{"id":31904,"date":"2022-11-08T00:37:38","date_gmt":"2022-11-07T23:37:38","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31904"},"modified":"2022-11-08T07:21:25","modified_gmt":"2022-11-08T06:21:25","slug":"putins-propaganda-und-ihr-kollektivistisches-echo-im-westen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31904","title":{"rendered":"Putins Propaganda und ihr kollektivistisches Echo im Westen"},"content":{"rendered":"<p>Am sp\u00e4ten Abend des 23. Februar 2022 f\u00fchrte der Journalist und Putin-Kenner Hubert Seipel in der Sendung \u201eMaischberger. Die Woche\u201c die eskalierende Situation an der Grenze zu den abtr\u00fcnnigen Gebieten im Osten der Ukraine auf einen von der NATO ermutigten Bruch der Minsker Abkommen durch ukrainische Truppen zur\u00fcck. Stunden vor dem \u00dcberfall wischte er den Hinweis auf den massiven Truppenaufmarsch Russlands an der ukrainischen Grenze mit der Bemerkung zur Seite, es handele sich dabei lediglich um harmlose Muskelspiele. Einen Tag vorher sah die langj\u00e4hrige Russland-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz bei Markus Lanz keinerlei Anzeichen einer russischen Invasion und beklagte umgekehrt, die NATO bedrohe Russland in seinen legitimen Sicherheitsinteressen. Zwei Tage davor argumentierte Sarah Wagenknecht bei Anne Will, das Bild von Putin als \u201edurchgeknallter Nationalist, der sich daran berauscht, Grenzen zu verschieben\u201c, sei \u201eherbeiphantasiert\u201c. Die Liste lie\u00dfe sich beliebig fortsetzen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gewiss, inzwischen scheint dieser ganze Spuk vorbei, und nur noch Sarah Wagenknecht geistert nach wie vor durch die Talkshows. Schaut man aber genauer hin, so findet man beispielsweise, dass Hubert Seipels Buch \u201ePutins Macht\u201c, das kurz vor dem Ukraine-\u00dcberfall erschien, offenbar nach wie vor popul\u00e4r ist: Die allerj\u00fcngsten Online-Rezensionen auf Amazon weisen nicht nur h\u00f6chste Bewertungen auf, sondern sie sind auch in ihrem Textteil voll des Lobes angesichts Seipels vermeintlich differenzierter Sicht, seiner \u201eVersachlichung\u201c der Debatte, seiner \u201eEntd\u00e4monisierung Putins\u201c sowie seiner kritischen Haltung gegen\u00fcber der \u201eaggressiven\u201c NATO.<\/p>\n<p>Schauen wir im politischen Spektrum einmal ganz nach links, so finden wir beispielsweise, dass die altlinke Zeitschrift \u201eKonkret\u201c gleich nach Beginn des Krieges im M\u00e4rz 2022 mit \u201eGo East! Die NATO-Aggression gegen Russland\u201c titelte. In weiteren Heften ging es um die deutschen Medien als \u201ePropaganda-Staffel\u201c im Ukraine Krieg sowie um die \u201eGeschichte einer Eskalation\u201c zwischen Putin und dem Westen. Lassen wir den Blick einmal weiter \u00fcber die linksradikalen und kommunistischen Parteien Europas schweifen, so finden wir wieder das gleiche Bild: Russland, selbstredend legitim repr\u00e4sentiert durch Putin, als das Opfer der NATO, welche wiederum das Hauptinstrument des hegemonialen US-Imperialismus ist.<\/p>\n<p>Werfen wir abschlie\u00dfend noch kurz den Blick nach ganz rechts, so finden wir im Prinzip alles das, was wir auch ganz links finden: bei der AfD, bei Viktor Orban, bei Matteo Salvini und der Lega Nord, bei Silvio Berlusconi, Marine Le Pen und wie sie alle hei\u00dfen. Nun k\u00f6nnte man die rechte und linke Einigkeit in der Putin-Verharmlosung mit dem Hinweis darauf abtun, es handele sich lediglich um die extremen R\u00e4nder des politischen Spektrums. Aber so ist das nicht. Mit Blick auf die politischen Repr\u00e4sentanten in Deutschland mag es zwar noch gerade hinkommen, wenn man gro\u00dfz\u00fcgig die 118 der insgesamt 736 Sitze im Bundestag als Randph\u00e4nomen bezeichnet, die von Abgeordneten der LINKEN und der AfD repr\u00e4sentiert werden, obwohl es immerhin rund 16 Prozent sind. Sieht man sich aber deren gemeinsames W\u00e4hlerpotential an, so d\u00fcrften wir bei mindestens einem Viertel der Bev\u00f6lkerung liegen. Das ist kein Randph\u00e4nomen, und es passt zu der Tatsache, dass B\u00fccher wie jenes von Hubert Seipel Bestseller sind. Hinzu kommt, dass dies nur das Bild ist, das sich nach dem 24. Februar 2022 ergibt. Davor sah es noch ganz anders aus.<\/p>\n<p><strong>Blinde Antifaschisten<\/strong><\/p>\n<p>Nun darf es niemand wundern, dass es von rechten Putin-Verehrern nur so wimmelt. Am linken Rand m\u00fcsste das aber eigentlich ganz anders sein. Viele radikale Linke haben so etwas wie einen antifaschistischen Alleinvertretungsanspruch f\u00fcr sich reklamiert und von dort aus den neuen Faschismus jahrzehntelang nahezu \u00fcberall auferstehen sehen. Daher h\u00e4tte ihnen zuallererst klar sein m\u00fcssen, um wen es sich bei Putin handelt; dass er nicht allein rechtsradikal denkt und im Grunde auch immer so dachte, sondern dass er auch immer schon so handelte; dass er hemmungslos log und einsch\u00fcchterte; dass er lange vor dem ersten Ukraine-\u00dcberfall bereits sprichw\u00f6rtlich \u00fcber Leichenberge ging; und dass er schon lange vor dem 24. Februar 2022 kaltl\u00e4chelnd ganze St\u00e4dte in Schutt und Asche versinken lie\u00df. Wie ist vor diesem Hintergrund m\u00f6glich, dass auch bei den selbsternannten Antifaschisten die absto\u00dfend-menschenverachtende Propaganda des Faschisten Putin auf fruchtbaten Boden fiel und teilweise immer noch f\u00e4llt?<\/p>\n<p>Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hatte der \u00d6konom und Sozialphilosoph F. A. von Hayek in einer Streitschrift mit dem Titel \u201eDer Weg zur Knechtschaft\u201c bereits den entscheidenden Hinweis gegeben. Allerdings polarisierte er mit diesem Buch, und zwar vermutlich gerade deshalb, weil seine Kernaussage auch f\u00fcr moderate Sozialisten kaum zu akzeptieren war. Das hat dazu beigetragen, dass Hayek fortan als Hohepriester eines radikalliberalen Anarcho-Kapitalismus wahrgenommen wurde. Wie immer man zu Hayek steht, so ist es h\u00f6chst bedauerlich, dass das Kernargument dieses Buches im Anti-Hayek-Strudel gerade bei denen untergegangen ist, f\u00fcr die es besonders wichtig gewesen w\u00e4re. Etwa zeitgleich hatte der Philosoph Karl Popper in seinem zweib\u00e4ndigen Werk \u201eDie offene Gesellschaft und ihre Feinde\u201c ganz \u00e4hnlich argumentiert. Wie schon Hayeks Buch entstand auch dieses Werk vor dem Hintergrund des Nazi- und Stalinterrors, aber anders als Hayeks Buch war es weniger f\u00fcr allgemeines Publikum geschrieben und vermutlich deshalb weniger polarisierend, auf jeden Fall aber tiefgr\u00fcndiger fundiert.<\/p>\n<p>Worum ging es? Kurz gesagt, wurden Linksradikalismus und Rechtsradikalismus auf ein und denselben intellektuellen N\u00e4hrboden zur\u00fcckgef\u00fchrt. Heute w\u00fcrde man noch den religi\u00f6sen Fundamentalismus hinzuf\u00fcgen, welcher wiederum aus demselben N\u00e4hrboden w\u00e4chst. Folgt man dieser These, so zeichnet das Rechts-Links-Kontinuum ein falsches Bild. Das relevante Gegensatzpaar ist vielmehr dies: Auf der einen Seite steht der liberale Individualismus, der das Wohl und Wehe der einzelnen Menschen in den Mittelpunkt allen gesellschaftlichen Strebens stellt. Auf der anderen Seite des Kontinuums steht der Kollektivismus, f\u00fcr den das Wohl der Gesellschaft stets mehr ist als die Summe des Wohls der Individuen, die in ihr leben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend es f\u00fcr den liberalen Individualismus keine Werte gibt, welche sich nicht aus dem Wohl der individuellen Menschen ableiten lassen, definiert der Kollektivismus abstrakte Werte und Gesellschaftsziele jenseits des Wohls der individuellen Menschen. Sodann haben sich die Individuen in den Dienst dieser \u00fcberindividuellen Werte zu stellen. Begr\u00fcndet wird das mit der Behauptung, ein Individuum k\u00f6nne zu \u201ewirklicher\u201c Freiheit nur dadurch gelangen, dass es verschmilzt mit dem Kollektiv, in dem es lebt, und aufgeht in dessen \u00fcbergeordneten Zielen und Werten. Freilich bedeutet das auch, dass das Individuum im Kollektivismus zur Freiheit gelangt, indem nichts mehr von ihm bleibt. Die bekanntesten Spielarten des Kollektivismus sind der Kommunismus, der Nationalismus und der religi\u00f6se Fundamentalismus. Sie bilden zusammen das eine Ende des Kontinuums, an dessen anderem Ende der liberale Individualismus steht.<\/p>\n<p>Der liberale Individualismus hat sich als das einzige mit Freiheit, Menschenrechten und Demokratie vereinbare Gesellschaftsmodell erwiesen. Er hat sich im Zuge der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung entwickelt und ist zur Grundlage der heutigen rechtsstaatlichen Demokratien westlicher Pr\u00e4gung geworden. Genau hieran schlie\u00dft sich aber auch schon eines der beiden bedeutenden Imageprobleme des liberalen Individualismus an. Denn seine westlichen Wurzeln bieten seinen Gegnern die M\u00f6glichkeit, ihn als eurozentristisch oder gar imperialistisch zu denunzieren, wovon stets reichlich Gebrauch gemacht wurde. Das zweite Imageproblem folgt daraus, dass der liberale Individualismus oft mit einem Zerrbild des pers\u00f6nlichem Individualismus verwechselt wird, innerhalb dessen er f\u00fcr Egoismus sowie der Weigerung steht, f\u00fcr \u201eh\u00f6here\u201c Werte einzustehen, womit in der Regel kollektivistische Werte gemeint sind.<\/p>\n<p>F\u00fcr Rechte und religi\u00f6se Fundamentalisten waren diese beiden Imageprobleme stets willkommene Helfer, um den liberalen Individualismus zu einem Feindbild zu stilisieren. Das gleiche galt f\u00fcr viele \u2013 wenngleich nicht alle \u2013 Linke; und zwar umso mehr, je dogmatischer sie waren oder sind. Je dogmatischer sie waren, desto eher waren sie bereit, die scheinbare linke Alternative zum liberalen Individualismus in ein allzu g\u00fcnstiges Licht zu tauchen. Viele wurden dar\u00fcber blind gegen\u00fcber dem, was im Namen dieser vermeintlichen Alternative so alles geschah. Allein die N\u00e4he prominenter Vertreter der Linkspartei zu verschiedenen trotzkistischen oder leninistischen Zirkeln innerhalb oder um rund um diese Partei zeugen davon.<\/p>\n<p>In ihrer Blindheit ignorieren sie, dass nicht erst Stalin, sondern bereits Lenin und Trotzki in menschenverachtender Brutalit\u00e4t den sowjetischen Sozialismus auf dem heute von Putin erneut kultivierten Dreiklang von L\u00fcge, Einsch\u00fcchterung und Gewalt aufbauten; dass sie zu diesem Zweck bereits den ber\u00fcchtigten und bis heute von Putin verehrten Geheimdienst Tscheka unter der Leitung des blutr\u00fcnstigen Feliks Dzierzynski gr\u00fcndeten; dass die Stalin-Herrschaft ebenso wie die Mao-Herrschaft und viele andere linksradikale Herrschaftssysteme mit der Zeit in blanken und aggressiven Rechtsnationalismus umschlugen; dass linke Ideologen wie Horst Mahler pl\u00f6tzlich als rechte Hetzer wiedererstanden; und dass seit Lenin linke wie rechte Diktaturen kaum voneinander zu unterscheiden waren, wenn man deren jeweilige Propaganda ausblendete. Auch diese Liste lie\u00dfe sich beliebig fortsetzen.<\/p>\n<p>Alles das lag deutlich jedem vor Augen, der nur sehen wollte. Aber vor allem dogmatische Linke wollten es nicht sehen, und zwar deshalb nicht, weil es sie daran hinderte, den liberalen Individualismus als westlich-imperialistisch und zugleich als Brutst\u00e4tte r\u00fccksichtslosen kapitalistischen Egoismus zu verdammen \u2013 und sich an den Kollektivismus als der von alledem erl\u00f6senden Alternative zu klammern. Im liberalen Individualismus, so glaubten sie, werde das Individuum \u00fcber die Gemeinschaft gestellt, und in einer solidarischen Gesellschaft m\u00fcsse dies umgekehrt sein. Dieses Bild teilen sie mit rechten und religi\u00f6sen Gegnern des liberalen Individualismus. Sie alle ziehen es immer wieder gern heran, um ihn zu denunzieren. Dabei ist dieses Bild ebenso anziehend wie irref\u00fchrend, weil es ungekl\u00e4rt l\u00e4sst, was gut f\u00fcr eine Gemeinschaft sein kann, wenn es nicht gut ist f\u00fcr die Individuen, aus denen eine Gemeinschaft besteht.<\/p>\n<p><strong>Die kollektivistische Brille<\/strong><\/p>\n<p>Aus einer kollektivistische Brille heraus ist dieses Bild allerdings konsistent, und zwar aus einem einfachen Grunde: Durch sie erscheint die Gemeinschaft stets als etwas, das mehr ist als die Summe seiner individuellen Teile. Daher blendet sie das Wohl und Wehe der Individuen aus und zeigt nur noch das gr\u00f6\u00dfere, \u00fcbergeordnete Kollektiv mit dessen \u00fcberindividuellen Zielen. Genau in diesem Punkt treffen sich die Sichtweisen der westlichen Kollektivisten in der Gestalt religi\u00f6ser Fundamentalisten sowie rechter und linker Extremisten mit jener von Wladimir Putin. Denn f\u00fcr sie alle spielen weder die Interessen, noch die Handlungen und Interaktionen individueller Menschen f\u00fcr den Ablauf gesellschaftlicher und historischer Prozesse irgendeine Rolle. F\u00fcr sie ist stets \u00dcbergeordnetes im Spiel, und deshalb ger\u00e4t ihnen die Geschichte in der einen oder anderen Form immer zu einer Abfolge gro\u00dffl\u00e4chiger Verschw\u00f6rungen \u2013 und seien diese noch so sehr philosophisch oder theologisch verbr\u00e4mt.<\/p>\n<p>Genau in diesem Sinne kann nun auch das historische Ergebnis, dass rund um Russland ein G\u00fcrtel von Staaten entstanden ist, der sich westlichen Werten zugewandt sowie westliche Regierungsformen mit Demokratie und Gewaltenteilung angenommen hat und noch dazu der EU und der NATO beigetreten ist, nicht einfach so passiert sein. Vielmehr muss es das bewusst angestrebter Ergebnis eines gro\u00dfen kollektiven Akteurs gewesen sein: getrieben von dem, der von Russland heute regierungsoffiziell nicht zuf\u00e4llig als der \u201ekollektive Westen\u201c bezeichnet wird. Nat\u00fcrlich ist das zun\u00e4chst einmal nur die Deutung von Wladimir Putin. Aber das gro\u00dfe Verst\u00e4ndnis f\u00fcr diese Interpretation seitens westlicher Kollektivisten l\u00e4sst sich gut mit der kollektivistischen Brille erkl\u00e4ren, durch die sie alle die Welt sehen: die Rechten, die Linken, die Mullahs im Iran und selbst der Papst, der gleich zu Beginn des Februar-\u00dcberfalls auf die Ukraine der NATO eine Mitschuld zuwies.<\/p>\n<p>W\u00fcrden sie die kollektivistische Brille ablegen, so erschl\u00f6sse sich ihnen ein weit differenzierteres Bild. Demnach war die Ausbreitung westlicher Regierungsformen, ihre Orientierung an Toleranz, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten ebenso wie der Wunsch, alles das durch die Schutzschirme von EU und NATO abgesichert zu sehen, ein aus den Tiefen der Gesellschaft getriebener Emanzipationsprozess, der nach dem Fall der Sowjetunion vom Freiheitsdrang vieler Millionen Menschen getragen wurde und zun\u00e4chst v\u00f6llig ergebnisoffen war. Daher ist die heutige Ausdehnung von demokratischen und rechtsstaatlichen Regierungsformen ebenso wie die EU- und NATO-Mitgliedschaft der Ausdruck freier Willensentscheidungen innerhalb der jeweiligen Region, die es angeht. Und genau in dem Ma\u00dfe, in dem es die NATO-Osterweiterung den Einwohnern der neuen Mitgliedstaaten erm\u00f6glichte, sich ungehindert im Rahmen des liberalen Individualismus pers\u00f6nlich zu entfalten, wurden sie freier und standen unter dem Schutz rechtsstaatlich abgesicherter Menschen- und B\u00fcrgerrechte. Deshalb wollten sie diesen Schutz; und deshalb musste ihnen den Schutz niemand aufzwingen.<\/p>\n<p><strong>Putin und der \u201ekollektive Westen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Aber aus der kollektivistischen Brille heraus betrachtet kann und darf das nicht so sein. Stattdessen sieht man nur dies: Genau in dem Ma\u00dfe, in dem aus kollektivistischer Sicht die EU und die NATO \u201evorr\u00fcckten\u201c, wurde Russland die kulturelle, \u00f6konomische und gesellschaftliche Ausrichtung dieser L\u00e4nder an dessen kollektivistischen Zielen erschwert oder gar unm\u00f6glich gemacht. Sp\u00e4testens aus Putins Sicht kann die daraus erwachsende Einengung seines imperialistischen Machtanspruchs nicht einfach so auf die gewachsene Freiheit der Menschen zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Denn in seiner kollektivistischen Welt ist Freiheit \u00fcberhaupt keine relevante Kategorie. Das ist ihm v\u00f6llig fremd, und daher bleibt ihm zur Erkl\u00e4rung dieser Entwicklung nur die imperialistische Verschw\u00f6rung des \u201ekollektiven Westens\u201c.<\/p>\n<p>Verst\u00f6rend daran ist, dass so viele Linke \u2013 noch dazu im Verein mit Rechten und religi\u00f6sen Fanatikern \u2013 ausgerechnet gegen\u00fcber dieser extremen Putin\u2018schen Variante des Kollektivismus Verst\u00e4ndnis aufbrachten. So stellten sie sich mit gleicher Elle vor, dass die Menschen stets entweder der einen oder der anderen imperialen Macht zugeordnet sind \u2013 und dass daher alles, was Putin genommen wurde, notwendigerweise dem \u201ekollektiven Westen\u201c in die H\u00e4nde gefallen sei.<\/p>\n<p>In der Folge horchten nach 2014 nur so wenige von ihnen auf, als Putin schrieb, die Geschichte habe Russland das historische Vorrecht dazu einger\u00e4umt, die gesellschaftlichen und kulturellen Geschicke seiner Nachbarl\u00e4nder nach seinen Werten zu gestalten; und es widersprachen so wenige Putins Argumentation, wonach der Westen gerade dabei sei, Russland dieses vermeintliche historische Recht zu entrei\u00dfen; und schlie\u00dflich folgten so viele der aberwitzigen Behauptung Putins, die NATO griffe in legitime russische Sicherheitsinteressen ein, obwohl kein NATO-Staat je russisches Territorium infrage gestellt hatte oder daran auch nur das leiseste Interesse h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Man horchte nicht einmal auf, als Putin seinen Hass gegen den \u201ekollektiven Westen\u201c mit derart reaktion\u00e4ren Inhalten aufzuf\u00fcllen begann, dass s\u00e4mtliche Alarmglocken h\u00e4tten l\u00e4uten m\u00fcssen: Der \u201ekollektive Westen\u201c zwinge Russland in die Rolle des hilflosen Zuschauers, w\u00e4hrend er eine von Drogensucht, Homosexualit\u00e4t und Verweichlichung gepr\u00e4gte westliche Seele in die einst stolze russische Brust der Ukrainer mit der Folge pflanze, dass das Volk der \u201eKleinrussen\u201c f\u00fcr immer von der Landkarte verschwinde. Dass er damit in absurder Folgerichtigkeit eine logische Begr\u00fcndung seiner Behauptung \u00fcber einen vom \u201ekollektiven Westen\u201c an den Ukrainern begangenen V\u00f6lkermord lieferte, nahm man einfach so hin.<\/p>\n<p><strong>Die Menschenverachtung des Kollektivismus<\/strong><\/p>\n<p>Der N\u00e4hrboden f\u00fcr diese verbreitete Blindheit gegen\u00fcber dem neuerlichen Monster des Faschismus in Europa ist bereits vor langer Zeit benannt worden. Karl Popper hatte ihn w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs tiefgr\u00fcndig analysiert, und Friedrich A. von Hayek hatte in seiner Streitschrift eindringlich vor ihm gewarnt. Leider stie\u00dfen diese Analysen und Warnungen bei vielen Beobachtern auf taube Ohren \u2013 vor allem von solchen, die sich f\u00fcr besonders zeitkritisch halten.<\/p>\n<p>Dies lag wohl einerseits an der auch unter moderaten Linken bis heute kaum gebrochenen Anziehungskraft des Marxismus, in dessen kollektivistischer Basis eine inh\u00e4rente Gegnerschaft zum liberalen Individualismus enthalten ist. Umgekehrt erkl\u00e4rt es \u00fcbrigens, warum die Gr\u00fcnen gegen\u00fcber dem aufkeimenden russischen Faschismus nicht blind waren. Denn sie haben seit ihrer Gr\u00fcndung eine eher unorthodox-linke Position kultiviert, und das hat damit zu tun, dass zumindest ein Teil ihrer Wurzeln liberal-individualistisch gepr\u00e4gt ist \u2013 vielleicht st\u00e4rker, als manche von ihnen sich eingestehen wollen.<\/p>\n<p>Die Warnungen vor dem Kollektivismus stie\u00dfen aber auch deshalb oft auf taube Ohren, weil die liberal-individualistische Gesellschaftskonzeption verwechselt wurde mit dem Klischee des gemeinschaftsfeindlichem pers\u00f6nlichem Individualismus; dass Individualismus gleichgesetzt wurde mit Vereinzelung, Vereinsamung und Egoismus; und dass der seiner urspr\u00fcnglichen Idee beraubte Begriff des Neoliberalismus das liberal-individualistische Gesellschaftskonzept zu einem griffigen Feindbild formte.<\/p>\n<p>Dies alles pflegte die \u00dcberzeugung, dass der Kollektivismus moralisch \u00fcberlegen sei, weil er vermeintlich das Gemeinschaftliche \u00fcber die Vereinzelung stellt, das Gemeinwohl \u00fcber den Eigennutz und die Solidarit\u00e4t \u00fcber den Egoismus. In dieser irrigen \u00dcberzeugung verwechselten viele linksorientierte Kommentatoren das totalit\u00e4re Potential des Kollektivismus mit solidarischen Prinzipien. So sehr dies in vielen Fragen nur \u00e4rgerlich war, so tragisch wurde es, als manche von ihnen mit ihrer kollektivistischen Prinzipientreue zum Echo eines b\u00f6sartigen Propagandisten und Massenm\u00f6rders wurden. \u00dcberall haben sie das Aufkommen neuer faschistischer Kr\u00e4fte gewittert, manchmal zurecht, manchmal nicht. Aber da, wo er tats\u00e4chlich mit gro\u00dfer Wucht und f\u00fcr alle, die nur sehen wollten, deutlich sichtbar erwuchs, da haben sie nichts gesehen.<\/p>\n<p>Die dahinter sich verbergende Einsicht f\u00fcr alle Gutwilligen unter uns ist, dass der Kollektivismus keineswegs die Grundlage einer solidarischen Gesellschaft ist; dass er keineswegs ein Konzept dagegen ist, dem Egoismus in uns Menschen auf gesellschaftlicher Ebene Einhalt zu gebieten; dass er keineswegs ein Konzept gegen Nihilismus und Prinzipienlosigkeit ist; und dass er keineswegs ein Rezept gegen den vermeintlichen (Neo-)Imperialismus des \u201ekollektiven Westens\u201c ist \u2013 so imperialistisch und kolonialistisch manche westlichen L\u00e4nder in der Vergangenheit auch immer waren; und so schlimme Dinge mitunter auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg im Namen des Westens geschehen sind. Vielmehr ist der Kollektivismus ein gef\u00e4hrliches, aggressives und menschenverachtendes Prinzip. Das erweist sich in schmerzhafter Weise immer wieder neu. Der j\u00fcngste Nachweis kam aus Russland; und neues Unheil k\u00f6nnte sich gleich wieder anbahnen \u2013 diesmal aus China.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am sp\u00e4ten Abend des 23. Februar 2022 f\u00fchrte der Journalist und Putin-Kenner Hubert Seipel in der Sendung \u201eMaischberger. 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