{"id":32,"date":"2007-04-16T06:02:19","date_gmt":"2007-04-16T05:02:19","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=32"},"modified":"2022-06-21T09:15:42","modified_gmt":"2022-06-21T08:15:42","slug":"realistische-politikberatung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=32","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Politik(er)beratung (1) <\/font><br\/>Realistische Politikberatung"},"content":{"rendered":"<p>Der \u00d6konom kann Politiker, B\u00fcrokraten oder die B\u00fcrger beraten. Versucht er Politiker zu beraten, so st\u00f6sst er auf Informations- und Anreizprobleme. Der Politiker hat wenig Zeit und versteht viele der Argumente nicht. Zudem hat er zum Teil ganz andere Interessen als die B\u00fcrger. So geht es dem Politiker weniger darum, vom Wissenschafter zu lernen, als Autorit\u00e4tsbeweise vorzeigen zu k\u00f6nnen. Der Wissenschafter ist f\u00fcr ihn ein Schmuckst\u00fcck, eine Feder am Hut. Er dient ihm wie der Laternenpfahl dem Betrunkenen: nicht zur Erleuchtung, sondern als St\u00fctze. Da der Politiker solche Schmuckst\u00fccke sammelt, sind seine Beratungsgremien f\u00fcr eine wirkungsvolle Arbeit meist viel zu gross und zu heterogen. Sie k\u00f6nnen sich deshalb nur auf Binsenweisheiten einigen. Den Politiker st\u00f6rt das wenig; denn Binsenweisheiten versteht er, und an Neuem ist er kaum interessiert.<!--more--><\/p>\n<p>Anders als der Politiker, hat der B\u00fcrokrat viel Zeit. Oft versteht er auch die wissenschaftlichen Argumente. Auch er hat indessen andere Interessen als die B\u00fcrger. Er strebt nach (Regulierungs-) Macht, Ansehen, Musse, Sicherheit, Bef\u00f6rderung. Der k\u00fcrzlich verstorbene Nobelpreistr\u00e4ger Milton Friedman hat deshalb seine Versuche, die amerikanische Notenbank zu beraten, im Nachhinein als Zeitverschwendung bezeichnet: &#8222;That was time ill-spent.&#8220;<\/p>\n<p>Ein besonders interessantes Kapitel sind die Gutachtenauftr\u00e4ge, die von Ministerialb\u00fcrokratien vergeben werden. In dem Forschungsinstitut, in dem ich lange Zeit gearbeitet habe, waren wir immer wieder erstaunt, was f\u00fcr abseitige Themen uns zur Bearbeitung angetragen wurden. Die Ursache verstand ich erst sp\u00e4ter. Die Fachbeamten der verschiedenen Ressorts wurden jedes Jahr von ihrer Zentrale aufgefordert, Themenvorschl\u00e4ge f\u00fcr Gutachten zu unterbreiten. Aus der Sicht des einzelnen Beamten bestand das Hauptrisiko darin, dass das von ihm vorgeschlagene Thema in der Literatur bereits ausgiebig bearbeitet worden war. Die abseitigen Themenvorschl\u00e4ge entsprangen also b\u00fcrokratischer Risikoscheu. Wenn unser Gutachten fertig war, wurde es dem Beamten vorgelegt, der es in Auftrag gegeben hatte. Er musste es kurz f\u00fcr seinen Vorgesetzten zusammenfassen und liess es dann in seiner Schublade verschwinden.<\/p>\n<p>Der Politiker verf\u00fcgt nicht nur \u00fcber weniger Zeit und Sachverstand als der B\u00fcrokrat. Ein weiterer wichtiger Unterschied ist der, dass er sich von Zeit zu Zeit einer Wiederwahl stellen und insofern auf die Meinung der B\u00fcrger achten muss. F\u00fcr den Berater bedeutet dies, dass er zun\u00e4chst die B\u00fcrger zu \u00fcberzeugen hat. Erst dann h\u00f6rt ihm der Politiker zu. Bei der Beratung der B\u00fcrger treten indes ebenfalls Informations- und Anreizprobleme auf: die meisten B\u00fcrger verstehen die Argumente nicht und da die Wahrscheinlichkeit, mit der eigenen Stimme den Ausschlag zu geben, gegen null tendiert, ist der Anreiz im Normalfall \u00e4usserst gering, wirtschaftspolitische Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Berater sind die Anreize, die B\u00fcrger zu beraten, genauso schwach. Es winken keine gut dotierten Gutachtenauftr\u00e4ge und keine ehrenvollen \u00c4mter. Im Gegenteil, die Politiker wehren sich gegen solche unerbetenen \u00f6ffentlichen Ratschl\u00e4ge, denn diese k\u00f6nnten ihren Ermessensspielraum einschr\u00e4nken. Interessengruppen leisten ebenfalls Widerstand. Da sie die Hauptgegenspieler des mittleren W\u00e4hlers sind, haben sie kein Interesse daran, dass ein Experte die Wahlb\u00fcrger aufkl\u00e4rt. Interessengruppen erreichen ihre Ziele durch Lobbyt\u00e4tigkeit bei Politikern und B\u00fcrokraten.<\/p>\n<p>Die Beratung der B\u00fcrger ist dennoch nicht ganz aussichtslos. Der Wissenschafter ist aus Sicht der B\u00fcrger vertrauensw\u00fcrdiger als der Politiker, und der W\u00e4hler ist vielleicht besser als sein Ruf und kl\u00fcger als manche Politiker denken. Die Glaubw\u00fcrdigkeit des Wissenschafters leidet jedoch erheblich, wenn er nicht nur die B\u00fcrger, sondern auch Politiker zu beraten versucht. Deshalb steht jeder Wissenschafter vor der Wahl, ob er lieber Politiker oder die B\u00fcrger beraten m\u00f6chte. Beides gleichzeitig kann er sich nicht leisten. Man muss sich entscheiden, ob man die Herrscher oder die Beherrschten unterst\u00fctzen will.<\/p>\n<p>Man kann den Berater als einen Unternehmer betrachten, der im Wettbewerb der Ideen als Anbieter von Ratschl\u00e4gen auftritt. Ziel ist ein maximaler Beratungserfolg, also die gr\u00f6sstm\u00f6gliche Verbesserung der Wirtschaftspolitik, ohne dabei mit den Spielregeln der wirtschaftswissenschaftlichen Wahrheitssuche (dem Gesetz) in Konflikt zu geraten. Erfolgreich kann ein Anbieter nur sein, wenn er sich soweit wie m\u00f6glich an der Nachfrage orientiert. Folgt daraus, dass seine Ratschl\u00e4ge &#8222;realistisch&#8220; sein m\u00fcssen?<\/p>\n<p>Versteht man unter &#8222;realistisch&#8220;, dass die Vorschl\u00e4ge von zutreffenden empirischen Annahmen (Kausalhypothesen und Randbedingungen) ausgehen, so wird man diese Frage zweifellos bejahen m\u00fcssen. Kaum brauchbar d\u00fcrften zum Beispiel Ratschl\u00e4ge sein, die unterstellen, dass wir im Schlaraffenland leben, oder dass die Menschen meistens altruistisch handeln, oder dass es keine Informations- und Transaktionskosten gibt. Folgt aus dem Ziel des gr\u00f6sstm\u00f6glichen Beratungserfolgs, dass der Berater die Wahrscheinlichkeit maximieren sollte, dass seine Vorschl\u00e4ge auch realisiert werden? W\u00e4re dem so, dann m\u00fcsste der Berater dem Politiker stets das vorschlagen, was dieser ohnehin zu tun gedenkt. Seine Vorschl\u00e4ge w\u00fcrden stets angenommen, aber in Wirklichkeit w\u00e4re sein Beratungserfolg gleich null. Es kommt also darauf an, Vorschl\u00e4ge zu machen, deren Realisierungswahrscheinlichkeit weit geringer als 100 Prozent, aber nat\u00fcrlich nicht null ist.<\/p>\n<p>Manchmal geschehen in der Wirtschaftspolitik Dinge, die man nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Oft gehen solche Ver\u00e4nderungen auf Ideen zur\u00fcck, die irgendwann einmal von einem klugen \u00d6konomen gedacht und ge\u00e4ussert worden sind. Der unabh\u00e4ngige Wissenschafter besitzt geradezu einen komparativen Vorteil in der Produktion unzeitgem\u00e4sser, zun\u00e4chst unpopul\u00e4rer Wahrheiten. Darin \u00e4hnelt er dem Hofnarren fr\u00fcherer Zeiten: er wird nicht ganz ernst genommen, doch er ist \u2013 vielleicht gerade deshalb \u2013 vor Sanktionen gesch\u00fctzt. Auf l\u00e4ngere Sicht hat er die Chance, etwas zu bewegen, aber weder er noch andere k\u00f6nnen diese Chance zuverl\u00e4ssig einsch\u00e4tzen. Er agiert in einem Markt (dem Beratungsmarkt), in dem die Nachfrage (nach neuen Ideen) oft gar nicht definiert ist. Erst das Angebot schafft sich seine Nachfrage.<\/p>\n<p>Man mag einwenden, dass es sehr wohl einen Zweig der modernen Wirtschaftswissenschaft gibt, der Prognosen der politischen Realisierungswahrscheinlichkeit erlaubt: die Politische \u00d6konomie. Die Politische \u00d6konomie ist jedoch besser geeignet, die Vergangenheit zu erkl\u00e4ren, als die Zukunft vorherzusagen. Ausserdem ist es nicht sinnvoll, von jedem Wirtschaftswissenschafter zu verlangen, dass er die Politische \u00d6konomie beherrscht. Dagegen spricht das Prinzip der Arbeitsteilung.<\/p>\n<p>Es bleibt dem \u00d6konomen daher nicht viel anderes \u00fcbrig, als zun\u00e4chst einmal nach der besten L\u00f6sung des Problems zu fragen und diese vorzuschlagen \u2013 in der Hoffnung, dass sie als Wegweiser dienen kann oder sogar vielleicht irgendwann einmal akzeptiert wird. Er unternimmt \u2013 mit Lord Byron \u2013 den Versuch, das (zun\u00e4chst) Unm\u00f6gliche m\u00f6glich zu machen. Es steht ihm frei, auch zweit- oder drittbeste L\u00f6sungen zu erarbeiten, aber er kann sich nicht mit der Autorit\u00e4t des Wissenschafters f\u00fcr suboptimale Massnahmen einsetzen. Abstriche und Kompromisse k\u00f6nnen nur die Politiker empfehlen \u2013 das ist ihre Spezialit\u00e4t.<\/p>\n<p>Wenn der Wirtschaftswissenschafter zugleich Politischer \u00d6konom ist, mag er voraussehen, dass sein L\u00f6sungsvorschlag im politischen Prozess so sehr ver\u00e4ndert, ja pervertiert w\u00fcrde, dass den B\u00fcrgern daraus Schaden entst\u00fcnde. Die Regeln der wissenschaftlichen Wahrheitssuche erlauben ihm nicht, dieses antizipierte \u00c4nderungspotential in seinem Vorschlag dadurch zu ber\u00fccksichtigen, dass er selbst taktisch \u00fcberzieht. Aber er kann \u2013 wie der Entdecker einer neuen furchtbaren Waffe \u2013 einfach schweigen, seine Entdeckung f\u00fcr sich behalten.<\/p>\n<p>Gibt es solche wirtschaftswissenschaftlichen Atombomben oder hat es sie gegeben? Die Marxsche Illusion einer funktionierenden Planwirtschaft? Die Keynessche Theorie des deficit spending? Die irrige Vorstellung von Samuelson und Solow, dass man die Arbeitslosigkeit mit Hilfe der Inflation besiegen k\u00f6nne? Wenn sie doch nur geschwiegen h\u00e4tten!<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch in den Schweizer Monatsheften (87. Jg. (2007), Nr. 01\/02) erschienen. Wir bedanken uns bei den Schweizer Monatsheften f\u00fcr die freundliche Genehmigung zur Ver\u00f6ffentlichung.<\/em><\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge der Serie \u201cPolitik(er)beratung\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Achim Wambach: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30417\">Notizen zur wirtschaftspolitischen Beratung durch die Wissenschaft<\/a><\/p>\n<p>Friedrich Schneider: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30285\">Politikberatung in \u00d6sterreich im Unterschied zu Deutschland. <\/a>Einige pers\u00f6nliche Anmerkungen<\/p>\n<p>Gert G. Wagner: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=30234\">Mehr Forschungsbasierung der (Bundes)Politik (?)<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00d6konom kann Politiker, B\u00fcrokraten oder die B\u00fcrger beraten. Versucht er Politiker zu beraten, so st\u00f6sst er auf Informations- und Anreizprobleme. 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