally, although they are largely not available to world markets. China\u2019s stocks rose sharply between 2012\/13 to 2019\/20 due to government procurement for temporary reserves. Sales from government auctions for both feed and food use beginning in 2020\/21 have resulted in a decline in stocks, which is expected to continue in 2022\/23. Stocks in <em>India<\/em>, the second largest holder of global stocks, are forecast to decline as market rates offered by exporters are largely above government procurement prices. Despite reduced consumption, a smaller crop and strong exports are expected to lead to lower stocks, though still above the government\u2019s desired buffer level.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[9]<\/a> Vgl. hierzu ausf\u00fchrlich Glauben et al. (2022).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[10]<\/a> Vgl. Pies (2022a) und (2022b).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[11]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.lighthousereports.nl\/investigation\/the-hunger-profiteers\/\">https:\/\/www.lighthousereports.nl\/investigation\/the-hunger-profiteers\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[12]<\/a> IPES-Food (2022; S. 22, H.i.O.).<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun ist es gut zehn Jahre her, dass zivilgesellschaftliche Organisationen Alarm schlugen und davor warnten, dass bestimmte Terminmarktgesch\u00e4fte mit Agrarrohstoffen, vor allem Weizen, eine \u00fcbertrieben &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31055\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br \/>Hunger durch Agrarspekulation? <br \/><font size=3; color=grey>Lessons (not) learned* <\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":410,"featured_media":31059,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2297,4197],"tags":[4198,4199,4125,2584],"class_list":["post-31055","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ethnisches","category-spekulatives","tag-agrarrohstoffe","tag-indexfonds","tag-pies","tag-spekulation"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gastbeitrag Hunger durch Agrarspekulation? 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