{"id":33343,"date":"2023-04-09T00:12:00","date_gmt":"2023-04-08T23:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33343"},"modified":"2023-09-23T17:05:23","modified_gmt":"2023-09-23T16:05:23","slug":"gastbeitragliberale-privatisieren-auch-verlustein-einer-marktordnung-muss-scheitern-moeglich-sein-ohne-unbeteiligte-in-die-pflicht-zu-nehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33343","title":{"rendered":"<b>Gastbeitrag<\/b>Liberale privatisieren auch Verluste<b>In einer Marktordnung muss Scheitern m\u00f6glich sein, ohne Unbeteiligte in die Pflicht zu nehmen<\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die staatlich orchestrierte Credit-Suisse-\u00dcbernahme durch die UBS ist ein Akt der nationalen und internationalen Realpolitik. Als solche darf das Resultat keineswegs mit einer liberalen Marktwirtschaft gleichgesetzt werden \u2013 im Gegenteil: Die (potenzielle) Sozialisierung von Verlusten, w\u00e4hrend gleichzeitig die Gewinne privatisiert sind (wenn auch im Fall der CS \u00fcber die vergangenen zehn Jahre kumuliert nicht einmal Reingewinne erzielt, aber eben Boni und hohe L\u00f6hne ausbezahlt wurden), bedeutet eine Verletzung des Verantwortungsprinzips. Das ist im Kern illiberal.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dessen ungeachtet ist zu erwarten, dass die Ereignisse der letzten Tage nun als Versagen des Liberalismus gedeutet werden. Auch wenn das offensichtlich nicht stimmt, d\u00fcrfte dieses Narrativ verfangen. Und es k\u00f6nnte \u00fcber die kommenden Monate sogar noch an Fahrt aufnehmen. Denn viele der nun m\u00f6glichen Szenarien werden neue Nahrung daf\u00fcr liefern: Sollte die CS-\u00dcbernahme nicht erfolgreich \u00fcber die B\u00fchne gehen und die UBS unverhofft mit grossen Verbindlichkeiten konfrontiert sein, wird die Allgemeinheit aufgrund der gew\u00e4hrten Garantien daf\u00fcr aufkommen m\u00fcssen. Sollten sich die CS-Strukturen hingegen als robuster erweisen und die UBS Teile der ehemaligen Grossbank (wie etwa die Schweiz-Einheit) zu einem Vielfachen des \u00dcbernahmepreises ver\u00e4ussern, wird der Aufschrei ebenfalls gross sein \u2013 ungeachtet dessen, dass die UBS vielleicht Verluste von anderen Teilen absorbieren und Restrukturierungskosten schultern muss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Markt und Unternehmen \u2013 zwei verschiedene Konzepte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Solche Vorg\u00e4nge ziehen Kapitalismuskritiker dann als Beweis daf\u00fcr heran, dass wir in Zeiten eines ungez\u00fcgelten \u00abNeoliberalismus\u00bb leben. So nachvollziehbar der \u00c4rger angesichts des jahrelangen Missmanagements der Credit Suisse ist, so sehr ist diese Sichtweise gepr\u00e4gt von Missverst\u00e4ndnissen. Eines davon: Liberale seien die Vertreter der (Partikular-) Interessen von Unternehmen. Das stimmt so \u2013 zumindest in dieser Reinform \u2013 nicht. Zwar mag eine Interessenkongruenz in vielen Aspekten vorliegen, doch die Liberalen interessieren sich vor allem insofern f\u00fcr die Wirtschaft, als sich diese aus uns allen zusammensetzt, also aus K\u00e4ufern, Verk\u00e4uferinnen, Konsumentinnen, Angestellten, Arbeitgeberinnen, oder etwas abstrakter: aus der Summe von Individuen, die miteinander Vertr\u00e4ge abschliessen. Allgemein formuliert haben Liberale grosses Vertrauen in die vorteilhaften Auswirkungen von Wettbewerb in freien M\u00e4rkten. Sie sind also \u00abpro market\u00bb, nicht \u00abpro business\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich haben viele Wirtschaftsakteure wiederum ein grunds\u00e4tzliches Interesse an freiheitlichen Rahmenbedingungen im liberalen Sinne. Doch die unternehmerischen Ziele sind nicht immer kongruent mit liberalen Idealen. Es gibt auch Akteure aus der Wirtschaft \u2013 die zuweilen der liberalen Hemisph\u00e4re zugeschrieben werden \u2013, die beispielsweise nach Regulierung rufen, sobald es ihren eigenen Interessen dient. Beispiele findet man in der Energiebranche, die derzeit um Staatshilfen buhlt, beim Thema Parallelimporte, die von Schweizer Produzenten bek\u00e4mpft werden, oder auch bei Startups, die sich f\u00fcr staatlich subventionierte Innovationsfonds einsetzen. Das untergr\u00e4bt die Glaubw\u00fcrdigkeit liberaler Forderungen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dem Verantwortungsprinzip Rechnung tragen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gerade das Ph\u00e4nomen \u00abPrivatisierung von Gewinnen, Sozialisierung von Verlusten\u00bb sorgt berechtigterweise f\u00fcr Emp\u00f6rung. Unternehmen erzielen mit riskanten Strategien in guten Zeiten Milliardengewinne und zahlen ihren Managern Geh\u00e4lter und Boni sowie ihren Aktion\u00e4ren Dividenden in Millionenh\u00f6he aus. In schlechten Zeiten wird dann aber nach dem Staat gerufen, und die Unternehmen sollen mit Geldern der Steuerzahler gerettet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann es nicht deutlich genug ausdr\u00fccken: Dieser Mechanismus ist nicht nur f\u00fcr Kapitalismuskritiker ein \u00c4rgernis, sondern <a href=\"http:\/\/www.avenir-suisse.ch\/publication\/absage-an-bailouts\/\">ebenso f\u00fcr Liberale<\/a>. Der Unterschied zwischen beiden: W\u00e4hrend viele Kapitalismuskritiker am liebsten gleich auch die Gewinne sozialisiert h\u00e4tten, um Symmetrie zu schaffen, beharren Liberale auf einer Privatisierung der Verluste. Das mag kurzfristig \u2013 auch f\u00fcr die Gesellschaft \u2013 schmerzhaft sein, es f\u00fchrt aber langfristig zu einer resilienteren und faireren Wirtschaft. Damit wird effektiv das Ph\u00e4nomen des \u00abCharity Hazard\u00bb unterbunden: Wissen n\u00e4mlich Unternehmen \u2013 sei es ein multinational t\u00e4tiges Grossunternehmen oder die Dorfb\u00e4ckerei \u2013, dass Ihnen im Zweifel der Staat unter die Arme greift, werden sie weniger Vorsorge f\u00fcr Krisensituationen treffen, und damit weniger mit privaten Mitteln untermauerte Resilienz aufbauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bereitschaft zur Krise und gegen eine m\u00f6glichst umfassende staatliche Absicherung braucht Mut. Der Industrielle (und ehemalige Stiftungsratspr\u00e4sident von Avenir Suisse) <a href=\"http:\/\/www.schweizermonat.ch\/wo-geld-ohne-geist-ist-saet-es-nur-streit-und-unheil\/\">Rolf Soiron richtete in diesem Zusammenhang schon vor Jahren Kritik an die eigenen Reihen<\/a>: <em>\u00abEs war auch das liberale Lager selber, dass einen Teil der Munition f\u00fcr immer neue Regulierungsforderungen produzierte: (\u2026) Das Versagen von Vorzeigeunternehmen wie Swissair, UBS, Deutsche Bank etc. schuf ein Gef\u00fchl der Dysfunktionalit\u00e4t von Systemen, des Ungen\u00fcgens der F\u00fchrungsgruppen und der Notwendigkeit \u2039einzugreifen\u203a, bei einem gleichzeitig v\u00f6lligen Mangel an Erfahrung, dass Regulierung nur ein Kaschieren von Dysfunktionalit\u00e4ten ist \u2013 in kleinen Beamtenstrukturen und in Regeln, die dann wiederum systematisch missbraucht werden.\u00bb<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Vetternwirtschaft mittels Marktwirtschaft den N\u00e4hrboden entziehen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt weitere Ph\u00e4nomene, die Kapitalismuskritiker zu Recht monieren, aber zu Unrecht als Resultat einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung interpretieren. Interessant ist dabei, dass dem (Neo-) Liberalismus immer gerne dort die Schuld zugeschoben wird, wo sich menschliche Abgr\u00fcnde auftun: Geiz, Habgier, Vetternwirtschaft. Nur: Geiz und Habgier geh\u00f6ren \u2013 leider \u2013 seit jeher zum Spektrum menschlicher Eigenschaften. Eine liberale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist hier keineswegs die Ursache der Probleme. Noch gr\u00f6sser der Irrtum bei der Vetternwirtschaft: Diese ist viel eher Gegenspieler der Marktwirtschaft als ihr Sekundant.<\/p>\n\n\n\n<p>Liberalismus basiert auf Individualismus und Meritokratie, und weicht damit genau vom evolution\u00e4ren Normalzustand ab, gem\u00e4ss dem wir nur innerhalb von kleinen Gruppen kooperieren, also: Vetternwirtschaft betreiben. So weisen Gesellschaften mit weit entwickelten marktwirtschaftlichen Strukturen die st\u00e4rksten Normen f\u00fcr Fairness und Solidarit\u00e4t auf, sowie eine gr\u00f6ssere Bereitschaft zur Sanktionierung jener, die diese Normen nicht einhalten. Das erst hat eine ausgepr\u00e4gte Arbeitsteilung und damit den heutigen Wohlstand erm\u00f6glicht. Korruption, Gier und Geiz haben hingegen in Systemen, in denen der Staat grosse Macht besitzt, einen fruchtbareren N\u00e4hrboden: Wo Macht und Geld in erster Linie institutionell verteilt werden, sind die Verteilk\u00e4mpfe intensiver und intransparenter, meist weniger fair und zudem viel ineffizienter als dort, wo sie durch Leistung erzielt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fehldeutung des CS-Deals als Scheitern marktwirtschaftlicher Prinzipien ist daher gef\u00e4hrlich, denn daraus leiten sich direkt Forderungen nach einer noch st\u00e4rkeren staatlichen Kontrolle und Regelung wirtschaftlichen Geschehens ab. Dabei ist es im Gegenteil die freie Marktwirtschaft, die die Grundlagen f\u00fcr eine meritokratische Gesellschaft und damit so etwas wie Chancengleichheit schafft.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Text ist aus gegebenem Anlass ein Vorab-Auszug aus der Avenir-Suisse-Publikation \u00abVermessenes Staatswachstums\u00bb, die am 26. April erscheint und <a href=\"https:\/\/www.avenir-suisse.ch\/blog\/\">hier <\/a>publiziert wird.<\/em><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die staatlich orchestrierte Credit-Suisse-\u00dcbernahme durch die UBS ist ein Akt der nationalen und internationalen Realpolitik. 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