{"id":31251,"date":"2022-07-12T00:23:54","date_gmt":"2022-07-11T23:23:54","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31251"},"modified":"2022-07-12T06:11:17","modified_gmt":"2022-07-12T05:11:17","slug":"gastbeitrag-elektromobilitaet-grosse-spreizung-in-europa-strukturwandel-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31251","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>Elektromobilit\u00e4t: Gro\u00dfe Spreizung in Europa <br\/><font size=3; color=grey>Strukturwandel in Deutschland <\/font>"},"content":{"rendered":"<p><em>Ab 2035 sollen in der EU nur noch klimaneutrale Pkw zugelassen werden d\u00fcrfen. Grunds\u00e4tzlich werden alle Weichen Richtung batterieelektrische Mobilit\u00e4t gestellt. Allerdings ist die Option, sogenannte E-Fuels einzusetzen, nicht g\u00e4nzlich vom Tisch. Die Marktanteile von Elektroautos an den gesamten Neuzulassungen fallen innerhalb der EU aktuell sehr unterschiedlich aus. S\u00fcd- und osteurop\u00e4ische L\u00e4nder sind hier die Nachz\u00fcgler. Um Akzeptanz der E-Mobilit\u00e4t zu erh\u00f6hen, muss der Ausbau der Ladeinfrastruktur massiv beschleunigt werden. Dies ist eine gro\u00dfe Herausforderung, bei der auch der Staat gefragt ist. Der Trend in Richtung Elektromobilit\u00e4t hat am Automobilstandort Deutschland bereits einen sp\u00fcrbaren Strukturwandel ausgel\u00f6st. Die Netto-Bilanz dieses Strukturwandels f\u00fcr die Wertsch\u00f6pfung und Besch\u00e4ftigung in Deutschland wird negativ ausfallen.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die EU-Umwelt- und Energieminister haben sich darauf geeinigt, dass ab 2035 nur noch CO<sub>2<\/sub>-emissionsfreie Neuwagen zugelassen werden d\u00fcrfen; dies betrifft Pkw und leichte Nutzfahrzeuge. Das formale Verbot des Verbrennungsmotors (f\u00fcr Neuzulassungen ab 2035), welches das EU-Parlament schon verabschiedet hatte, ist zwar Teil des Beschlusses. Allerdings kann im Jahr 2026 gepr\u00fcft werden, ob synthetisch hergestellte Kraftstoffe auf Basis von erneuerbaren Energien ebenfalls als CO2-neutral eingestuft werden. Eine solche Pr\u00fcfung ist nach dem aktuellen Beschluss keine Pflicht, sondern eine Option. Sollte diese Option greifen, d\u00fcrften auch nach 2035 noch Fahrzeuge neu zugelassen werden, die ausschlie\u00dflich solche E-Fuels tanken k\u00f6nnen. Im Vorfeld des Ministertreffens war die Frage, ob E-Fuels als klimaneutrale Kraftstoffe akzeptiert werden, ein Streitpunkt \u2013 nicht zuletzt innerhalb der Ampel-Koalition. W\u00e4hrend sich die FDP mit Verweis auf Technologieoffenheit f\u00fcr E-Fuels als Option ausgesprochen haben, setzen SPD und Gr\u00fcne vor allem auf reine Elektroautos.<\/p>\n<p><strong>Elektroautos erobern Marktanteile, aber gro\u00dfe Unterschiede in Europa<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Jahren ist der Anteil der Elektroautos an den gesamten Pkw-Neuzulassungen in Europa kr\u00e4ftig gestiegen. Im 1. Quartal 2022 kamen batterieelektrische Fahrzeuge (BEV) auf einen Anteil von 10% in der EU. Plug-in-Hybride (PHEV) erreichten einen Marktanteil von 8,9%. Dabei gab es innerhalb von Europa erhebliche Unterschiede. So war der BEV-Anteil in den Niederlanden (15,8%) und UK (15,4%) in Q1 2022 besonders hoch. Dagegen lagen Italien (3,3%), Polen (2,2%) und Tschechien (1,7%) deutlich unter dem Durchschnitt. Deutschland \u00fcbertraf mit 13,4% den EU-Mittelwert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/hey1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/hey1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die Unterschiede sind auch bei PHEV erheblich. In der ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndergruppe lag hier Belgien im 1. Quartal 2022 mit 14,8% an der Spitze, vor den Niederlanden (12,8%) und Deutschland (10,8%). Die osteurop\u00e4ischen L\u00e4nder verzeichneten sehr geringe PHEV-Anteile. Wenig \u00fcberraschend l\u00e4sst sich festhalten, dass Elektroautos vor allem dort auf h\u00f6here Marktanteile kommen, wo sie beim Kauf oder im Betrieb st\u00e4rker subventioniert werden. Zudem f\u00e4llt der Anteil der E-Autos in L\u00e4ndern mit niedrigerem Pro-Kopf-Einkommen tendenziell geringer aus als in wohlhabenderen Staaten. Bis 2035 muss sich das Kaufverhalten der Autofahrer in der EU jedenfalls noch gewaltig \u00e4ndern, wenn bis dahin (nahezu) 100% aller neuen Pkw vollelektrisch angetrieben werden sollen.<\/p>\n<p><strong>Die Option f\u00fcr E-Fuels schadet nicht<\/strong><\/p>\n<p>Noch einmal zur\u00fcck zur Frage der E-Fuels: Aus ordnungspolitischer Sicht ist der Streit r\u00e4tselhaft. Wenn man die Forderung nach Technologieoffenheit ernst nimmt, ist es wenig zielf\u00fchrend, einzelne Technologien, die einen Beitrag zum Klimaschutz leisten k\u00f6nnen, a priori auszuschlie\u00dfen. Warum eine Pr\u00fcfung dieser Option \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 erst 2026 erfolgen soll, erschlie\u00dft sich aus technologischer Sicht nicht. Es erh\u00f6ht jedenfalls die Unsicherheit entsprechender Investitionen.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite haben zwar sehr viele Autohersteller ohnehin angek\u00fcndigt, ihre Neuwagenflotte \u2013 zumindest f\u00fcr den europ\u00e4ischen Markt \u2013 bis sp\u00e4testens 2035 komplett auf BEV umzustellen. Ohne Zweifel l\u00e4sst sich schon heute der Gro\u00dfteil aller Alltagsfahrten ohne Einschr\u00e4nkungen mit BEV durchf\u00fchren. Ein Vorteil der batterieelektrischen Mobilit\u00e4t liegt dar\u00fcber hinaus in den geringen L\u00e4rmemissionen und den fehlenden lokalen Schadstoffemissionen. Schlie\u00dflich werden E-Fuels vorerst knapp und teuer bleiben.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite d\u00fcrfte es auch bei synthetischen Kraftstoffen technischen Fortschritt geben, der zusammen mit Gr\u00f6\u00dfenvorteilen in der Produktion zu sinkenden Kosten f\u00fchren wird. Aus Nutzersicht d\u00fcrfte es auch 2035 noch Anwendungen geben, bei denen BEV keine optimale L\u00f6sung bieten. Das betrifft z.B. Fahrzeuge, die schwere Lasten ziehen m\u00fcssen (vom Wohnwagen bis zum Anh\u00e4nger im gewerblichen Bereich), oder Autos mit hoher t\u00e4glicher Fahrleistung und\/oder hoher Zuladung (z.B. Kleintransporter von Handwerkern). Unbestritten ist auch, dass es ohnehin einen Bedarf f\u00fcr synthetische Kraftstoffe geben wird, denn gerade im Verkehrssektor ist bei einigen Anwendungen eine vollst\u00e4ndige Elektrifizierung auf absehbare nicht m\u00f6glich, nicht praktikabel oder nicht wirtschaftlich. Das betrifft den Luftverkehr, die Schifffahrt, Bau- und Landmaschinen oder den Schwerlastverkehr. Zudem werden L\u00e4nder, in denen Strommangel herrscht oder die \u00fcber hohe Vorkommen von Biokraftstoffen verf\u00fcgen, vorerst nicht auf Elektromobilit\u00e4t setzen. Es ist also unabdingbar, auch bei E-Fuels auf technischen Fortschritt zu setzen. Wenn es im Jahr 2035 und dar\u00fcber hinaus im Segment der Pkw und kleinen Nutzfahrzeuge in der EU noch Nischenanwendungen geben sollte, die mit reiner batterieelektrischer Mobilit\u00e4t nicht abgedeckt werden, k\u00f6nnten E-Fuels eine sinnvolle Option sein. Bei gro\u00dfer Verf\u00fcgbarkeit k\u00f6nnten auch die Emissionen der Bestandfahrzeuge gesenkt werden, die einen Verbrennungsmotor haben. Zu guter Letzt zwingt niemand die Automobilindustrie, auch im Jahr 2035 in der EU noch Autos mit Verbrennungsmotor anzubieten. Die Option f\u00fcr E-Fuels schadet also nicht. Und ehrlicherweise muss man festhalten, dass BEV noch f\u00fcr viele Jahre faktisch nicht klimaneutral unterwegs sein werden.<\/p>\n<p><strong>Mehr Lades\u00e4ulen, h\u00f6here Reichweite<\/strong><\/p>\n<p>Der Anteil der Elektroautos an den Pkw-Neuzulassungen in Europa d\u00fcrfte in den kommenden Jahren weiter steigen. Dabei d\u00fcrften Plug-in-Hybride an Bedeutung verlieren, weil L\u00e4nder wie Deutschland die F\u00f6rderung k\u00fcrzen werden. Die Dynamik des Markthochlaufs wird auch k\u00fcnftig vom regulatorischen Rahmen abh\u00e4ngig bleiben. Sollten z.B. Subventionen f\u00fcr Elektroautos zur\u00fcckgefahren werden, wird dies die Nachfrage d\u00e4mpfen, wenngleich E-Autos relativ zu Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor g\u00fcnstiger werden. Aus Nutzersicht d\u00fcrften (neben den Kaufpreisen) zwei Faktoren in den kommenden Jahren besonders wichtig bei der Kauf-entscheidung sein, die miteinander verkn\u00fcpft sind: Die Reichweite der Fahrzeuge und die Dichte des Netzes an Ladestationen. Die Reichweite von E-Autos f\u00fcr Alltagsfahrten ist schon heute mehr als ausreichend. Dennoch sehen viele Nutzer die gegen\u00fcber einem Verbrenner geringere Reichweite sowie die im Vergleich zu einem konventionellen Tankvorgang l\u00e4ngeren Ladezeiten noch als Hemmnis f\u00fcr den Kauf eines Elektroautos an. Das gilt vor allem dann, wenn ein Haushalt nur ein Auto besitzt, das alle Mobilit\u00e4tsbed\u00fcrfnisse abdecken muss. Daher muss die Ladeinfrastruktur vor allem entlang der deutschen Fernstra\u00dfen (f\u00fcr Urlaubs- und sonstige Langstreckenfahrten) sowie in den urbanen Zentren ausgebaut werden, wo Autos in der Regel nicht in einer privaten Garage, sondern im \u00f6ffentlichen Raum parken. Andernfalls wird die Akzeptanz von E-Autos leiden. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur ist eine gewaltige finanzielle und technologische Herausforderung, bei der auch der Staat gefragt ist. Das Tempo beim Ausbau ist innerhalb Europas bislang jedenfalls sehr unterschiedlich. Der europ\u00e4ische Automobilverband ACEA hat gerade festgestellt, dass 50% aller \u00f6ffentlichen Ladepunkte in der EU auf nur zwei L\u00e4nder konzentriert sind (Niederlande und Deutschland).<\/p>\n<p><strong>Strukturwandel in der deutschen Automobilindustrie<\/strong><\/p>\n<p>Der Trend in Richtung Elektromobilit\u00e4t hat am Automobilstandort Deutschland bereits einen sp\u00fcrbaren Strukturwandel ausgel\u00f6st. Auf der einen Seite haben viele Unternehmen angek\u00fcndigt, in Deutschland Fabriken f\u00fcr die Produktion von Batterien anzusiedeln. Viele Autohersteller r\u00fcsten ihre Produktionsst\u00e4tten auf die Fertigung von E-Autos um. Dieser Entwicklung stehen auf der anderen Seite Wertsch\u00f6pfungsverluste bei jenen Kfz-Zulieferern gegen\u00fcber, die vor allem Teile und Komponenten f\u00fcr Autos mit Verbrennungsmotor herstellen. Ohnehin sind viele Zulieferer derzeit in einer schwierigen Position, weil es durch den anhaltenden Materialmangel in der Branche schwerer f\u00e4llt, Gr\u00f6\u00dfenvorteile in der Produktion zu erzielen und weil die Preise f\u00fcr viele Vorprodukte deutlich gestiegen sind.<\/p>\n<p>Die Preisverhandlungen mit den Herstellern, die sich in den letzten Quartalen auf die Produktion von margenstarken Fahrzeugen konzentriert haben, d\u00fcrften derzeit bei vielen Zulieferern Kopfzerbrechen bereiten. Studien zeigen, dass vor allem chinesische Investoren wieder mehr Zulieferer in Europa \u00fcbernehmen. Seit Mitte 2018 wurden bei den Kfz-Zulieferern in Deutschland bereits fast 13% aller Arbeitspl\u00e4tze abgebaut; bei den Autoherstellern waren es seither \u201enur\u201c 7%.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/hey2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/hey2.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Im Zuge des Strukturwandels d\u00fcrfte es aus Kostengr\u00fcnden zunehmend schwerfallen, die Produktion von Pkw im Volumensegment in Deutschland zu halten. Das j\u00fcngste Beispiel des Ford-Montagewerks in Saarlouis verdeutlicht dies. Das Werk hatte im konzerninternen Wettbewerb gegen\u00fcber dem Standort im spanischen Valencia das Nachsehen.<\/p>\n<p>Letztlich zeichnen sich schon jetzt viele Entwicklungen ab, die wir in unserem Bericht \u00fcber die <a href=\"https:\/\/www.dbresearch.de\/PROD\/RPS_DE-PROD\/PROD0000000000515751\/Zukunft_des_Automobilstandorts_Deutschland%3A_Detroi.PDF\">\u201eZukunft des Automobilstandorts Deutschland\u201c<\/a> von Anfang 2021 beschrieben haben. Damals hatten wir ausgef\u00fchrt, dass die Netto-Bilanz des Strukturwandels f\u00fcr die Wertsch\u00f6pfung und Besch\u00e4ftigung in Deutschland negativ ausfallen wird. Zudem waren wir der Auffassung, dass die deutsche Autoindustrie (vor allem die Hersteller) besser f\u00fcr die elektromobile Zukunft und andere Herausforderungen ger\u00fcstet ist als der Automobilstandort Deutschland. Beide Aussagen halten wir auch heute f\u00fcr zutreffend. Gemessen am Produktionsindex lag die inl\u00e4ndische Fertigung der Automobilindustrie im ersten Jahresdrittel von 2022 um 42% unter dem entsprechenden Niveau von 2018. Die fr\u00fcheren H\u00f6chstst\u00e4nde in der Branche d\u00fcrften kaum wieder zu erreichen sein.<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p>Norbert Berthold (2017): <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=21381\">Der Anfang vom Ende? <span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Strukturwandel, Leistungsbilanzen und Automobile<\/span><\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab 2035 sollen in der EU nur noch klimaneutrale Pkw zugelassen werden d\u00fcrfen. Grunds\u00e4tzlich werden alle Weichen Richtung batterieelektrische Mobilit\u00e4t gestellt. 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