{"id":31913,"date":"2022-11-16T00:56:36","date_gmt":"2022-11-15T23:56:36","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31913"},"modified":"2022-11-16T07:10:36","modified_gmt":"2022-11-16T06:10:36","slug":"klimanaivitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31913","title":{"rendered":"Klimanaivit\u00e4t!"},"content":{"rendered":"<p>Die globale Temperatur ist seit der industriellen Revolution laut Weltklimarat um rund 1,1\u00b0C angestiegen \u2013 in einigen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sogar um deutlich mehr, wie beispielsweise in Deutschland. Die weltweiten Emissionen wachsen auf hohem Niveau weiter. Dabei mangelt es in der Politik nicht an ehrgeizigsten Zielen zum Klimaschutz. So will die Bundesregierung, dass Deutschland bis 2045 klimaneutral wird. Global soll die Erderw\u00e4rmung auf unter 1,5\u00b0C begrenzt werden. Doch mit n\u00fcchternem Blick auf die Welt erscheint die Erf\u00fcllung solcher Ziele als \u201eklimanaiv\u201c.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Klimaschutz ist ein globales \u00f6ffentliches Gut<\/h2>\n<p>Klimaschutz ist ein globales \u00f6ffentliches Gut. Alle k\u00f6nnten davon profitieren. Doch das macht effektiven Klimaschutz nicht wahrscheinlicher, sondern sehr viel unwahrscheinlicher. Mindestens vier Kosten-Nutzen-\u00dcberlegungen sind dabei von zentraler Bedeutung.<\/p>\n<ul>\n<li><em>Trittbrettfahrer:<\/em> Diejenigen L\u00e4nder, die ihre Emissionen tats\u00e4chlich reduzieren, tragen die Kosten f\u00fcr Klimaschutz. Die Nutzen von Emissionsreduktionen verteilen sich hingegen weltweit, sodass haupts\u00e4chlich andere profitieren.<\/li>\n<li><em>Gegenwartsliebe:<\/em> Emissionsreduktionen f\u00fchren sofort zu Kosten. Da das Weltklima tr\u00e4ge ist, f\u00e4llt der Nutzen erst in Zukunft an. Politiker und B\u00fcrger bevorzugen im Regelfall Nutzen heute und Kosten in der Zukunft.<\/li>\n<li><em>Unsicherheit:<\/em> Die Kosten f\u00fcr Klimaschutz sind sichtbar und gewiss. Die Nutzen von Klimaschutz hingegen sind nicht sofort sichtbar und ungewiss, da sie durch die Senkung der Wahrscheinlichkeit von Sch\u00e4den irgendwo auf der Welt und in der Zukunft zustande kommen.<\/li>\n<li><em>Ungleichheit:<\/em> Mit fortschreitender Erkenntnis \u00fcber die m\u00f6glichen Sch\u00e4den der Erderw\u00e4rmung wird klarer, dass diese ungleich verteilt sein werden. So d\u00fcrfte es gro\u00dfe und kleine Verlierer aber auch Gewinner des Klimawandels geben. Letztere haben wenig Eigeninteresse an Klimaschutz.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Kosten-Nutzen-\u00dcberlegungen verdeutlichen die typische Tragik \u00f6ffentlicher G\u00fcter, die beim globalen \u00f6ffentlichen Gut Klimaschutz besonders stark ausgepr\u00e4gt ist. Wenn ein Gro\u00dfteil der Welt sich nicht beteiligt, dann bringen nationale Anstrengungen zum Klimaschutz au\u00dfer sofortigen Kosten so gut wie nichts. Daher rentiert es sich f\u00fcr kein Land allein, ausreichend Klimaschutz zu betreiben. Man k\u00f6nnte von <em>Klimanaivit\u00e4t ersten Grades<\/em> sprechen, wenn Klimaschutz nicht als \u00f6ffentliches Gut verstanden wird.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus reduzieren Preismechanismen die Anreize zu Klimaschutz noch weiter: Sollten L\u00e4nder wie Deutschland bald tats\u00e4chlich viel weniger fossile Energietr\u00e4ger nachfragen, fallen deren Weltmarktpreise. Wenn gleichzeitig Solar- und Windenergie massiv ausgebaut werden, die nicht rund um die Uhr zur Verf\u00fcgung stehen, wird die Nachfrage nach Speicherung wachsen. Folglich steigen Speicher- und somit die Strompreise an. Diese Preisentwicklungen machen den Ersatz fossiler Energietr\u00e4ger durch erneuerbare Energien doppelt unattraktiv, insbesondere f\u00fcr derzeit noch \u00e4rmere L\u00e4nder \u2013 also f\u00fcr das Gros der Welt.<\/p>\n<h2>Oft geht es nicht um Klimaschutz<\/h2>\n<p>Nun mag man zurecht einwenden, dass sich die \u201eWeltgemeinschaft\u201c in zahlreichen Gro\u00dfkonferenzen und internationalen Klimavertr\u00e4gen wiederholt zu Klimaschutz verpflichtet habe. Tats\u00e4chlich k\u00f6nnte die Tragik des globalen \u00f6ffentlichen Guts Klimaschutz durch den Abschluss bindender internationaler Vertr\u00e4ge \u00fcberwunden werden. Solche Vertr\u00e4ge sollen die notwendige Kooperation zwischen den L\u00e4ndern erm\u00f6glichen, sprich: Wenn andere Klimaschutz betreiben, betreibt man selbst welchen. Folglich sind solche Vertr\u00e4ge aber auch nur dann sinnvoll, wenn sehr viele L\u00e4nder beitreten und diese dann auch echten Klimaschutz betreiben.<\/p>\n<p>Internationale Klimavertr\u00e4ge, wie beispielsweise das \u00dcbereinkommen von Paris, werden mit einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Anzahl an Nationen geschlossen. Doch Vertragsparteien sind dabei viele Regierungen, die Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte eher nur auf dem Papier w\u00fcrdigen. Sie behandeln ihre eigenen B\u00fcrger oft wie Untertanen, beseitigen kritische Medienschaffende, internieren ganze Volksgruppen oder f\u00fchren Angriffskriege. Der Glaube daran, dass genau diese Regierungen sich beim Klimaschutz f\u00fcr das Wohl der zuk\u00fcnftigen B\u00fcrger der Erde einsetzen, erscheint, mit Verlaub, doch leicht naiv. Man k\u00f6nnte diesen Glauben mit dem Titel <em>Klimanaivit\u00e4t zweiten Grades<\/em> versehen.<\/p>\n<p>Manche m\u00f6gen einwenden, es w\u00e4re bereits ein Teilerfolg, wenn sich eigenn\u00fctzige Regierungen mancher undemokratischer, unfreier L\u00e4nder in einem kleinen Aspekt \u2013 eben beim Klimawandel \u2013 etwas mehr auf das Wohl der zuk\u00fcnftigen B\u00fcrger der Erde ausrichten. Naheliegender erscheint, dass diese Regierungen mit ihren Auftritten bei Klimakonferenzen und ihren Unterschriften zu Klimavertr\u00e4gen wenigstens teilweise ihre Unterdr\u00fcckungs- und Ausbeutungstendenz gegen\u00fcber der eigenen Bev\u00f6lkerung \u00fcberstrahlen wollen. Die UN-Klimakonferenz 2022 in \u00c4gypten mag daf\u00fcr bezeichnend sein. Die Regierung unter Staatsoberhaupt Abd al-Fattah as-Sisi wird seit Jahren f\u00fcr die Missachtung der Menschenrechte etwa von Human Rights Watch oder Transparency International kritisiert.<\/p>\n<p>Realistischerweise sind auch demokratisch gepr\u00e4gte L\u00e4nder nicht immer die zuverl\u00e4ssigsten Vertragspartner in Klimafragen. Generell verfolgen politische Entscheidungstr\u00e4ger nicht nur die Interessen der zuk\u00fcnftigen B\u00fcrger der Erde, sondern auch die Interessen ihrer Partei, ihrer Lobbygruppen oder ihre ganz ureigenen Interessen. Anstrengungen zum Klimaschutz werden aufgeschoben, wenn andere Krisen da sind. Anders gesagt geht es auch demokratischen Regierungen in der Klimapolitik nicht nur um Klimaschutz, sondern auch darum, mit \u201eKlimapolitik\u201c die Unterst\u00fctzung von den f\u00fcr sie wichtigen W\u00e4hler- und Interessengruppen aufrecht zu erhalten.<\/p>\n<h2>Realismus statt Klimanaivit\u00e4t<\/h2>\n<p>Gem\u00e4\u00df Klimanaivit\u00e4t ersten Grades ist es k\u00fchn darauf zu hoffen, dass L\u00e4nder von selbst ausreichend Klimaschutzma\u00dfnahmen betreiben. Doch so gut gemeint ein internationaler Kooperationsansatz mit Vertr\u00e4gen als L\u00f6sung w\u00e4re, so droht er aufgrund von Klimanaivit\u00e4t zweiten Grades zu scheitern. Daraus gibt es zwei Folgerungen.<\/p>\n<p>Erstens muss es bei der Klimapolitik um echte Kostenwahrheit gehen. Die zuk\u00fcnftigen Sch\u00e4den m\u00fcssen wissenschaftlich gesch\u00e4tzt werden. Dann k\u00f6nnen sie den heutigen Verursachern in Rechnung gestellt werden. Dazu dient eine allgemeine Steuer auf klimasch\u00e4dliche Emissionen. Das Abgabeaufkommen muss an die Bev\u00f6lkerung und Wirtschaft zur\u00fcckgegeben werden. Dazu k\u00f6nnen andere Steuern gesenkt werden, die besonders wohlfahrtssch\u00e4digend sind. Gleichzeitig k\u00f6nnen Klimaregulierungen abgebaut werden. Diese Politik wirkt, indem sie die richtigen Anreize setzt zum sparsamen Einsatz und zum Ersatz fossiler Energien. Zwar f\u00fchrt auch Kostenwahrheit nur dann zur L\u00f6sung des Klimaproblems, wenn sie von fast allen L\u00e4ndern umgesetzt wird. Allerdings besteht im Unterschied zur derzeitigen Klimapolitik daf\u00fcr wenigstens eine realistische Chance: Denn diese neue Politik ist g\u00fcnstiger und wirkungsvoller als die Heutige.<\/p>\n<p>Zweitens gilt es, beim Klimaschutz eine Abkehr von Klimanaivit\u00e4t hin zum Realismus einzuleiten. Anpassung an die zu erwartende Erderw\u00e4rmung und ihre Gefahren sollte an Bedeutung gewinnen. Denn w\u00e4hrend Klimaschutz ein internationales \u00f6ffentliches Gut ist, lassen sich die Vorteile von Anpassungen auf nationaler, lokaler und individueller Ebene schon heute realisieren. Bauma\u00dfnahmen reduzieren Sturmsch\u00e4den, Deiche sch\u00fctzen vor einem h\u00f6heren Meeresspiegel, robustere Baumarten erhalten den Wald \u2013 und nat\u00fcrlich verschaffen Klimaanlagen K\u00fchlung. Da die B\u00fcrger direkt von der Anpassung profitieren, sind sie bereits jetzt bereit, diese mitzufinanzieren. Das setzt den Unternehmen Anreize, schnell neue Anpassungstechnologien zu entwickeln.<\/p>\n<p>Anpassung an den Klimawandel entspricht einer Investition in Resilienz. Wer sich angepasst hat, muss weniger bef\u00fcrchten. Und wer wenig zu bef\u00fcrchten hat, kann international anders auftreten. Die Ansage, dass wer sich vor den Gefahren der Erderw\u00e4rmung nicht gro\u00dfartig f\u00fcrchten muss, aber dennoch aus altruistischen Motiven f\u00fcr den Rest der Welt bereit w\u00e4re, effizienten Klimaschutz mit Kostenwahrheit zu betreiben, ist nicht klimanaiv.<\/p>\n<p><em><strong>Hinweis:<\/strong> Eine gek\u00fcrzte und modifizierte Version dieses Artikels erschien in der Wiener Zeitung.<\/em><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die globale Temperatur ist seit der industriellen Revolution laut Weltklimarat um rund 1,1\u00b0C angestiegen \u2013 in einigen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sogar um deutlich mehr, wie beispielsweise &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31913\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eKlimanaivit\u00e4t!\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":421,"featured_media":31916,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1841],"tags":[3265,4342,313,3964,2749],"class_list":["post-31913","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-klimatisches","tag-frank","tag-klimanaivitaet","tag-klimaschutz","tag-kostenwahrheit","tag-stadelmann"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Klimanaivit\u00e4t! 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