{"id":31826,"date":"2022-10-17T00:36:51","date_gmt":"2022-10-16T23:36:51","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31826"},"modified":"2022-10-17T05:24:30","modified_gmt":"2022-10-17T04:24:30","slug":"gastbeitrag-china-vom-wachstumsmotor-zum-risikofaktor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31826","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag <\/font><br\/>China \u2013 Vom Wachstumsmotor zum Risikofaktor"},"content":{"rendered":"<p>Die Volksrepublik China war viele Jahre der Motor f\u00fcr das globale Wachstum und den internationalen Handel. Von 2000 bis 2014 trug China 30 % zum globalen Wachstum bei, w\u00e4hrend der Anteil an den weltweiten Exporten von 4 % im Jahr 2000 auf 14 % im Jahr 2015 stieg. China stieg so zur zweitgr\u00f6\u00dften Volkswirtschaft der Welt hinter den USA auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/xi1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/xi1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Deutschland spielt der Aufstieg Chinas eine gro\u00dfe Rolle. Im Jahr 2021 war die Volksrepublik zum sechsten Mal in Folge Deutschlands wichtigster Handelspartner. Insgesamt wurden zwischen beiden L\u00e4ndern Waren im Wert von 246,1 Mrd. Euro gehandelt. Mit Blick auf die Importe und Exporte zeigt sich, dass die USA als Absatzmarkt die Hauptrolle spielen, w\u00e4hrend China vor allem als Lieferant f\u00fcr die deutsche Volkswirtschaft eminent wichtig ist. Der Wert aller aus China importierten Waren lag im vergangenen Jahr bei 142,4 Milliarden Euro.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es sind aber nicht nur die beeindruckenden Zahlen der Gesamtimporte und -exporte, die China f\u00fcr Deutschland \u2013 und f\u00fcr Europa \u2013 zu einem wichtigen Handelspartner machen. Die Volksrepublik liefert in bedeutendem Umfang Rohstoffe und Vorleistungen f\u00fcr wichtige deutsche Industriezweige und f\u00fcr Technologien, die als besonders zukunftstr\u00e4chtig eingestuft werden. Gem\u00e4\u00df der Europ\u00e4ischen Kommission liegt der Anteil der aus China in die EU importierten Rohstoffe f\u00fcr die Produktion von Elektromotoren bei 65 %, f\u00fcr Windturbinen bei 54 % und f\u00fcr die Photovoltaik-Technologie bei 53 %.<\/p>\n<p>Laut einer Umfrage des ifo Instituts (Februar 2022) beziehen 46 % der Industrieunternehmen und 40 % der Unternehmen im Handel wichtige Vorleistungen aus China. Heruntergebrochen auf die einzelnen Branchen sind vor allem die Unternehmen der Automobilindustrie (75,8 %), Datenverarbeitungsger\u00e4te (71,6 %) und Elektrische Ausr\u00fcstung (70,6 %) auf Vorleistungen aus China angewiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/xi2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/xi2.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p><strong>Das Erfolgsmodell hat ausgedient<\/strong><br \/>\nInzwischen spricht viel daf\u00fcr, dass der chinesische Boom dauerhaft vor\u00fcber ist. Die Wachstumskr\u00e4fte erlahmen, die staatlichen Stimuli verlieren an Wirkung, \u00dcbertreibungen und Verzerrungen sind zu korrigieren und somit f\u00e4llt China als Wachstumslokomotive f\u00fcr die Weltwirtschaft wohl aus. Genau genommen ist es erstaunlich, dass der Wirtschaftsboom \u00fcberhaupt so lange anhalten konnte. Im Sinne der Konvergenzhypothese war durchaus zu erwarten, dass sich China im Rahmen eines wirtschaftlichen Aufholprozesses den Industrienationen von unten ann\u00e4hert. Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder profitieren von der M\u00f6glichkeit, sich die Erfolgsrezepte der wohlhabenden Industrienationen abschauen zu k\u00f6nnen. Allein durch Adaption und Imitation k\u00f6nnen relativ schnell Wohlstandszuw\u00e4chse verzeichnet werden. Im Zeitablauf gehen aber oft die Auftriebskr\u00e4fte verloren, sodass weiteres Wachstum immer schwerer zu realisieren ist. China hat es dennoch lange Zeit verstanden, die Wachstumsraten au\u00dferordentlich hoch zu halten \u2013 nicht zuletzt mit zweifelhaften Methoden wie Produktpiraterie und erzwungenem Technologie-Transfer. Mit der massiven Subventionierung der eigenen Unternehmen verschaffte sich China zudem unfaire Vorteile im internationalen Wettbewerb.<\/p>\n<p>Letztlich war der wirtschaftliche Aufstieg das Ergebnis eines eigent\u00fcmlichen Wirtschaftsmodells, das marktwirtschaftliche Prozesse mit starken Elementen einer Zentralverwaltungswirtschaft kombiniert. Einige Beobachter hatten darin schon eine Alternative zum Kapitalismus amerikanischer Pr\u00e4gung gewittert. Doch nach und nach zeigen sich immer mehr Schwachstellen dieses Systems.<\/p>\n<p>Die staatlichen Investitionsausgaben, mit deren Hilfe die ambitionierten Wachstumsziele erreicht werden sollten, haben teilweise zu massiven \u00dcbertreibungen zum Beispiel im Immobiliensektor gef\u00fchrt. Die chinesische F\u00fchrung hat versucht, einige der Exzesse in den Griff zu bekommen. Durch strengere Vorschriften f\u00fcr den Bausektor sollte der \u00dcberschwang einged\u00e4mmt werden. Nun entweicht seit einiger Zeit die Luft aus dem Immobilienmarkt, allerdings mit den \u00fcblichen Nebenwirkungen. Die Binnenwirtschaft und das Finanzsystem werden in Mitleidenschaft gezogen. Die negativen Verm\u00f6genseffekte belasten den Konsum und konterkarieren damit die staatlichen Bem\u00fchungen, den Konsum zu st\u00e4rken. Dadurch ger\u00e4t die Regierung in die Zwickm\u00fchle: Wie k\u00f6nnen die Erwartungen f\u00fcr den Immobilienmarkt erneut ins Positive gedreht werden, ohne direkt wieder \u00fcbertriebene Euphorie auszul\u00f6sen?<\/p>\n<p>Insgesamt spricht viel daf\u00fcr, dass das Wachstum vorerst stark eingetr\u00fcbt bleibt. Auch wegen der rigiden Corona-Politik d\u00fcrfte das Wachstum in diesem Jahr lediglich knapp 3 % erreichen und im n\u00e4chsten Jahr auf knapp 4 % steigen. Das sind Werte deutlich unter denen der letzten zwei Dekaden mit phasenweise zweistelligem Wirtschaftswachstum. Auch l\u00e4ngerfristig d\u00fcrfte moderates Wachstum die neue Normalit\u00e4t sein. Das ist kein Absturz, aber eine echte Wachstumslokomotive ist China damit eben auch nicht mehr.<\/p>\n<p><strong>Politische Unw\u00e4gbarkeiten<\/strong><br \/>\nMit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist das Thema noch nicht zu Ende: China entwickelt sich auch politisch zu einem Risikofaktor. Der Taiwan-Konflikt macht dies aktuell besonders deutlich. Sollte dieser Konflikt eskalieren, h\u00e4tte die Weltwirtschaft ein weiteres ernsthaftes Problem. Doch selbst wenn sich der China-Taiwan-Konflikt wieder beruhigen sollte, bleibt China f\u00fcr den Rest der Welt eine Herausforderung.<\/p>\n<p>Inzwischen ist klar, dass es zwischen den westlichen Industrienationen und China nicht nur um punktuell unterschiedliche Ansichten in der Au\u00dfen-, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik geht. Es geht um einen regelrechten Systemwettbewerb mit China. Hier sind von westlicher Seite dicke Bretter zu bohren. Wie stellt man sich handelspolitisch zu einem Land, das seine Unternehmen staatlich massiv subventioniert und so im internationalen Wettbewerb unfaire Wettbewerbsvorteile verschafft? Wie geht man um mit einem Land, das Menschenrechte mit F\u00fc\u00dfen tritt und das Verhalten seiner Bev\u00f6lkerung mithilfe eines Sozialkredit-Systems strikt \u00fcberwacht. Eine wertebasierte Au\u00dfenpolitik kann schnell an ihre Grenzen sto\u00dfen, wenn L\u00e4nder wirtschaftlich eng miteinander verflochten sind, politisch aber diametral unterschiedliche Vorstellungen haben. Unter normalen Umst\u00e4nden ist China f\u00fcr Deutschland ein nicht wegzudenkender Handelspartner. Aber sind die Umst\u00e4nde noch normal?<\/p>\n<p><strong>Neuer Blick auf die Globalisierung<\/strong><br \/>\nTatsache ist, dass sich der Blick auf die Globalisierung in den letzten Jahren grundlegend ver\u00e4ndert hat. Seit Anfang der neunziger Jahre wurde die Globalisierung prim\u00e4r unter Effizienzgesichtspunkten gesehen. Es ging darum, durch internationale Arbeitsteilung die Wohlstandsgewinne einzufahren, die in jedem Lehrbuch zur Au\u00dfenwirtschaftstheorie ausf\u00fchrlich beschrieben werden. Die Schattenseiten der Globalisierung \u2013 Verteilungsprobleme, Abh\u00e4ngigkeiten, Fragilit\u00e4t \u2013 wurden lange Zeit als nachrangig eingestuft oder gleich ganz ignoriert.<\/p>\n<p>Doch mit Donald Trump als US-Pr\u00e4sident im Jahr 2016 zerbrach die scheinbar heile Welt der Globalisierung. Mit seiner \u201eAmerica first\u201c-Idee lenkte Trump im Wahlkampf die Aufmerksamkeit auf die Globalisierungsverlierer. Zudem ging er nach der Amts\u00fcbernahme gegen\u00fcber China in die Offensive und zettelte sp\u00e4ter einen Handelskrieg an. Zum damaligen Zeitpunkt war es noch ein regelrechter Schock f\u00fcr die Finanzm\u00e4rkte. Das Vorgehen Trumps war eine Z\u00e4sur f\u00fcr die Handelspolitik. Heute ist eine kritische Sicht auf China in Washington D.C. weit verbreitet.<\/p>\n<p>Mit der Corona-Pandemie ist die Globalisierung noch aus ganz anderen Gr\u00fcnden unter Druck geraten: Nun stand die Versorgungssicherheit im Mittelpunkt der Diskussion. Die hochgradig vernetzte Weltwirtschaft mit langen internationalen Lieferketten war pl\u00f6tzlich ein Risiko f\u00fcr die Versorgungssicherheit eines Landes. Schon machten Schlagw\u00f6rter wie \u201eNear-Shoring\u201c und \u201eDe-Globalisierung\u201c die Runde.<\/p>\n<p>Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine versch\u00e4rfte diese kritische Sicht auf den internationalen Handel, da im Zuge des Krieges die Preise f\u00fcr Nahrungsmittel und insbesondere f\u00fcr Energie international in ungeahnte H\u00f6hen schossen. Zudem bekam die Idee vom \u201eWandel durch Handel\u201c, wonach sich autorit\u00e4re Regime durch den Handel mit demokratischen Systemen politisch und gesellschaftlich \u00f6ffnen, mindestens tiefe Kratzer. Nun machte das Schlagwort des \u201eFriend-Shoring\u201c die Runde. Demnach soll es zwar weiter internationale Arbeitsteilung geben, aber nur noch mit befreundeten Staaten, die \u00e4hnliche Werte teilen.<\/p>\n<p>Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine reagieren viele Beobachter noch einmal deutlich sensibler auf China. Vorbei sind die Zeiten, in denen China in erster Linie als billiger Produktionsstandort angesehen wurde. Jetzt richtet sich der Blick auf die Risiken, die von der Volksrepublik ausgehen \u2013 wirtschaftlich, gesellschaftlich und inzwischen auch sicherheitspolitisch. Letztlich hat es beim Blick auf China eine 180-Grad-Wende gegeben. Die lange bekannten, aber oft vernachl\u00e4ssigten Besonderheiten des autokratischen Systems werden nun notgedrungen einer erneuten, diesmal wohl sehr viel kritischeren Analyse unterzogen. Unternehmen haben damit begonnen, ihr China-Engagement zu reduzieren.<\/p>\n<p>Der 20. Parteitag der Kommunistischen Partei ab dem 16. Oktober, auf dem Staatspr\u00e4sident Xi Jinping seine Macht weiter festigen wird, r\u00fcckt all diese Unw\u00e4gbarkeiten in den Fokus der internationalen \u00d6ffentlichkeit. Eine Volksrepublik China, die nach einer internationalen Machtposition strebt, h\u00e4tte wohl viel fr\u00fcher anders betrachtet werden m\u00fcssen als durch unsere modelltheoretische \u00d6konomen-Brille, bei der Handel im Regelfall ganz harmonisch zum beiderseitigen Nutzen stattfindet.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Volksrepublik China war viele Jahre der Motor f\u00fcr das globale Wachstum und den internationalen Handel. 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