{"id":31269,"date":"2022-07-10T00:30:44","date_gmt":"2022-07-09T23:30:44","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31269"},"modified":"2022-07-10T05:31:17","modified_gmt":"2022-07-10T04:31:17","slug":"wettbewerb-der-hochschulen-die-perspektive-im-bundesbildungsbericht-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31269","title":{"rendered":"Wettbewerb der Hochschulen <br\/><font size=3; color=grey>Die Perspektive im Bundesbildungsbericht 2022 <\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Vor wenigen Tagen, am 23.6., ist der nationale Bildungsbericht f\u00fcr das Jahr 2022 erschienen. Er verspricht, das deutsche Bildungswesen in G\u00e4nze von der fr\u00fchkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung bis zur Hochschulbildung und Weiterbildung im Erwachsenenalter in zweij\u00e4hrlicher Berichterstattung zu beleuchten. Die Studie wird von einer Autorengruppe unabh\u00e4ngiger Wissenschaftler, der Autorengruppe Bildungsberichterstattung, erstellt. Die Statistischen \u00c4mter der L\u00e4nder und des Bundes liefern die Daten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die gesammelte Datengrundlage ist, das ist anzuerkennen, sehr stark: 375 Seiten an Zahlen, Daten und Effekten, wie Frau Schmoll es in ihrem Blog-Artikel in der Frankfurter Allgemeinen zusammenfasst (hier nachzulesen: https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/warum-der-bildungsbericht-ueberarbeitet-werden-muss-18123412.html?xing_share=news). Und doch ist der Bericht keineswegs \u2013 wie Frau Schmoll es ausdr\u00fcckt, ein Datenfriedhof. Der Bericht ist aus meiner Sicht sehr leserfreundlich strukturiert, gut illustriert und sollte gerade f\u00fcr die Medien, aber auch f\u00fcr Blogautoren wie mich eine Fundgrube darstellen, um inhaltliche Beitr\u00e4ge zu bildungspolitischen Debatten datenbasiert begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen. Es ist aus meiner Sicht auch nicht die Aufgabe der Autorengruppe, dies selbst zu \u00fcbernehmen \u2013 vom Bericht sollten wir uns verl\u00e4ssliche Daten w\u00fcnschen, die m\u00f6glichst werturteilsfrei erhoben werden. Es ist am Leser, an den Medien und an den Politikern, Handlungserfordernisse hieraus abzuleiten und bildungspolitische Vorschl\u00e4ge zu er\u00f6rtern.<\/p>\n<p>Indes mangelt es dem Bericht nicht an kritischer W\u00fcrdigung. So weist selbst die Homepage der Bundesregierung (<a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/nationaler-bildungsbericht-2055540\">https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/nationaler-bildungsbericht-2055540<\/a>) konkrete Hinweise auf die vom Bildungsbericht aufgedeckten Missst\u00e4nde hin. Hier wird formuliert:<\/p>\n<p>\u201eDie Folgen der Corona-Pandemie und die sich durch die Fl\u00fcchtlinge aus der Ukraine ergebenden Bedarfe stellen den Bildungsbereich vor gro\u00dfe Aufgaben. Zudem zeichnen sich auch Herausforderungen vor dem Hintergrund steigender Geburtenraten, einer wachsenden Heterogenit\u00e4t von Kindern und Jugendlichen, sozialer Ungleichheit bei Bildungschancen sowie der Umsetzung von Inklusion in allen Bildungsbereichen ab. Auch die wachsende Digitalisierung der Gesellschaft und Arbeitswelt stellen das Bildungssystem und seine Fach- und Lehrkr\u00e4fte vor neue Aufgaben.\u201c<\/p>\n<p>In der Tat sind viele Kritikpunkte im Bildungsbericht direkt oder indirekt enthalten. Dies betrifft auch die Analyse des Hochschulsektors. So thematisiert der Bildungsbericht (2022, S.221) im Hochschulkapitel durchaus die Probleme \u201ebei Vorbereitung und Anspruchsniveau digitaler Lehrveranstaltungen\u201c, auf die aufgrund der Pandemie-Situation kurzfristig umgestellt werden musste. Auch die \u201eProbleme in Bezug auf die akademische und soziale Integration von Studierenden\u201c spricht er genauso wie die Lage der Studienanf\u00e4nger und Studienanf\u00e4ngerinnen beim \u00dcbergang in die \u201ewichtige neue Bildungsphase unter au\u00dfergew\u00f6hnlichen Bedingungen\u201c an. Dabei verzichtet der Bildungsbericht hier trotz kritischer \u00c4u\u00dferungen sogar auf Empirie, womit sich die Autorengruppe inhaltlich schon etwas weit aus dem Fenster lehnt. Es gebe, so formuliert es der Bericht als Begr\u00fcndung, \u201eHinweise\u201c.<\/p>\n<p>Andere, mittelfristige Probleme des Hochschulsektors werden nicht explizit im Bericht adressiert, lassen sich aber jetzt bereits klar an den Zahlen ablesen. Dies betrifft vor allem die Anpassungsprozesse des Hochschulsektors auf den demografischen Wandel. Denn auf stolze 423 Hochschulen ist der deutsche Hochschulsektor mittlerweile angewachsen, in einem Vierteljahrhundert ist das ein Plus von fast 30 Prozent (vgl. die aus dem Bildungsbericht entnommene Abbildung)! Insbesondere die Anzahl privater Fachhochschulen hat von 20 auf 83 stark zugenommen und erkl\u00e4rt mehr als die H\u00e4lfte des Anstiegs.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/hochschulen.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/hochschulen.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Weil die Quote der Studienberechtigten von 36 Prozent auf zwischenzeitlich \u00fcber 50 Prozent gestiegen ist, begannen auch immer mehr junge Menschen ein Hochschulstudium. Die Zahl der akademischen Erstabschl\u00fcsse stieg ebenfalls von 2002 bis 2015 von ca. 170.000 auf \u00fcber 300.000 pro Jahr an \u2013 alle diese Zahlen pr\u00e4sentiert der Bildungsbericht (Bildungsbericht, 2022). Doch dieser \u201eMitte der 2000er-Jahre einsetzende Trend einer beschleunigten Akademisierung ist vorl\u00e4ufig zum Stillstand gekommen\u201c, so fasst er es dann lapidar zusammen. Die Nachfrage nach hochschulischer Bildung habe sich \u201eauf hohem Niveau stabilisiert\u201c.<\/p>\n<p>Bereits in den letzten Jahren ist indes in den Daten erkennbar, dass ein R\u00fcckgang der \u00dcbergangsquoten von der Schule ins Studium (seit 2013) wie auch bei den Zahlen der Hochschulabsolventinnen und -absolventen (seit 2016) zu erkennen ist. Der Wandel ist bereits absehbar. Davon ausgehend, dass die Kohortengr\u00f6\u00dfe der jeweils 19-j\u00e4hrigen (und damit der Gruppe junger Menschen, die frisch die Studienzugangsberechtigung erwirbt und einen gro\u00dfen Teil der Nachfrage nach Studienpl\u00e4tzen ausmacht) von 846 Tsd. Ende 2019 auf 754 Tsd. Personen Ende 2030 schrumpfen wird, wie es die Ergebnisse der 14. koordinierten Bev\u00f6lkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes in der moderaten Prognose voraussehen l\u00e4sst, steht dem Hochschulsektor aufgrund des vom Bildungsbericht diagnostizierten Stillstandes ein dramatischer Einschnitt bevor. In vielen Hochschule, gerade in jenen in geografischer Randlage, ist das Wegbleiben von Studierenden heute schon ein Thema. Doch die Finanzierung an den \u00f6ffentlichen Hochschulen ist zumindest teilweise an die Anzahl ihrer Studierenden gekn\u00fcpft; die privaten Hochschulen sind in ihrer Existenz von der Studierendenanzahl abh\u00e4ngig. Auch wenn der Bericht auf die kommenden Probleme noch nicht explizit aufmerksam macht, so ist ein h\u00e4rterer Wettbewerb der Hochschulen um die Studierenden in den Daten schon abzusehen. Dies kann positiv und qualit\u00e4tssteigernd sein, doch besteht bei einem Wettbewerb von Institutionen, die Zertifikate vergeben, immer auch die Gefahr, dass der Wert der vergebenen Zertifikate im Wettbewerbsprozess abnimmt: Es ist f\u00fcr eine Hochschule zum kurzfristigen \u00dcberleben allemal sinnvoll, Studierende mit sehr guten Noten trotz \u00fcberschaubarer Leistung zu einem Abschluss zu f\u00fchren, auch wenn langfristig das vergebene Zertifikat an Wert verliert. Doch z\u00e4hlt f\u00fcr die einzelne Hochschule zun\u00e4chst das \u00dcberleben am Markt, und wenn klar ist, dass es durch die Demografie bedingt zu einem Schrumpfungsprozess kommen wird, dann ist es erste Pflicht, f\u00fcr eine gesunde Finanzierung Studierende anzulocken.<\/p>\n<p>Es ist die Aufgabe der Bildungspolitik, fr\u00fchzeitig daf\u00fcr zu sorgen, dass dieser Wettbewerb nicht unlauter als Wettbewerb durch das Senken akademischer Mindeststandards gef\u00fchrt wird, sondern durch die inhaltliche Qualit\u00e4t der anbietenden Hochschulen, damit der akademische Stand und die deutsche Hochschullandschaft ihren guten Ruf behalten. Bisher ist in diese Richtung nichts geschehen. Der Bildungsbericht liefert alle Indizien daf\u00fcr, bereits jetzt entsprechend vorzusorgen. Dazu sei die Politik hiermit aufgefordert!<\/p>\n<p><strong>Zentrale Quelle:<\/strong><\/p>\n<p>Bildungsbericht 2022, verfasst von der Autorengruppe Bildungsberichterstattung, online verf\u00fcgbar unter https:\/\/www.bildungsbericht.de\/de\/bildungsberichte-seit-2006\/bildungsbericht-2022\/pdf-dateien-2022\/bildungsbericht-2022.pdf.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor wenigen Tagen, am 23.6., ist der nationale Bildungsbericht f\u00fcr das Jahr 2022 erschienen. 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