{"id":3294,"date":"2010-06-18T06:41:05","date_gmt":"2010-06-18T05:41:05","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=3294"},"modified":"2010-06-18T06:48:13","modified_gmt":"2010-06-18T05:48:13","slug":"gastbeitraggesundheitswirtschaft-im-aufwind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=3294","title":{"rendered":"<small>Gastbeitrag:<\/small><br\/>Gesundheitswirtschaft im Aufwind"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Suche nach Zukunftsbranchen in Deutschland r\u00fcckt der Gesundheitssektor verst\u00e4rkt in das Blickfeld. Dabei wird zunehmend wahrgenommen, dass die Gesundheitswirtschaft \u00fcber die von den obligatorischen Krankenversicherungen finanzierten G\u00fcter hinaus reicht. Neben diesem ersten Gesundheitsmarkt hat sich ein zweiter dynamischer Markt etabliert. Er umfasst die von den B\u00fcrgern direkt finanzierten Produkte, also eine breite Palette \u2013 von den freiverk\u00e4uflichen Arzneimitteln bis hin zum Wellnessbereich.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In der breiten Abgrenzung z\u00e4hlt die Gesundheitswirtschaft gut 5 \u00c2\u00bd Mio. Besch\u00e4ftigte. Das entspricht rd. 14% aller Erwerbst\u00e4tigen. Kein anderer Wirtschaftbereich in Deutschland bietet \u00e4hnlich viele Arbeitspl\u00e4tze. Der Beitrag zur gesamten Wertsch\u00f6pfung steht dem mit gut 10% nur wenig nach.<\/p>\n<p>Mit ihrem Beitrag zum Wohlergehen der B\u00fcrger liefert die Gesundheitswirtschaft zudem einen wichtigen Input f\u00fcr die Volkswirtschaft. Jeder Tag, um den der durchschnittliche Krankenstand in Deutschland sinkt, erbringt Produktionsgewinne von rund 10 Mrd. Euro. Diesen Beitrag zur Arbeitsproduktivit\u00e4t nimmt die \u00d6ffentlichkeit noch zu wenig wahr. Er wird jedoch in einer alternden Gesellschaft, in der es auf der einen Seite immer weniger junge Menschen gibt und auf der anderen das Renteneintrittsalter von 65 auf 67 Jahre steigt, immer wichtiger. Berechnungen des Hamburger Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI) zufolge k\u00f6nnten durch eine verbesserte Gesundheit der Arbeitskr\u00e4fte bis zum Jahr 2037 die indirekten Kosten durch krankheitsbedingte Fehlzeiten um insgesamt bis zu 280 Mrd. Euro bzw. 38% vermindert werden. Dabei gilt es, vor allem auch auf die Pr\u00e4vention zu setzen.<\/p>\n<p>Der Hinweis auf die demografische Alterung zeigt: Die gro\u00dfe Zeit der Gesundheitswirtschaft steht noch bevor. Wenn die Zahl der \u00e4lteren Menschen in den n\u00e4chsten Jahrzehnten kr\u00e4ftig steigt, nehmen die Gesundheitsausgaben offenkundig zu \u2013 obgleich wir erfreulicherweise heute bei besserer Gesundheit \u00e4lter werden. F\u00fcr g\u00fcnstige Perspektiven der Branche sprechen auch das zunehmende Gesundheitsbewusstsein der B\u00fcrger und die steigende Leistungsf\u00e4higkeit der Medizin.<\/p>\n<p>Einer Umfrage der Gesellschaft f\u00fcr Konsumforschung zufolge spielen das Thema Gesundheit und das Gesundheitsbewusstsein f\u00fcr 70% der deutschen Haushalte eine wichtige Rolle. Mitte der 80er Jahre lag der Anteil noch bei 50% (Westdeutschland). Die B\u00fcrger handeln auch entsprechend. Seit 1992 haben sich die Gesundheitsausgaben der privaten Haushalte (und privaten Organisationen ohne Erwerbszweck) mehr als verdoppelt und damit st\u00e4rker zugelegt als die Ausgaben aller anderer Tr\u00e4ger. Dadurch nahm der Anteil der Privaten an den Gesundheitsausgaben in diesem Zeitraum von 10,5% auf 13,4% zu. Das steigende Gesundheitsbewusstsein er\u00f6ffnet besonders im zweiten Gesundheitsmarkt Wachstumsperspektiven. Davon k\u00f6nnen die Anbieter so genannter Lifestyle-Medikamente wie etwa Schlankheitsmittel, Sportartikelhersteller, das B\u00e4derwesen, die Tourismusindustrie und andere im zweiten Markt t\u00e4tige Unternehmen profitieren.<\/p>\n<p>Eigentlicher Motor der Gesundheitswirtschaft ist indes der medizinisch-technische Fortschritt. Er sorgt daf\u00fcr, dass Krankheiten fr\u00fchzeitiger erkannt und mit grunds\u00e4tzlich immer gr\u00f6\u00dferen Erfolgschancen behandelt oder sogar von vornherein verhindert werden k\u00f6nnen. Dies hat zusammen mit gesteigerter Hygiene, verbesserter Ern\u00e4hrung und einer weithin ges\u00fcnderen Lebensweise wesentlich zum Anstieg der Lebenserwartung beigetragen. Die Lebenserwartung Neugeborener nimmt derzeit pro Dekade um etwa 2 \u00c2\u00bc Jahre zu. Dabei gewinnen zunehmend die \u00e4lteren Menschen zus\u00e4tzliche Lebensjahre. Fortschritte etwa bei der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie von Tumoren sorgen f\u00fcr geringe Sterblichkeitsraten im Alter. So ist die Wahrscheinlichkeit eines 80-J\u00e4hrigen, 100 Jahre alt zu werden, seit 1950 um das Zwanzigfache gestiegen. Gerade in der Gegenwart w\u00e4re die anhaltende Zunahme der Lebenserwartung ohne den medizinisch-technischen Fortschritt kaum m\u00f6glich, auch wenn andere Faktoren wie ver\u00e4nderte Berufsbiografien dabei ebenfalls eine Rolle spielen.<\/p>\n<p>Die Verbesserungen resultieren aus dem Zusammenwirken vielf\u00e4ltiger neuer M\u00f6glichkeiten in Medizin, Medizintechnik und Pharmazie. Diese Bereiche zeichnen sich durch hohe Innovationsf\u00e4higkeit aus. So erzielen die deutschen Medizintechnikhersteller rund ein Drittel ihres Umsatzes mit Produkten, die h\u00f6chstens drei Jahre alt sind. Um ihre Innovationsf\u00e4higkeit zu sichern, t\u00e4tigen die genannten Branchen umfangreiche Investitionen. In der Medizintechnik und der forschenden Pharmaindustrie betragen die Ausgaben f\u00fcr Forschung und Entwicklung gemessen am Umsatz 9% bzw. 13%.<\/p>\n<p>Medizinische Innovationen bleiben trotz schon gro\u00dfer Erfolge im Kampf gegen Krankheiten gefragt. Zivilisations- und Alterskrankheiten wie Diabetes und Demenz nehmen zu. Zugleich ist das Potenzial bedeutender Basisinnovationen l\u00e4ngst nicht ausgereizt. Die rote Biotechnologie, die Miniaturisierung und Computerisierung der Medizintechnik sowie die Telemedizin er\u00f6ffnen weite Felder f\u00fcr Diagnose und Therapie von Krankheiten. Das Gesundheitswesen erlebt keine Kosten-, sondern eine Leistungsexplosion.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann es auch im Gesundheitswesen nicht nach dem Motto \u201eviel hilft viel\u201c gehen. Ebenso wenig kann in einer Welt knapper Ressourcen der Grundsatz \u201en\u00fctzt es nichts, so schadet es nichts\u201c gelten. Vielmehr muss die Gesundheitswirtschaft, insbesondere dort, wo ihre Leistungen von Versichertengemeinschaften finanziert werden, eine Evaluierung ihrer Angebote akzeptieren. Eine intensivere Kosten\/Nutzen-Analyse von Innovationen kann zu einer besseren Allokation der Mittel in dem Bereich beitragen. Allerdings m\u00fcssen solche Analysen mit Sorgfalt und Weitblick durchgef\u00fchrt werden. So mag der Einsatz eines neuen Medikamentes kurzfristig Zusatzkosten generieren, l\u00e4ngerfristig aber \u2013 etwa wegen geringerer Nebenwirkungen \u2013 deutlich h\u00f6here Kosteneinsparungen erbringen.<\/p>\n<p>Ein Weitere gilt es zu beachten: F\u00fcr erweiterte medizinische, medizintechnische und pharmazeutische Angebote bedarf es wirtschaftlicher Freir\u00e4ume, und die Leistungen m\u00fcssen finanziert werden, wenn wir sie nutzen wollen.<\/p>\n<p>Diese Voraussetzungen sind aber nicht gesichert. Ein Gro\u00dfteil der Gesundheitswirtschaft in Deutschland bewegt sich weiterhin in dem restriktiven Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Deren Finanzierungsprobleme, das Risiko fortgesetzter staatlicher Eingriffe und ein Mangel an Wettbewerb tr\u00fcben die Perspektiven der Branche ein.<\/p>\n<p>Vor allem die einkommensabh\u00e4ngigen Beitr\u00e4ge zur GKV erweisen sich zunehmend als Belastungsfaktor. Sie binden die Gesundheitsausgaben, die tendenziell st\u00e4rker als das Sozialprodukt expandieren, an die Arbeitseinkommen und damit an eben diese Wirtschaftsleistung. Offenkundig muss das zu permanenten Spannungen f\u00fchren. Diese nehmen noch zu, wenn sich die L\u00f6hne und\/oder die Besch\u00e4ftigung wegen des versch\u00e4rften globalen Wettbewerbs oder in wirtschaftlichen Schw\u00e4chephasen, wie derzeit, nur stockend oder gar r\u00fcckl\u00e4ufig entwickeln. Um die L\u00fccken in der Beitragsbasis auszugleichen, m\u00fcssen dann die Beitragss\u00e4tze der GKV immer weiter hochgeschraubt werden \u2013- seit 1980 von 11,4% auf 14,9%. Dar\u00fcber hinaus flie\u00dfen seit einigen Jahren wachsende Bundeszusch\u00fcsse in die GKV.<\/p>\n<p>Weiter steigende Sozialbeitr\u00e4ge mit ihren negativen Besch\u00e4ftigungseffekten f\u00fchren aber in die Sackgasse. Ebenso sollten sich angesichts der hohen Verschuldung des Staates immer h\u00f6here Bundeszusch\u00fcsse an die gesetzlichen Kassen verbieten. Das wei\u00df auch Gesetzgeber. Er hat den Krankenkassen deswegen immer wieder enge finanzielle Fesseln angelegt. \u201eKostend\u00e4mpfung\u201c hei\u00dft seit Jahren ein fragw\u00fcrdiges Oberziel staatlicher Gesundheitspolitik. Dar\u00fcber ist mitunter in Vergessenheit geraten, dass im Gesundheitswesen der Mensch im Mittelpunkt stehen sollte.<\/p>\n<p>Eine Politik der Budgetierung und Rationierung macht nat\u00fcrlich auch Wachstumschancen der Gesundheitswirtschaft zunichte. Dem widerspricht nicht, dass es im Gesundheitswesen und gerade im Bereich der GKV noch Effizienzreserven geben mag. Sie lassen sich aber am besten durch mehr Wettbewerb heben.<\/p>\n<p>Der unl\u00e4ngst gestartete politische Prozess f\u00fcr eine Finanzierungsreform der GKV verdient daher besondere Beachtung. Wenn es gelingt, die Gesundheitsausgaben von den Arbeitskosten zu entkoppeln, steigen die Chancen f\u00fcr eine weniger restriktive Gesundheitspolitik. Allerdings sollte eine langfristig orientierte Finanzierungreform noch mehr leisten. Notwendig ist auch der Aufbau von Vorsorgekapital bei den Krankenkassen und\/oder seitens der B\u00fcrger. Von einer Sanierung der GKV-Finanzen und mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen werden die Wirtschaft und die B\u00fcrger profitieren.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Suche nach Zukunftsbranchen in Deutschland r\u00fcckt der Gesundheitssektor verst\u00e4rkt in das Blickfeld. 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