{"id":33781,"date":"2023-06-02T00:42:00","date_gmt":"2023-06-01T23:42:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33781"},"modified":"2023-06-02T05:56:17","modified_gmt":"2023-06-02T04:56:17","slug":"stakeholderorientierung-statt-shareholderkapitalismusein-widerspruch-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33781","title":{"rendered":"<b>Das Buch<\/b>Stakeholderorientierung statt Shareholderkapitalismus?<b>Ein Widerspruch [1]<\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p><em>\u201eThe social responsibility of business is to increase its profits.\u201c <\/em>(Milton Friedman)<\/p>\n\n\n\n<p>Unternehmen und ihre (Eigenkapital-)Investoren genie\u00dfen in Deutschland oftmals keinen guten Ruf. Krisen und Skandale l\u00f6sen in der Bev\u00f6lkerung und den Medien zunehmend Kritik an marktwirtschaftlichen Prozessen aus. Im Fokus der kollektiven Systemschelte steht dabei oft der Begriff \u201eshareholder value\u201c, der sp\u00e4testens seit den neunziger Jahren negative Assoziationen ausl\u00f6st und sinnbildlich f\u00fcr die Schattenseiten der Marktwirtschaft zu stehen scheint. Insbesondere wird eine Eigent\u00fcmerorientierung mit kurzfristiger Gewinnmaximierung, der Ausbeutung von Lieferanten und Mitarbeitern, scheinbar \u00fcberzogenen Renditeforderungen sowie einer ausschlie\u00dflichen Orientierung am Aktienkurs eines Unternehmens in Verbindung gebracht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Hier soll eine Lanze f\u00fcr die konsequente Eigent\u00fcmerorientierung als Basis einer wirtschaftstheoretischen Betriebswirtschaftslehre gebrochen werden. Dies erscheint als geboten, da die ver\u00f6ffentlichte Meinung insbesondere \u00f6konomische Laien durch zunehmend undifferenzierte Vereinfachungen zu beeinflussen scheint, und es m\u00f6glicherweise eines Korrektivs bedarf.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der betriebswirtschaftlichen Forschung, die sich immer mehr von ihrem wirtschaftstheoretischen Fundament ab- und zu einer verhaltenswissenschaftlichen Ausrichtung hinwendet, wird seit einigen Jahrzehnten dar\u00fcber diskutiert, ob Unternehmen prim\u00e4r einen sogenannten \u2013 wie auch immer definierten \u2013 Gemeinnutzen anstreben sollten. Dieser Zweig des Fachs ist dabei oftmals normativ ausgerichtet und orientiert sich an wissenschaftlich grunds\u00e4tzlich nicht \u00fcberpr\u00fcfbaren Werturteilen. Hinsichtlich der Ausrichtung der Unternehmensf\u00fchrung solle diese sich an den pluralistischen Interessen der Stakeholder orientieren. Insbesondere wird die Auffassung vertreten, dass Gl\u00e4ubiger, Lieferanten, Mitarbeiter und Kunden auch implizite Anspr\u00fcche gegen die Unternehmung h\u00e4tten, die Einzug in das Entscheidungskalk\u00fcl der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung halten sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die nach jeder Krise \u2013 unabh\u00e4ngig von ihrer tats\u00e4chlichen Ursache \u2013 stets auf Neue gef\u00fchrte Diskussion um die Ausrichtung der Unternehmensf\u00fchrung offenbart grunds\u00e4tzlich zwei sich diametral gegen\u00fcberstehende Auffassungen. Der mikro\u00f6konomisch fundierte Zugang vertraut auf die regulierende Form des funktionierenden Wettbewerbs und die von Walter Eucken (2004) betonte Einheit von Gewinn und Haftung. Coenenberg (2003, S. 13) bringt es auf den Punkt: \u201e[Die Shareholder] sind Tr\u00e4ger der Chancen und der Risiken. Chancen und Risiken m\u00fcssen in der Marktwirtschaft in einer Tr\u00e4gerschaft bleiben, sonst fehlt es an den Marktmechanismen der Kapitallenkung und der Versorgung der Wirtschaft mit Risikokapital\u201c. Ein funktionierender Markt, der den optimalen Grad der Regulierung nicht \u00fcberschreitet, fungiert sogar als Sanktionsmechanismus gegen\u00fcber egoistischen Gesch\u00e4ftspraktiken, die in eine mindere Befriedigung der Pr\u00e4ferenzen der Transaktionspartner m\u00fcnden. Es ist der Wettbewerb, der zu einer \u201ebestm\u00f6glichen Befriedigung der Stakeholderinteressen\u201c (W\u00f6he, D\u00f6ring, Br\u00f6sel 2020, S.&nbsp;10) f\u00fchrt. Der verhaltenswissenschaftlich fundierte Zweig misstraut dem Markt grunds\u00e4tzlich und strebt nach einer Gemeinwohlorientierung \u2013 wie die entsprechende Zielfunktion bei unterschiedlichen Pr\u00e4ferenzen von Individuen aussehen soll, bleibt hingegen offen. Diese Fokussierung kommt in aller Regel nicht ohne Werturteile im Hinblick auf Ziele wie Gerechtigkeit oder Fairness aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Diskussion ad\u00e4quat beurteilen zu k\u00f6nnen, lohnt es sich, zun\u00e4chst die Rechtspositionen der Eigent\u00fcmer und der \u00fcbrigen Interessengruppen zu beleuchten. Wir konzentrieren uns dabei auf die Aktiengesellschaft, f\u00fcr die eine strikte Trennung zwischen Eigentum und Verf\u00fcgungsgewalt gilt. Als Eigent\u00fcmer erwirbt man ein Mitgliedschaftsrecht an der Gesellschaft. Die Aktie verbrieft verschiedene Aktion\u00e4rsrechte, insbesondere das Stimmrecht in der Hauptversammlung, das Recht auf einen Anteil am Gewinn sowie den entsprechenden Erl\u00f6s im Falle einer Liquidation. Die Eigent\u00fcmer erwerben allerdings kein Recht auf Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung. Die Aktiengesellschaft wird vom Vorstand gef\u00fchrt, der mit dem ohne Befristung bereitgestellten Kapital der Eigent\u00fcmer agieren kann. Aus \u00f6konomischer Sicht ist der Vorstand daher der Stellvertreter (Agent) der Eigent\u00fcmer (Prinzipale). Die Kontrollm\u00f6glichkeiten der Prinzipale sind auf die gew\u00f6hnlichen Aktion\u00e4rsrechte beschr\u00e4nkt. Die Rendite des Investments h\u00e4ngt folglich ma\u00dfgeblich von den Handlungen des Vorstands \u2013 nat\u00fcrlich delegiert dieser diese innerhalb der Unternehmung \u2013 und dem daraus resultierenden Jahresergebnis ab. Lieferanten, Kreditgeber oder Mitarbeiter haben durch ihre mit dem Unternehmen geschlossenen Vertr\u00e4ge demgegen\u00fcber schuldrechtliche Anspr\u00fcche auf ihre Zahlungen \u2013 Kaufpreis, Zins sowie Tilgung, Lohn und Gehalt. Diese Anspr\u00fcche m\u00fcssen vom Unternehmen zun\u00e4chst befriedigt werden. Erst der Residualgewinn geb\u00fchrt den Eigent\u00fcmern.<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man die Gewinn- und Verlustrechnung, wird deutlich, dass die meisten Unternehmen einen Gro\u00dfteil ihrer Ertr\u00e4ge durch Ums\u00e4tze erzielen, die entstehen, wenn ein Kaufvertrag mit einem Kunden abgeschlossen und die eigene Leistung erbracht wurde. Der Kunde zahlt einen Kaufpreis, der in seinem Wert mindestens dem Produkt entspricht, die der Verk\u00e4ufer als Gegenleistung angeboten hat. Ums\u00e4tze spiegeln insofern die F\u00e4higkeit des Produzenten wider, Kundenw\u00fcnsche zu befriedigen. Insbesondere Kunden, die Verbraucher sind, werden durch umfassende Vorschriften auch gesetzliche gesch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Position des Unternehmens als Verk\u00e4ufer wechselt, wenn wir nicht mehr den Absatz-, sondern den Beschaffungsmarkt betrachten. Dort ist das Unternehmen K\u00e4ufer und der Lieferant der Anbieter. Lieferanten erhalten aus dem Kaufvertrag mit dem Unternehmen einen Geldbetrag, der ihnen mindestens so viel wert ist, wie das Gut, dass sie verkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kreditgeber haben aus ihrem Darlehensvertrag einen Anspruch auf fristgerechte Zins- und Tilgungsleistung. Das deutsche Bilanzrecht sorgt durch seine gl\u00e4ubigersch\u00fctzenden und kapitalerhaltenden Regelungen daf\u00fcr, dass Haftungsmasse vorhanden ist, um Gl\u00e4ubiger auch dann zu befriedigen, wenn das Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten ger\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Arbeitnehmer eines Unternehmens haben aus ihren Arbeitsvertr\u00e4gen einen Anspruch auf termingerechte Entlohnung. Zahlreiche Vorschriften zum Arbeitsschutz sorgen zudem daf\u00fcr, dass die Arbeitssicherheit gew\u00e4hrleistet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu betonen ist, dass die schuldrechtlichen Anspr\u00fcche dieser Gruppen zuerst befriedigt werden m\u00fcssen. Erst, lediglich der Jahres\u00fcberschuss steht den Eigent\u00fcmern zu. Dass der Vorstand bei seiner Entscheidung, mit diesen Stakeholdern Vertr\u00e4ge abzuschlie\u00dfen, prim\u00e4r die Interessen seiner Prinzipale verfolgt, ist nachvollziehbar, werden die Vertragspartner doch ebenso darauf achten, dass sie einen Tausch nur dann eingehen, wenn die Gabe mindestens der Gegengabe entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Unternehmer \u00fcbernehmen auf M\u00e4rkten Unsicherheiten. Am Anfang der unternehmerischen T\u00e4tigkeit steht die Gabe von haftendem Eigenkapital. Noch bevor auch nur ein Euro durch den Umsatzprozess verdient ist, gibt der Eigent\u00fcmer mittelbar vertragliche Versprechen an die Stakeholder ab, dass ihre vertraglichen Anspr\u00fcche erf\u00fcllt werden. Dass die Unternehmensf\u00fchrung ihre Entscheidungen und damit die Steuerung des Betriebs eben die Pr\u00e4ferenzen der Eigent\u00fcmer zugrunde liegt, ist daher eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit (vgl. etwa Follert, Klingelh\u00f6fer und Daumann 2023).<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst wenn wir davon ausgehen, dass Eigent\u00fcmer nur finanzielle Zielsetzungen verfolgen, ist es zudem gar nicht abwegig, anzunehmen, dass die Befriedigung der Bed\u00fcrfnisse der Stakeholder auch in ihrem eigenen Interesse ist. Ludwig von Mises (1998 [1949]), bezeichnet den Konsumenten als \u201eKapit\u00e4n\u201c. Auf einem Markt buhlen verschiedene Unternehmen um die Gunst der Kunden. Der langfristige Aufbau von Reputation ist dabei essentiell f\u00fcr die Existenz des Unternehmens. Notwendigerweise verlangt das Marktangebot verschiedene Produktionsfaktoren \u2013 Werkstoffe, Betriebsmittel, menschliche Arbeit \u2013. Diejenigen die diese bereitstellen, werden auf M\u00e4rkten mit funktionierendem Wettbewerb ebenfalls darauf achten, dass ihre Pr\u00e4ferenzen durch den Vertragspartner auch befriedigt werden. Um langfristige Gewinne zu erwirtschaften, die die \u00f6konomische Wohlfahrt der Eigent\u00fcmer erh\u00f6hen, liegt es daher in ihrem origin\u00e4ren Interesse, dass Stakeholder nicht ausgebeutet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es soll nicht verschwiegen werden, dass es Unternehmen und Investoren gibt, die nicht dem Bild des \u201eehrbaren Kaufmanns\u201c entsprechen. Nat\u00fcrlich gibt es F\u00e4lle, in denen das Einkommen der Eigent\u00fcmer zulasten der Stakeholder erh\u00f6ht wird \u2013 insbesondere in der kurzen Frist (hierzu auch Coenenberg 2003, S. 13). Es w\u00e4re jedoch eine verzerrte Wahrnehmung zu glauben, dass es schwarze Schafe nicht auch in den verschiedenen Interessengruppen g\u00e4be. Wir haben darauf hingewiesen, dass die Stakeholder schuldrechtliche Anspr\u00fcche gegen die Unternehmung haben. Es ist richtig, dass auch implizite Anspr\u00fcche bzw. Erwartungen bestehen k\u00f6nnen. Diese werden aber aus \u00f6konomischer Perspektive wohl am besten durch einen funktionierenden Wettbewerb gesch\u00fctzt, sodass Stakeholder, die sich durch ihren Vertragspartner nicht ad\u00e4quat behandelt f\u00fchlen, zur Konkurrenz wechseln k\u00f6nnen. Neben der methodologischen Standortfrage d\u00fcrfte zudem aus praktischer Sicht der Versuch, verschiedene Pr\u00e4ferenzen au\u00dferhalb eines Markts \u2013 der durch das Gewinnstreben aller Teilnehmer in vielen F\u00e4llen die gesamte Wohlfahrt erh\u00f6ht \u2013 in einer Zielfunktion zu aggregieren, Unternehmen auch in der operativen Steuerung vor praktische Probleme stellen. Festzuhalten bleibt, dass eine R\u00fcckbesinnung auf die wirtschaftstheoretische fundierte Betriebswirtschaftslehre bei gleichzeitiger St\u00e4rkung des Wettbewerbs zu begr\u00fc\u00dfen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturhinweise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Albach, H. (2001). Shareholder Value und Unternehmenswert. Zeitschrift f\u00fcr Betriebswirtschaft 71, S. 643-674.<\/p>\n\n\n\n<p>Follert, F., Klingelh\u00f6fer, H.E., Daumann, F., The dark side of shareholder orientation: A reflection of Rappaport&#8217;s concept of shareholder value. Managerial and Decision Economics, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1002\/mde.3877\">https:\/\/doi.org\/10.1002\/mde.3877<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Coenenberg, A.G. (2003). Shareholder Value \u2013 Betriebswirtschaftliche Sicht und \u00f6ffentliche Wahrnehmung. Journal f\u00fcr Betriebswirtschaftslehre 53, S. 6-14.<\/p>\n\n\n\n<p>Eucken, W. (2004). Grunds\u00e4tze der Wirtschaftspolitik, 7. Auflage, T\u00fcbingen.<\/p>\n\n\n\n<p>von Mises, L. (1998 [1949]). Human Action. The Scholar\u2019s Edition, Auburn, Ala.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00f6he, G., D\u00f6ring, U., Br\u00f6sel, G. (2020). Einf\u00fchrung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 27. Aufl., M\u00fcnchen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a id=\"_ftn1\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Dies ist eine gek\u00fcrzte Fassung des gleichnamigen Beitrags in <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Die-Wirtschafts-Welt-steht-Kopf-Wirtschaftspolitik\/dp\/3800670194\/ref=sr_1_2?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&amp;crid=6G7FIZFS389F&amp;keywords=welt+steht+kopf&amp;qid=1685680894&amp;sprefix=welt+steht+kopf%2Caps%2C117&amp;sr=8-2\">Norbert Berthold und J\u00f6rn Quitzau (Hrsg.), Die Wirtschafts-Welt steht Kopf. M\u00fcnchen 2023, S. 175 &#8211; 180<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eThe social responsibility of business is to increase its profits.\u201c (Milton Friedman) Unternehmen und ihre (Eigenkapital-)Investoren genie\u00dfen in Deutschland oftmals keinen guten Ruf. 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