{"id":33657,"date":"2023-05-31T00:45:00","date_gmt":"2023-05-30T23:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33657"},"modified":"2023-05-31T05:38:19","modified_gmt":"2023-05-31T04:38:19","slug":"gastbeitragezb-liquiditaetmehr-normalitaet-wagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33657","title":{"rendered":"<b>Gastbeitrag<\/b>EZB-Liquidit\u00e4t<b>Mehr Normalit\u00e4t wagen<\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Staubtrocken erscheint der geldpolitische Handlungsrahmen, den die EZB gerade \u00fcberarbeitet. Aber das Regelwerk entscheidet ma\u00dfgeblich \u00fcber die heilsame Disziplin des Marktes, der die Banken bei der Aufnahme von EZB-Liquidit\u00e4t ausgesetzt sind. Wir machen Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine schrittweise Reform.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Kaum jemand interessiert sich f\u00fcr die Abst\u00e4nde zwischen den verschiedenen EZB-Leitzinsen, die Laufzeiten der an die Banken vergebenen Kredite, die daf\u00fcr geforderten Sicherheiten, die Menge des zugeteilten Zentralbankgeldes und so weiter. Aber diese Stellgr\u00f6\u00dfen entscheiden ma\u00dfgeblich \u00fcber die heilsame Disziplin des Marktes, der die Banken bei der Aufnahme von EZB-Liquidit\u00e4t ausgesetzt sind. Es geht darum, wieviel Markt im staatlichen Geldsystem steckt und wieviel Anreize Banken haben, mit Liquidit\u00e4t konservativ zu wirtschaften und damit resilienter zu werden. Deshalb ist es so wichtig, was bis zum Jahresende bei der \u00dcberarbeitung des EZB-Regelwerkes herauskommt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Seit der Finanzkrise ist Liquidit\u00e4t im \u00dcberfluss vorhanden, &#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit der Finanzkrise sind Marktmechanismen bei der Bereitstellung von Liquidit\u00e4t durch die EZB weitgehend ausgeschaltet. Liquidit\u00e4t, also das Guthaben einer Bank bei der EZB, ist schon lange kein knappes Gut mehr, sondern im \u00dcberfluss vorhanden. Die EZB hat n\u00e4mlich in der Finanzkrise begonnen, den Banken gegen Sicherheiten jede gew\u00fcnschte Menge an Zentralbankgeld zur Verf\u00fcgung zu stellen. Sp\u00e4ter, nach Ausbruch der Staatsschuldenkrise, erwarb die EZB in gro\u00dfem Stil Anleihen und schrieb den Banken die entsprechenden Gegenwerte auf ihren EZB-Konten gut. Dadurch gibt es rund 4000 Milliarden Euro mehr an Zentralbankgeld, als die Banken eigentlich brauchen, um ihre Mindestreservepflichten zu erf\u00fcllen. Damit dieses Zuviel an Geld die Zinsen am Geldmarkt nicht in Richtung null Prozent dr\u00fcckt, zahlt die EZB den Banken auf diese Guthaben einen Einlagensatz von gegenw\u00e4rtig 3,25 Prozent. Der \u00dcberfluss an Zentralbankgeld zeigt sich daran, dass der Zins am Markt f\u00fcr Tagesgeld stets in der N\u00e4he des EZB-Einlagensatzes liegt, also am unteren Ende des EZB-Zinskorridors \u2013 und nicht wie fr\u00fcher beim Hauptrefinanzierungssatz, der zur Zeit bei 3,75 Prozent liegt (Abb. 1).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem1-1-1024x751.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-33662\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem1-1-1024x751.png 1024w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem1-1-300x220.png 300w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem1-1-768x563.png 768w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem1-1.png 1196w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>&#8230; was aber auch zu Problemen f\u00fchrt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Zentralbankgeld im \u00dcberfluss vorhanden ist, m\u00fcssen es sich Banken nicht mehr untereinander ausleihen. Das hei\u00dft aber auch, dass sie sich f\u00fcr andere Banken weniger attraktiv machen m\u00fcssen \u2013 die Anreize f\u00fcr konservative Gesch\u00e4ftsmodelle nehmen ab. Au\u00dferdem kann die viele Liquidit\u00e4t zum Eingehen h\u00f6herer Risiken verf\u00fchren. So haben viele Banken im Gefolge der Staatsschuldenkrise in gro\u00dfem Stil Staatsanleihen der hoch verschuldeten L\u00e4nder im S\u00fcden des Euroraums gekauft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schrittweise R\u00fcckkehr zu einem marktorientierten System &#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das gegenw\u00e4rtige Regelwerk der EZB mag w\u00e4hrend der Finanz- und Staatsschuldenkrise angemessen gewesen sein, um die W\u00e4hrungsunion zusammenzuhalten. Aber elf Jahre nach dem H\u00f6hepunkt der Staatsschuldenkrise ist es an der Zeit, bei der Versorgung mit Zentralbankgeld mehr Normalit\u00e4t zu wagen. Bei der anstehenden \u00dcberarbeitung des geldpolitischen Handlungsrahmens sollte die EZB schrittweise zum marktorientierten System zur\u00fcckzukehren, das bis zum Ausbruch der Finanzkrise gut funktioniert hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8230; wie vor der Finanzkrise, &#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In dem damaligen System herrschte kein \u00dcberschuss an Zentralbankgeld. Vielmehr befanden sich die Banken in einen Bietungswettbewerb um knappe Liquidit\u00e4t. Die EZB setzte die Menge an Zentralbankguthaben gerade so fest, dass das Bankensystem als Ganzes gen\u00fcgend Liquidit\u00e4t hatte, um seine Mindestreservepflichten zu erf\u00fcllen. Die einzelnen Banken mussten angeben, wieviel Zins sie f\u00fcr die gew\u00fcnschte Menge an Zentralbankgeld bereit waren zu zahlen. Die EZB teilte das Zentralbankgeld in absteigender Reihenfolge der gebotenen Zinss\u00e4tze zu. Wer mehr bot, hatte bessere Chancen, zum Zug zu kommen, musste aber auch einen h\u00f6heren Zins zahlen. Wer sich dagegen verkalkuliert hatte, musste sich das fehlende Geld bei anderen Banken \u00fcber den Geldmarkt leihen. Der dort herrschende Zins lag nahe am EZB-Hauptrefinanzierungssatz, den die Banken mindestens zu bieten hatten.<a><\/a><a href=\"https:\/\/commerzbank.bluematrix.com\/links2\/html\/06f0c792-1c3f-4d1c-a849-0122e859a875#FN1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8230; wobei zwischenzeitliche Ver\u00e4nderungen zu beachten sind, &#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zu einer solchen m\u00f6glichst marktorientierten Liquidit\u00e4tspolitik kann die EZB nicht in einem einzigen Schritt zur\u00fcckkehren. Schlie\u00dflich hat sich seit der Staatschuldenkrise einiges ge\u00e4ndert. So kann die EZB ihre hohen Anleihebest\u00e4nde nicht ohne Marktverwerfungen \u00fcber Nacht abbauen \u2013 und somit auch nicht das viele Zentralbankgeld, womit sie die Anleihen bezahlt hat. Au\u00dferdem halten Banken heute wegen der erh\u00f6hten Unsicherheit und neuer Liquidit\u00e4tsregeln \u00fcber die Mindestreserve hinaus deutlich mehr Liquidit\u00e4t. Zudem ist der Geldmarkt zwischen den Banken weitgehend eingeschlafen, weil es in Zeiten des Liquidit\u00e4ts\u00fcberschusses einen Ausgleich zwischen den Banken nicht mehr braucht.<a><\/a><a href=\"https:\/\/commerzbank.bluematrix.com\/links2\/html\/06f0c792-1c3f-4d1c-a849-0122e859a875#FN2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8230; was in einem ersten Schritt f\u00fcr das britische Modell spricht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wegen dieser Beschr\u00e4nkungen kann es sinnvoll sein, dass sich die EZB bei der Reform des geldpolitischen Handlungsrahmens zun\u00e4chst am Modell der britischen Zentralbank orientiert, wozu EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel zu neigen scheint.<a href=\"https:\/\/commerzbank.bluematrix.com\/links2\/html\/06f0c792-1c3f-4d1c-a849-0122e859a875#FN3\">[3]<\/a> Demnach w\u00fcrde die EZB ihre Anleihebest\u00e4nde und damit auch die \u00dcberschussliquidit\u00e4t schrittweise abschmelzen. Irgendwann w\u00e4re Zentralbankgeld wieder knapp, und die Geldmarktzinsen w\u00fcrden \u00fcber den EZB-Einlagensatz hinaus in Richtung des Hauptrefinanzierungssatzes steigen (Abb. 2). Weil aber die EZB die erh\u00f6hte Liquidit\u00e4tsnachfrage der Banken schlecht einsch\u00e4tzen kann und es somit zu unerw\u00fcnschten Schwankungen der Geldmarktzinsen kommen k\u00f6nnte, sollen Banken im britischen Modell zum Hauptrefinanzierungssatz weiter jede gew\u00fcnschte Menge an Zentralbankgeld bekommen. Damit diese Vollzuteilung den Tagesgeldsatz nicht immer wieder unter den Hauptrefinanzierungssatz fallen l\u00e4sst und die Geldmarktzinsen nicht zu stark schwanken, sollte der Einlagensatz dem Hauptrefinanzierungssatz entsprechen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem2-1024x751.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-33663\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem2-1024x751.png 1024w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem2-300x220.png 300w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem2-768x563.png 768w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/kraem2.png 1196w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Weitere Reformschritte f\u00fcr eine sp\u00e4tere Phase<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aber dieses Modell kann nur eine Etappe auf dem Weg zu einem marktwirtschaftlicheren System sein. Die EZB sollte bei der \u00dcberarbeitung ihres Regelwerkes bereits weitere Schritt f\u00fcr eine sp\u00e4tere Phase skizzieren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Erstens k\u00f6nnte die EZB den Mindestreservesatz erh\u00f6hen. Dann w\u00fcrde die dar\u00fcber hinaus gehende Liquidit\u00e4tsnachfrage kleiner sein; es w\u00e4re f\u00fcr die EZB einfacher, den Liquidit\u00e4tsbedarf der Banken abzusch\u00e4tzen, was wichtig ist, um gerade so viel Zentralbankgeld bereitzustellen, dass der Geldmarktsatz m\u00f6glichst nahe beim Hauptrefinanzierungssatz liegt und nicht zu stark schwankt.<\/li>\n\n\n\n<li>Zweitens k\u00f6nnte die EZB darauf verzichten, alle Zentralbankguthaben, die die Mindestreserve \u00fcberschreiten, weiter mit dem Einlagensatz zu verzinsen. Einen Teil der \u00dcberschussreserven sollte nicht verzinst werden. Die Banken h\u00e4tten dann einen Anreiz, dieses Geld zu verleihen. Das k\u00f6nnte den Geldhandel zwischen den Banken wieder beleben, was in einem Bietungssystem mit fehlender Vollzuteilung zum Liquidit\u00e4tsausgleich zwischen den Banken notwendig ist.<\/li>\n\n\n\n<li>Drittens sollte die EZB f\u00fcr ihre Kredite an die Banken wieder ausnahmslos erstklassische Sicherheiten fordern oder ausreichende Abschl\u00e4ge auf den Wert dieser Sicherheiten vornehmen. Banken mit schlechten Sicherheiten w\u00fcrden dann nicht mehr subventioniert und m\u00fcssten an ihrem Gesch\u00e4ftsmodell arbeiten.<\/li>\n\n\n\n<li>Viertens sollte die EZB die Laufzeit von Krediten an die Banken auf drei Monate beschr\u00e4nken. Dann w\u00fcrden sich Banken nicht mehr auf Vorrat so viel Liquidit\u00e4t sichern, was zu einer Verknappung von Zentralbankgeld beitr\u00e4gt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>All diese Ma\u00dfnahmen helfen, die Banken wieder an eine knappere Liquidit\u00e4t zu gew\u00f6hnen und den Interbankenmarkt zu beleben. Wenn das gut funktioniert, k\u00f6nnte die EZB in einem letzten Schritt zur marktorientierten Liquidit\u00e4tspolitik von vor der Finanzkrise zur\u00fcckkehren. Dann h\u00e4tten die Banken mehr Anreize f\u00fcr konservative Gesch\u00e4ftsmodelle, wodurch das gesamte Finanzsystem stabiler w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>[1] &#8222;<a href=\"https:\/\/www.bundesbank.de\/resource\/blob\/602154\/037f156c585b815abab9f2d5fc2cb280\/mL\/2014-04-geldmarktsteuerung-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Implikationen der Geldmarktsteuerung des Eurosystems w\u00e4hrend der Finanzkrise&#8220;<\/a>, Monatsbericht der Deutschen Bundesbank, April 2014, S. 39 &#8211; 63.<br>[2] Einen guten \u00dcberblick \u00fcber die Situation am Geldmarkt im Euroraum bietet die <a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/pub\/euromoneymarket\/html\/ecb.euromoneymarket202204.en.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">&#8222;Euro Money Market Study 2022&#8220;<\/a> der EZB.<br>[3] &#8222;Back to normal? Balance sheet size and interest rate control&#8220;, <a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/press\/key\/date\/2023\/html\/ecb.sp230327_1~fe4adb3e9b.en.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Rede von Isabel Schnabel<\/a> v. 27. M\u00e4rz 2023.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Staubtrocken erscheint der geldpolitische Handlungsrahmen, den die EZB gerade \u00fcberarbeitet. 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