{"id":33854,"date":"2023-06-21T00:22:00","date_gmt":"2023-06-20T23:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33854"},"modified":"2024-05-07T06:15:36","modified_gmt":"2024-05-07T05:15:36","slug":"they-never-come-backgewerkschaften-und-industrielle-zeitenwende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=33854","title":{"rendered":"They never come back!?<b>Gewerkschaften in Zeiten der De-Industrialisierung<\/b>"},"content":{"rendered":"\n<p><em>\u201eF\u00fcr jedes komplexe Problem gibt es eine einfache L\u00f6sung, und die ist die falsche.\u201c <\/em>(Umberto Eco)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Soziale Marktwirtschaft feiert den 75. Geburtstag. Sie war lange eine Erfolgsgeschichte. Einen wichtigen Beitrag leisteten die Tarifpartner. Mit im Boot waren die Gewerkschaften. Sie waren m\u00e4chtig, politisch einflussreich, manchmal lohnpolitisch krawallig. Lange lief nichts ohne sie. Mehr als jeder dritte Arbeitnehmer war gewerkschaftlich organisiert. Der Fl\u00e4chentarif galt f\u00fcr \u00fcber 2\/3 der Besch\u00e4ftigten. Die Arbeit erhielt fast 2\/3 des Sozialproduktes. Ab Anfang der 90er Jahre wurde es stiller um die Gewerkschaften. Der Organisationsgrad br\u00f6ckelte auf knapp \u00fcber 13 %. Die Tarifbindung erodierte auf weniger als 45 % der Besch\u00e4ftigten, die Lohnquote sank seit Mitte der70er Jahre auf 53 % Mitte der 00er Jahre. Mittlerweile hat sie sich wieder erholt. Der Einfluss der Gewerkschaften ist gesunken. Mit den heftigen Streiks der Lokf\u00fchrer, Paketboten, Erzieher und Flugbegleiter gaben die Gewerkschaften im Jahre 2015 ein Lebenszeichen. Die Corona-Epidemie beruhigte die aufflackernden Arbeitsk\u00e4mpfe wieder. Auch danach einigten sich die Tarifpartner in der Metall- und Elektroindustrie (IGM) und der Chemie (IGBCE) trotz galoppierender Inflation eher friedlich. Nun scheint es aber bei der Bahn (EVG) wieder los zu gehen. Die Gewerkschaft der Lokf\u00fchrer (GDL) hat weiteren Zoff f\u00fcr Herbst angek\u00fcndigt. Ist das eine Wiedergeburt oder das letzte Zucken der Gewerkschaften?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Was f\u00fchrte zum Niedergang der Gewerkschaften?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Abstieg der Gewerkschaften hat viele Gr\u00fcnde. Einer ist der Fall des Eisernen Vorhanges. Er wirkte auf die Arbeitsm\u00e4rkte wie ein Angebotsschock. L\u00e4nder wie China, Russland und ehemalige Sowjetrepubliken kamen auf die Weltm\u00e4rkte. Gleichzeitig gewann die Globalisierung an Fahrt. G\u00fcter- und Faktorm\u00e4rkte wurden weltweit offener. Millionen neuer Arbeitskr\u00e4fte erh\u00f6hten das weltweite Arbeitsangebot, weniger direkt \u00fcber internationale Wanderungen, mehr indirekt \u00fcber ver\u00e4nderte komparative Vorteile. Der Druck auf die L\u00f6hne weltweit nahm zu. Der Harvard-\u00d6konom Richard B. Freeman brachte es auf den Punkt als er fragte, ob \u00fcber die L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen in den westlichen L\u00e4ndern nun in Peking entschieden w\u00fcrde. Globalisierung und technischer Fortschritt verst\u00e4rkten den Druck auf den gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Der internationale Wettbewerb wurde intensiver. Er beschleunigte den inter-sektorale Strukturwandel. Darunter litt vor allem der industrielle Sektor, die Herzkammer der Gewerkschaften. Arbeitspl\u00e4tze und Gewerkschaftsmitglieder gingen verloren. Der Dienstleistungssektor wuchs zwar. F\u00fcr die Gewerkschaften ist das aber ein Problem. Vor allem Frauen profitieren von dieser Entwicklung. Die arbeiten aber \u00f6fter in Teilzeit und sind gewerkschaftlich weniger organisiert. Und noch etwas kam hinzu: Die Unternehmen im Dienstleistungs- sind kleiner als im industriellen Sektor. Sie sind aber weniger tarifgebunden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw1-3-1024x751.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-33857\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw1-3-1024x751.png 1024w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw1-3-300x220.png 300w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw1-3-768x563.png 768w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw1-3.png 1196w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch die wachsende Heterogenit\u00e4t setzte den Gewerkschaften zu. Der steigende Wohlstand f\u00e4cherte die Pr\u00e4ferenzen der wirtschaftlichen Akteure st\u00e4rker auf. Arbeitnehmer differenzierten ihr Arbeitsangebot. Immer \u00f6fter wollen beide, M\u00e4nner und Frauen, erwerbst\u00e4tig sein. Ein (m\u00e4nnlicher) Vollzeit-Industriearbeitsplatz ist nicht mehr das Ma\u00df aller Dinge. Mehr (weibliche) Teilzeit-Dienstleistungsarbeitspl\u00e4tze wurden attraktiver. Home-Office wurde f\u00fcr viele eine Option. Dezentrale Arbeitspl\u00e4tze hielten Einzug. Das alles schm\u00e4lerte die gewerkschaftliche Organisationsf\u00e4higkeit. Globalisierung und technischer Fortschritt verst\u00e4rkten die Entwicklung. Die Nachfrage nach hoher und geringer Qualifikation stieg, bei einfacher Arbeit weniger als bei hoch qualifizierter. Dagegen stagnierte sie bei mittleren Qualifikationen oder ging sogar zur\u00fcck. Gerade die Facharbeiter sind aber die origin\u00e4re Klientel der Gewerkschaften. Ein \u201eneuer\u201c Verteilungskampf entbrennt, dieses Mal zwischen Arbeitnehmern. Spartengewerkschaften erwachen zu neuem Leben. Und noch etwas erodierte die Macht der Gewerkschaften. Der Strukturwandel ist nicht nur inter-sektoral, er hat auch eine intra-sektorale Seite. Die wirtschaftlichen Ergebnisse der Unternehmen streuten st\u00e4rker als in der Vergangenheit. Damit geriet aber der Fl\u00e4chentarif, der (zu) vieles \u00fcber einen Kamm schert, in Schwierigkeiten. Gefragt waren immer st\u00e4rker dezentrale L\u00f6sungen auf betrieblicher Ebene. Die zentral agierenden Gewerkschaften gerieten in Schwierigkeiten, Betriebsr\u00e4te gewannen an Einfluss. Die sind aber immer weniger gewerkschaftlich organisiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Warum ist der gegenw\u00e4rtige Tarifstreit so heftig?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In den gegenw\u00e4rtigen Lohn- und Tarifverhandlungen ist von einer Schw\u00e4che der Gewerkschaften allerdings nicht viel zu sehen. Lohnforderungen und \u2013abschl\u00fcsse erinnern an l\u00e4ngst versunkene Zeiten starker Gewerkschaften (Kluncker-Runde) Anfang der 70er Jahre. Am wenigsten aggressiv reagierte die IG Metall. Sie setzte 8,5 % h\u00f6here L\u00f6hne bei einer Laufzeit von 24 Monaten durch. Aggressiver trat (erstaunlicherweise) die IGBCE auf. Sie holte 10,5 % Lohnsteigerungen bei nur 15 Monaten Laufzeit der Vertr\u00e4ge. In beiden F\u00e4llen sind 3.000 Euro der h\u00f6heren Lohneinkommen steuerfrei. Noch kr\u00e4ftiger schlug Ver.di auf die lohn- und tarifpolitische Pauke. Im Schnitt steigen die L\u00f6hne bei Bund und Kommunen in den n\u00e4chsten 24 Monaten um 11,5 %. Noch einen drauf legen wollen EVG und GDL in den Tarifverhandlungen mit der Deutschen Bundesbahn und vielen privaten Bahnbetreibern. Die EVG will 12 % h\u00f6here L\u00f6hne, mindestens aber 650 Euro\/Monat bei einer Laufzeit von 12 Monaten. Noch einiges mehr fordert die GDL f\u00fcr die bei ihnen organisierten Lokf\u00fchrer. F\u00fcr die Tarifverhandlungen im Herbst hat sie schon mal ihre Forderungen auf den Tisch gelegt. Sie will deutlich mehr regul\u00e4res Entgelt von mindestens 555 Euro, 25 % h\u00f6here Schichtzulagen und k\u00fcrzere Arbeitszeiten (35 statt 38 Stunden) ohne Lohnausgleich. Und das alles bei einer Laufzeit von 12 Monaten. Eine steuerfreie Inflationsausgleichspr\u00e4mie von 3.000 Euro soll obendrauf kommen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw2-1024x751.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-33858\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw2-1024x751.png 1024w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw2-300x220.png 300w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw2-768x563.png 768w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw2.png 1196w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Es spricht wenig daf\u00fcr, dass die Gewerkschaften mit der Lohn- und Tarifpolitik den \u201ealten\u201c Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital wiederbeleben wollen. Der wichtigste Grund f\u00fcr die hohen Tarifabschl\u00fcsse sind die erwartet hohen Inflationsraten. Seit der Corona-Pandemie entwickeln sich die Reall\u00f6hne, mit Ausnahme des 2. Quartals 2021, negativ. Weiter sinkende Realeinkommen w\u00fcrden die Gewerkschaften an den Rand des organisatorischen Absturzes bringen. Den Gewerkschaften w\u00fcrden die Mitglieder wohl scharenweise davonlaufen, deren Albtraum \u201ewilder\u201c Streiks w\u00fcrde Realit\u00e4t. Die Gewerkschaften glauben nicht mehr daran, dass es die EZB in naher Zukunft gelingen wird, das Preisziel von 2 % zu erreichen. F\u00fcr sie ist die EZB unglaubw\u00fcrdig geworden. Der Grund ist ihre Positionierung im Zielkonflikt zwischen Preisniveau- und Finanzstabilit\u00e4t. Die Gewerkschaften sind der Meinung, im Zweifel stabilisiere die EZB eher notleidend gewordene Banken und \u00fcberschuldete Staaten und stelle ein stabiles Preisniveau hintenan. Die Meinung verst\u00e4rkt sich, die EZB habe ihre geldpolitische Unabh\u00e4ngigkeit verloren. Da half auch der 200 Mrd. Euro schwere \u201eDoppelwumms\u201c der \u201eKonzertierten Aktion\u201c nicht, die Gewerkschaften lohnpolitisch zu bes\u00e4nftigen. Mit den hohen Nominallohnabschl\u00fcssen wollen sie mit den Reall\u00f6hnen auf der sicheren Seite sein. Das sind sie nat\u00fcrlich nicht. Die Gefahr einer Preis-Lohn-Preis-Spirale ist nicht gebannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das robuste lohn- und tarifpolitische Auftreten der Gewerkschaften hat allerdings auch organisationsinterne Gr\u00fcnde. Die Interessen der Gewerkschaftsmitglieder sind heterogener geworden. Globalisierung und technischer Fortschritt haben einen \u201eneuen\u201c Klassenkampf ausgel\u00f6st, dieses Mal unter den Arbeitnehmern. Profiteure der wirtschaftlichen Entwicklung sind vor allem Arbeitnehmer an Schaltstellen in den Betrieben. Das sind etwa \u00c4rzte in den Krankenh\u00e4usern, Fluglotsen im Luftverkehr und Lokf\u00fchrer bei den Bahnen. Diese Gruppen sind immer weniger bereit, lohn- und tarifpolitische Solidarit\u00e4t mit den weniger stark nachgefragten, oft geringer bis mittel qualifizierte Arbeitnehmern zu \u00fcben. Sie wollen einen gr\u00f6\u00dferen Teil des Kuchens. Der interne Verteilungskampf unter Arbeitnehmern wird heftiger. Spartengewerkschaften sind die institutionelle Antwort. Der Wettbewerb mit Einheitsgewerkschaften wird intensiver. Die harte Rivalit\u00e4t von EVG und GDL ist nur ein besonders spektakul\u00e4res Beispiel. Ein lohn- und tarifpolitischer \u00dcberbietungswettbewerb setzt ein. Das Tarifeinheitsgesetz hat diesen Kampf um Gewerkschaftsmitglieder noch versch\u00e4rft. Es gelten nur die Tarifabschl\u00fcsse der gr\u00f6\u00dften Gewerkschaft in den Betrieben. Der Wettbewerb um Mitglieder wird lohn- und tarifpolitisch dysfunktional. Dieses Ph\u00e4nomen tritt vor allem dort auf, wo der Staat als Arbeitgeber agiert und der Wettbewerb auf den Absatzm\u00e4rkten beschr\u00e4nkt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Stehen wir vor einer Wiedergeburt der Gewerkschaften?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der robuste Auftritt der Gewerkschaften in den aktuellen Tarifauseinandersetzungen scheint sich f\u00fcr sie auszuzahlen. Er beschert ihnen einen signifikanten Zuwachs an Mitgliedern. Ist das der Auftakt f\u00fcr eine Zeitenwende oder nur ein kurzes Strohfeuer? Die Antworten sind ambivalent. Was passiert, h\u00e4ngt von einer Reihe von Schocks ab. Der wichtigste wird durch den Strukturwandel verursacht. Ein Prozess der De-Industrialisierung ist unvermeidlich. Er wird Deutschland besonders hart treffen. Es ist ein Nachz\u00fcgler im inter-sektoralen Strukturwandel. Das d\u00fcrfte den Gewerkschaften besonders weh tun. Ihr Kraftzentrum ist der Industriesektor. Dort ist der Organisationsgrad hoch, gut bezahlte Facharbeiter sind die Klientel. Ein Abbau industrieller Arbeitspl\u00e4tze schw\u00e4cht die Gewerkschaften nachhaltig. Das komplement\u00e4re Wachstum des Dienstleistungssektors kann diese Verluste an gewerkschaftlicher St\u00e4rke nicht ausgleichen. Die Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor sind gewerkschaftlicher schwerer zu organisieren. Der hohe Anteil an erwerbst\u00e4tigen Frauen in diesem Sektor erschwert das Gesch\u00e4ft der Gewerkschaften zus\u00e4tzlich. Es ist deshalb kein Zufall, dass die Gewerkschaften gegenw\u00e4rtig alles tun, den Prozess der De-Industrialisierung abzubremsen. Die vehemente gewerkschaftliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr eine Strompreisbremse, die dem industriellen Sektor zumindest tempor\u00e4r helfen kann, ist das aktuell beste Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw3-1024x751.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-33859\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw3-1024x751.png 1024w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw3-300x220.png 300w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw3-768x563.png 768w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw3.png 1196w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der zweite Schock ist demographisch. Er k\u00f6nnte den Gewerkschaften helfen. Der weltweite Angebotsschock der 90er auf den Arbeitsm\u00e4rkten ist verdaut. Die deutschen L\u00f6hne werden wieder st\u00e4rker in Stuttgart und weniger in Peking ausgehandelt. Das hilft den Gewerkschaften. H\u00e4lt der Prozess der De-Globalisierung an, wird dieser Effekt noch verst\u00e4rkt. Und ein neuer, auf den ersten Blick eher gewerkschaftsfreundlicher Arbeitsangebotsschock ist seit langem absehbar. Der starke Alterungsprozess verringert das Arbeitsangebot, Arbeit wird knapper. Die geburtenstarken Jahrg\u00e4nge der Boomer gehen nach und nach in Rente, der Mangel an Fachkr\u00e4ften nimmt zu. Das st\u00e4rkt die Macht der Arbeitnehmer. Ob sich das auch positiv auf den gewerkschaftlichen Organisationsgrad auswirkt, ist allerdings nicht so klar. Die gewerkschaftlich organisierten Facharbeiter dieser Generation stammen vor allem aus dem industriellen Sektor. Das f\u00fchrt erst einmal zu einem Aderlass bei den Gewerkschaften. Und noch etwas kommt hinzu, das die Gewerkschaften nicht freuen d\u00fcrfte. Die Mangellage auf den Arbeitsm\u00e4rkten bei mittleren und h\u00f6heren Qualifikationen erm\u00f6glicht steigende L\u00f6hne auch ohne die Hilfe der Gewerkschaften. Es ist also nicht ausgemacht, dass die Gewerkschaften die Verluste bei den industriellen Facharbeitern ad\u00e4quat kompensieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sich die Gewerkschaften in Zukunft schlagen, h\u00e4ngt auch davon ab, ob es ihnen gelingt, sich auf die ver\u00e4nderte Arbeitswelt einzustellen. Die Arbeitswelt wird k\u00fcnftig eine andere sein. Technologische Schocks sind das eine, Arbeitnehmer als Kapitalisten das andere. Digitalisierung, K\u00fcnstliche Intelligenz, GiG-\u00d6konomie, Home-Office und anderes mehr werden die Welt der Arbeit ver\u00e4ndern. Wie, das liegt noch im Nebel. Eines kristallisiert sich aber heraus: Die Arbeitnehmer werden regional mobiler sein, sie binden sich weniger an einzelne Unternehmen und arbeiten r\u00e4umlich dezentraler. Wenn die neuen technologischen Schocks auch nur ann\u00e4hernd dem Muster der Vergangenheit folgen, werden hoch qualifizierte Arbeitnehmer st\u00e4rker nachgefragt, mittlere Qualifikation allerdings weniger. Beides zusammen erschwert das Gesch\u00e4ft der Gewerkschaften. Die Arbeitnehmer werden weniger gut gewerkschaftlich organisierbar sein. Und noch etwas wird den Organisationswillen der Arbeitnehmer schm\u00e4lern. Neben dem Lohneinkommen werden die Arbeitnehmer immer \u00f6fter auch Kapitaleinkommen beziehen. Mitarbeiterbeteiligungen an heterogenen Ertr\u00e4gen und Gewinnen der Unternehmen aber auch Kapitalertr\u00e4ge aus individuellem Verm\u00f6gen werden an Bedeutung gewinnen. Der \u201ealte\u201c Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital erodiert. Alles in allem: Den Gewerkschaften \u2013 und ihrem siamesischen Zwilling, den Arbeitgeberverb\u00e4nden \u2013 stehen schwere Zeiten ins Haus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Worauf m\u00fcssen sich Gewerkschaften einstellen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch f\u00fcr Gewerkschaften gilt: \u201eThey never come back\u201c. Ihr Aufstieg und Fall sind eng mit der Entwicklung des industriellen Sektors verbunden. Der inter- und intra-sektorale Strukturwandel setzen einem Comeback enge Grenzen. Die wachsende Heterogenit\u00e4t und die unvermeidliche De-Industrialisierung zwingen die Gewerkschaften in die Defensive. Dieser Prozess ist l\u00e4ngst im Gang. Der Fl\u00e4chentarif wird durchl\u00f6chert, die Tarifbindung sinkt. \u00dcber L\u00f6hne und Tarife wird immer \u00f6fter auf betrieblicher Ebene entschieden. Oft zwingen Betriebsr\u00e4te die Gewerkschaften, tarifvertraglichen \u00d6ffnungsklauseln zuzustimmen. Die Arbeitgeberverb\u00e4nde machen gute Miene zum \u201eb\u00f6sen\u201c Spiel. Die Tarifpartner verlieren an Einfluss, die Betriebsr\u00e4te gewinnen. Dem Organisationsgrad von Gewerkschaften und Arbeitgeberverb\u00e4nde tut das nicht gut. Noch immer versuchen vor allem die Gewerkschaften, diese Entwicklung aufzuhalten. Sie setzen auf die Hilfe der Politik. Und sie bekommen sie auch. Die Politik wagt es bisher nicht, gesetzliche \u00d6ffnungsklauseln zu installieren. Gesetzliche Mindestl\u00f6hne und vereinfachte Allgemeinverbindlicherkl\u00e4rungen der Tarifvertr\u00e4ge sollen die \u201ewei\u00dfen\u201c Flecken im Deckungsgrad der Fl\u00e4chentarife tilgen. Das Tariftreuegesetz soll die Tarifbindung st\u00e4rken. Auch \u00fcber den Umweg eines Industriestrompreises hilft die Politik. Mit dem industriellen Sektor wird auch der gewerkschaftliche Organisationsgrad gest\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw4-1024x751.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-33860\" srcset=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw4-1024x751.png 1024w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw4-300x220.png 300w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw4-768x563.png 768w, https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/bilder\/gw4.png 1196w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die aufgeschobene De-Industrialisierung hierzulande ist das eine, die wachsende Heterogenit\u00e4t von Unternehmen (Ertr\u00e4ge) und Arbeitnehmern (Interessen) das andere. Der strukturelle Wandel l\u00e4sst sich nicht aufhalten. Daran kann auch die Politik nichts \u00e4ndern. Es ist eine Binsenweisheit: (Verbandspolitische) Macht verliert gegen (\u00f6konomisches) Gesetz (Eugen von B\u00f6hm-Bawerk). Tektonischen Verschiebungen in den Institutionen der Lohn- und Tarifpolitik sind unvermeidlich. Davon sind aber nicht nur die Gewerkschaften betroffen. Sie verlieren an zentraler Gestaltungskraft. Die Betriebsr\u00e4te gewinnen an Einfluss. Betriebsn\u00e4here Lohn- und Tarifverhandlungen kratzen auch an der Organisationsmacht der Arbeitgeberverb\u00e4nde. Mit den OT-Mitgliedschaften haben sie einen ersten Schritt getan. Mit dem Dreisatz der De-Regulierung der Arbeitsbeziehungen: Mehr \u00d6ffnungsklauseln, modulare Tarifvertr\u00e4ge und mehr Handlungsspielraum f\u00fcr Betriebsr\u00e4te (<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/ingo-kramer-in-der-f-a-z-mehr-tarifbindung-nur-mit-neuer-tarifpolitik-15831322.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2\">hier<\/a>) haben sie einen zweiten vorgeschlagen. Es f\u00e4llt schwer zu glauben, dass sich beide Tarifpartner von diesem Schock erholen und zu alter St\u00e4rke zur\u00fcckkehren werden. Entweder sie reiten die Welle der dezentralen Entwicklung oder sie verschwinden von der lohn- und tarifpolitischen Bildfl\u00e4che. Das alles gilt in dieser Sch\u00e4rfe nicht f\u00fcr die Gewerkschaften im \u00f6ffentlichen Sektor. Es steht zu bef\u00fcrchten, dass sie \u00fcber kurz oder lang die dominierende Kraft der Gewerkschaftsbewegung werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Zukunft der Gewerkschaften ist ungewiss. Der Tarifstreit bei der Bahn gibt einen Hinweis, wie es weiter gehen k\u00f6nnte. Heterogenere Interessen der Arbeitnehmer machen Gewerkschaften zu Konkurrenten. Sie werden wieder berufsst\u00e4ndischer. Sparten- fordern Einheitsgewerkschaften heraus. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad wird weiter sinken. Mit dazu bei tr\u00e4gt auch der inter-sektorale Strukturwandel. Noch ist der Industriesektor das gewerkschaftliche Kraftzentrum. Geht es mit ihm bergab, leiden auch die Gewerkschaften. Eine Ausnahme k\u00f6nnten die Gewerkschaften im \u00f6ffentlichen Sektor sein. Der Prozess der De-Industrialisierung kommt in Gang. Deutschland ist ein Nachz\u00fcgler im inter-sektoralen Strukturwandel. Der Anpassungsbedarf f\u00e4llt h\u00f6her aus als anderswo. Die Politik tut vieles, ihn noch zu verst\u00e4rken. Die weltweit \u201ed\u00fcmmste\u201c Energiepolitik ist nur die Spitze des interventionistischen Eisberges. Sie besch\u00e4digt das Gesch\u00e4ftsmodell Deutschland. Ein international wettbewerbsf\u00e4higer Industriesektor kommt auch den Gewerkschaften zugute. Wettbewerbsf\u00e4hig wird man aber nur mit einer konsequenten Angebotspolitik, nicht mit effizienzverschlingenden Subventionen. Allerdings: Der Prozess der De-Industrialisierung l\u00e4sst sich nicht aufhalten, allenfalls zeitlich strecken. Der industrielle Sektor wird weiter schrumpfen. Das droht auch den Industriegewerkschaften. Die Lohn- und Tarifpolitik wird betrieblicher. Anpassungsbedarf haben nicht nur die Gewerkschaften. Auch ihr siamesischer Zwilling, die Arbeitgeberverb\u00e4nde, steht vor Ver\u00e4nderungen. Ob die beiden \u00fcberfl\u00fcssig werden, dar\u00fcber entscheiden sie selbst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Norbert Berthold (JMU): <a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20807\">Der Klassenkampf ist abgesagt!? Gewerkschaften im Umbruch<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eF\u00fcr jedes komplexe Problem gibt es eine einfache L\u00f6sung, und die ist die falsche.\u201c (Umberto Eco) Die Soziale Marktwirtschaft feiert den 75. Geburtstag. 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