{"id":31312,"date":"2022-07-18T00:01:52","date_gmt":"2022-07-17T23:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31312"},"modified":"2023-07-11T07:41:45","modified_gmt":"2023-07-11T06:41:45","slug":"putin-der-spieler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31312","title":{"rendered":"Putin der Spieler"},"content":{"rendered":"<p>Putin ist ein Autokrat, also ein Alleinherrscher. Wirklich allein hat allerdings noch niemand geherrscht \u2013 nicht Hitler, nicht Stalin, nicht Mao, nicht einmal Idi Amin und auch nicht Putin. Denn Putin sitzt nur in einem seiner B\u00fcros und erteilt Befehle. Selbst ausf\u00fchren kann er sie ebenso wenig wie irgendein anderer Autokrat. Also ist er darauf angewiesen, dass seine Befehle von oben nach unten weitergeleitet und schlie\u00dflich ausf\u00fchrt werden. Von ganz oben bis nach ganz unten sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie einmal nicht ausgef\u00fchrt oder gar bewusst in ihr Gegenteil verkehrt werden. Warum? Ganz unten m\u00fcssten zu viele ihre Befehlsverweigerung miteinander koordinieren, damit sie den Durchgriff des Diktators unterbinden k\u00f6nnen. Wer dennoch im Alleingang den Befehl verweigert, ist in der Regel verloren, sofern er sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringt. Daher werden Befehle auf der untersten Ebene fast immer ausgef\u00fchrt. Einige spektakul\u00e4re Massen-Befehlsverweigerungen \u2013 zum Beispiel der deutsche Matrosenaufstand am Ende des Ersten Weltkriegs oder die russischen Massendesertionen ein Jahr zuvor \u2013 sind dennoch geschehen. Aber es ist bezeichnend, dass sie regelm\u00e4\u00dfig historisch geworden sind. Denn ihr Erfolg war nur ein Zeichen daf\u00fcr, dass das gesamte Machtsystem bereits marode war.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>R\u00fccken wir weiter nach oben, sind es immer weniger, immer besser ausgebildete, immer besser informierte und immer einflussreichere Personen, die entscheiden m\u00fcssen, ob sie einen Befehl ausf\u00fchren oder nicht. Und ganz oben, direkt unterhalb eines Diktators, sind es noch eine Handvoll. F\u00fcr jeden von ihnen ist es jederzeit sprichw\u00f6rtlich \u00fcberlebenswichtig, stets auf der richtigen Seite zu stehen. Das geht am besten nach der Regel: F\u00fchre deine Befehle aus, wenn du erwartest, dass auch die anderen sie ausf\u00fchren; aber verweigere sie, wenn du erwartest, dass auch die anderen sie verweigern. Kippen die Erwartungen der Kommandeure \u00fcber ihr gegenseitiges Verhalten, so kippt auch ihr Verhalten selbst.<\/p>\n<p>Deshalb ist niemand f\u00fcr einen Autokraten gef\u00e4hrlicher als seine scheinbar treuesten Gef\u00e4hrten: die Kommandeure und Minister direkt unter ihm. Ein Autokrat muss daher Angst und Misstrauen zwischen ihnen s\u00e4en, und wie das geht, konnte man am 22. Februar 2022, zwei Tage vor dem zweiten Ukraine-\u00dcberfall, beobachten, als Putin dem Chef des Auslandsgeheimdienstes, Sergei Naryschkin, \u00f6ffentlich ein eindeutiges Bekenntnis zur diplomatischen Anerkennung der abtr\u00fcnnigen Gebiete Donbass und Luhansk abn\u00f6tigte. Selbst ein ausgesprochener Hardliner, fand sich Naryschkin wie ein beim Schw\u00e4nzen erwischter Schuljunge von dem aggressiv fordernden Putin vorgef\u00fchrt und lie\u00df sich sichtlich gedem\u00fctigt und stotternd vor Angst dazu n\u00f6tigen, jede denkbare Differenzierung aus seinem Bekenntnis zu eliminieren.<\/p>\n<p>Vor wem hatte Naryschkin Angst? Gewiss nicht vor Putin, zumindest nicht unmittelbar, denn er und seine Leute h\u00e4tten Putin physisch problemlos \u00fcberw\u00e4ltigen k\u00f6nnen. Aber genau vor ihnen hatte er Angst, vor seinen Kommandeurskollegen und vor seinen unmittelbar Nachgeordneten; und sie wiederum vor ihm und vor allen anderen. Wem sollten sie gehorchen, wenn er ihnen bef\u00e4hle, Putin zu verhaften, und Putin ihnen bef\u00e4hle, ihn zu verhaften? \u201eDie Macht wohnt dort, wo die Menschen glauben, dass sie wohnt,\u201c hei\u00dft es dazu treffend in der Spielfilmserie \u201eA Game of Thrones.\u201c Solange alle unterhalb von Putin glauben, dass die Macht bei Putin liegt, liegt sie auch bei ihm. Dann bleibt ihre Angst voreinander dominierend, und das macht seinen Durchgriff stabil.<\/p>\n<p>Aber wehe ihm, wenn seine Kommandeure erstens unzufrieden werden und zweitens Vertrauen zueinander fassen. Dann ist ihre Angst voreinander mit einem Schlag unbegr\u00fcndet. Es ist jedenfalls schwer vorstellbar, dass Naryschkin nach der Dem\u00fctigung, die er von Putin erfahren hat, noch pers\u00f6nliche Loyalit\u00e4tsgef\u00fchle gegen\u00fcber ihm hegt \u2013 und in diesem Punkt wird er nicht der einzige sein. Seine Loyalit\u00e4t kann also nur noch kalkuliert sein; und wenn das so ist, dann endet sie mit einer \u00c4nderung seiner Einsch\u00e4tzung \u00fcber Putins Macht.<\/p>\n<p>Das wei\u00df Putin. Er wei\u00df genau, dass die Gefahr einer Verschw\u00f6rung gegen ihn seinem Handeln Grenzen setzt. Sie m\u00f6gen weit gesetzt sein, sofern er hinreichend viel Misstrauen ges\u00e4t und hinreichend undurchsichtige Strukturen geschaffen hat \u2013 und das hat er zweifellos. Aber beliebig weit sind auch Putins Grenzen nicht. Je gr\u00f6\u00dfer die von den Kommandeuren pers\u00f6nlich zu erwartenden Verluste aus der Ausf\u00fchrung desastr\u00f6ser Befehle und je attraktiver die pers\u00f6nlichen Karriereperspektiven im Anschluss an einen m\u00f6glichen Regimewechsel, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kommandeure ihr gegenseitiges Vertrauen austesten, dass sie es wagen, sich gegenseitige Vertrauensvorsch\u00fcsse zu gew\u00e4hren, und dass sie sich am Ende gar zu einer Verschw\u00f6rung zusammenfinden. Das wei\u00df Putin, und das wissen seine Kommandeure \u2013 und Putin wei\u00df, dass seine Kommandeure es wissen.<\/p>\n<p>Putin ist ein Spieler. Er spielt nicht nur mit seinen Kommandeuren und Ministern, sondern auch mit ausl\u00e4ndischen Politikern, ob Freund oder Feind; und er spielt mit dem Schicksal von Millionen von Menschen, deren Tod und Leiden f\u00fcr ihn allenfalls instrumentelle Bedeutung vor dem Hintergrund seiner Ziele hat. Ihn interessiert auch nicht das Schicksal Russlands als Nation, obwohl das sein zentrales Propagandathema ist. Vielmehr ist auch Russland als Nation f\u00fcr ihn nur ein Instrument. \u00d6konomen w\u00fcrden sagen, es ist ein Input f\u00fcr die Produktion dessen, worauf es ihm eigentlich ankommt: die \u00dcberh\u00f6hung seines Egos. Sich zur historischen Figur zu machen, sich unsterblich zu machen, das ist sein Ziel. Auf einer Ebene zu stehen mit \u201eden Gro\u00dfen\u201c: Alexander, Karl und vor allem Peter; und wenn es daf\u00fcr nicht reichen sollte, dann doch zumindest mit Stalin oder Hitler. Auch die infamen Autokraten sind schlie\u00dflich unsterblich geworden \u2013 und infam waren auch die \u201eGro\u00dfen\u201c schlie\u00dflich alle irgendwie.<\/p>\n<p>Zu diesem Zweck spielt Putin mit seinen Kommandeuren, mit den Politikern der Welt und mit dem Schicksal von Millionen direkt oder indirekt betroffener Menschen, deren Leid ihm komplett egal ist und immer egal war. Jeder, der das sehen wollte, h\u00e4tte es seit langem sehen k\u00f6nnen. In Deutschland wollten es nur wenige sehen, und jene, die es sahen \u2013 etwa Marieluise Beck, Norbert R\u00f6ttgen oder die polnisch-amerikanische Historikerin Anne Appelbaum \u2013 standen in den deutschen Talkshows bis zum 24. Februar regelm\u00e4\u00dfig als ziemlich isolierte \u201eHardliner\u201c da.<\/p>\n<p>Spieler gewinnen oder verlieren. Ein Spieler wie Putin, der viele Spiele gleichzeitig spielt, gewinnt mal hier und verliert mal dort. Aber seine Chancen in einem Spiel sind nicht unabh\u00e4ngig vom Ausgang anderer Spiele. So ist es f\u00fcr den Ausgang der Spiele mit seinen Kommandeuren nicht egal, ob er die Spiele gegen den Rest der Welt gewinnt oder verliert. Verliert er von diesen Spielen zu viele, dann sinken auch seine Gewinnchancen im Spiel mit seinen Kommandeuren. Denn mit jedem verlorenen Spiel sinkt deren Glaube an seine Macht und somit auch seine Macht selbst. Das wei\u00df Putin, und das wissen seine Kommandeure \u2013 und Putin wei\u00df, dass seine Kommandeure das wissen.<\/p>\n<p>Putin wird von sich aus sein imperialistisches Spiel gegen seine Nachbarn niemals aufgeben. Pers\u00f6nlich kennt er keine Grenzen, darauf deutet zumindest alles hin. Solange seine Gewinnchancen gegen\u00fcber seinen Kommandeuren hinreichend hoch bleiben, sind ihm dabei auch von au\u00dfen keine Grenzen gesetzt: keine f\u00fcr das Leid der betroffenen Menschen in aller Welt, keine f\u00fcr die Zukunft seines Landes, keine f\u00fcr Europa und keine f\u00fcr die Zukunft der Weltgemeinschaft. Es gibt nur eine Grenze, die er respektiert, denn es ist die einzige, die er respektieren muss: die Loyalit\u00e4t seiner Kommandeure. Sie endet dort, wo er den Bogen so weit spannt, dass es f\u00fcr sie zur aussichtsreichsten Option wird, das Risiko einzugehen, sich gegenseitig zu vertrauen. Allein hier liegt die Grenze seines Tuns. Es gibt keine andere.<\/p>\n<p>Leider k\u00f6nnen wir \u00fcber die Frage, wo diese Grenze erreicht ist, nicht sicher sein. Denn es ist unvorhersehbar, wann und unter welchen Bedingungen sich eine Gruppe wie die Kommandeure rund um Putin gegen ihren Oberkommandierenden verschw\u00f6ren. Auch Putin selbst kann das nicht vorhersehen. Er kann nur zusehen, einen hinreichend gro\u00dfen Sicherheitsabstand zu dieser Grenze zu halten. Es spricht vieles daf\u00fcr, dass er mit einem Befehl zum Angriff auf NATO-Territorium die Grenze \u00fcberschreiten w\u00fcrde. Denn das w\u00fcrde alle Invasions- und Expansionspl\u00e4ne zunichtemachen, inklusive seiner Karriere und die seiner Kommandeure \u2013 das gilt unabh\u00e4ngig von den Folgen, die es f\u00fcr uns h\u00e4tte. Ob seine Kommandeure das also mitmachen w\u00fcrden, ist sehr fraglich.<\/p>\n<p>Sicher wissen wir das nat\u00fcrlich nicht. Dennoch folgt aus alledem: Wenn es einen Weg zur Eind\u00e4mmung Putins und einer R\u00fcckkehr zur Vernunft in Europa gibt, dann f\u00fchrt er \u00fcber ganz pers\u00f6nliche Niederlagen Putins in seinen Spielen. Denn nur das schr\u00e4nkt seinen Handlungsspielraum ein. Es geh\u00f6rt zu den bitteren Einsichten, dass manche der entscheidenden pers\u00f6nlichen Niederlagen Putins nur auf dem Umweg \u00fcber milit\u00e4rische Niederlagen der russischen Armee erlangt werden k\u00f6nnen \u2013 mit all den furchtbaren Verlusten an Menschenleben, die das auf beiden Seiten fordert.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr jeden zivilisierten Menschen kaum zu ertragen. Umso wichtiger ist es, dass wir alle uns offenstehenden Alternativen nutzen, um Putin auch jenseits milit\u00e4rischer Gewalt m\u00f6glichst viele seiner Spiele verlieren zu lassen. Das Spiel mit den wirtschaftlichen Sanktionen hat er bislang leider gewonnen. Derzeit spielt er gen\u00fcsslich mit unserer Angst vor einem Stopp der Gaslieferungen. Hierzu geh\u00f6rt, dass er den Gashahn nicht einfach zudreht, sondern uns erst einmal daran hindert, ein hinreichend gro\u00dfes Polster aufzubauen. Die so geschaffene Ausgangssituation kann er dann im Winter nutzen, um uns nach Belieben am langen Arm vertrocknen zu lassen \u2013 oder auch mal wieder ein wenig Gas durchzuleiten, um Politiker und Bev\u00f6lkerung in m\u00f6glichst viele streitende Lager zu spalten. Seine Kommandeure sind vermutlich jetzt schon davon beeindruckt, wie er den Westen mit seiner Gaspolitik am Nasenring durch die Manage f\u00fchrt. Das st\u00e4rkt bei ihnen den Glauben an seine Macht und weitet dar\u00fcber die Grenzen seines Handelns aus.<\/p>\n<p>Zugleich spielt er damit auch ein \u00f6konomisches Spiel. Denn die erzeugte Knappheit treibt die Preise wie in einem ganz gew\u00f6hnlichen Monopol in die H\u00f6he und maximiert so seine Deviseneinnahmen. Zusammengenommen geh\u00f6rt dieses doppelte Spiel zu den entscheidenden Waffen Putins gegen den Westen. Dabei k\u00f6nnten wir Putin dieses Spiel mit einem Schlag verlieren lassen. Gas kann er nicht einfach umleiten und an andere L\u00e4nder verkaufen. Ein Abnahmestopp w\u00fcrde einen Gro\u00dfteil seiner Gasfelder auf l\u00e4ngere Zeit unbrauchbar machen. Daher w\u00e4re allein der \u00f6konomische Verlust enorm, so dass er das \u00f6konomische Spiel mit dem Gas von einem Tag zum n\u00e4chsten verloren h\u00e4tte. (Nebenbei bemerkt ist die h\u00e4ufig zu h\u00f6rende Behauptung Unsinn, dass Sanktionen dann und nur dann erfolgreich seien, wenn sie dem Sanktionierten mehr \u00f6konomischen Schaden zuf\u00fcgen als dem Sanktionierenden.)<\/p>\n<p>Noch wichtiger ist, dass er damit auch das politische Spiel mit dem Gas pers\u00f6nlich verloren h\u00e4tte. Wenn er den Westen mit Rohstoffen nicht mehr erpressen kann, und wenn seine milit\u00e4rischen Drohungen gegen den Westen leer sind, weil seine Kommandeure das nicht mitmachen w\u00fcrden, dann hat er zumindest gegen\u00fcber dem Westen nichts mehr in der Hand. Das w\u00e4re eine kapitale Niederlage des Spielers Putin. Diese Niederlage w\u00fcrden seine Kommandeure zur Kenntnis nehmen. Sie w\u00fcrden ihre Einsch\u00e4tzung \u00fcber seine Macht massiv nach unten korrigieren. Und bevor er dann eine milit\u00e4rische Option gegen\u00fcber dem Westen zieht, die er politisch vermutlich nicht \u00fcberleben w\u00fcrde und die selbst dann, wenn er sie politisch \u00fcberleben w\u00fcrde, ganz sicher alle seine Gro\u00dfmachtpl\u00e4ne zunichtemachen w\u00fcrde, mag er dann doch ernsthaft an den Verhandlungstisch kommen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Putin ist ein Autokrat, also ein Alleinherrscher. 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