{"id":33653,"date":"2023-05-23T00:55:00","date_gmt":"2023-05-22T23:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33653"},"modified":"2024-09-30T10:01:20","modified_gmt":"2024-09-30T09:01:20","slug":"de-industrialisierung-ante-portaspolitik-fuer-den-strukturwandel-statt-subventionsintensive-strukturpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33653","title":{"rendered":"De-Industrialisierung ante portas?<br><b>Politik f\u00fcr den Strukturwandel statt Strukturpolitik mit der Gie\u00dfkanne<\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p><em>\u201eDie F\u00f6rderung einer Branche ist der sicherste Weg, sie zu ruinieren.\u201c <\/em>(Raghuram Rajan)<\/p>\n\n\n\n<p>Biontech konzentriert seine Krebsforschung k\u00fcnftig in Gro\u00dfbritannien, Bayer verlagert seine Gentech-Sparte in die USA, die BASF produziert chemische Grundstoffe verst\u00e4rkt in China und den USA. Tesla baute ein neues Automobil-Werk in Gr\u00fcnheide, Apple baut sein europ\u00e4isches Designzentrum in M\u00fcnchen aus, Intel will in Magdeburg in eine neue Chip-Fabrik investieren, wenn die staatliche Kohle stimmt. Das wirft Schlaglichter auf die Dynamik des Strukturwandels. Ausgewogen ist diese Entwicklung allerdings nicht. Das Gesch\u00e4ftsmodell Deutschland steht auf dem Pr\u00fcfstand. Deutschland ist ein Nachz\u00fcgler im inter-sektoralen Strukturwandel. Nun ist aber der Prozess der De-Industrialisierung auch hierzulande in Gang gekommen, st\u00e4rker als manchen lieb ist. Klimapolitik und Energiekrise beschleunigen die Entwicklung. Die Politik kann den Niedergang der \u201ealten\u201c, oft energieintensiven Industrien nicht aufhalten, auch nicht mit einer Industriepolitik mit der Gie\u00dfkanne. Es wird ihr aber auch nicht gelingen, &#8222;neue&#8220;, zukunftstr\u00e4chtige Branchen mit Subventionen dauerhaft nach Deutschland zu locken. Die Politik ma\u00dft sich ein Wissen an, das sie nicht hat. Sie wird scheitern. Helfen kann nur eine allgemeine, diskriminierungsfreie Angebotspolitik. Der Strukturwandel wird zeitlich asynchron verlaufen. Das wird wirtschaftliche, regionale und soziale Probleme machen. Deutschland hat erheblichen Nachholbedarf. Der industrielle Sektor ist zu gro\u00df, der dienstleistungsintensive zu klein, grob gesprochen. Das Dilemma ist: Die industriellen Verluste werden z\u00fcgig eintreten, die m\u00f6glichen Gewinne bei den Dienstleistungen aber erst zeitverz\u00f6gert anfallen. Deutschland ist in einer misslichen Situation.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Einmaleins des Strukturwandels<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der strukturelle Wandel ist allgegenw\u00e4rtig. Mal ist er schneller, mal langsamer. Unternehmen kommen und gehen. Das ist in einer funktionierenden Marktwirtschaft normal. Zukunftstr\u00e4chtige Unternehmen prosperieren, weniger produktive verschwinden. Aber auch \u201ealte\u201c Branchen, wie der Agrar- und Industriesektor, schrumpfen, \u201eneue\u201c dienstleistungsintensivere Sektoren wachsen. In den Sektoren gibt es \u201ebessere\u201c und \u201eschlechtere\u201c Unternehmen. Die \u201ebesseren\u201c schaffen neuen Wohlstand, \u201eschlechtere\u201c schrumpfen ihn. Mit den Unternehmen kommen und gehen auch die Arbeitspl\u00e4tze. Arbeitskr\u00e4fte verlieren sie in niedergehenden Unternehmen, in wachsenden Firmen suchen sie eine neue Besch\u00e4ftigung. Wenn alles gut geht, wandern Arbeit und Kapital (m\u00f6glichst schnell) in produktivere Verwendungen. Strukturwandel ist ein Prozess der \u201esch\u00f6pferischen Zerst\u00f6rung\u201c (Joseph A. Schumpeter). \u201eAltes\u201c verschwindet, \u201eNeues\u201c entsteht. Der strukturelle Wandel ist allerdings janusk\u00f6pfig. Er ist zweifellos ein starker Motor des wirtschaftlichen Wachstums und materiellen Wohlstandes. Das ist die positive Seite des Strukturwandels. Der Verlust von Arbeitspl\u00e4tzen, aber auch von Human- und Realkapital in den schrumpfenden Branchen ist die andere, negative Seite der Medaille. Vor allem einfache Arbeit verliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Was treibt den Strukturwandel? Ist er marktgetrieben oder politikgemacht? Die Antwort ist: Er ist beides. Er ist einerseits marktgetrieben, weil wirtschaftliche Akteure ihre Pr\u00e4ferenzen \u00e4ndern, neue Technologien implementieren und auf ver\u00e4nderte relative Preise reagieren. Demographie und Digitalisierung fallen in diese Kategorie. Beide sind prim\u00e4r marktgetrieben. Mit steigendem Wohlstand fragen Haushalte und Unternehmen mehr Dienstleistungen nach, die Haushalte als Endprodukte, die Unternehmen als Zwischenprodukte (<a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20537\">hier<\/a>). Der industrielle Sektor verliert, der Sektor der Dienstleistungen gewinnt. (Weltweit) offenere M\u00e4rkte (Globalisierung) beschleunigen den Strukturwandel. Eine schleichende De-Industrialisierung ist das Ergebnis wachsenden Wohlstandes, ver\u00e4nderter Pr\u00e4ferenzen und neuer Technologien. Es gibt allerdings keine \u201eoptimale\u201c Industriequote. Haushalte und Unternehmen tragen mit ihren individuellen Entscheidungen mit dazu bei, wie hoch der Industrieanteil ausf\u00e4llt. Politische Entscheidungen tun allerdings ein \u00dcbriges. Deutschland ist ein Nachz\u00fcgler unter den reichen L\u00e4ndern der Welt. Sein industrieller Sektor ist nach wie vor gr\u00f6\u00dfer als anderswo. So oder so, Deutschland steht ein Prozess der De-Industrialisierung bevor, unabh\u00e4ngig von allen klimapolitischen Entscheidungen der Transformation.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Strukturwandel ist auch politikgetrieben. Mit Regulierungen und Subventionen stellt die Politik oft die Weichen f\u00fcr den strukturellen Wandel. Bis vor kurzem wurde Deutschland vorgeworfen, mit Lohndumping \u201estrukturellen Merkantilismus\u201c (Martin Wolf) zu betreiben. \u00dcbersch\u00fcsse in der Leistungsbilanz dienten als Indiz. Von Lohndumping konnte aber keine Rede sein. Die deutsche Lohnpolitik war nur st\u00e4rker produktivit\u00e4tsorientiert als anderswo. Zusammen mit einem schwachen Euro beg\u00fcnstigte das die Wettbewerbsf\u00e4higkeit des industriellen Sektors. Er blieb international au\u00dfergew\u00f6hnlich gro\u00df. Die Entwicklung hat sich allerdings gedreht. Eine effizienzverschlingende Politik der Dekarbonisierung (\u201ed\u00fcmmste Energiepolitik der Welt\u201c, WSJ), die wachsende gesellschaftliche Abneigung gegen Innovationen, aber auch Tendenzen der De-Globalisierung setzen dem \u201eGesch\u00e4ftsmodell Deutschland\u201c schwer zu. Mit einer falschen Schrittfolge in der Energiepolitik &#8211; klimafreundliche atomare Energiequellen werden abgeschaltet bevor flatterhafte Erneuerbare von Nord nach S\u00fcd tranferierbar und effizient speicherbar sind \u2013 und einer ineffizienten Mittelwahl \u2013 Ordnungsrecht statt Emissionshandel \u2013 wird ein tragender Pfeiler des Gesch\u00e4ftsmodells Deutschland mutwillig eingerissen. Das ist auch deshalb unverst\u00e4ndlich, weil man damit dem weltweiten 1,5 %-Ziel der Klimapolitik keinen Schritt n\u00e4her kommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Unternehmer und Strukturwandel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Strukturwandel ist immer ein Prozess der \u201esch\u00f6pferischen Zerst\u00f6rung\u201c. Altes verschwindet, neues entsteht. Knappe Ressourcen werden produktiver eingesetzt. Das hilft Wohlstand und Wachstum. \u201eSch\u00f6pferische Zerst\u00f6rung\u201c ist das \u201eDienstm\u00e4dchen des wirtschaftlichen Wachstums\u201c (Joseph A. Schumpeter). \u201eAlte\u201c Sektoren verschwinden nicht von heute auf morgen. Es ist oft ein langer Prozess des Siechtums. \u00d6konomische Schocks, wie etwa durch Kriege verursachte Energiepreiskrisen, oder politische Schocks, wie eine forcierte Politik der Dekarbonisierung, k\u00f6nnen den Prozess beschleunigen. Ketchup-Effekte des Strukturwandels werden m\u00f6glich. Auch \u201eneue\u201c Branchen mit zukunftstr\u00e4chtigen G\u00fctern entstehen nicht von heute auf morgen. Neue Produkte, neue Verfahren, neue Organisationen kommen nicht aus dem Nichts. Forscher entwickeln m\u00fchsam Neues, Arbeitnehmer investieren in Humankapital, Unternehmen setzen das Neue auf M\u00e4rkten um. Alles zusammen wirkt (manchmal) innovativ. Die treibende Kraft des Strukturwandels sind private Unternehmer. Sie sind Spezialisten f\u00fcr die Zukunft, die Tr\u00fcffelschweine der Marktwirtschaft. Dabei gehen sie oft (erhebliche) Risiken ein, meist scheitern sie. Ein ad\u00e4quater Ordnungsrahmen f\u00fcr privates Unternehmertum (<a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=5774\">hier<\/a>) verringert die Risiken und erleichtert den Strukturwandel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie reibungslos der Strukturwandel verl\u00e4uft, h\u00e4ngt davon ab, wie gleichzeitig das Ungleichzeitige abl\u00e4uft. Viel w\u00e4re gewonnen, wenn Sektoren \u00e4hnlich schnell schrumpfen und wachsen. Die Kosten der Transformation w\u00e4ren aber auch dann nicht Null, weil weder Qualifikationen noch Regionen oft nicht passen. Langfristig w\u00e4chst der Wohlstand vor allem, wenn es gelingt, m\u00f6glichst viel innovative Unternehmen und zukunftstr\u00e4chtige Branchen zu haben. Damit kommt es entscheidend auf private Unternehmer an. Sind sie vital, geht es aufw\u00e4rts; sind sie sklerotisiert, geht es abw\u00e4rts. In reichen L\u00e4ndern wird ihnen immer \u00f6fter die Vitalit\u00e4t abgesprochen. Sie seien blo\u00df Trittbrettfahrer staatlich finanzierter Forschung und Entwicklung; sie agierten zu kurzsichtig und scheuten gro\u00dfe Risiken; es fehlten die \u201eSputnik\u201c-Momente. Damit w\u00fcrde es nichts mit Innovationen (Mariana Mazzucato). Oft seien die Politiker die besseren Unternehmer. Industriepolitisch sehr aktive L\u00e4nder w\u00fcrden schneller wachsen. Das ist Unfug. Die eigentliche Schwierigkeit ist und bleibt das Wissensproblem. Politische Unternehmer sind privaten unterlegen (<a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=32330\">hier<\/a>). \u201eWeiche\u201c Budgetrestriktionen, Ressourcenentzug an anderer Stelle und \u201erent seeking\u201c sind weitere Schwachstellen. Die Industriepolitik leidet weiter unter dem MITI-Syndrom: Sie ist entweder irrelevant oder kontraproduktiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Politik kennt die Untiefen staatlicher Industriepolitik. Das gilt auch f\u00fcr Robert Habeck, dem gegenw\u00e4rtigen Wirtschaftsminister. Einerseits setzt er auf Verbote beim Verbrenner und fossil betriebenen Heizungen. Andererseits wei\u00df er aber auch (hoffe ich zumindest), dass sich das industriepolitische Wissensproblem nicht politisch l\u00f6sen l\u00e4sst. Daf\u00fcr braucht er private Unternehmer. Um sie zu bewegen, aktiv zu werden, muss die Politik mehr Anreize schaffen, regulativ und monet\u00e4r. Das geschieht anreizkompatibel am besten \u00fcber eine umfassende Angebotspolitik. Das \u201ePatent\u201c auf diese Art von Politik hat aber (theoretisch) die FDP. Die Gr\u00fcnen haben damit wenig am Hut. Sie haben nach wie vor eine Vorliebe f\u00fcr industriepolitische Planwirtschaft. Damit sind sie der (industrieaffinen) SPD nicht un\u00e4hnlich. Der Wirtschaftsminister ist deshalb auf die Idee verfallen, eine \u201etransformative\u201c Angebotspolitik auf den Weg zu bringen. Tats\u00e4chlich ist sein Vorschlag aber Etikettenschwindel. Es handelt sich nicht um eine f\u00fcr alle g\u00fcltige, nicht diskriminierende, sondern um eine planwirtschaftlich gelenkte &#8222;Angebotspolitik&#8220;. F\u00fcr einige \u201ezukunftstr\u00e4chtige\u201c Branchen, Technologien und Unternehmen sollen bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden, f\u00fcr andere allerdings nicht. Damit l\u00e4uft diese Art von \u201eAngebotspolitik\u201c, wie jede lenkende Industriepolitik, auf eine Anma\u00dfung von Wissen hinaus. Subventionen pflastern ihren Weg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Politik und Subventionen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Strukturwandel schafft nicht nur \u201eNeues\u201c, er zerst\u00f6rt auch \u201eAltes\u201c. Er ist f\u00fcr viele Unternehmen in \u201ealten\u201c Branchen ein Kampf ums \u00dcberleben. Dabei ist ihnen oft jede staatliche Hilfe recht. Die Politik gew\u00e4hrt diese Hilfe auch. Arbeitspl\u00e4tze sind gef\u00e4hrdet, W\u00e4hlerstimmen stehen auf dem Spiel. Die F\u00e4lle sind Legion. Eine Bremse f\u00fcr Industriestrompreise ist die neuste Variante. Sie soll energieintensiven Unternehmen solange finanziell unter die Arme greifen, bis billigere erneuerbare Energien zur Verf\u00fcgung stehen. Damit will man verhindern, dass energieintensive Unternehmen in Branchen, wie etwa Stahl, Glas und Chemie, in gro\u00dfem Stil in L\u00e4nder mit niedrigeren Energiepreisen abwandern. Eine solche Subventionspolitik mit der Gie\u00dfkanne wird das aber nicht schaffen. Der Strukturwandel l\u00e4sst sich so nicht aufhalten. Die anhaltend \u201edumme\u201c deutsche Energiepolitik wird die Energiepreise hierzulande noch lange hoch halten. W\u00e4rmepumpen und E-Mobilit\u00e4t werden die Nachfrage treiben, der Abbau von Kernkraft und Kohle das Angebot verringern. Wie sollen da die Preise f\u00fcr Energie absehbar sinken. Das Gegenteil ist richtig. Und eine Strompreisbremse ist teuer. Mitnahmeeffekte, geringere Investitionen in energieeffiziente neue Technologien, h\u00f6here Lasten f\u00fcr B\u00fcrger und andere Unternehmen schlagen zu Buche. Die Unternehmen werden das staatliche Geld nehmen und trotzdem \u00fcber kurz oder lang verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese \u201edefensive\u201c Subventionspolitik hat immer Konjunktur. Die Pandemie trieb, der Ukraine-Krieg treibt weiter. Die Politik versucht, den Strukturwandel zu bremsen. Wummse, Doppelwummse, Gaskosten- und Strompreisbremsen sind Instrumente. Der Strukturwandel soll verlangsamt werden. Das ist bei der \u201eoffensiven\u201c Subventionspolitik anders. Mit ihr soll der Strukturwandel beschleunigt werden. Die eine Variante setzt darauf, \u201ezukunftstr\u00e4chtige\u201c Technologien, Unternehmen und Branchen zu f\u00f6rdern. Im Erfolgsfall werden im Inland hohe Renten geschaffen, aus dem Ausland werden Renten ins Inland umgeleitet. Diese Art der Industriepolitik ist allerdings st\u00f6ranf\u00e4llig: Das Wissensproblem ist nicht gel\u00f6st, das Ausland kann zur\u00fcckschlagen, Subventionswettl\u00e4ufe drohen. Die andere Variante offensiver Subventionspolitik ist klimapolitisch motiviert. Energieintensive, klimasch\u00e4dliche Branchen sollen m\u00f6glichst schnell verschwinden. Die freigesetzten Ressourcen werden f\u00fcr die zukunftstr\u00e4chtigen Sektoren ben\u00f6tigt. Das sei umso wichtiger, weil der demographische Wandel einen Mangel an Arbeit produziert. Die Instrumente der \u201eKlimapeitsche\u201c sind vielf\u00e4ltig. Emissionszertifikate, Umlagen und Verbote z\u00e4hlen dazu. Stetig steigende Preise f\u00fcr Emissionszertifikate beschleunigen den Strukturwandel, allerdings eher geordnet. Verbote von Technologien (\u00d6l- und Gasheizungen; Verbrenner; Kernkraft) und Gebote (D\u00e4mmungen) sind dagegen Klimapolitik mit der Brechstange. Der strukturelle Wandel wird schockartig beschleunigt. Entsprechend hoch sind die Friktionen f\u00fcr Arbeitnehmer und Unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das polit-\u00f6konomische Kalk\u00fcl der Politiker f\u00fchrt zu einer bizarren Strukturpolitik. Es ist eine Politik des Bremsens und Gasgebens, gleichzeitig. Eine \u201edefensive\u201c Subventionspolitik verlangsamt den Strukturwandel, eine \u201eoffensive\u201c Subventionspolitik beschleunigt ihn. Die Energiepolitik verdeutlicht das Problem. So forcieren etwa Subvention f\u00fcr W\u00e4rmepumpen, Photovoltaik und Windenergie den sektoralen Strukturwandel. Die Verbote von fossil betriebenen Heizungen und Verbrenner-Motoren verst\u00e4rken diese Entwicklung. Dagegen konservieren Gaskosten- und Strompreisbremsen energieintensive sektorale Strukturen. Sie st\u00fctzen den Verbrauch fossiler Energien und verringern die Anreize, in energieeffiziente neue Technologien zu investieren. Die Effizienzverluste von Bremsen und Gasgeben sind erheblich: Die fehlende Technologieoffenheit der \u201eoffensiven\u201c Subventionspolitik ist kostspielig. Sie schafft effizienzverschlingende Pfadabh\u00e4ngigkeiten. Auch die konservierende \u201edefensive\u201c Subventionspolitik kostet wirtschaftlichen Wohlstand. Knappe Ressourcen werden zu lange in schlechten Verwendungsarten gefangen gehalten. Und noch etwas wird offenkundig. Diese Art von Politik beg\u00fcnstigt staatliche Interventionsspiralen. Die Politik verbietet etwa die Kernkraft. Das Energieangebot sinkt, die Preise steigen. Energieintensive Sektoren kommen in Schwierigkeiten. Eine weitere Intervention soll ihnen helfen, eine Industriestrompreisbremse. Die Energiepolitik hat offensichtlich die Orientierung verloren (Clemens Fuest). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Politik f\u00fcr den Strukturwandel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Strukturpolitik alter Schule, hat die Zukunft hinter sich. Wirtschaftliche Strukturen sind st\u00e4ndig im Fluss. \u201eAltes\u201c verschwindet, \u201eNeues\u201c kommt. Es ist sinnlos, alte sektorale Strukturen, die dem Untergang geweiht sind, koste es was es wolle zu erhalten. Das gelingt weder mit finanzieller noch regulativer Hilfe des Staates. Und es ist kostspielig, diskriminiert und bef\u00f6rdert \u201erent seeking\u201c. Au\u00dfer Spesen ist oft nichts gewesen. Es ist aber auch riskant, auf neue sektorale Strukturen zu setzen, von denen Politik und B\u00fcrokratie meinen, sie seien \u201ezukunftstr\u00e4chtig\u201c. Nicht-Markt-Akteure ma\u00dfen sich ein Wissen an, das sie nicht haben. Politiker und B\u00fcrokraten sind nicht die besseren Unternehmer. Sowohl \u201edefensive\u201c als \u201eoffensive\u201c Industriepolitiken ver\u00e4ndern das Anreizsystem. Sie schaffen Anreize f\u00fcr Unternehmen, weniger auf wohlfahrtssteigernde \u00f6konomische Renten zu setzen und nach wohlfahrtsmindernden politischen Renten zu jagen. Notwendig ist keine traditionelle Strukturpolitik, sondern eine Politik f\u00fcr den Strukturwandel. Die Aufgabe der Politik besteht nicht in kostspieliger Industrie-, sondern in effizienter Standortpolitik. Das geht nicht ohne einen ad\u00e4quaten ordnungspolitischen Rahmen. Eine Angebotspolitik f\u00fcr alle, nicht nur f\u00fcr einige wenige, wie es die transformative Angebotspolitik eines Robert Habeck will, ist der richtige Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Strukturwandel laufen lassen, Standort attraktiver gestalten und Friktionen sozial abfedern. Das sind die Regeln einer effizienten und gerechten Politik f\u00fcr den Strukturwandel. Das \u201eA und O\u201c eines funktionierenden Strukturwandels sind offene M\u00e4rkte, national und weltweit. Eine sinnvolle Angebotspolitik dereguliert, privatisiert und entb\u00fcrokratisiert auf nationaler Ebene. Sie setzt weltweit m\u00f6glichst multilateral auf offene M\u00e4rkte. Nur so kann es gelingen, die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung zu nutzen. Das wieder modisch gewordene \u201enear- und friendshoring\u201c des Kalten Krieges ist internationale Arbeitsteilung 2. Klasse. Wichtiger ist es, Anreize f\u00fcr qualifizierte Zuwanderung zu schaffen. Das lockt produktive Talente an. Es funktioniert allerdings nur in einer toleranten Gesellschaft. Daran mangelt es. Und das Inland muss auch wieder attraktiver f\u00fcr internationales Kapital werden. Die Chancen auf den Zustrom neuer Technologien w\u00fcrden steigen. Steuern und Regulierungen sind das eine, qualifizierte Arbeitnehmer das andere. Auf effizienzverschlingende Subventionswettl\u00e4ufe nationaler Industriepolitiken sollte man besser nicht setzen, auf mehr staatliche Investitionen in Bildung und Grundlagenforschung dagegen schon. Ein besseres Klima f\u00fcr privates Unternehmertum w\u00fcrde ebenfalls n\u00fctzen. Die Aussicht auf mehr Wohlstand w\u00fcrde steigen, ein schnellerer struktureller Wandel w\u00e4re allerdings unvermeidlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Strukturwandel ist kein Zuckerschlecken, vor allem dann nicht, wenn sich bestehende inter-sektorale Strukturen aufl\u00f6sen, wie gegenw\u00e4rtig. Ein Prozess der De-Industrialisierung ist mit Friktionen verbunden. Sie sozial abzufedern ist Aufgabe des (Sozial) Staates. Arbeit und Kapital im industriellen Sektor werden mit Lasten konfrontiert. Verluste an Realkapital sind unternehmerische Risiken. Staatlicher Hilfe bedarf es im Regelfall nicht (<a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=28005\">hier<\/a>). Eine Ausnahme kann der Schutz kritischer Infrastruktur sein. Das ist bei entlassungsbedingten Verlusten an Humankapital anders. Hier sind staatliche Hilfen angesagt. Dabei sollte das Prinzip gelten: Nicht Unternehmen sollen gesch\u00fctzt werden, der Schutz der Menschen soll im Mittelpunkt stehen. Es geht nicht darum, industrielle Arbeitspl\u00e4tze zu retten, es geht um staatliche Hilfen f\u00fcr Arbeitslose. Zust\u00e4ndig daf\u00fcr ist der Sozialstaat. Notfall-Hilfe ist ein Element. Daf\u00fcr sollten vor allem (versicherungsad\u00e4quate) Arbeitslosenversicherungen und (anreizkompatible) Grundsicherungen sorgen. Die Hilfe zur Selbsthilfe ist ein zweites Element. Eine effiziente aktive Arbeitsmarktpolitik (Beratung, Vermittlung, Qualifizierung) z\u00e4hlt ebenso dazu, wie klug konzipierte finanzielle Hilfen f\u00fcr flexible Einstiegsl\u00f6hne von Arbeitslosen und eine wirksame F\u00f6rderung der (beruflichen, sektoralen und regionalen) Mobilit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst der De-Industrialisierung. Deutschland ist ein Nachz\u00fcgler im inter-sektoralen Strukturwandel. Das wird sich \u00e4ndern. Wohlstand, Demographie und Digitalisierung treiben unerbittlich, hohe Energiepreise und die \u201eweltweit d\u00fcmmste\u201c (Energie)Politik erh\u00f6hen das Tempo noch. \u201eAlte\u201c, energieintensive Branchen werden (zu) schnell abgewrackt. Am weltweiten CO2-Aussto\u00df \u00e4ndert das allerdings (fast) nichts. Der Preis, den Deutschland zahlen muss, ist hoch. Bisweilen hat man den Eindruck, die Ampel-Politik will das deutsche Gesch\u00e4ftsmodell m\u00f6glichst schnell loswerden. Immer neue standortfeindliche Auflagen und Verbote setzen ihm zu. Da hilft auch keine camouflierende Strompreisbremse. Sie ist ein weiteres Element einer effizienzverschlingenden Interventionsspirale. Besser w\u00e4re es, den energiepolitischen Unfug zu lassen und auf einen Zertifikatehandel zu setzen, der m\u00f6glichst viele Sektoren und L\u00e4nder umfasst. Das ist aber nicht zu erwarten. Und die n\u00e4chsten Fehler werden schon gemacht. Die Politiker glauben immer \u00f6fter, sie seien die besseren Unternehmer. &#8222;Neue&#8220; zukunftstr\u00e4chtige Technologien, Unternehmen und Branchen werden ausgeguckt und subventioniert. Auch diese Strategie wird scheitern.&nbsp; Die \u201etransformative Angebotspolitik\u201c ist Etikettenschwindel. Es ist falsch, eine staatlich gelenkte Angebotspolitik zu fahren, die nur auf einige Technologien, Unternehmen und Branchen setzt. Notwendig sind bessere, diskriminierungsfreie Rahmenbedingungen f\u00fcr alle und alles sowie ein anreizkompatibler sozialer Schutz der Arbeitnehmer vor den Friktionen im Strukturwandel. Der unvermeidliche Prozess der Transformation (Strukturwandel) w\u00fcrde in geregelteren Bahnen ablaufen, ohne heute wirtschaftlich alles kurz und klein zu schlagen und insgeheim auf einen Systemwechsel zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Podcast zum Thema:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33572\">Deutsche Industrie unter Druck. Was ist die richtige Politik f\u00fcr den Strukturwandel?<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Dr. Norbert Berthold<\/strong> (Julius- Maximilians-Universit\u00e4t W\u00fcrzburg) im Gespr\u00e4ch mit<strong> Prof. Dr. Oliver Holtem\u00f6ller <\/strong>(Leibniz Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung Halle, Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle-Wittenberg)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Joachim Ragnitz (Ifo): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=31585\">Deutschland und die Zeitenwende. Strukturwandel f\u00f6rdern, nicht verhindern!<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Norbert Berthold (JMU): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=26711\">Strukturwandel, Organisationsgrade und Tarifvertr\u00e4ge. Sind betriebliche B\u00fcndnisse f\u00fcr Arbeit die tarifpolitische Zukunft?<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Norbert Berthold (JMU): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20537\">Strukturwandel (1). Sch\u00f6pferische Zerst\u00f6rung \u00fcberall!? Treiber, Optionen und Populisten<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie F\u00f6rderung einer Branche ist der sicherste Weg, sie zu ruinieren.\u201c (Raghuram Rajan) Biontech konzentriert seine Krebsforschung k\u00fcnftig in Gro\u00dfbritannien, Bayer verlagert seine Gentech-Sparte in &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33653\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDe-Industrialisierung ante portas?<br \/><b>Politik f\u00fcr den Strukturwandel statt Strukturpolitik mit der Gie\u00dfkanne<\/b>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":34410,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1219],"tags":[556,2233,3651,156],"class_list":["post-33653","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-strukturelles-alles","tag-berthold","tag-de-industrialisierung","tag-strukturpolitik","tag-strukturwandel"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>De-Industrialisierung ante portas?Politik f\u00fcr den Strukturwandel statt Strukturpolitik mit der Gie\u00dfkanne - Wirtschaftliche Freiheit<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33653\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"De-Industrialisierung ante portas?Politik f\u00fcr den Strukturwandel statt Strukturpolitik mit der Gie\u00dfkanne - Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"\u201eDie F\u00f6rderung einer Branche ist der sicherste Weg, sie zu ruinieren.\u201c (Raghuram Rajan) Biontech konzentriert seine Krebsforschung k\u00fcnftig in Gro\u00dfbritannien, Bayer verlagert seine Gentech-Sparte in &hellip; \u201eDe-Industrialisierung ante portas?Politik f\u00fcr den Strukturwandel statt Strukturpolitik mit der Gie\u00dfkanne\u201c weiterlesen\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33653\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2023-05-22T23:55:00+00:00\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2024-09-30T09:01:20+00:00\" \/>\n<meta property=\"og:image\" content=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/deindu1-1024x632.png\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:width\" content=\"1024\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:height\" content=\"632\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:type\" content=\"image\/png\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"Norbert Berthold\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Verfasst von\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"Norbert Berthold\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:label2\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data2\" content=\"15\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\/\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"Article\",\"@id\":\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33653#article\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33653\"},\"author\":{\"name\":\"Norbert Berthold\",\"@id\":\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/#\/schema\/person\/bcf0039b0b5485b761fb6e35ed8ea554\"},\"headline\":\"De-Industrialisierung ante portas? 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